Schüsse auf offener Straße – Ein ICE-Einsatz tötet eine Mutter und macht ein Kind zur Vollwaise

VonRainer Hofmann

Januar 8, 2026

Minneapolis – In einem Wohnviertel im Süden von Minneapolis ist am Mittwoch Renee Nicole Good, 37 Jahre alt, von einem Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE grundlos erschossen worden. Der Vorfall ereignete sich während einer groß angelegten Einwanderungsoperation der Trump-Regierung, die seit Tagen die Stadt und ihr Umland in Alarmzustand versetzt. Was Bundesbehörden als Notwehr darstellen, wird vor Ort als vermeidbare Eskalation erlebt. Videos, Zeugenaussagen und selbst Aussagen der lokalen Polizei zeichnen ein Bild, das überhaupt nicht mit der offiziellen Rechtfertigung aus Washington zusammenpasst.

„Wo die Bedrohung – oder gemäß Kristi Noem eine inländische Terrortat – stattgefunden haben soll, ist absolut nicht nachvollziehbar, besonders wenn man den Zeitpunkt sieht und hört, zu dem die Schüsse abgegeben wurden“

Mehrere Videoaufnahmen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zeigen die entscheidenden Sekunden. Ein SUV steht quer auf der Portland Avenue. Ein Beamter nähert sich zu Fuß, fordert die Fahrerin auf, die Tür zu öffnen, greift nach dem Türgriff. Das Fahrzeug setzt sich langsam in Bewegung. Ein zweiter ICE-Beamter steht vor dem Wagen, zieht sofort seine Waffe und feuert aus kurzer Distanz mindestens zwei Schüsse in den Innenraum. Er springt zur Seite, während das Auto weiterrollt. Der Wagen berührte den Beamten tatsächlich nicht. Das haben forensische Auswertung ergeben. Sicher ist, dass die Frau schwer verletzt in ihrem Fahrzeug zurückblieb. Der SUV prallte gegen zwei geparkte Autos und kam zum Stillstand. Umstehende schrien, fluchten, einige standen sichtbar unter Schock. Die Frau wurde mit lebensgefährlichen Kopfschüssen ins Hennepin County Medical Center gebracht, wo sie wenig später starb.

Goods Mutter, Donna Ganger, zeichnen ein Bild, das kaum schärfer im Gegensatz zur Darstellung der Bundesbehörden stehen könnte. Renee sei „eine der freundlichsten Menschen gewesen, die ich je gekannt habe“, sagte Ganger. Sie sei außerordentlich mitfühlend gewesen und habe ihr ganzes Leben lang für andere gesorgt. „Sie war liebevoll, vergebend und zärtlich. Sie war ein außergewöhnlicher Mensch.“ Renee habe mit ihrem neuen Partner in den Twin Cities gelebt. Als sie erfuhr, wie ihre Tochter starb, reagierte Ganger fassungslos. „Das ist so sinnlos“, sagte sie. Renee sei vermutlich panisch gewesen in diesen Sekunden. Sie war ein ängstlicher Mensch gewesen. Besonders wichtig war ihr eine Klarstellung: Ihre Tochter habe nichts mit Protesten oder Konfrontationen zu tun gehabt. „Sie war an nichts davon beteiligt. Überhaupt nicht.“ Sie war auf dem Heimweg.

Renee Nicole Good, ✝ 7. Januar 2026

Renee Good war zuvor mit Timmy Ray Macklin Jr. verheiratet, der 2023 im Alter von 36 Jahren starb. Aus dieser Ehe stammt ihr gemeinsamer Sohn, heute sechs Jahre alt. Auch Timmy Ray Macklin Sr., der Vater ihres verstorbenen Mannes, reagierte erschüttert auf die Nachricht. Er sagte, sein Enkel habe nun niemanden mehr in seinem Leben. „Es gibt sonst niemanden“, erklärte er. „Ich werde fahren. Ich werde fliegen. Um mein Enkelkind zu mir zu holen.“ Der ICE-Einsatz hat damit nicht nur eine Frau getötet, sondern einem Kind das letzte verbliebene Elternteil genommen.

Der tödliche Schuss markiert eine neue Eskalationsstufe in einer Serie aggressiver Einwanderungseinsätze, die die Trump-Regierung seit dem vergangenen Jahr in mehreren Bundesstaaten durchführt. Es ist mindestens der fünfte Todesfall im Zusammenhang mit diesen Operationen. Minneapolis und das benachbarte St. Paul gelten seit der Ankündigung des Heimatschutzministeriums, rund 2.000 Bundesbeamte in die Region zu entsenden, als besonders angespannt. Offiziell geht es um Ermittlungen zu Betrugsvorwürfen, die unter anderem mit Teilen der somalischen Community in Verbindung gebracht werden. Für viele Anwohner fühlt sich die massive Präsenz bewaffneter Bundesbeamter jedoch wie kollektiver Druck an.

