Sie bombardieren – und Stunden später schießen die gleichen Systeme wieder

VonRainer Hofmann

April 4, 2026

Amerikanische und israelische Angriffe treffen unterirdische Anlagen, treffen Silos, treffen Bunker – und dennoch stehen genau diese Systeme wenige Stunden später wieder zur Verfügung. US-Geheimdienste berichten, dass iranische Einheiten beschädigte Raketenstellungen freilegen, ausgraben, reparieren und erneut in Betrieb nehmen. Bulldozer holen Launcher aus verschütteten Schächten, Startvorrichtungen werden aus unterirdischen Kammern gezogen, überprüft und wieder eingesetzt. Was aus der Luft zerstört wirkt, ist am Boden oft nur kurzfristig außer Gefecht gesetzt.

In Washington wird parallel ein anderes Bild gezeichnet. Das Pentagon spricht von 11.000 angegriffenen Zielen in fünf Wochen. Außenminister Marco Rubio nennt die Schwächung der iranischen Raketenfähigkeit ein zentrales Ziel dieses Krieges. Verteidigungsminister Pete Hegseth verweist auf sinkende Zahlen bei Angriffen und erklärt, man werde verbleibende Raketen abfangen. Das ist mehr als nur naiv. Aus dem Weißen Haus heißt es, die Angriffe seien um 90 Prozent zurückgegangen, große Teile der Infrastruktur seien beschädigt oder zerstört, die Lufthoheit liege klar bei den USA und Israel.

Militärische Einordnung
Warum diese Tunnelanlagen so schwer dauerhaft auszuschalten sind
Was mit entscheidend ist, liegt nicht einfach unterirdisch, sondern in einer Tiefe, die militärisch den Unterschied macht. Die Anlagen befinden sich je nach Abschnitt 60 bis über 100 Meter unter der Oberfläche, eingebettet in massive Gesteinsschichten. Darüber liegt eine Zone von rund 400 bis 440 Metern, die faktisch als Schutzschild wirkt. Innerhalb dieser Tiefe verlieren selbst bunkerbrechende Waffen einen Großteil ihrer Wirkung.
Darstellung eines tief im Berg liegenden iranischen Raketentunnelkomplexes
Schematische Darstellung eines tief im Berg angelegten Raketentunnelkomplexes mit mehreren geschützten Abschnitten und unterirdischen Verbindungen.
Selbst moderne bunkerbrechende Bomben wie die GBU-57 erreichen unter optimalen Bedingungen etwa 6 bis 10 Meter in Beton oder deutlich mehr in weicherem Boden. Genau deshalb werden solche Anlagen nicht in Beton allein gebaut, sondern tief in gewachsenes Gestein gelegt. Granit und dichter Fels absorbieren und verteilen die Energie der Einschläge. Das bedeutet: Ein Treffer zerstört selten die gesamte Struktur, sondern beschädigt vor allem Zugänge und äußere Bereiche.
Technisch entscheidend
Tiefe, Gestein und Verteilung wirken hier zusammen. Die Schutzwirkung entsteht nicht nur durch Meterangaben, sondern durch die Tatsache, dass die Anlage in einem massiven geologischen Körper liegt, der Einschläge aufnimmt, verteilt und ihre Durchschlagskraft stark mindert.
Im Inneren erstreckt sich das System über mehrere hundert Meter bis hin zu Kilometern. Raketen, Abschussvorrichtungen und Transportwege sind verteilt. Ein unterirdisches Schienensystem verbindet einzelne Abschnitte, sodass Launcher bewegt werden können. Wird ein Bereich getroffen, bleiben andere weiterhin einsatzfähig.
Illustration zur Struktur und Tiefe unterirdischer Raketentunnel
Visualisierung der Schutzlogik solcher Anlagen: Tiefe, räumliche Verteilung und mehrere nutzbare Abschnitte verhindern, dass ein einzelner Treffer das gesamte System lahmlegt.
Die kritischen Punkte sind die Eingänge. Diese liegen deutlich näher an der Oberfläche und sind deshalb angreifbar. Werden sie verschüttet, ist die Anlage blockiert, aber nicht zerstört. Mit schwerem Gerät kann ein Zugang innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen wieder geöffnet werden. Genau deshalb werden gezielt Bulldozer und Räumtechnik angegriffen.
Das Gesamtbild ist entscheidend: Nicht die Tiefe allein schützt diese Anlagen, sondern die Kombination aus Tiefe, Verteilung und Wiederherstellbarkeit. Angriffe können verzögern, aber nur selten dauerhaft ausschalten.

