Mexiko im Feuer, weil ein Mann tot ist

VonRainer Hofmann

Februar 23, 2026

Guadalajara – Nemesio Oseguera Cervantes war am Sonntag tot. Das Mexikanische Militär tötete ihn in einer Stadt namens Tapalpa, zwanzig Kilometer von Guadalajara entfernt. „Er wurde verwundet bei der Aktion in Tapalpa. Später, auf dem Weg nach Mexiko-Stadt, starb er.“ Das war um elf Uhr morgens, vielleicht auch mittags. Es ist unklar. Die genaue Zeit spielt keine Rolle. Was zählt ist, dass er tot war. Und dann fing Mexiko an zu brennen.

Nemesio Oseguera Cervantes – El Mencho = eine Kurzform seines Vornamens Nemesio

Er war El Mencho genannt worden. Das war sein Name in der Unterwelt, in den Nachrichten, in den Gedanken der Amerikaner, die ihn für 15 Millionen Dollar suchten. Ein Kopfgeld. Der Staat hatte eine Belohnung ausgesetzt, die höher war als das Leben vieler Menschen. El Mencho war der Chef des Jalisco New Generation Cartel, das Kartell, das am stärksten wurde in Mexiko. Nicht Sinaloa, nicht mehr. Jalisco. Sein Kartell.

Polizisten sperren in Zapopan einen Bereich ab, nachdem Mitglieder des organisierten Verbrechens dort Fahrzeuge in Brand gesetzt hatten.

Er war 59 Jahre alt. Aus Aguililla. Ein armer Junge, der nach Kalifornien ging, später wegen Heroinhandels ins Gefängnis kam, drei Jahre saß, rauskam und zurück zu den Drogen ging. Das war sein Leben. Irgendwann gründete er mit einem anderen Mann ein neues Kartell. Das war 2007. Seitdem wuchs es. Es wuchs und wuchs. Das Kartell war in allen 50 amerikanischen Bundesstaaten. Es verkaufte Fentanyl, Kokain, Methamphetamin. Milliarden Dollar pro Jahr. Das sind keine Zahlen, die man versteht. Milliarden. Zehn Milliarden vielleicht, 15, niemand weiß es genau. Und El Mencho kontrollierte das alles. Er saß irgendwo in Jalisco und kontrollierte ein Imperium, das größer war als viele Länder.

El Mencho wurde bei dem Militäreinsatz in Tapalpa im Bundesstaat Jalisco, Mexiko, getötet. Sein Sohn verbüßt eine lebenslange Haftstrafe in einem US-Gefängnis, während er selbst sich mit Nierenversagen versteckt hielt. Als Reaktion brennen nun in fünf Bundesstaaten Straßenblockaden, unter anderem in Puerto Vallarta.

Der amerikanische Präsident Trump hatte gesagt, er würde Mexiko bombardieren, wenn die Kartelle nicht gestoppt würden. Das war eine Drohung. Trump meinte das ernst. Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum sagte, das würde niemals passieren, das wäre ein Verstoß gegen die Souveränität. Aber sie wusste, dass die Amerikaner Druck machten. Deshalb ordnete sie an, El Mencho zu fangen. Oder zu töten. Das war das Ziel. Am Sonntag passierte es dann. Die mexikanische Armee ging in die Stadt Tapalpa. Sie feuerten. El Mencho feuerte zurück. Es gab einen Kampf. Vier Menschen starben dort, drei weitere starben später, eine davon war El Mencho. Drei Soldaten wurden verwundet. Die Armee nahm zwei andere Kartellmitglieder fest. Sie nahmen auch Waffen mit. Raketenwerfer. Dinge, die Hubschrauber abschießen können. Aber das war nicht das Ende.

Aufnahmen zeigen heftige Gefechte in La Desembocada im mexikanischen Bundesstaat Jalisco zwischen bewaffneten Mitgliedern des CJNG – Cártel Jalisco Nueva Generación, angeführt seit 2007 von El Mencho – und mexikanischen Sicherheitskräften nach der Tötung des Kartellführers El Mencho.

Das eigentliche Feuer kam danach. Nicht um eins oder zwei, sondern Stunden später. In Guadalajara, einer Stadt mit 1,4 Millionen Menschen. In Puerto Vallarta. In Cancún. In 20 Bundesstaaten. Überall. Das Kartell setzte Autos in Brand. Sie blockierten Straßen mit brennenden Fahrzeugen. Sie steckten Supermärkte an. Sie steckten Banken an. Sie töteten Menschen. Mindestens 14 waren es am Sonntag. Sieben davon waren Soldaten der Nationalgarde. Einer war ein Gefängniswärter. Ein anderer war ein Staatsanwalt.

