Mehr als 200.000 gefallene russische Soldaten sind nach offenen Quellen inzwischen bestätigt, der Zustrom neuer Freiwilliger versiegt, und im fünften Kriegsjahr greift das Verteidigungsministerium dorthin, wo junge Menschen eigentlich lernen sollten: in die Hörsäle. In mehr als 80 Universitäten und zwei Dutzend Colleges läuft eine koordinierte Werbekampagne. Geworben wird für „elitäre Drohneneinheiten“, für hohe Einmalzahlungen, für das schnelle Schließen von Studienlücken, für einen Wechsel auf einen staatlich finanzierten Studienplatz. Offiziell heißt das Information. De facto geht es um Verträge mit dem Militär.

„Einzigartige Möglichkeit zum Dienst in der Einheit der Plechanow-Studierenden“
„Militärdienst auf Sondervertrag garantiert für die Dauer von 1 Jahr“Das Motiv zeigt keinen Krieg, sondern Karriere. Drohnen, Flagge, Virtual-Reality-Brille – der Militärvertrag wird als technisches Zukunftsprojekt inszeniert. Genau so funktioniert die Verschiebung: Der Einsatz an der Front wird sprachlich verkürzt zu einem „einjährigen Spezialvertrag“, verpackt in Hochschulästhetik und Zukunftsversprechen.
Die Filiale der RANHiGS in Wladimir, (RANHiGS ist die „Russische Akademie für Volkswirtschaft und öffentliche Verwaltung beim Präsidenten der Russischen Föderation“, eine staatliche Elitehochschule mit landesweiten Filialen zur Ausbildung von Verwaltungs- und Führungskräften), spricht von einer „Perspektive zur Selbstverwirklichung“ und verspricht Dienst „fernab der Frontlinie“. In Krasnojarsk erklärt die Sibirische Föderale Universität, junge Menschen seien besonders geeignet zur Steuerung von Drohnen, weil sie mit Smartphones und Computerspielen aufgewachsen seien. Die Russische Universität für Verkehrswesen stellt soziale Vergünstigungen in Aussicht, akademischen Urlaub während des Vertrags und die Möglichkeit, nach dem Dienst auf einen staatlich finanzierten Studienplatz zu wechseln. Die Sprache ähnelt einem Zusatzkurs. Der Inhalt ist ein Militärvertrag.

Auszug aus der Projektbeschreibung der Plechanow-Universität, die uns vorliegt:
Die Universität garantiert Teilnehmern des Projekts mehrere konkrete Vorteile: Erstens wird ein kostenloses Studium in jedem beliebigen Studiengang an der Plechanow-Universität in Aussicht gestellt. Zweitens werden während des einjährigen Vertrags einmalige und regelmäßige Zahlungen zugesagt – insgesamt in Höhe von 5,2 Millionen Rubel. Drittens verspricht die Hochschule vollständige Ausrüstung und moderne Ausstattung auf eigene Kosten. Viertens wird der offizielle Veteranenstatus der sogenannten „militärischen Spezialoperation“ mit allen gesetzlichen Rechten und Vergünstigungen garantiert. Fünftens soll das Studium vorzeitig bis spätestens 15. Mai 2026 abgeschlossen werden können; Organisation und Verteidigung der Abschlussarbeiten würden beschleunigt, die Anforderungen teilweise gesenkt.
Im College für Raumfahrtmaschinenbau und -technologie der Technologischen Universität A. A. Leonow in Koroljow wurden Studierende kurzfristig zu einer „Vorlesung“ beordert. Wer ging, sollte eine schriftliche Erklärung abgeben. Wer fehlte, riskierte schlechte Noten. Ein Student, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will, berichtet von Drohungen mit Fehlzeiten und Disziplinarmaßnahmen. Zugleich existierte bereits ein Telegram-Kanal, in dem Studierende Missstände kritisierten: Mobbing, grober Umgangston, Infrastrukturprobleme, Widerstand gegen die Einführung des Messengers Max. Nach einem Beitrag über die Werbeveranstaltung wurden mutmaßliche Administratoren vor eine Disziplinarkommission zitiert. Direktorin Jelena Antropowa, der Vorsitzende des Studierendenrats Andrej Morusak, der stellvertretende Filialleiter Nikolaj Kruglow und weitere Funktionäre warfen ihnen vor, die Hochschule landesweit in Verruf zu bringen. Man informiere nur, hieß es. Von Zwang könne keine Rede sein.

