China baut Rechenzentren dorthin, wo Kühlung kein Problem mehr ist: ins Meer. Vor der Küste von Shanghai entsteht derzeit eine Anlage, die nicht nur neue Technik nutzt, sondern ein grundlegendes Problem der digitalen Welt angreift. Serverfarmen verbrauchen enorme Mengen Strom und Wasser. Ein großer Teil davon geht allein für Kühlung drauf. Die Maschinen laufen rund um die Uhr, dicht an dicht, erzeugen Hitze und müssen permanent heruntergekühlt werden, sonst drohen Ausfälle und Datenverlust. In klassischen Anlagen werden dafür täglich Hunderttausende Liter Wasser durch Systeme gepumpt, gekühlt, verdampft. Gleichzeitig stehen genau diese Standorte oft in Regionen, in denen Wasser ohnehin knapp ist – Arizona, Teile Spaniens, der Nahe Osten. Der Konflikt ist offensichtlich: Rechenleistung wächst, Wasser wird knapper.
China dreht den Ansatz um. Statt Wasser zu verbrauchen, nutzt man es direkt. Das Projekt vor Shanghai wird rund zehn Kilometer vor der Küste gebaut und mit Energie aus einem Offshore-Windpark versorgt. Nach Angaben von Li Langping von Hailanyun soll die Anlage zu 97 Prozent mit Windstrom laufen. Die Server stehen in druckfesten Modulen unter Wasser. Meerwasser wird durch Kühlsysteme geleitet, nimmt die Hitze auf und trägt sie ab. Das spart Energie. Interne Berechnungen gemeinsam mit der China Academy of Information and Communications Technology gehen von mindestens 30 Prozent weniger Stromverbrauch im Vergleich zu Anlagen an Land aus.

Vor der Küste von Shanghai ist das Projekt längst über die Planungsphase hinaus. Rund zehn Kilometer vor der Küste in der Lingang-Zone wurden bereits erste Module installiert und teilweise in Betrieb genommen. Es geht nicht mehr um Tests, sondern um laufenden Ausbau. Die aktuelle Leistung liegt bei wenigen Megawatt, geplant ist eine Skalierung auf ein Vielfaches. Die Anlage ist direkt an Offshore-Windkraft angebunden und soll fast vollständig darüber versorgt werden. Die Kühlung erfolgt kontinuierlich über Meerwasser, ohne den massiven Einsatz von Süßwasser, der an Land notwendig wäre.
Die Dimension ist bewusst gestaffelt. In der ersten Phase stehen knapp zweihundert Racks unter Wasser, ausgelegt für mehrere hundert KI-Server. Das ist klein im Vergleich zu klassischen Großanlagen, aber genau so geplant. China geht nicht den Weg eines einzelnen Großprojekts, sondern baut schrittweise auf und erweitert parallel. Nach dem Pilotprojekt vor Hainan ist Shanghai der Punkt, an dem aus einem Versuch ein System wird.
Wichtig ist der Zeitpunkt. Seit 2025 sind erste Einheiten aktiv, während der Ausbau weiterläuft. Das bedeutet: Die Technologie wird nicht mehr geprüft, sie wird genutzt. Gleichzeitig werden Erfahrungen gesammelt, um größere Anlagen vorzubereiten. Ziel sind deutlich höhere Kapazitäten in den kommenden Jahren, mit direkter Kopplung an erneuerbare Energie auf See.
Die erste Ausbaustufe ist überschaubar. 198 Racks, Platz für einige Hundert KI-Server. Trotzdem zeigt die Zahl, wohin die Reise geht. Die Anlage soll genug Leistung haben, um ein Modell auf dem Niveau von GPT-3.5 innerhalb eines Tages zu trainieren. Zum Vergleich: klassische mittlere Rechenzentren in China arbeiten mit bis zu 3.000 Racks, große Anlagen mit über 10.000. Das Projekt vor Shanghai ist kein Endpunkt, sondern ein Testlauf für Skalierung.
Die Idee selbst ist nicht neu. Microsoft hatte mit Project Natick bereits vor Jahren ein ähnliches System vor Schottland getestet. Ein Container mit über 800 Servern lag zwei Jahre lang in 35 Metern Tiefe. Das Ergebnis fiel positiv aus. Die Systeme liefen stabil, es gab weniger Hardwareausfälle als an Land. Die abgeschlossene Umgebung, gefüllt mit Stickstoff statt Sauerstoff, reduzierte Korrosion. Gleichzeitig entfielen viele Risiken durch menschliche Eingriffe. Trotzdem wurde das Projekt nicht weitergeführt. Microsoft spricht heute von einer Forschungsplattform, nicht von einem laufenden Einsatz.

Genau hier setzt China an. Hailanyun hat innerhalb von weniger als vier Jahren den Schritt vom Pilotprojekt vor Hainan zur kommerziellen Umsetzung geschafft. Zhang Ning von der University of California, Davis, sieht darin einen entscheidenden Unterschied. Während andere getestet haben, wird hier umgesetzt.
Die Vorteile liegen auf der Hand. Weniger Energieverbrauch, kaum Wasserbedarf aus Süßwasserquellen, direkte Anbindung an erneuerbare Energie auf See. Gleichzeitig verschieben sich die Probleme. Die Frage nach den Auswirkungen auf die Umwelt ist offen. Microsoft stellte bei seinem Test eine minimale Erwärmung des umgebenden Wassers fest, nur wenige Tausendstel Grad. Andere Studien warnen, dass sich diese Effekte bei hohen Meerestemperaturen verstärken könnten. Wärmeres Wasser enthält weniger Sauerstoff. Für Meereslebewesen kann das kritisch werden, besonders in ohnehin belasteten Regionen.
Auch Sicherheit spielt eine Rolle. Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, dass Unterwasseranlagen theoretisch durch gezielte Schallwellen beschädigt werden können. Angriffe müssten nicht sichtbar sein, sie könnten aus der Distanz erfolgen. Hailanyun verweist auf eigene Tests im Perlflussdelta. Dort habe die Anlage weniger als ein Grad Temperaturanstieg verursacht und keine messbaren Schäden hinterlassen. Die Einschätzung lautet: kein relevanter Einfluss.
Parallel wächst das Interesse weltweit. Doch während andere Länder prüfen und planen, betreibt China bereits erste Anlagen. Die Technik ist nicht mehr das größte Hindernis. Entscheidend wird, wie schnell Fragen zu Genehmigungen, Umweltschutz und Infrastruktur geklärt werden. China hat begonnen, genau diese Punkte im großen Maßstab zu bearbeiten.
Der Druck dahinter ist klar. Künstliche Intelligenz treibt den Bedarf an Rechenleistung massiv nach oben. Jede neue Anwendung, jedes Modell, jede Automatisierung frisst Energie und erzeugt Hitze. Die bisherige Infrastruktur stößt an Grenzen, nicht technisch, sondern ökologisch. Wasser, Strom, Fläche werden zu Engpässen.
China reagiert darauf mit einem radikalen Schritt. Rechenzentren wandern dorthin, wo Kühlung kein Kostenfaktor mehr ist. Das Meer wird Teil der Infrastruktur. Ob sich dieses Modell weltweit durchsetzt, hängt nicht davon ab, ob es funktioniert. Das tut es bereits. Entscheidend ist, ob andere Länder bereit sind, denselben Weg zu gehen.
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