Davos ist kein Ort für Klartext. Zumindest war er das lange nicht. In diesem Januar aber ist etwas gekippt. Die Drohungen aus Washington, Grönland unter Druck zu setzen und Zölle als Hebel einzusetzen, haben auf dem Weltwirtschaftsforum eine Reaktion erzwungen, die sich nicht mehr hinter Höflichkeitsfloskeln versteckt. Was dort gesagt wurde, war keine diplomatische Choreografie mehr, sondern ein offenes Ringen um Haltung. Im Zentrum steht Donald Trump, dessen zweite Amtszeit internationale Beziehungen in einen Zustand permanenter Alarmbereitschaft versetzt. Der Anspruch, Grönland faktisch zu kontrollieren, verbunden mit handelspolitischen Drohungen, hat eine Grenze überschritten, die in Europa lange als theoretisch galt. In Davos wurde sie benannt.
Gavin Newsom: „Dieser Typ führt die Leute vor. Das ist peinlich. Das ist keine Diplomatie, das ist Dummheit.“ – „Er ist ein T-Rex. Entweder man stellt sich ihm direkt entgegen oder er verschlingt einen. So oder so.“ – „Alle reden hinter seinem Rücken über ihn, sie lachen über ihn, und gleichzeitig kriechen sie ihm in den Hintern. Das ist beschämend.“
Der schärfste Ton kam aus Kalifornien. Gavin Newsom sprach offen aus, was viele europäische Regierungschefs bislang nur hinter verschlossenen Türen formulieren. Er sagte, Europa müsse aufhören, sich klein zu machen. Wer weiter nachgebe, verliere nicht nur Einfluss, sondern Würde. Die Praxis, öffentlich Zurückhaltung zu zeigen und privat anderes zu sagen, sei beschämend. Diplomatie gegenüber Trump beschrieb er als Beziehung mit einem Raubtier. Entweder man ordne sich unter oder man werde verschlungen. Sein Appell war eindeutig: Rückgrat zeigen, jetzt. Aus Paris kam die historische Einordnung. Emmanuel Macron warnte vor einer Rückkehr kolonialer Denkmuster. Er sprach von einer Welt, in der Regeln wieder bedeutungslos würden und das Recht des Stärkeren an ihre Stelle trete. Handel, sagte er, werde genutzt, um politische Unterordnung zu erzwingen. Neue Zölle, maximale Forderungen, der Versuch, Europas wirtschaftliche Interessen gezielt zu schwächen – all das sei inakzeptabel, insbesondere dann, wenn es gegen territoriale Selbstbestimmung gerichtet sei. Es gehe nicht um einen Streitfall, sondern um die Frage, ob internationales Recht noch gilt.
Auch Kanada stellte sich klar. Mark Carney zeichnete eine Welt, in der große Mächte es sich leisten könnten, allein zu handeln, während mittlere Staaten diese Möglichkeit nicht hätten. Wer nicht am Tisch sitze, lande auf der Speisekarte. Für Grönland und Dänemark formulierte er eine eindeutige Position. Ihr Recht, über ihre Zukunft selbst zu entscheiden, sei nicht verhandelbar. Die Verteidigung der amerikanischen Linie übernahm in Davos der Finanzminister. Scott Bessent versuchte zu beschwichtigen. Die Beziehungen seien enger denn je, sagte er. Die Quelle dieser Gewissheit bleibt im Dunkeln. Die Aufregung sei überzogen. Man solle tief durchatmen und nicht reagieren. Bündnisse stünden nicht infrage, auch wenn man über Grönland unterschiedlicher Meinung sei. Es war der Versuch, Tempo aus einer Debatte zu nehmen, die längst Fahrt aufgenommen hatte.
Aus Belgien kam dagegen ein Satz, der in Davos hängen blieb. Bart De Wever sagte, Europa habe zu viele rote Linien überschreiten lassen. Ein williger Vasall zu sein sei das eine, ein erniedrigter Untergebener etwas anderes. Wer jetzt zurückweiche, verliere seine Würde. Wenn Europa gespalten bleibe, sei das Ende einer Epoche erreicht. Achtzig Jahre transatlantische Ordnung stünden dann zur Disposition. Ob dieses Bündnis halte, liege letztlich beim Präsidenten der Vereinigten Staaten. Die institutionelle Antwort kam aus Brüssel. Ursula von der Leyen warnte vor einer Abwärtsspirale. Zusätzliche Zölle zwischen Verbündeten seien ein Fehler, insbesondere dann, wenn bereits ein Handelsabkommen bestehe. Ein Vertrag sei ein Vertrag. Sollte der Druck dauerhaft werden, müsse Europa dauerhaft reagieren. Die Konsequenz könne ein unabhängigeres Europa sein, nicht aus Abkehr, sondern aus Notwendigkeit. Wer den Westen schwäche, helfe jenen Kräften, die ihn verdrängen wollten.
