Rede zur Nation – Trump stapelte die Unwahrheiten so hoch, dass selbst die Balken um Gnade gebeten hätten

VonRainer Hofmann

Februar 25, 2026

Der Präsident der Vereinigten Staaten stand am 24. Februar 2026 vor dem Kongress und sprach eine Stunde und 47 Minuten lang — die längste Rede in der Geschichte des State of the Union, seit entsprechende Aufzeichnungen existieren. Trump brach damit seinen eigenen Rekord vom Vorjahr, der wiederum den von Bill Clinton gebrochen hatte. Wer so lange spricht, hat entweder sehr viel zu sagen oder sehr viel zu verbergen. Im Fall dieser Rede war es beides, aber vor allem das Zweite.

Oberster Richter von Amerika: John G. Roberts

Er öffnete mit dem Satz: „Unsere Nation ist zurück. Größer, besser, reicher, stärker als je zuvor.“ Der Saal klatschte. Die Demokraten schwiegen. Die Richter des Obersten Gerichtshofs, die kurz zuvor Trumps globale Zölle für illegal erklärt hatten, saßen da wie Statuen. Dann fing Trump an, seine Bilanz aufzuzählen — und wer genau zugehört hat, hat gemerkt, dass diese Bilanz bei näherer Betrachtung in weiten Teilen aus Erfindung besteht.

Während hinter ihm die zweite Reihe selig lächelte, stapelte Trump die Unwahrheiten so hoch, dass selbst die Balken um Gnade gebeten hätten.

18 Billionen Dollar an Investitionen habe er in zwölf Monaten gesichert. Diese Zahl ist fast doppelt so hoch wie das, was das eigene Weiße Haus kommuniziert hatte — nämlich 9,7 Billionen. Der Rest setzt sich zusammen aus vagen Versprechen ohne rechtliche Bindung, darunter Zusagen von Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die zusammengerechnet mehr als ihr jeweiliges Bruttoinlandsprodukt umfassen. Das Peterson Institute for International Economics hat diese Pledges analysiert und festgestellt, dass sie größtenteils „aspirational“ formuliert sind — also weder überprüfbar noch durchsetzbar. Der Vergleich mit der Biden-Regierung, den er dabei zog, ist ebenfalls irreführend: Die Biden-Regierung hatte im Januar 2025 fast 800 Milliarden Dollar an nachvollziehbaren, konkreten Investitionsankündigungen mit verifizierten Standorten und Beträgen vorgelegt.

Die größten Steuersenkungen in der Geschichte Amerikas habe er durchgesetzt. Die Tax Foundation — ein konservatives Institut — listet sie als die sechstgrößten, als Anteil der Wirtschaftsleistung gemessen. Die Steuersenkungen aus Trumps erster Amtszeit lagen auf Platz acht. Weder damals noch heute war es ein historischer Rekord, aber Trump sagte es trotzdem, und der republikanische Teil des Saals stand auf und klatschte.

Die Kerninflation befinde sich auf dem niedrigsten Stand seit mehr als fünf Jahren, verkündete Trump. Der PCE-Kernindex, den die Federal Reserve am genauesten beobachtet, stieg im Dezember auf 3 Prozent — weit über dem Zielwert von 2 Prozent. Im Dezember allein wuchs er um 0,4 Prozent. Die Fed zieht daraus die Konsequenz, dass Zinssenkungen vorerst nicht möglich sind. Die Inflation unter Biden war tatsächlich ein Problem — aber Trumps Behauptung, es handele sich um die schlimmste Inflation in der Geschichte des Landes, stimmt ebenfalls nicht.

„Das Wort ‚Erschwinglichkeit‘ — dieses Wort haben sie gerade benutzt. Irgendjemand hat es ihnen gegeben. Uns geht es sehr gut. Diese Preise stürzen nach unten.“ 🤣 🤣 🤣

Hähnchen, Butter, Obst, Autos, Miete, Hotels — alles günstiger, alles gesunken, alles besser. Lebensmittelpreise insgesamt lagen im Januar 2,9 Prozent höher als im Vorjahr. Rind kostet 15 Prozent mehr. Im Dezember gab es den größten monatlichen Anstieg bei Lebensmittelpreisen seit Oktober 2022. Eier sind tatsächlich günstiger geworden — wegen des Zusammenbruchs der Geflügelbestände durch Vogelgrippe, die die Preise zuvor explodieren ließ. Das als politischen Erfolg zu verbuchen ist ungefähr so, wie das Aufhören eines Fiebers als persönliche Leistung zu bezeichnen.

