Kinder verschwinden auf dem Schulweg – Der laufende Fall Elizabeth Zuna Caisaguano

VonRainer Hofmann

Februar 3, 2026

Elizabeth Zuna Caisaguano ist 10 Jahre alt, Viertklässlerin in Columbia Heights, Teil ihrer Schulgemeinschaft seit dem Kindergarten. Am 6. Januar, in der ersten Woche nach den Winterferien, verließ sie morgens mit ihrer Mutter Rosa das Haus, auf dem Weg zur Schule. Dort kam sie nie an. Beamte der Einwanderungsbehörde hielten sie an, nahmen beide mit. Elizabeth rief noch ihren Vater Luis an. Man habe ihr gesagt, sie werde zur Schule gebracht. Er fuhr sofort los, wartete vor dem Gebäude, sprach mit der Verwaltung, mit Lehrkräften, mit der Schulleitung. Elizabeth kam nicht. Am Ende dieses Tages erfuhr er, dass seine Tochter und seine Frau bereits in das South Texas Family Residential Center (Dilley, Texas) verlegt worden waren.

Seitdem steht Elizabeths Tisch leer. Mitschüler fragen, wo sie ist. Lehrerinnen erklären, so gut sie können, warum ein Kind plötzlich fehlt, ohne Abschied, ohne Nachricht. Elizabeth gehört in ein Klassenzimmer, nicht hinter Stacheldraht. Ihre Familie versucht alles, um sie zurückzuholen. Doch das Verfahren ist komplex, zeitkritisch und teuer. Anwälte müssen bezahlt, Transporte organisiert, das Nötigste für den Alltag im Lager beschafft werden. Die Versorgung in den Haftzentren ist minimal, oft unzureichend. Ohne Unterstützung von außen fehlt es selbst an Essen.

Auch in diesem Fall unterstützen wir selbstverständlich, wo immer es möglich ist. Bei Elizabeth ist das Verfahren noch nicht abgeschlossen – nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern weil Entscheidungen verzögert, vertagt oder schlicht hinausgeschoben werden. Dennoch wird auch hier Druck aufgebaut. Der Fall steht stellvertretend für ein größeres Bild: Es sind hunderte Verfahren, die parallel laufen, die meisten unsichtbar, ohne Schlagzeilen, ohne Bilder. Und doch gilt für uns dasselbe Prinzip bei jedem einzelnen. Wann immer wir von einem Fall erfahren, versuchen wir zu unterstützen, zu vermitteln, Kontakte herzustellen und Prozesse in Bewegung zu bringen. Nicht selektiv, nicht nach Aufmerksamkeit, sondern nach Möglichkeit und Verantwortung.

Elizabeth ist kein Einzelfall. Am 23. Januar 2026 endete das Martyrium für Diana Crespo. Die Siebenjährige war mit ihren Eltern am 15. Januar 2026 in Oregon unterwegs, als sie in einem Krankenhausparkhaus festgesetzt wurden. Diana hatte starkes Nasenbluten, das nicht aufhörte. Sie suchten medizinische Hilfe. Drei nicht gekennzeichnete Fahrzeuge umstellten das Auto. Die Eltern, Darianny Liseth Gonzalez De Crespo und Yohendry De Jesus Crespo. wurden aus dem Wagen gezwungen und gefesselt. Diana durfte keinen Arzt sehen, obwohl sie weiter blutete. Auch diese Familie wurde in das South Texas Family Residential Center (Dilley, Texas) gebracht, in dem zuvor bereits ein anderes Kind festgehalten worden war. Diana bekam Fieber, tagelang. Erst nach fast einer Woche wurde ihr ein Arztbesuch erlaubt.