Ursula von der Leyen hat in Davos keine Zeitenwende ausgerufen, sondern eine nüchterne Lagebeschreibung geliefert. Beim Weltwirtschaftsforum sprach sie darüber, dass sich die geopolitischen Rahmenbedingungen grundlegend verändert hätten und Europa gut beraten sei, bestehende Abhängigkeiten zu verringern und langfristiger zu denken. Nostalgie, sagte sie sinngemäß, bringe die alte Ordnung nicht zurück. Europa müsse seine eigene Handlungsfähigkeit stärken und unabhängiger agieren. Das war keine Verkündung vom Zusammenbruch der Nachkriegsordnung, sondern eine politische Analyse einer Welt, die sich sichtbar verschiebt.
Die Rede von Frau von der Leyen wirkte weniger wie ein Aufbruch als wie ein Balanceakt. Nicht der Wille zur Konfrontation prägte ihren Ton, sondern das Bemühen, im Spiel zu bleiben. Wo Haltung gefragt gewesen wäre, dominierte Vorsicht. Wo Klarheit möglich schien, blieb Absicherung. Es war eine Ansprache, die mehr an den Erhalt ihrer eigenen Funktion erinnerte als an den Mut, ihr Gewicht einzusetzen. In diesem Spannungsfeld stellt sich die Frage nach der Rolle von Ursula von der Leyen selbst. Führung erschöpft sich nicht im Verwalten des Möglichen, sie zeigt sich im Moment, in dem das Mögliche erweitert wird. Wer sich jedoch zu sehr an den Fortbestand der eigenen Position bindet, beginnt, Konflikte zu umschiffen, statt sie auszutragen. Dann wird Sprache defensiv und Entscheidungen vertagt.
Philosophisch betrachtet ist das die alte Spannung zwischen Amt und Handlung. Das Amt verlangt Stabilität, die Handlung verlangt Risiko. Wer sich ausschließlich dem Amt verpflichtet fühlt, verwechselt Dauer mit Bedeutung. In Zeiten, in denen Macht offen herausgefordert wird, reicht es nicht, das Gleichgewicht zu bewahren. Dann entscheidet sich Führung daran, ob jemand bereit ist, etwas zu verlieren, um etwas zu verteidigen.
Führende Stimmen aus der NATO warnten offen, dass Trumps aggressives Vorgehen gegenüber Grönland nicht mehr nur ein politischer Konflikt sei, sondern das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und dem Bündnis selbst gefährde. Wenn territoriale Drohungen und wirtschaftlicher Druck zum Instrument amerikanischer Politik würden, treffe das Herz des Bündnisses. Was hier auf dem Spiel stehe, sagten mehrere Vertreter, sei nicht ein einzelnes Gebiet, sondern die Verlässlichkeit der USA als Partner.
Zu diesem Bild gehört jedoch auch, was nicht zustande kam. Eine gemeinsame Erklärung der Europäischen Union zu Grönland scheiterte, weil Ungarn sie blockierte. Budapest erklärte offen, es handele sich um eine bilaterale Angelegenheit zwischen Dänemark und den Vereinigten Staaten und damit nicht um eine Sache der EU. In dem Moment, in dem ein EU-Mitglied und ein autonomes Gebiet unter europäischem Schutz durch wirtschaftlichen Druck bedroht werden, verweigert ein Mitgliedstaat die Solidarität. Das ist keine begleitende Feststellung, sondern ein politischer Bruch. Wer erklärt, dass territoriale Fragen innerhalb Europas keine europäische Angelegenheit seien, stellt sich außerhalb der Grundidee der Union. Gemeinsame Außenpolitik, gegenseitige Absicherung, kollektive Reaktion auf Machtpolitik – all das wird von Ungarn systematisch unterlaufen. Während andere in Davos von Würde, roten Linien und dem möglichen Ende einer Epoche sprechen, agiert Budapest als Blockierer im Inneren.
Das ist keine Frage unterschiedlicher Meinungen mehr. Es ist eine Frage der Zugehörigkeit. Eine Union, die handlungsfähig sein will, kann sich einen Staat nicht leisten, der bei jeder ernsthaften Bewährungsprobe ausschert. Wer verhindert, dass Europa geschlossen reagiert, arbeitet gegen Europa. Ungarn blockiert nicht nur Erklärungen. Es blockiert die Fähigkeit der EU, überhaupt noch als politischer Akteur aufzutreten. Davos zeigt in diesem Jahr , dass die Zeit des höflichen Schweigen vorbei ist. Grönland ist kein beiläufiger Vorgang, sondern ein Punkt ohne Rückkehr. Für die Vereinigten Staaten, für Europa – und für die Europäische Union selbst. Wer jetzt noch behauptet, alles sei eine Frage bilateraler Zuständigkeiten, verweigert sich der Realität. Und wer sich dauerhaft verweigert, kann nicht erwarten, Teil dieses Projekts zu bleiben.
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