Die Reaktionen auf den Tod von Renee Good könnten kaum gegensätzlicher sein. Heimatschutzministerin Kristi Noem sprach von einem „Akt des inländischen Terrorismus“ gegen ICE-Beamte. Die getötete Frau habe versucht, Einsatzkräfte mit ihrem Fahrzeug zu überfahren. Der Schuss sei notwendig gewesen, um Leben zu schützen. Eine Darstellung, der jegliche Grundlage fehlt, wie jegliche Videos zeigen. Minneapolis’ Bürgermeister Jacob Frey wies diese Darstellung scharf zurück. Er nannte sie „Müll“ und sprach von Chaos, das Bundesbehörden in der Stadt verursachten. Die Beamten sollten Minneapolis und den Bundesstaat Minnesota umgehend verlassen.

Auch Polizeichef Brian O’Hara vermied jede Stellungnahme. Er sagte lediglich, die Frau habe mit ihrem Fahrzeug die Straße blockiert, ein Bundesbeamter habe sich ihr genähert, dann sei der Wagen langsam angefahren. Von einem gezielten Angriff oder einem Überfahren sprach er nicht. Diese Zurückhaltung ist bemerkenswert, weil sie der Wortwahl aus Washington deutlich widerspricht. Auch der Aspekt, dass die Fahrbahnseite blockiert war, erklärt recht logisch ein kurzes zurücksetzen und dann eine Weiterfahrt nach vorne.

Hinzu kommt ein zentraler Punkt, der die Rechtfertigung weiter infrage stellt. Das US-Justizministerium hält in seinen eigenen Richtlinien fest, dass Schusswaffen nicht eingesetzt werden sollen, um ein fahrendes Fahrzeug zu stoppen. Tödliche Gewalt ist nur erlaubt, wenn eine unmittelbare Gefahr für andere besteht und es keine realistische Alternative gibt, etwa aus dem Gefahrenbereich zu treten. Polizeitrainer betonen seit Jahrzehnten, dass sich Beamte nicht vor Fahrzeuge stellen sollen, um sie zu blockieren. Betrachtet man sich das Einschussloch in der Frontscheibe des Fahrzeuges, hat der Beamte diese Regel nicht befolgt, schoss, obwohl er langsam zur Seite gehen konnte, da das Fahrzeug langsam fuhr. Der zweite Schuss, dass ergaben Recherchen, erfolgte bereits von der Seite mit Blick direkt auf die Fahrerseite. Viele Polizeibehörden verbieten gezielte Schüsse auf Autos ausdrücklich, weil sie das Risiko für Unbeteiligte massiv erhöhen. Diese Regeln sind keine Theorie. Sie sind die Konsequenz aus früheren Fällen, in denen Kugeln Passanten trafen oder Fahrzeuge nach einem Treffer unkontrollierbar wurden.

Dass diese Grundsätze hier eine Rolle spielen, liegt nahe. Die Videos zeigen keinen wilden Angriff, sondern eine Situation, die eskaliert, weil bewaffnete Beamte sich einem stehenden Fahrzeug nähern, statt Abstand zu halten. Eine Anwohnerin, Lynette Reini-Grandell, sagte später, die Frau sei weggefahren, und sie hätten sie getötet. Sie habe gefilmt, weil sie Angst gehabt habe, selbst erschossen oder mit Pfefferspray angegriffen zu werden.

Der Tod von Renee Good hat die Stadt aufgewühlt und die Folgen für ein ganzes Land noch nicht absehbar. Noch am Abend versammelten sich Hunderte Menschen am Tatort. Einige hielten Schilder mit wütenden Parolen gegen ICE, andere schwenkten Flaggen, viele standen schweigend da. Geistliche aus der Nachbarschaft kamen hinzu, um Präsenz zu zeigen und weitere Gewalt zu verhindern. Sie sprachen von einer Stadt, die sich belagert fühle.

Auch aus der Bürgerrechtsbewegung kam scharfe Kritik. Die Organisation Black Visions, die dem Black-Lives-Matter-Umfeld in Minneapolis nahesteht, erklärte, die Tötung sei das Ergebnis eskalierender staatlicher Gewalt, angetrieben von Razzien, Angst und der Kriminalisierung migrantischen Lebens. Die Gemeinschaften hätten seit Langem gewarnt, nun sei diese Gewalt tödlich geworden. „Wir werden diese Gewalt nicht normalisieren“, hieß es weiter. Der größte Widerstand sei immer gegenseitige Fürsorge gewesen. „Sie werden uns nicht besiegen.“

Die politische Dimension reicht weit über Minneapolis hinaus. Gouverneur Tim Walz bezeichnete die Darstellung des Heimatschutzministeriums offen als Propaganda. Er kündigte eine umfassende Untersuchung gemeinsam mit Bundesbehörden an, warnte aber zugleich vor Eskalation auf der Straße. Die Kongressabgeordnete Ilhan Omar sprach von staatlicher Gewalt, nicht von Rechtsdurchsetzung. Der Congressional Hispanic Caucus kritisierte, dass die getötete Frau öffentlich diffamiert worden sei, noch bevor die Fakten feststanden.