Medikamente? Um 300, 400, manchmal 600 Prozent billiger geworden, ließ Trump den Saal wissen. Eine Reduktion von 100 Prozent würde bedeuten, dass ein Medikament kostenlos ist. Pharmaunternehmen, die öffentlich Abkommen mit Trump geschlossen haben, erhöhen weiterhin Preise — für Krebsmedikamente, für Herzmedikamente, für Diabetespräparate. Das Programm trumprx.gov enthält 43 rabattierte Medikamente, von denen viele ohnehin als günstige Generika verfügbar waren. Die bedeutendsten Rabatte betreffen Fruchtbarkeits- und Adipositasmedikamente — ausgerechnet jene Kategorien, die Versicherungen am häufigsten ausschließen.

Amerika habe heute mehr Menschen in Arbeit als je zuvor — das stimmt. Es ist aber auch so, dass Amerika mehr Einwohner hat als je zuvor. Nahezu jeder Präsident, der nicht gerade in einer Rezession regiert, kann diesen Satz sagen — Biden hätte ihn genauso sagen können, und der Präsident davor ebenso. Alle Jobs unter seiner Regierung kämen aus dem privaten Sektor, fügte Trump hinzu. Das stimmt beinahe — aber nur, weil der Staat gleichzeitig massiv Stellen abgebaut hat. In weniger als zehn Monaten sank die Bundesbeschäftigung um 9 Prozent, der größte Rückgang seit der Demobilisierung nach dem Zweiten Weltkrieg. Insgesamt wurden 2025 nur 181.000 Stellen geschaffen — nicht viel für ein Land von 342 Millionen Menschen.

Trump zelebrierte seinen Auftritt mit der unverhohlenen Begeisterung eines Kindes, das gerade entdeckt hat, dass die Hälfte im Raum klatschen, wenn es nur laut genug ruft

2,4 Millionen Amerikaner habe er von den Lebensmittelmarken befreit — ein Rekord, natürlich. Die Empfängerzahl sank tatsächlich, aber November 2025 war ein Monat mit einem Government Shutdown, in dem Leistungen einfach unterbrochen wurden. Trumps Gesetze haben zusätzlich die Anspruchsberechtigung verschärft und Menschen durch strengere Anforderungen aus dem Programm gedrängt, nicht weil sie weniger bedürftig geworden wären.

Social Security, Medicare und Medicaid werde er immer schützen — immer. Was dabei unerwähnt blieb: Trumps größtes Gesetz des vergangenen Jahres enthielt Kürzungen von mehr als einer Billion Dollar für das Medicaid-Programm über das nächste Jahrzehnt — der größte Einschnitt in der Geschichte des Programms. Mehr als zehn Millionen Menschen sollen dadurch ihre Versicherung verlieren. Das Congressional Budget Office hat zudem prognostiziert, dass die im Gesetz enthaltenen Steueränderungen die langfristige Finanzierung von Medicare gefährden.

Das war keine Rede zur Nation, das war eine Manege mit Mikrofon – und in der Mitte ein Präsident auf Selbstbeweihräucherungs-Tour

Keine Steuern auf Trinkgelder, keine auf Überstunden, keine auf die Rente — so klang es. Was das Gesetz tatsächlich schafft, sind Abzüge für Trinkgelder und Überstunden — aber diese Abzüge laufen 2028 aus. Sie sind zudem auf bestimmte Einkommensgrenzen beschränkt. Der Abzug für Senioren in Höhe von 6.000 Dollar bedeutet, dass nach Schätzungen des Council of Economic Advisers 88 Prozent der über 65-Jährigen keine Steuern auf ihre Rentenbezüge zahlen — aber eben nicht alle, und Rentner unter 65, also Millionen von behinderten Menschen und Frührentnern, fallen vollständig aus dem Programm heraus.