Guadalajara

Die Bilder zeigen Guadalajara. Leere Straßen. Schwarzer Rauch, Schießereien. Flugzeuge, die umkehren. Das Flughafen-Terminal mit Menschen, die rennen. Familien gerieten in eine Blockade des Kartells. Sie sahen verwundete Menschen auf der Straße. Durchsagen raten: „Wir bitten die Menschen, nicht hinauszugehen“. Nach dem, was man gesehen hatte, ist klar, dass diese Leute auf niemanden Rücksicht nehmen. Man würde das, was man erlebt hatte, keinem Menschen wünschen.

Guadalajara – Flughafen

Das ist der Moment nach einem Tod. Das ist, was passiert, wenn ein Kartell seine Kraft zeigen muss. Es ist keine Trauer. Es ist nicht mal Rache, nicht direkt. Es ist eine Botschaft. Die Botschaft ist: Ihr könnt unseren Chef nicht einfach so töten. Wenn ihr das tut, zahlt ihr einen Preis. Einen großen Preis. Wir kontrollieren dieses Land mehr als eure Regierung. Seht es.

Guadalajara – Wie eine Geisterstadt

Flüge wurden gestrichen. Air Canada sagte, keine Flüge nach Puerto Vallarta. Andere Airlines folgten. Die mexikanische Regierung warnte Amerikaner und Kanadier, in fünf Bundesstaaten zu bleiben, wo sie sind. Nicht rauszugehen. In Jalisco, Tamaulipas, Michoacán, Guerrero und Nuevo León. Schulen wurden geschlossen. Die öffentlichen Verkehrsmittel wurden gestoppt. In Guadalajara, einer Millionenstadt, sitzt die Bevölkerung zu Hause und wartet.

Der Gouverneur von Jalisco, Pablo Lemus, sagte, das Land lebe durch kritische Stunden. Kritische Stunden. Das ist das Wort, das benutzt wird, wenn ein Staat nicht mehr kontrolliert wird. Präsidentin Sheinbaum sagte, dass alles normal laufe. Sie sagte, dass die Koordination mit allen Bundesländern vollständig sei. Das ist das, was Regierungen sagen, wenn nichts normal läuft. Das ist das, was sie sagen, um Angst zu vermeiden. Aber die Menschen zu Hause kennen das. Sie sehen die brennenden Autos. Sie sehen die Videos. Sie hören die Schüsse. Sie wissen, dass nichts normal läuft.

Ein Analyst namens David Mora von der International Crisis Group sagte etwas Wichtiges. Er sagte, dass Sheinbaum, seit sie an der Macht ist, das Militär konfrontativer gemacht habe. Das bedeutet, dass sie versucht, die Kartelle zu bekämpfen. Das ist anders als bei anderen Präsidenten. Das ist ein Signal an Trump, dass Mexiko es allein kann, ohne amerikanische Truppen auf mexikanischem Boden. Aber das ist nicht, was die Menschen auf der Straße sehen. Sie sehen nur, dass ein Mann tot ist, und jetzt brennt das Land.

Das Interessante ist, dass es so einfach hätte aussehen können. Der Staat tötet den Chef des Kartells. Das sollte ein Sieg sein. Der Chef ist tot. Das Kartell sollte zusammenbrechen. Das ist die Theorie. Das ist das, was alle denken, wenn man hört, dass der Präsident eines Kartells gestorben ist. Aber das ist nicht, was passiert. Das ist nie, was passiert. Was passiert, ist, dass ein Kartell zeigt, dass es immer noch da ist. Dass es immer noch Macht hat. Dass es immer noch mehr Kontrolle hat als die Regierung an manchen Orten.

Der Tod von El Mencho ist so bedeutsam wie die Festnahme von El Chapo im Jahr 2016. Das war eine große Nummer. El Chapo war eine Legende in diesen Kreisen. Aber El Mencho war schlimmer. El Mencho war jünger. El Mencho war hungriger. El Mencho hatte Fentanyl. Fentanyl ist das, was die Welt und Amerika am schnellsten tötet, nicht Kokain, nicht Methamphetamin. Fentanyl.

Recherchen konnten noch nicht ausmachen, ob das Jalisco-Kartell eine klare Nachfolge hat. Wenn ja, dann bleibt es zusammen. Wenn nein, dann zerfällt es. Und wenn es zerfällt, dann gibt es mehr Blut. Mehr Gewalt. Das ist das, was passiert, wenn eine Macht zerfällt. Andere kämpfen um die Stücke. So war das immer schon, so zeigten es alle Recherchen immer wieder.

Das ist die eigentliche Geschichte. Nicht, dass El Mencho tot ist. Das ist bekannt. Das ist erledigt. Die eigentliche Geschichte ist, dass die Regierung zu zeigen versuchte, dass sie den Kartellen überlegen ist. Und das Kartell antwortete mit Feuer. Und jetzt weiß niemand, was passiert. Das war Sonntag. Am Montag sind Schulen geschlossen. Am Dienstag sind einige Flüge immer noch storniert. Die Menschen sitzen noch immer zu Hause. El Mencho ist tot. Aber sein Kartell ist es nicht.

Fortsetzung folgt …

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