In Genf sitzen wieder Delegationen an einem Tisch, und doch spricht fast alles dafür, dass der Abstand zwischen den Positionen kaum kleiner geworden ist. Ukrainische und russische Vertreter haben am Dienstag eine neue Runde von Gesprächen begonnen, vermittelt von den Vereinigten Staaten, angesetzt bis Mittwoch. Es ist bereits das dritte Treffen dieses Formats innerhalb von etwa drei Wochen. Offiziell wird erneut von „konstruktiven“ Gesprächen gesprochen, wie schon nach den beiden vorangegangenen Runden in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Glauben kann man das nicht mehr. Der nüchterne Ertrag damals: ein Austausch von Kriegsgefangenen. Mehr nicht. Während in Genf verhandelt wird, läuft der Krieg weiter, und die Fakten auf dem Boden drücken die Erwartungen nach unten.
Allein am Dienstag meldete die Ukraine einen massiven Angriff auf ihr Energiesystem: nahezu 40 Raketen und rund 400 Drohnen sollen eingesetzt worden sein. Das Land steht kurz vor dem Eintritt in das fünfte Kriegsjahr. Die russischen Schläge gegen das Stromnetz sind kein Randaspekt, sondern die gezielte Fortsetzung einer Strategie, die den Alltag, die Versorgung, die Handlungsfähigkeit des Staates trifft. Genau deshalb wirkt jedes Gespräch über Frieden hohl, solange über die entscheidenden Fragen nicht gesprochen wird oder solange sie nur in einer Weise „behandelt“ werden, die auf Zeit spielt.
Die zentralen Konfliktlinien liegen offen. Russland verlangt, dass die Ukraine jenen Teil des ostukrainischen Donetsk-Gebiets abtritt, den Kyjiw noch kontrolliert. Es geht um eine Fläche von etwa 2.000 Quadratmeilen, ungefähr in der Größenordnung von Delaware. Für Moskau ist das nicht eine von vielen Forderungen, sondern ein Grundsatz. Für die Ukraine ist genau das bislang unakzeptabel. Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte unmittelbar vor Beginn der Gespräche davor, dem Angreifer etwas „nehmen zu lassen“. Das ist nicht nur eine Formulierung, sondern eine rote Linie, die innenpolitisch und historisch aufgeladen ist. Gleichzeitig weiß Kyjiw, dass ein Krieg, der sich weiter hinzieht, das Land zermürbt. Selenskyj hat in den vergangenen Monaten immer wieder angedeutet, dass es Formen von Kompromissdenken geben könnte, ohne das Wort Abtretung auszusprechen. Im Raum stand etwa die Idee einer entmilitarisierten Zone im Donetsk-Gebiet, in der beide Seiten in gleichem Umfang zurückweichen. Solche Ansätze zeigen das Dilemma: Die Ukraine sucht Wege, die Front zu stabilisieren, ohne ihre staatliche Integrität preiszugeben.
Der zweite große Block ist mindestens ebenso explosiv: Sicherheitsgarantien nach einem möglichen Waffenstillstand. Für die Ukraine ist das die Versicherung gegen die Wiederholung des Krieges. Für Russland ist es der Punkt, an dem jeder Deal zur Frage der Einflusssphäre wird. Moskau verlangt, dass Garantien keine westlichen Truppen in der Ukraine einschließen. Kiew drängt darauf, dass die Vereinigten Staaten gerade an diesen Garantien ernsthaft arbeiten. Genau hier zeigt sich, warum viele in der Ukraine den Gesprächen misstrauen: Ein Waffenstillstand ohne belastbare Absicherung wäre in dieser Logik nur eine Pause, die Russland nutzen könnte.

Die Zusammensetzung der Delegationen verstärkt die Skepsis. Auf ukrainischer Seite führt Rustem Umerow, Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats, die Gespräche. An seiner Seite sitzen hochrangige Vertreter, darunter auch militärische Führungspersonen aus dem engsten Umfeld Selenskyjs. Gegenüber sitzt die russische Delegation, darunter Wladimir Medinski, ein enger Kreml-Berater, der bereits früher als Chefunterhändler auftrat. Seine Rückkehr ist ein Signal. Medinski gilt als jemand, der Verhandlungen nicht als Weg zu gegenseitigen Zugeständnissen versteht, sondern als Bühne für eine harte Linie, flankiert von historisierenden Ausführungen und der Botschaft, Russland könne „so lange kämpfen wie nötig“. In den Gesprächen der letzten Wochen war er nicht dabei; damals waren russische Vertreter aus dem Sicherheitsapparat und der militärischen Aufklärung präsent. Ukrainische Offizielle beschrieben die Atmosphäre damals als sachlicher, weniger geprägt von ideologischen Vorträgen, stärker auf technische Fragen gerichtet. Jetzt, da es in Genf offenbar stärker um territoriale Fragen gehen soll, ist Medinski zurück. Der Kreml machte keinen Hehl daraus: Der Fokus habe sich verschoben, deshalb brauche es den „Chefunterhändler“.