Die Zölle würden von ausländischen Ländern bezahlt — das ist eine der Lieblingsbehauptungen Trumps, und sie ist falsch. Es sind amerikanische Importeure, die zahlen. Der Oberste Gerichtshof hat das in seinem Urteil der vergangenen Woche bestätigt — demselben Urteil, das Trump vor dem Kongress als „leider falsch“ bezeichnete, während die vier anwesenden Richter, darunter Roberts, Kagan, Kavanaugh und Barrett, mit unbewegten Mienen dasaßen. Die Regierung muss nun mehr als 100 Milliarden Dollar an Unternehmen zurückzahlen. Zölle könnten langfristig die Einkommenssteuer ersetzen, fuhr Trump fort. 2024 nahm die Regierung 2,4 Billionen Dollar durch Einkommenssteuern ein. Die Zölle brachten rund 300 Milliarden — und von diesen muss etwa die Hälfte erstattet werden.

Die US-Gasfördermenge sei auf einem Allzeithoch, Drill baby drill funktioniere. Das stimmt, aber: Die Biden-Regierung hatte ebenfalls Rekordwerte bei der Öl- und Gasförderung verzeichnet, mit neuen Hochs im Jahr 2024. Gleichzeitig hat Trumps Entscheidung, nahezu alle Bundesförderungen für erneuerbare Energien zu streichen, dazu geführt, dass laut der Advocacy-Gruppe Climate Power 354 Projekte im Bereich sauberer Energie gestrichen, verzögert oder mit Entlassungen konfrontiert wurden.

Sein Betrugseliminierungsprogramm werde den Bundeshaushalt „über Nacht“ ausgleichen. Das Defizit betrug 2025 rund 1,8 Billionen Dollar. Der Rechnungshof GAO schätzt den jährlichen Schaden durch Betrug in Bundesbehörden auf 233 bis 521 Milliarden Dollar. Selbst wenn man den oberen Wert nimmt und annimmt, dass der gesamte Betrug vollständig eliminiert werden könnte — was unrealistisch ist — wäre das Defizit nicht ausgeglichen, sondern um ein Drittel reduziert. Trump ernannte JD Vance zum Leiter eines neuen „Krieges gegen den Betrug“. Bisher haben Trumps Betrugsbekämpfungsmaßnahmen vor allem dazu geführt, dass Bundesstaaten mit demokratischer Führung, die dagegen klagen, mit Budgetkürzungen bestraft wurden.

Irans Atomprogramm sei durch „Operation Midnight Hammer“ ausgelöscht worden. Die offizielle nationale Sicherheitsstrategie des Weißen Hauses vom November 2025 formulierte vorsichtiger: Die Angriffe hätten das Programm „erheblich geschwächt“. Geheimdienstler berichten, dass einige unterirdische Anlagen zerstört wurden, aber tiefere Labore überlebten. Iran hat die Urananreicherung an den betroffenen Standorten nicht wieder aufgenommen — aber das Programm ist nicht ausgelöscht. Das ist einer der Gründe, warum Trump neue Angriffe in Erwägung zieht. Iran habe außerdem „nie“ erklärt, keine Atomwaffen haben zu wollen, behauptete Trump. Der iranische Außenminister Abbas Araghchi hatte genau das einige Stunden vor der Rede auf seinem Twitter-Account geschrieben. Das Problem war nie, was Iran sagt — sondern die seit Jahren gesammelten Beweise dafür, dass es die Komponenten für eine Waffe getestet hat. Diese Differenz hat Trump vor dem Kongress nicht gezogen.

Diplomatie bevorzuge er, er wolle mit Iran verhandeln. Amerikanische Unterhändler sollten noch am folgenden Tag, Mittwoch, in Genf mit iranischen Vertretern zusammentreffen. Was dabei unerwähnt blieb: Mehr als eine Stunde lang hatte Trump vor dem Kongress keine einzige amerikanische Verbündeten-Nation in Europa, Asien oder dem Nahen Osten erwähnt. Keine NATO-Partner, keine asiatischen Bündnispartner, keine Freunde. Die Welt, die er vor dem Kongress beschrieb, ist eine Welt aus Feinden, Herausforderungen und amerikanischer Stärke — ohne Verbündete, ohne Allianzen. Die Rede fand am vierten Jahrestag des russischen Einmarsches in die Ukraine statt. Er arbeite „sehr hart“ daran, den Krieg zu beenden, sagte Trump. Im Wahlkampf hatte er versprochen, ihn innerhalb von 24 Stunden nach Amtsantritt zu beenden. Der Krieg dauert an.