Der Ausstellungsstand der Plechanow-Universität (REU) mit deutlich militärisch-technischem Schwerpunkt. Auf dem Podest steht das Universitätslogo neben dem Staatswappen, davor sind Drohnenmodelle und technische Komponenten platziert. Im Hintergrund sind ein Industrieroboterarm, ein Bildschirm mit der Aufschrift „Flugsteuerungszentrum“ sowie weitere unbemannte Systeme zu sehen.
Die Inszenierung verbindet Hochschulidentität mit militärnaher Technologie. Drohnen, Robotik und Steuerungssysteme werden nicht als externe Kooperation präsentiert, sondern als sichtbarer Bestandteil der universitären Infrastruktur. Das Bild vermittelt den Eindruck einer technisch orientierten Ausbildungsumgebung, in der zivile Lehre und militärisch nutzbare Systeme eng nebeneinanderstehen.
An der Technologischen Universität selbst wird der Dienst als Erwerb „praktischer Fähigkeiten“ beschrieben: Reparatur unbemannter Systeme, 3D-Modellierung, technische Wartung. Broschüren versprechen die „Möglichkeit, im echten Leben ein Held zu werden“. An der Bauman-Universität in Moskau erscheint die Werbebotschaft direkt im studentischen App-Eingang. An der Staatlichen Universität St. Petersburg verschickte die Verwaltung E-Mails mit dem Angebot eines Vertrags und kündigte eine „Sonderstipendium“ von 50.000 Rubel monatlich an. Präsentationen kalkulieren für das erste Dienstjahr zwei bis sechs Millionen Rubel, inklusive föderaler und regionaler Zuschläge. Die finanzielle Attraktivität steht neben der Zusicherung einer „sicheren Spezialisierung“ und einer angeblich garantierten Vertragsauflösung nach einem Jahr.
In Colleges ist der Ton schärfer. Maria Kirsanowa, Direktorin des Nowosibirsker Kollegs für Verkehrstechnologien, soll Studierende öffentlich gerügt haben, die nicht unterschreiben wollten. Andernorts wird subtiler vorgegangen. Ein Dozent eines Kollegs bei der Plechanow-Universität berichtet, man habe Lehrende angewiesen, eine bestimmte Zahl Studierender pro Gruppe in die Aula zu bringen. Fragen seien unerwünscht gewesen. Ein Prorektor, ein aktiver Soldat und Verwaltungsvertreter traten auf. Man spreche nicht von einem Vertrag, sondern von einer Vereinbarung. Versprochen wurden bis zu fünf Millionen Rubel bei Unterzeichnung, monatliche Zahlungen, vorzeitiger Diplomabschluss, Einschreibung ins erste Universitätsjahr, Veteranenstatus, Karrierechancen. „Ihr werdet die Ersten in den elitären Drohnentruppen sein. Ihr kommt populär zurück“, lautete die Botschaft. Die tatsächliche Dienstzeit werde unter einem Jahr liegen, zwei Monate Ausbildung, 35 Tage Urlaub. Der Schwerpunkt liege auf Reparatur, nicht auf Kampfeinsätzen. Dass der Vertrag eine Versetzung in andere Truppengattungen bei „Nichteignung“ vorsieht, blieb im Plenum unerwähnt.

Das Plakat stammt aus dem Umfeld der russischen Streitkräfte und wirbt offen für den Eintritt in die „Truppen unbemannter Systeme“. Der Slogan „Steh auf zur Verteidigung des Vaterlandes“ verbindet patriotische Rhetorik mit moderner Drohnentechnologie. Gezeigt wird ein Soldat mit unbemannter Flugtechnik, der militärische Dienst erscheint als technisch kontrollierter, zeitgemäßer Einsatz. Der Drohnenkrieg wird so als nationale Aufgabe und als attraktiver Zukunftsbereich inszeniert.
(https://vlad.ranepa.ru/news/stan-chastyu-komandy-budushchego-sluzhba-v-voyskakh-bespilotnykh-sistem/)
In Einzelgesprächen wurde weiter ausgeholt. Von Krediten bis zu zehn Millionen Rubel war die Rede, die später erlassen würden. Von Sicherheit, von Betreuung rund um die Uhr durch einen Kurator der Hochschule, vom gemeinsamen Dienst mit Kommilitonen. Etwa 70 Studierende sollen unterschrieben haben. Parallel läuft an der Plechanow-Universität ein Umschulungsprogramm zum „Operator eines unbemannten Multirotor-Luftfahrzeugs“, ergänzt durch verpflichtende Kurse, deren Teilnahme streng kontrolliert wird. Offiziell geht es um Qualifikation. Inoffiziell um Zahlen.
Rechtsberater wie Timur Tuchwatullin berichten seit Januar von Anrufen Studierender aus dem ganzen Land. In manchen Hochschulen bleibe es bei eindringlichen Angeboten, in anderen drohe man mit Exmatrikulation. Anfangs habe man vor allem technisch versierte Studierende mit Studienrückständen angesprochen, inzwischen fehle jede erkennbare Systematik. Artem Klyga vom „Bewegung bewusster Verweigerer“ spricht von einer zentral verschickten Anleitung des Verteidigungsministeriums an Hochschulleitungen. In der Fernöstlichen Föderalen Universität in Wladiwostok sollten bis Ende Februar 32 Personen gewonnen werden, in der Staatlichen Pädagogischen Universität Nowosibirsk 109 bis April 2026. Es wirkt wie eine Zielvorgabe.