Darianny Liseth Gonzalez De Crespo, Diana, Yohendry De Jesus Crespo

Der Pflegeverband von Oregon bezeichnete diesen Einsatz als alarmierend, erschreckend und zutiefst beschämend. Und auch Diana ist nicht die Einzige. In derselben Einrichtung sitzen weitere Kinder aus dem Schulbezirk von Liam, darunter zwei Brüder, ein Zweitklässler und ein Fünftklässler. Sie wurden gemeinsam mit ihrer Mutter festgenommen, bei einem routinemäßigen Gerichtstermin. Keine Gewalt, keine Flucht, kein Risiko. Nur die falsche Adresse, zur falschen Zeit. Auch in diesen Fällen ist Hilfe bereits organisiert.

Sie sitzt weiterhin mit ihrer Mutter Rosa im Lager in Dilley, Texas. Festgenommen am 6. Januar, auf dem Weg zur Schule. Noch immer dort. „Es ist die gleiche Situation wie bei Liam“, sagte Carolina Gutierrez, Sekretärin an Elizabeths Schule, „aber es gab keine Bilder.“ Kein Video, das viral ging. Keine Schlagzeilen. Nur ein leeres Pult.

Rosa und Elizabeth Zuna Caisaguano

Was hier geschieht, ist kein Einzelfall. Kinder werden gezielt aus ihrem Alltag gerissen, aus Klassenzimmern, Krankenhäusern, Autos auf dem Schulweg. Eltern werden vor ihren Augen gefesselt. Medizinische Versorgung wird verweigert. Die Verfahren laufen technisch korrekt, formal sauber, aber menschlich zerstörerisch. Die Trennung ist abrupt, endgültig, traumatisch.

Diese Kinder fehlen nicht nur ihren Familien. Sie fehlen ihren Klassen, ihren Freundinnen, ihren Lehrerinnen. Sie fehlen in Schulbüchern, auf Pausenhöfen, bei Geburtstagsfeiern. Ihr Verschwinden hinterlässt Lücken, die sich nicht erklären lassen. Und während Anwälte Akten wälzen und Spenden gesammelt werden, bleibt die grundlegende Frage unbeantwortet: In welchem Land ist es normal geworden, dass ein Schulweg im Abschiebegefängnis endet? Elizabeth, Diana und die anderen sollten lernen, lachen, gesund werden. Stattdessen lernen sie Haftregeln, zählen Tage, warten auf Entscheidungen, die sie nicht verstehen können. Ihr Platz ist nicht in Dilley, nicht in Texas, nicht hinter Gittern. Ihr Platz ist dort, wo sie an diesem Morgen hätten ankommen sollen: in der Schule.

Betritt man die ICE-Abschiebehaftanstalten, ist das wie in einer falschen Welt, vorher war man noch Mensch. Mehr trägt so ein Moment nicht. Würdelos ist nicht der Bruch selbst, sondern das, was du dort siehst: das fortgesetzte Ignorieren von Menschenrechten, das ständige Absichern der eigenen Macht, dieses Weitergehen unter den Blicken der anderen, die du nicht mitnehmen kannst, als wäre die letzte Hoffnung verloren gegangen. Eine Schattenwelt, in der alles äußerlich weiterläuft. Aber: Wir kommen wieder, Fall für Fall, Akte für Akte.

Fortsetzung folgt …

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Lea
Lea
12 Stunden zuvor

Was wohl aus diesen Kindern wird, wenn sie älter werden… Welches Bild von Gesellschaft, Staat werden sie haben? Weitergeben?

Ela Gatto
Ela Gatto
7 Stunden zuvor

Das macht mich so unfassbar traurig und gleichzeitig wütend 😞 😞 😞 😞

Wiekann man nur mit Kindern und Menschen so umgehen?

Kinder von einem Krankenhausparkplatz wegfangen, die medizinische Hilfe brauchen und die ihnen durch ICE verweigert wird.

Und unmenschlichen Verhältnisse in den Detention Centern.
Nicht mal die grundlegendsten Bedürfnisse von Essen, sauberen Wasser und medizinische Versorgung wird erfüllt.

MAGA jubelt und will noch mehr Detention Center und Ergreifungen.

All die „namenlosen Opfer“.

Liam steht stellvertretend für sie.
Denn auch sie brauchen die gleiche Aufmerksamkeit und Hilfe.

Danke, dass Ihr das sichtbar macht.

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