Das Völkerrecht ist kein Instrument moralischer Bewertung. Es ist ein Regelwerk zur Begrenzung von Gewalt. Wird es an dieser Stelle ignoriert, verliert es dort an Verbindlichkeit, wo es am dringendsten gebraucht wird. Die Frage, die bleibt, ist daher nicht, wie man Nicolás Maduro beurteilt. Die entscheidende Frage lautet, ob die internationale Ordnung den Anspruch auf Recht noch gegen die Versuchung der Stärke verteidigt.

Venezuela sei nun ein „Freund und Partner“ der USA — ohne zu erwähnen, wie das zustande kam: durch eine US-Militäroperation, bei der Nicolás Maduro gefangen genommen wurde. Unmittelbar danach verlieh Trump Chief Warrant Officer Eric Slover die Medal of Honor — Slover war bei dieser Operation verwundet worden. Fast alle Abgeordneten und Senatoren erhoben sich. Die Richter des Obersten Gerichtshofs blieben sitzen.

„Ich habe acht Kriege beendet, einschließlich Kambodscha. Ist das nicht komisch?“

Acht Kriege habe er beendet. Acht. Man muss kurz innehalten bei dieser Zahl — nicht wegen ihrer Größe, sondern wegen ihrer Unverfrorenheit. Es lohnt sich, jeden einzelnen Fall durchzugehen. Ruanda und die Demokratische Republik Kongo: Im Juni unterzeichneten beide Länder unter amerikanischer Vermittlung ein Friedensabkommen. Im Juli brachen die Kämpfe erneut aus. Das Abkommen existiert auf Papier, der Konflikt existiert auf dem Boden. Thailand und Kambodscha: Nach Handelsdruck der USA vereinbarten beide Länder im Sommer einen Waffenstillstand. Im November wurden die Friedensgespräche von Thailand ausgesetzt, im Dezember gab es neue Zusammenstöße. Auch hier: Waffenstillstand auf dem Papier, Kämpfe in der Realität. Israel und Hamas: Der Waffenstillstand trat im Oktober in Kraft. Seitdem kam es trotz der Vereinbarung weiterhin zu Gefechten und Angriffen: Nach palästinensischen Angaben wurden bei israelischen Luft- und Artillerieschlägen in Gaza rund 600 Menschen getötet, während zugleich bewaffnete Gruppen aus Gaza, darunter die Hamas, erneut Raketen auf israelisches Gebiet abfeuerten.

Indien und Pakistan: Nachdem im Frühjahr Kämpfe ausgebrochen waren, hatte Trump erklärt, er habe die Deeskalation herbeigeführt. Indien hat Trumps Darstellung seiner eigenen Rolle darin ausdrücklich bestritten. Serbien und Kosovo: Als beendeten Konflikt auf die Liste zu setzen ist bemerkenswert kühn. Serbien und Kosovo haben kein Friedensabkommen unterzeichnet. Es gibt Wirtschaftsabkommen aus Trumps erster Amtszeit, aber Kosovo erklärte seine Unabhängigkeit von Serbien 2008, und Serbien erkennt sie bis heute nicht an. Äthiopien und Ägypten: Trump hatte angeboten, einen jahrzehntealten Streit über Wasserrechte und einen Nil-Staudamm zu vermitteln. Der Streit ist ungelöst. Der Staudamm wurde im September eröffnet — trotz Trumps Diplomatie, nicht durch sie. Aserbaidschan und Armenien: Hier ist das Bild tatsächlich etwas heller. Beide Seiten haben Trump für seine Vermittlung gedankt, und es gibt ein Abkommen, das auf einen dauerhaften Frieden hindeutet. Das wohl stärkste Beispiel auf der gesamten Liste — aber auch hier bleibt die Dauerhaftigkeit abzuwarten. Israel und Iran: Nach zwölf Tagen Kämpfen vermittelte Trump einen Waffenstillstand, wobei weder Israel noch Iran seine Vermittlerrolle öffentlich bestritten haben. Aber auch dieser Frieden ist fragil, und Trump erwägt, wie er selbst andeutet, bereits neue Angriffe auf den Iran — was die Frage aufwirft, was genau er unter „beendet“ versteht.

