Kiew friert, Moskau schweigt, Washington bittet

VonRainer Hofmann

Januar 30, 2026

Eine Woche. Mehr hat der Präsident der Vereinigten Staaten nicht erbeten. Sieben Tage Schonfrist für eine Millionenstadt, während die Temperaturen in der Ukraine auf Werte fallen, bei denen Stromausfälle nicht abstrakt sind, sondern lebensgefährlich. Donald Trump sagte im Kabinett, er habe Wladimir Putin persönlich gebeten, Kyjiw und andere Städte für eine Woche nicht anzugreifen. Wegen der außergewöhnlichen Kälte. Putin habe zugestimmt, erklärte Trump. Eine Bestätigung aus dem Kreml gibt es nicht. Der Moment, in dem diese Aussage fällt, ist kein diplomatisches Randereignis, sondern ein Brennglas auf den Zustand dieses Krieges und auf die Logik, mit der er inzwischen verhandelt wird. Russland greift seit Monaten gezielt die zivile Infrastruktur der Ukraine an. Strom, Wasser, Heizung. Die Strategie ist offen benannt: den Winter zur Waffe machen. Ukrainische Behörden sprechen von der systematischen Nutzung von Kälte, Dunkelheit und Erschöpfung, um den Widerstand der Zivilbevölkerung zu brechen.

Trump: „Wegen der extremen Kälte habe ich Präsident Putin persönlich gebeten, Kyjiw sowie die Städte und Gemeinden für eine Woche nicht zu beschießen. Er hat dem zugestimmt. Und ich muss sagen, das war sehr nett.“ (Ob das eingehalten wird, bleibt abzuwarten – Anmerkung der Redaktion)

Während Trump im Weißen Haus von seiner Bitte berichtet, gehen die Angriffe weiter. In Odesa trifft eine Drohne ein Industrieobjekt. In der Region Saporischschja sterben drei Menschen, ein Wohnhaus brennt. In Dnipropetrowsk werden Menschen verletzt, Feuerwehren arbeiten die Nacht durch. In Kyjiw selbst werden erneut Schäden gemeldet, während die Stadt sich auf Temperaturen vorbereitet, die in manchen Regionen bis auf minus dreißig Grad fallen sollen. Trump nennt das Ergebnis seines Gesprächs einen Erfolg. Er sagt, viele hätten ihm geraten, den Anruf nicht zu verschwenden. Man werde nichts erreichen. Doch Putin habe zugestimmt, und darüber sei man sehr zufrieden. Wann das Gespräch stattgefunden hat, ab wann die angebliche Pause gelten soll, welche Städte genau umfasst sind und was passiert, wenn sie gebrochen wird, bleibt offen. Das Weiße Haus liefert keine Klarstellungen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reagiert vorsichtig. Er dankt Trump für die Bemühung und spricht von der Möglichkeit einer Atempause. Stromversorgung sei die Grundlage des Lebens, schreibt er. Gleichzeitig warnt er: Die ukrainischen Geheimdienste gehen davon aus, dass Russland Kräfte für einen weiteren massiven Luftangriff zusammenzieht. Frühere Angriffe umfassten hunderte Drohnen sowie Marschflugkörper und ballistische Raketen. Die laufenden Attacken untergraben jede Verhandlung, sagt Selenskyj. Jeder einzelne Schlag tue das. Die Zahlen der Vereinten Nationen zeichnen ein düsteres Bild. Das vergangene Jahr war das tödlichste für Zivilisten in der Ukraine seit 2022. Mehr als 2.500 Menschen wurden getötet, über 12.000 verletzt. Ein Anstieg um mehr als dreißig Prozent gegenüber dem Vorjahr. Russland greift weit hinter der Frontlinie an, täglich, trotz internationaler Verurteilungen.