Die Zweifel werden durch frühere Fälle verstärkt. Erst im Oktober wurde in Chicago eine Frau von einem Grenzschutzbeamten fünfmal angeschossen. Auch dort sprachen Behörden zunächst von einem gezielten Angriff mit einem Fahrzeug. Später zeigten Videos, dass der Beamte selbst das Auto gerammt hatte. Diesen Fall hatten wir selber recherchiert und waren Bestandteil des Verfahrens. Die Anklage gegen die Frau wurde fallengelassen. Interne schockierende Nachrichten belegten, dass der Schütze sich anschließend mit seinen Treffern gebrüstet hatte. Diese Geschichte ist in Minneapolis präsent. Die Nachrichten wurden vor Gericht präsentiert und zeigen Formulierungen wie „Ich habe 5 Schüsse abgegeben und sie hatte 7 Einschüsse“ und „Schreib das in euer Buch, Jungs“.

Es handelte sich hierbei um den Fall von Marimar Martinez und Anthony Ian Santos Ruiz. Wir waren zu diesem Zeitpunkt in Chicago. Am Samstagmorgen, dem 4. Oktobers 2025, verwandelte sich eine unscheinbare Kreuzung im Südwesten Chicagos in ein Spiegelbild amerikanischer Machtpolitik. Vor dem Hintergrund eskalierender Einwanderungsrazzien schoss ein Bundesbeamter auf eine Autofahrerin, die – so hieß es aus Washington – versucht haben soll, ein Einsatzfahrzeug zu rammen, angeblich bewaffnet mit einer halbautomatischen Waffe. Belege dafür wurden nicht vorgelegt. Die Frau, eine US-Bürgerin namens Marimar Martinez, überlebte, wurde in ein Krankenhaus gebracht und später vom FBI in Gewahrsam genommen. Das Heimatschutzministerium erklärte, die Beamten hätten sich nur verteidigt, nachdem ihr Fahrzeug von „zehn Autos umzingelt“ worden sei. Doch Zeugen schilderten die Situation anders. Eine Frau wurde angeschossen, ein weiterer Mann – Anthony Ian Santos Ruiz – wurde festgenommen, nachdem angeblich auch er in den Vorfall verwickelt gewesen sein soll. Seine Mutter, Elizabeth Ruiz, berichtete, ihr Sohn habe sie während der Schüsse angerufen, panisch und verwirrt, ehe Agenten ihn überwältigten. Auf ihre Frage nach dem Grund seiner Festnahme habe sie keine Antwort erhalten. Vor Gericht zerbrach der Fall, weil jegliche Darstellung des Beamten falsch waren, der Schmerzengeldprozess von Marimar Martinez ist noch am Anfang.

All das geschieht in einem Viertel, das bis heute die Narben des Jahres 2020 trägt, als der Mord an George Floyd Proteste, Brände und massive Zerstörung auslöste. Viele Geschäfte haben sich nie erholt. Vertrauen in staatliche Institutionen ist hier kein abstrakter Begriff, sondern eine offene Wunde.

Was bleibt, ist ein nüchterner Befund. Eine Frau ist tot. Ein Kind ist ohne Eltern. Die Versionen dessen, was geschehen ist, klaffen auseinander. Bundesbehörden sprechen von Terror, lokale Verantwortliche von Chaos, Videos von einer Situation, die außer Kontrolle geriet. Die Ermittlungen stehen am Anfang. Doch schon jetzt zeigt sich, wie gefährlich es ist, wenn Einwanderungspolitik als Machtdemonstration betrieben wird, mit tausenden bewaffneten Beamten in Wohnvierteln. Für Minneapolis ist dieser Tod kein Randereignis. Er ist Teil eines Klimas, in dem Angst schneller wächst als Sicherheit.

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Muras R.
Muras R.
17 Stunden zuvor

Der Presseauftritt von Noem mit Cowboyhut hat bei mir anhaltende Übelkeit verursacht

Ela Gatto
Ela Gatto
11 Stunden zuvor
Antwort auf  Muras R.

Bei mir auch 🤬

Ela Gatto
Ela Gatto
11 Stunden zuvor

Das passiert, wenn man die Scläger des 6. Januar (pardon, es ist ja jetzt offiziell als friedlicher Protest deklariert worden 🤬) sich ausleben lässt.

Und so viele MAGA plärren, dass die Frau selber Schuld sei. Sie hätte ja nur der Anweisung folgen müssen.
Solch Menschenverschtung.
In diese Hohlbirnen geht nicht rein, dass es eine US-Staatsbürgerin war, die lediglich auf dem Heimweg war.
Keine inländische Terroristin.

Wie absurd und tragisch dieser Mord ist.!
Die Beamten hatten keine Befugnisse sie zu zwingen die Tür zu öffnen.

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