Acht Kriege beendet — das ist die Aussage eines Mannes, der die Differenz zwischen einem unterzeichneten Abkommen und einem tatsächlich beendeten Konflikt entweder nicht kennt oder bewusst verwischt. Wahrscheinlich ist es beides.

Illegale Einwanderer mit krimineller Vergangenheit deportiere er in Rekordzahlen. Die Zahlen zeigen, dass von den zwischen dem 20. Januar und 15. Oktober verhafteten Personen nur 7 Prozent eine Verurteilung wegen eines Gewaltverbrechens hatten. Unter 30%, manche Statistiken weisen auch 37% auf, Prozent hatten irgendeine Vorstrafe, meist Verkehrsdelikte oder Fahren unter Alkohol. Ein Drittel hatte überhaupt keine Anklagen. In Großstädten mit besonders öffentlichkeitswirksamen Aktionen hatten mehr als die Hälfte der Verhafteten keinerlei strafrechtlichen Hintergrund. Von den deportierten Personen hatten rund 21 Prozent keine Anklage, 11 Prozent Verurteilungen wegen Gewaltverbrechen.

Ilhan Omar

11.088 verurteilte Mörder seien ins Land gekommen — diese Zahl warf Trump in den Raum. Sie stammt aus Bundesdaten, die mehrere Präsidentschaften umfassen, einschließlich Trumps erster Amtszeit. Ilhan Omar und Rashida Tlaib führte er namentlich vor dem Kongress an und tadelte sie. Omar rief: „Du lügst.“ Trump antwortete: „Du solltest dich schämen.“ Verbrechen in Washington seien auf dem niedrigsten Stand der Geschichte, Morde fast um 100 Prozent zurückgegangen. Tatsächlich gab es im Januar zwei Tötungsdelikte, und die Mordrate sank 2025 um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr — ein echter Rückgang, aber einer, der dem landesweiten Trend in Großstädten entspricht. Eine 2025-Analyse von SmartAsset rankte Washington auf Platz 40 von 50 Großstädten nach Sicherheit.

Trump, auf die Demokraten zeigend: „Diese Leute sind verrückt. Ich sage es euch, sie sind verrückt.“

Dann kam Minnesota. Mitglieder der somalischen Gemeinschaft hätten schätzungsweise 19 Milliarden Dollar aus Steuermitteln gestohlen, erklärte Trump vor dem Kongress. Es gibt tatsächlich Betrug in staatlich finanzierten Programmen in Minnesota — Bundesanklagen sind erhoben, die meisten Angeklagten sind somalischer Herkunft, die meisten von ihnen sind amerikanische Staatsbürger. Nachgewiesener Betrug liegt im mittleren bis hohen dreistelligen Millionenbereich. Eine vorläufige Schätzung deutet darauf hin, dass mehr als die Hälfte von 18 Milliarden Dollar, die seit 2018 in bestimmten Programmen ausgegeben wurden, möglicherweise gestohlen wurde — aber das ist keine abgeschlossene Bewertung und keine gesicherte Zahl. Somalische und somalisch-amerikanische Gemeindevertreter in Minnesota haben seit Monaten davor gewarnt, dass die Handlungen Einzelner zur Diffamierung einer gesamten Bevölkerungsgruppe benutzt werden könnten. Trump hat ihre Befürchtungen wahr gemacht. Im Dezember hatte er gesagt, er wolle keine Somalier in Amerika, und sie als „Müll“ bezeichnet. In Davos wiederholte er ähnliche Äußerungen und wurde ausgebuht. In einer Rede vor dem Kongress — der höchsten Bühne des amerikanischen Staatslebens — setzte er das fort. Auf die Frage eines Journalisten, ob ihn seine eigenen Aussagen nicht störten, hatte Trump geantwortet: „Es ist mir egal.“

