Über Bagdad stehen Drohnen, die sich nicht stören lassen. Sie fliegen nicht blind, sie fliegen nicht frei, sie hängen an einem Kabel. Glasfaser statt Funk. Das bedeutet: kein Jamming, kein einfaches Ausschalten. In den Videos, die diese Woche aus dem Irak verbreitet wurden, ist zu sehen, wie solche FPV-Drohnen über eine US-Basis ziehen und dann gezielt einschlagen – ein Black-Hawk-Hubschrauber am Boden, ein Luftabwehrradar. Bilder, wie man sie aus der Ukraine kennt. Nur dass sie jetzt im Nahen Osten auftauchen.
Das verändert die Lage sofort. Was über Jahre galt, passt nicht mehr. In Afghanistan und im Irak kamen die Gefahren aus Gewehren, aus improvisierten Sprengsätzen unter der Straße. Jetzt kommt der Angriff von oben, präzise gesteuert, billig, massenhaft einsetzbar. Wenn Donald Trump tatsächlich Bodentruppen in die Region schickt oder Operationen zur Öffnung der Straße von Hormus anordnet, bewegen sich US-Soldaten in ein Umfeld, das sie so nicht kennen, denn jede Einheit am Boden und jedes Schiff im Golf wird zum Nahziel. FPV-Drohnen gehören dann auf beiden Seiten zum Standard. Wir kennen das bereits aus dem Ukraine-Krieg.
Drohnen- und Raketenangriff auf die US-Botschaft in Bagdad in der vergangenen Woche
Das Problem ist nicht nur die Existenz dieser Systeme, sondern die Lücke auf amerikanischer Seite. Fahrzeuge und Landungsboote verfügen bislang kaum über die Abwehrtechnik, die in der Ukraine längst Alltag ist. Störsender helfen gegen diese neuen Drohnen kaum, weil sie nicht über Funk laufen. Der Iran hat diese Schwäche erkannt – und Russland dabei vermutlich geholfen hat, zu verstehen, wie man sie ausnutzt.
Diese Verbindung ist entscheidend. Russland hat die kabelgesteuerten FPV-Drohnen im Krieg um die Region Kursk 2024 eingesetzt und weiterentwickelt. Gleichzeitig wurden iranische Shahed-Drohnen von Russland modernisiert und im großen Stil genutzt. Andriy Zagorodnyuk, ehemaliger Verteidigungsminister der Ukraine, spricht von einer aktiven Zusammenarbeit zwischen Moskau und Teheran – Austausch von Wissen, Technik und Erfahrung. Iran lernt nicht nur mit, Iran übernimmt.

Auch auf See zeigt sich der gleiche Ablauf. Die Ukraine hat mit maritimen Drohnen Teile der russischen Schwarzmeerflotte ausgeschaltet und ganze Seegebiete unpassierbar gemacht. Iran verfügt zwar über einfachere Systeme, ohne satellitengestützte Navigation wie bei der Ukraine. Doch in einer engen Passage wie der Straße von Hormus reicht weniger aus, um erheblichen Schaden anzurichten. Kriegsschiffe und Tanker werden dort zu klaren Zielen.
Die technische Entwicklung geht schneller als die Anpassung der Streitkräfte. Im US-Militär beginnen erste Einheiten gerade erst mit der Ausbildung an FPV-Systemen. Michael Kofman vom Carnegie Endowment spricht von frühen Phasen – man versuche überhaupt erst zu verstehen, was diese Technik für Taktik und Einsatz bedeutet. Gleichzeitig hält sich eine Haltung, die auf Überlegenheit setzt. Fabrice Pothier, früher bei der NATO für Planung zuständig, beschreibt das als eine Form von Selbstüberschätzung – man glaube, mit moderneren Systemen automatisch überlegen zu sein. Die Realität auf den Schlachtfeldern sieht anders aus.
Donald Trump hat ein Angebot aus Kiew, Erfahrungen aus der Drohnenabwehr zu teilen, öffentlich zurückgewiesen. Seine Begründung: Man brauche keine Hilfe, man wisse selbst genug über Drohnen. Währenddessen zeigen die Zahlen aus der Ukraine, wie stark sich der Krieg verändert hat. FPV-Drohnen verursachen dort den Großteil der Verluste. Die Gefahrenzone reicht über viele Kilometer hinweg, auf beiden Seiten der Front. Einige dieser Drohnen können über Distanzen gesteuert werden, die der Breite der Straße von Hormus entsprechen.
Die Gegenmaßnahmen sind begrenzt. Eine Möglichkeit besteht darin, die Drohnenteams selbst auszuschalten, bevor sie starten können. Das wäre vielleicht ein wirksamsten Ansatz. Viele verweisen auf die Stärke der USA bei Aufklärung und Präzisionsschlägen. Das ist ein Fehler. Eine intensive Kontrolle eines begrenzten Gebietes wie Hormus könnte den Einsatz solcher Drohnen erschweren könnte. Doch selbst diesen Einschätzungen muss man kritisch gegenüberstehen.
Pavlo Klimkin, ehemaliger Außenminister der Ukraine sagt klar: Keine Armee ist darauf vorbereitet. Weder die USA noch Europa. Weder technisch noch im Denken noch in der Erfahrung. Der Mann hat recht.
Währenddessen läuft der Krieg weiter. Die Luftangriffe der USA und Israels seit dem 28. Februar haben weder die Drohnen- und Raketenangriffe gestoppt noch die freie Passage durch die Straße von Hormus gesichert. Ein Fünftel des weltweiten Ölhandels hängt an dieser Route. Und über dieser Route könnten bald genau die Systeme dominieren, die man lange unterschätzt hat. Was sich hier abzeichnet, ist keine kleine Anpassung, sondern ein grundlegender Wechsel der Realität auf dem Schlachtfeld. Wer ihn ignoriert, geht in einen Krieg, der längst weiter ist als seine eigene Vorbereitung.
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