Doch selbst die eigenen Geheimdienste müssen jetzt dahinter ein Fragezeichen setzen. Iran verfügt weiterhin über eine relevante Zahl an Raketen und mobilen Abschusssystemen. Wie viele es genau sind, kann niemand mit Sicherheit sagen. Vor dem Krieg gab es nur grobe Schätzungen, heute sind die Daten noch unsicherer. Attrappen erschweren die Lage zusätzlich. Es ist unklar, welche Ziele tatsächlich zerstört wurden und welche lediglich als Täuschung dienten. Gleichzeitig lagern Systeme in Bunkern und Höhlen, die von Luftangriffen schwer zu erreichen sind.

Militärische Einordnung
Bei Angriffen auf unterirdische Anlagen wird häufig von Zerstörung gesprochen, tatsächlich handelt es sich in vielen Fällen um eine temporäre Neutralisierung. Präzisionsschläge führen zur Versiegelung von Zugängen, zu strukturellen Beschädigungen und zur Unterbrechung von Betriebsabläufen. Die eigentlichen Systeme – Abschussvorrichtungen, Lagerkapazitäten und Infrastruktur – bleiben dabei oft intakt oder nur begrenzt beschädigt. Solange die Tragstruktur nicht vollständig kollabiert und keine tiefgreifende Penetration erreicht wird, können Einheiten die Anlagen räumen, freilegen und in kurzer Zeit wieder in Betrieb nehmen. Genau darauf sind solche Systeme ausgelegt.

Die Strategie ist sichtbar. Weniger Abschüsse, dafür gezielter eingesetzt. Statt massiver Salven feuert Iran kleinere Einheiten. Etwa 20 Raketen pro Tag, oft einzeln oder in sehr kleinen Gruppen. Dazu kommen täglich Dutzende Drohnen, laut westlichen Einschätzungen zwischen 50 und 100. Die Angriffe sind seltener geworden, aber sie sind nicht verschwunden. Israel und weitere Golfstaaten werden weiterhin getroffen.

Interne Spannungen innerhalb der iranischen Führung erschweren koordinierte Großangriffe. Gleichzeitig sorgt genau diese uneinheitliche Führung dafür, dass Strukturen dezentraler arbeiten. Systeme werden verteilt, versteckt, schneller wiederhergestellt. Der Versuch, mit Luftschlägen eine vollständige Ausschaltung zu erreichen, trifft auf ein System, das auf Wiederherstellung ausgelegt ist. Entscheidend ist ein anderer Punkt. Selbst beschädigte Anlagen verlieren ihren Wert nicht dauerhaft. Ein getroffener Bunker ist kein verlorener Bunker. Ein verschütteter Launcher ist kein zerstörter Launcher. Die Zeit zwischen Angriff und erneuter Einsatzfähigkeit schrumpft auf Stunden. Das verändert die Wirkung dieser Angriffe grundlegend.

Der Krieg wird damit zu einem Rhythmus aus Zerstörung und Wiederaufbau. Jeder Angriff zwingt Iran zur Reaktion, aber er beendet die Fähigkeit zum Gegenschlag nicht. Solange genügend Systeme übrig bleiben und solange beschädigte Infrastruktur schnell wieder nutzbar gemacht wird, bleibt die Bedrohung bestehen.

Recherchen zeichnen mittlerweile ein Bild. Zwischen offizieller Darstellung und tatsächlicher militärischer Lage klafft eine erkennbare Lücke. Die Kommunikation aus Washington vermittelt ein Bild, das zunehmend infrage gestellt werden muss. Die Abhängigkeit Europas von amerikanischen Einschätzungen hat sich als strukturelles Problem erwiesen – eigene Bewertungen traten oft in den Hintergrund, ohne sie konsequent selbst zu hinterfragen. Die offizielle Darstellung eines stetigen Fortschritts steht damit neben einer Realität, in der sich die militärische Wirkung nicht linear entwickelt. Zahlen wirken eindeutig. Die Lage ist es nicht.

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