Pam Bondi, Kristi Noem, Pete Hegseth

Die Wahlen in Amerika seien von massivem Betrug durchdrungen — überall, überall, überall, wiederholte Trump mehrfach. Das eigene Department of Homeland Security seiner ersten Amtszeit hatte bei einer Prüfung von 49,5 Millionen Wählerregistrierungen rund 10.000 Fälle zur weiteren Untersuchung wegen möglicher Nicht-Staatsbürgerschaft weitergeleitet — das entspricht 0,02 Prozent der überprüften Einträge. In Georgia, einem Bundesstaat, den Trump 2020 verloren hatte und den er seither besessen beobachtet, fand der Wahlminister 2024 unter 8,2 Millionen registrierten Wählern 20 Nicht-Staatsbürger. Neun von ihnen hatten jemals an einer Wahl teilgenommen. Trump nutzte diese Darstellung, um Senator John Thune, den Mehrheitsführer im Senat, öffentlich unter Druck zu setzen, den Save America Act durch den Senat zu drücken — ein Gesetz, das unter anderem Staatsbürgerschaftsnachweise bei der Wählerregistrierung verpflichtend machen würde und an der Filibuster-Hürde bislang gescheitert ist. „Wir müssen das stoppen, John“, sagte Trump direkt in Richtung Thune.

„In meinem ersten Jahr der zweiten Amtszeit — eigentlich müsste es meine dritte Amtszeit sein, aber seltsame Dinge passieren.“

Beiläufig und mit einem Lächeln ließ Trump fallen, er befinde sich eigentlich in seiner dritten Amtszeit — seltsame Dinge passierten eben. Am 6. Januar 2021 hatte eine Menge, die er aufgehetzt hatte, das Kapitol gestürmt, um die Zertifizierung von Joe Bidens Wahlsieg zu verhindern. Trump hat seitdem nie aufgehört zu lügen, was die Wahl 2020 betrifft. In seiner zweiten Amtszeit hat er Mitarbeiter ernannt und Richter nominiert, die Bidens Wahlsieg mehrheitlich nicht anerkennen. Er hat die Bundesbehörden eingesetzt, um Wahlinfrastruktur in Bundesstaaten zu untersuchen, die er verloren hat.

Außerhalb des Kapitols hatten Dutzende demokratische Abgeordnete und Senatoren ein Gegenprogramm auf der National Mall organisiert — das „People’s State of the Union“. Senator Chris Murphy aus Connecticut war als Erster auf der Bühne. Er sagte: „Diese Union ist gerade in der Krise.“ Gouverneurin Abigail Spanberger aus Virginia hielt die offizielle Gegenansprache der Demokraten.

Im Inneren des Saals hatte zu Beginn der Rede Representative Al Green aus Texas lautlos ein Schild hochgehalten, auf dem stand: „Schwarze Menschen sind keine Affen!“ — eine direkte Anspielung auf ein rassistisches Video, das Trump in diesem Monat auf seinen Social-Media-Kanälen geteilt hatte und das Barack Obama und Michelle Obama als Affen darstellte. Representative Steve Scalise versuchte, das Schild zu entreißen. Die republikanischen Senatoren Markwayne Mullin und Roger Marshall stellten sich davor, um es aus dem Kamerabild zu verdecken. Representative Troy Nehls machte mehrere Versuche, vom Sitzgang aus danach zu greifen. Green wurde von Sicherheitspersonal aus dem Saal geführt, begleitet von „U.S.A.!“-Rufen. Trump sagte „Danke“ und redete weiter.

Green wurde von Sicherheitspersonal aus dem Saal geführt, begleitet von „U.S.A.!“-Rufen

Als Trump schließlich die Korruption im Kongress ansprach und Abgeordnete beim Aktienhandel auf Basis von Insiderwissen nannte, erhoben sich die bis dahin still sitzenden Demokraten und riefen: „Was ist mit dir?“ Trump antwortete: „Kann Nancy Pelosi aufstehen?“ Trump und seine Familie haben in der Zwischenzeit Millionen Dollar durch Geschäfte rund um die Präsidentschaft verdient — ein Bruch mit der Praxis vergangener Präsidenten, die sich aus solchen Interessen herausgehalten hatten. Das Aktienhandels-Verbotsgesetz, das die Republikaner im Kongress vorantreiben, enthält nach Angaben der Demokraten Schlupflöcher, die es Abgeordneten erlauben, bestehende Aktienbestände zu behalten, mit sieben bis vierzehn Tagen Ankündigungsfrist zu verkaufen, Dividenden in neue Aktien zu reinvestieren und Familienmitgliedern zu erlauben, frei zu handeln.