Parallel dazu laufen Gespräche über eine mögliche Beendigung des Krieges. Sie sollen am Sonntag fortgesetzt werden. Doch selbst europäische Spitzenvertreter äußern Zweifel an der Ernsthaftigkeit Moskaus. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sagt offen, Russland erhöhe den Druck auf die Zivilbevölkerung, weil es militärisch nicht vorankomme. Europa müsse vollständig in Verhandlungen eingebunden sein, da es um die eigene Sicherheit gehe. Die Sorge ist greifbar: Dass über Europa gesprochen wird, ohne Europa. Der Sondergesandte der US-Regierung, Steve Witkoff, spricht dennoch von Fortschritten. Die Menschen in der Ukraine seien hoffnungsvoll, sagt er, und erwarteten ein baldiges Abkommen. Diese Hoffnung steht in scharfem Kontrast zu den Berichten aus den Regionen, in denen jede Nacht Sirenen heulen und Notstromaggregate über Leben entscheiden.

Ein Bericht des Center for Strategic and International Studies wirft zusätzlich ein Schlaglicht auf die Dimension dieses Krieges. Bis zum Frühjahr könnten sich die getöteten, verletzten und vermissten Soldaten beider Seiten auf bis zu zwei Millionen summieren. Russland allein soll seit 2022 rund 1,2 Millionen Verluste erlitten haben, darunter bis zu 325.000 Tote. Für eine Großmacht wären das die höchsten Verluste seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Ukraine habe trotz kleinerer Armee zwischen 500.000 und 600.000 militärische Verluste erlitten, bis zu 140.000 Tote. Russland weist diese Zahlen zurück, nennt sie unzuverlässig und verweist darauf, dass nur das eigene Verteidigungsministerium über Verluste Auskunft geben dürfe. Dieses hat seit September 2022 keine neuen Zahlen veröffentlicht. Unabhängige Recherchen, unter anderem von Mediazona und der BBC, haben inzwischen mehr als 160.000 Namen gefallener russischer Soldaten dokumentiert.

Militärisch ist der Krieg festgefahren. Russische Truppen kommen vor, aber in einem Tempo von wenigen Dutzend Metern pro Tag. Analysten sprechen von einem reinen Abnutzungskrieg. Ein Krieg, der nicht entschieden, sondern ausgeblutet wird. In diesem Kontext wirkt die Bitte um eine einwöchige Feuerpause nicht wie ein humanitärer Durchbruch, sondern wie ein Notbehelf. Eine Woche ohne Angriffe auf Kyjiw, während in anderen Regionen weiter gestorben wird. Eine Woche, die vom guten Willen eines Angreifers abhängt, der bislang jede Zusage taktisch genutzt hat. Eine Woche, die nichts an der Grundlogik ändert, dass zivile Infrastruktur gezielt zerstört wird, um politischen Druck zu erzeugen.

Was bleibt, ist ein Bild, das mehr sagt als jede diplomatische Formel. Ein Präsident, der um Zurückhaltung bittet, statt sie durchzusetzen. Ein Krieg, in dem selbst minimale Pausen als Erfolg verkauft werden. Und eine Bevölkerung, die weiterhin friert, während über ihren Alltag verhandelt wird.

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Lea
Lea
1 Tag zuvor

Wer hat den längeren Atem…?

Ela Gatto
Ela Gatto
21 Stunden zuvor
Antwort auf  Rainer Hofmann

Weil sie letztlich von Allen im Stich gelassen werden und Trump sie zusätzlich nur verrät

Ela Gatto
Ela Gatto
21 Stunden zuvor

Trump „bittet“ und Putin „der so nett ust“ hat zugestimmt.

Wer glaubt das denn bitte?
Trump ist die Ukraine egal, er will sich nur mal wieder im Rampenlicht sinnen, weil er „was erreicht hat“.
Putin, ein Massenmörder, der die Zivilisten auf brutale Weise abschlachtet, stimmt einer Waffenruhe aus humanitarian Gründen zu?

Da kann ich leider nur sarkastisch lachen.
Das ist eine Nebelkerze.
Putin wird die Ukraine fix beschuldigen die Waffenruhe gebrochen zu haben und Yrump wird Sekensky fertig machen „weil er dieses Geschenk der Waffenruhe“ zerstört hat.

Die Gespräche, ob sie stattfinden oder nicht.
Putin tötet weiter, Trump hat die Ukraine fallen gelassen und Europa kommt nicht in die Gänge.
Wer mitreden will, muss auch Stärke und Haltung zeigen.
Das bedeutet auch endlich der Ukraine Waffen an und in die Hand zu geben, die sie wirklich brauchen.
Dieses jahrelange Zaudern ist derart beschämend

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