Das Faltblatt wirbt für den Eintritt in die „Truppen unbemannter Systeme“ und richtet sich direkt an Studierende. Aufgelistet werden umfangreiche soziale Vergünstigungen: Dienstwohnung oder Mietzuschuss, kostenlose medizinische Versorgung, Veteranenstatus, Rentenansprüche nach 20 Dienstjahren sowie steuerliche Erleichterungen. Zudem wird mit Kreditferien und möglichen Schuldenerlassen von bis zu zehn Millionen Rubel geworben. Auch Kinderbetreuung, zusätzliche regionale Prämien und der Erhalt von Arbeits- und Studienplätzen während des Dienstes werden zugesichert.
Im Abschnitt zum Bewerbungsverfahren wird erklärt, welche Unterlagen einzureichen sind – darunter Reisepass, Militärdokumente, Bildungsnachweise, medizinische und psychologische Gutachten. Zuständige Ansprechpartner an der Universität werden namentlich genannt. Die Botschaft ist klar: Der Militärvertrag wird nicht als Ausnahme dargestellt, sondern als strukturierter Karriereweg mit administrativer Begleitung durch die Hochschule.
Besonders verwundbar sind Studierende mit akademischen Schulden oder auslaufender Zurückstellung vom Wehrdienst. In Sankt Petersburg wurden jene mit bald endender Zurückstellung in das Dekanat zitiert. Sie füllten Fragebögen aus, mussten begründen, warum sie keinen Militärdienstvertrag wollten und unter welchen Bedingungen sie zustimmen würden. Wer verneinte, erhielt Anrufe von unbekannten Nummern. An der Higher School of Economics soll Studierenden mit Rückständen bereits Ende Januar ein Vertrag als Alternative zur Exmatrikulation nahegelegt worden sein. In Kasan und Woronesch berichten Betroffene, man habe ihnen rechtswidrig Wiederholungsprüfungen verweigert und stattdessen den Gang in die Armee empfohlen.
Die meisten reagieren mit Misstrauen. Einige unterschreiben dennoch. Ein Student am Polytechnikum Peter des Großen in St. Petersburg erzählt von einem Kommilitonen, der trotz aller Versprechen sogar das Studium abbrach. Sein weiterer Weg ist unklar.
Juristisch ist der Nachweis von Druck schwierig. Formal verweisen Hochschulen auf Studienordnungen, auf Leistungsnachweise, auf Informationsveranstaltungen. Faktisch entsteht ein Klima, in dem akademische Defizite zum Hebel werden. Rechtsberater raten, jede Drohung zu dokumentieren, schriftliche Anträge auf rechtmäßige Wiederholungsprüfungen zu stellen, Gespräche aufzuzeichnen, sich an Organisationen wie „Schule des Wehrpflichtigen“, „DSO“ oder „Geht in den Wald“ zu wenden. Wer bereits unterschrieben hat, hat nur begrenzten Spielraum, insbesondere solange das Mobilisierungsdekret faktisch gilt.
Was als „innovative Spezialisierung“ verkauft wird, ist eine militärische Rekrutierungskampagne im Bildungssystem. Die entscheidenden Fragen stehen nicht auf den Hochglanzfolien: Gilt die Zusage für Drohneneinheiten verbindlich? Kann eine Versetzung verweigert werden? Kehrt man tatsächlich ins Studium zurück? Zwischen Stipendienversprechen und Millionenbeträgen liegt eine Unterschrift, die über Leben, Ausbildung und Freiheit entscheidet. Und über eine Generation, die zum Ersatz für fehlende Freiwillige werden soll.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Ich erinnere mich gut an Euren Bericht zur Militarisierung schon in den Grundschulen.
Logisch, dass man sich jetzt die Erwachsenen greift.
Der Krieg braucht Menschen.
Gefragt wird da Keiner, egal was nach außen gesagt wird.
Es gilt mitmachen oder extremen Repressionen ausgesetzt zu sein. Nicht nuf man selber, sondern die ganze Familie
Viele Optionen haben diese jungen Menschen nicht.
Manch einer wird dem begrenzten Drohnendienst zustimmen um sich bicht im Schützengraben wieder zu finden.
Für den Frontdienst halten weiter wenig gebildete Russen, Straftäter, Nordkoreaner und Kenianer her. 😞
Und Putin hockt in einem seiner Paläste und sieht zu, wie sein Volk leidet und stirbt.
Hauptsache seine Agdnda wird durchgesetzt.
Ich frage mich, woher das Geld kommen soll, was all den Studierenden versprochen wird.
Schon jetzt erfolgen viele der Sonderzahlungen nicht.
Wie bei ICE die Prämien zumeist nicht gezahlt wurden.
Interessant all die Parallelen.
…geld ist genug vorhanden, sanktionen werden genügend umgangen