Elon Musk, der im Vorjahr noch neben Trumps Kindern in der Galerie gesessen hatte, war diesmal nicht anwesend. Connor Hellebuyck, der kanadische Torhüter, dem Trump einen der längsten Ovationen der Nacht widmete, hatte übrigens 41 Schüsse gehalten — nicht 46, wie Trump behauptete. Aber das ist tatsächlich die kleinste Lüge des Abends.

Eine Stunde und 47 Minuten. Länger als je zuvor. Manchmal ist das Einzige, das an einer Rede wirklich stimmt, ihre Länge.

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Lea
Lea
11 Stunden zuvor

Dankeschön für die Richtigstellungen seiner Lügen!

Patricia
Patricia
10 Stunden zuvor

Man kann es nicht mehr hören. Der Mann lügt und lügt und lügt. Er ist korrupt bis ins Mark. Er ist kriminell. Und er benimmt sich wie ein Kind, das mit hämischer Freude die Klötzchentürme aller anderen Kinder im Spielzimmer zerstört, und sich dann freut, dass die Erwachsenen ihm glauben, wenn er sagt „Ich war das nicht“. Der Mann ist bösartig. Blindwütiger Aktionismus mit dem einzigen Ziel, sich als Verursacher des Chaos zu zelebrieren. Ein Mann ohne Moral, ohne Empathie, ungebildet und verantwortungslos. UND ER IST NOCH IMMER PRÄSIDENT DER VEREINIGTEN STAATEN. Findet genügend Claqueure, die entweder dem Geld verfallen und damit korrumpierbar sind oder zu ungebildet – oder zu bequem – , um Lügen erkennen zu können oder zu wollen. So vehement, wie die Demokraten in den Sozialen Medien klagen: Ich bezweifle, dass die Mächtigen unter ihnen im Kern so viel anders sind. … wobei… wir sitzen selbst in einem Glashaus voller Merzens und Spahns und Söders und Weigels und Höckes… Danke einmal mehr für den Artikel. Er sollte in den USA verbreitet werden. Vielleicht mal wieder Flugblätter per Flugzeug abwerfen? Scheint wieder Zeit dafür zu sein.

Ela Gatto
Ela Gatto
3 Stunden zuvor

„Das war keine Rede zur Nation, das war eine Manege mit Mikrofon – und in der Mitte ein Präsident auf Selbstbeweihräucherungs-Tour“

Ich denke, dass kein noch halbwegs normal denkender Mensch etwas anderes erwartet hat.

Um mal fies zu sein, wie hat er diese lange Rede durchgehalten?
Mit was haben sie ihn gedopt?
Denn seine Aufmerksamkeitsspanne erreicht in der Regel kaum 30 Ninuten 🙈

Eine Lüge nach der Anderen.
Vermutlich nur unterbrochen durchs Luftholen.
Und seine Republikaner applaudieren geschlossen und mit Begeisterung.

Sehr bedauerlich, dass sich bei der Verleihung der Medal of Honor auch die demokratischen Abgeordneten erhoben haben.
Die Verwundung tut mir leid.
Aber es ist und bleibt ein völkerrechtswidriger Angriff.dem man jetzt mit der Verleihung der Medal of Honor einen Heldenpathos mit Legitimität verschafft.

Du schreibst der Hockey-Torwart ist Kanadier?
Wie tief ist der moralisch dann gesunken, die Medaille anzunehmen?
So wie Trump mit Kanada umgeht.
ich lobe mir die Frauenmannschaft, die die Einladung abgelehnt haben und die 5 männlichen Spieler, die nicht erschienen sind.
Das sind die wahren Patrioten.

Vielen Dank Rainer für diese ausführliche Zusammenfassung mit dem Faktencheck!
Das hilft ungemein all diese Äußerungen gleich richtig einzuordnen.

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