In Abu Dhabi haben sich Vertreter Russlands und der Ukraine erneut an einen Tisch gesetzt, begleitet von den Vereinigten Staaten, während in der Ukraine zeitgleich Menschen unter Trümmern begraben wurden, Kraftwerke brannten und Märkte zu Todesfallen wurden. Zwei Tage Gespräche sind angesetzt, moderiert von Washington, doch schon der erste Verhandlungstag stand im Schatten massiver russischer Angriffe, die jede Hoffnung auf schnelle Fortschritte relativieren.

Der erste Tag der zweiten Runde der ukrainisch-russischen Friedensverhandlungen unter US-Vermittlung ist in Abu Dhabi zu Ende gegangen. Über erzielte Fortschritte oder deren Ausbleiben wurde nichts öffentlich bekannt gegeben. Am morgigen Tag sollen Arbeitsgruppen ihre Gespräche am selben Ort fortsetzen. Es stellt sich auch die Frage, inwieweit diese Gespräche noch Sinn ergeben oder ob sie vielmehr Putin dazu dienen, Zeit zu gewinnen. Für uns persönlich haben diese Gespräche das Ende der Vernunft erreicht.

An den Gesprächen nahmen Delegationen aus Moskau und Kyjiw teil, unterstützt von US-Sondergesandten und hochrangigen politischen Emissären aus dem Umfeld des Weißen Hauses. Aus ukrainischer Sicht wurden die Gespräche als ernsthaft und sachlich beschrieben, mit Fokus auf konkrete Schritte und umsetzbare Lösungen.

Gleichzeitig blieb offen, wie viel Substanz hinter diesen Formulierungen tatsächlich steckt, während der Krieg unvermindert weitergeht. Noch während die Gespräche liefen, trafen russische Angriffe zivile Ziele. In der Ostukraine wurden bei einem Angriff mit Streumunition auf einen Markt mehrere Menschen getötet, weitere verletzt. In anderen Regionen starben Zivilisten in Wohngebieten, darunter ältere Menschen, deren Häuser getroffen wurden. Auch die Hafenstadt Odesa wurde erneut angegriffen, Wohnhäuser beschädigt, Menschen aus den Trümmern gerettet. Diese Angriffe fielen nicht an den Rand der Gespräche, sondern in deren Zentrum.

Leider ist es nicht das erste Mal, dass Russland so handelt, und die Welt ist inzwischen so daran gewöhnt und abgestumpft, dass solche Taten kaum noch als Nachricht gelten.
Besonders schwer wiegt die fortgesetzte Zerstörung der ukrainischen Energieinfrastruktur. In einer der kältesten Winterphasen seit Jahren wurden Kraftwerke mit Raketen und Drohnen angegriffen, darunter Anlagen, die Hunderttausende Menschen mit Wärme versorgen. In Kyjiw arbeiteten hunderte Reparaturteams rund um die Uhr, während zehntausende Wohnungen weiter ohne Heizung blieben. Mitarbeiter der Energieversorgung gelten als erschöpft, Ablösungen mussten organisiert werden, während neue Angriffe drohten.

Russland feuerte in der Nacht etwa 350 bis 500 Drohnen sowie rund 65 Raketen auf die Ukraine ab. Europa muss vom passiven Zuschauen zum aktiven Handeln übergehen. Es ist längst überfällig, die Rolle bloßer Beobachter hinter sich zu lassen. Sanktionen dürfen nicht nur verhängt oder in Aussicht gestellt werden – sie müssen konsequent umgesetzt und wirksam kontrolliert werden. Wir berichten immer wieder darüber, wie brüchig, lückenhaft und teils unprofessionell diese Sanktionsmechanismen überwacht werden.
Diese Eskalation steht in auffälligem Kontrast zu den diplomatischen Signalen der vergangenen Wochen. Noch vor kurzem war von einer zeitlich begrenzten Aussetzung von Angriffen auf das Stromnetz die Rede gewesen. Die Auslegung dieser Zusage blieb jedoch vage. Während Washington erklärte, Moskau habe sich an eine kurze Pause gehalten, verwies die ukrainische Seite darauf, dass neue Angriffe bereits nach wenigen Tagen wieder aufgenommen worden seien. Der Eindruck verfestigte sich, dass Vereinbarungen unterschiedlich interpretiert oder taktisch genutzt wurden.
Auf eine einfache Nachfrage folgt eine bemerkenswerte Verschiebung. Ein Journalist erinnerte Trump daran, dass er einen Angriffsstopp Russlands während der Kälte angekündigt hatte. In derselben Nacht wurden ukrainische Städte erneut massiv angegriffen. Trumps Antwort: Es sei von Sonntag zu Sonntag gewesen. Russland habe in der Nacht hart zugeschlagen, aber sein Wort gehalten. So wird aus einem Angriff kein Bruch, sondern eine Frage der Auslegung.
Aus Moskau kamen kaum öffentliche Aussagen zu den Gesprächen. Offiziell hieß es, die Türen für eine friedliche Lösung stünden offen. Gleichzeitig machte der Kreml unmissverständlich klar, dass militärische Operationen fortgesetzt würden, solange die Ukraine nicht auf zentrale Forderungen eingehe. Dazu zählt weiterhin die Abtretung von Gebieten, die über die bereits besetzten Regionen hinausgehen. Für Kyjiw bleibt das inakzeptabel. Die Gespräche fallen zudem in eine Phase strategischer Unsicherheit, da parallel ein zentrales Abkommen zur nuklearen Rüstungskontrolle zwischen Russland und den Vereinigten Staaten ausläuft. Ob es verlängert, neu verhandelt oder ersatzlos endet, ist offen. Damit schwingt über den Treffen in Abu Dhabi nicht nur der konventionelle Krieg, sondern auch die Frage einer neuen atomaren Aufrüstung.

Internationale Beobachter sehen in den jüngsten Angriffen keinen Zufall, sondern Teil einer Verhandlungsstrategie. Die Zerstörung der Energieversorgung im Winter trifft die Zivilbevölkerung besonders hart und erhöht den Druck auf die politische Führung. Zugleich ermöglicht sie es Moskau, kurzfristige Zurückhaltung als Entgegenkommen darzustellen, während gleichzeitig militärische Kapazitäten für größere Angriffswellen aufgebaut werden. Auch auf ukrainischer Seite wächst die Skepsis. Die Hoffnung, in Abu Dhabi rasch Klarheit über Russlands tatsächliche Absichten zu gewinnen, mischt sich mit der Erfahrung der vergangenen Monate. Gespräche werden geführt, während Raketen einschlagen. Zusagen werden formuliert, während Drohnen starten. Diplomatie und Gewalt laufen parallel, ohne sich gegenseitig zu bremsen.

Ihre Hilfe ist unverzichtbar: die Spürhunde, die nach Überlebenden suchen, während in Abu Dhabi über einen Frieden verhandelt wird, der am Anspruch der Realität – und an Putin – scheitert.
So bleibt Abu Dhabi ein Ort der Gespräche, nicht der Entspannung. Zwei Tage sind angesetzt, doch schon jetzt ist klar, dass die zentralen Fragen ungelöst bleiben: die Zukunft der besetzten Gebiete, verbindliche Sicherheitsgarantien für die Ukraine und die Frage, ob Verhandlungen mehr sein können als ein Begleitgeräusch zu einem Krieg, der weiter mit voller Härte geführt wird. In der Ukraine zählt unterdessen jede Nacht, in der das Licht ausgeht, und jeder Morgen, an dem Trümmer geräumt werden müssen – unabhängig davon, was an den Konferenztischen der Emirate gesagt wird.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English