Auch die Rolle der Vereinigten Staaten wirkt ungewöhnlich, und genau darin liegt ein weiterer Teil der politischen Brisanz. Statt klassischer Diplomatie rückt ein Duo in den Vordergrund, das aus Trumps engstem Vertrauenskreis stammt: Steve Witkoff, ein Sondergesandter, und Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn, ohne offizielles Regierungsamt. Beide führten am selben Tag in Genf zunächst Gespräche mit dem Iran und wechselten anschließend in den Ukraine-Komplex. Es ist das sichtbare Ergebnis einer Linie, die in Washington seit Monaten verfolgt wird: Außenministerium und Nationaler Sicherheitsrat werden nicht als Zentrum der Krisensteuerung behandelt, sondern an den Rand gedrängt. Das ist kein Stilproblem, sondern verändert die Art, wie verhandelt wird, mit welchen Prioritäten, mit welchem Gedächtnis, mit welcher institutionellen Kontrolle.

Die Begründung aus dem Umfeld der Regierung lautet sinngemäß: Man brauche „Macher“, keine Apparate. Der Ton ist transaktional, weniger rechtlich und wertebezogen, stärker auf Deals getrimmt. Genau das begrüßen Staaten, die sich vom westlichen Werteunterricht ohnehin nicht beeindrucken lassen. Russland etwa schätzt an Witkoff, dass er freundlich auftritt und Begeisterung ausstrahlt, auch wenn im Kreml zugleich Zweifel bestehen, wie verlässlich seine Rolle als Übermittler ist und wie tief sein Verständnis der Konfliktlinien reicht. Kushner wiederum gilt im russischen Umfeld als strukturierter. Allein: Diese Art Verhandlungsführung erzeugt ein neues Problem, das sich nicht wegmoderieren lässt. Je informeller die Struktur, desto größer die Gefahr von Unschärfe, von Nebenabreden, von Interessenkollisionen, von unklaren Zuständigkeiten.
Diese Fragen werden noch schärfer, wenn man betrachtet, dass beide – Witkoff wie Kushner – in Bereichen unterwegs sind, in denen wirtschaftliche Interessen und geopolitische Gespräche nah beieinander liegen. Witkoffs Sohn führt ein Trump-nahes Krypto-Unternehmen; ein Investor aus den Emiraten soll dort eingestiegen sein. Kushner wiederum hat nach Trumps erster Amtszeit Milliarden aus dem Ausland eingesammelt, darunter von Staatsfonds aus Saudi-Arabien, Katar und den Emiraten, also aus Staaten, die auch in den aktuellen Krisen eine Rolle spielen. Befürworter sagen: Wer reich ist, sei schwerer zu kaufen. Kritiker sagen: Wer in solchen Verflechtungen steht, verhandelt nie in einem luftleeren Raum.

In Genf sind zudem europäische Vertreter präsent: aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien. Doch sie sollen nach allem, was bekannt ist, nicht direkt mit der russischen Delegation verhandeln. Das ist mehr als eine Einordnung. Der Krieg findet auf europäischem Boden statt, doch Europa wird an den Rand gedrängt, während Washington den Prozess führt. Das schwächt nicht nur die europäische Handlungsfähigkeit, es verschiebt auch Verantwortung: Wer Garantien geben soll, wer zahlen soll, wer langfristig absichern soll. Wenn Europa in der Form kaum eingebunden ist, wird es später umso härter um die Lasten gehen. Die entscheidende Frage wird sein, wann Europa sich dagegenstellt, bei den Verhandlungen außen vor zu bleiben. Zugleich offenbart dies, wie schwach oder uneins viele Regierungen derzeit auftreten. Solche Phasen politischer Schwäche haben in der Geschichte nicht selten zu Machtwechseln geführt – und nur wenige davon fanden später auf der guten Seite der Geschichtsbücher ihren Platz.
Hinter all dem steht eine strategische Logik, die in Moskau und in Teheran unterschiedlich aussieht, aber einen gemeinsamen Nenner hat: Zeit. Russland hat Gründe, in Gesprächen zu bleiben, ohne zu liefern. Wer glaubt zu gewinnen, unterschreibt selten schnell. Russische Führungskreise gehen offenbar davon aus, dass die langsamen Geländegewinne an der Front, kombiniert mit den Angriffen auf Infrastruktur und dem Verschleiß der ukrainischen Gesellschaft, die Verhandlungsposition verbessern. Jede Woche ohne Abschluss kann aus Moskauer Sicht ein Vorteil sein, wenn sie zusätzliche Hebel schafft. Das Problem in der Ukraine-Frage ist, dass Washington militärischen Druck nicht in gleicher Weise erhöht, sondern teilweise reduziert. Die direkte Versorgung der Ukraine mit Waffen wurde gebremst. Gleichzeitig wird an anderer Stelle Druck aufgebaut, etwa durch Maßnahmen gegen die russische Schattenflotte beim Ölhandel und durch die Idee, wirtschaftliche Annäherung oder Investitionen in Aussicht zu stellen, wenn ein Deal verkündet werden kann. Das ist eine riskante Mischung: weniger Unterstützung für Kyjiw auf dem Schlachtfeld, verbunden mit der Erwartung, dass die Ukraine bei politischen Fragen nachgibt, während Russland den Vorteil der Zeit nutzt.
In der Ukraine wächst deshalb der Eindruck, dass sich der Druck ungleich verteilt. Ukrainische Offizielle sprechen davon, dass Washington Zugeständnisse sehen will, um bis zum Frühsommer einen Abschluss präsentieren zu können. Russland wiederum muss in dieser Logik vor allem eines: am Tisch bleiben, freundlich genug wirken, um nicht als Blockierer dazustehen, und zugleich auf dem Feld weiter Druck machen. Dass die Ukraine versucht, die Kosten des russischen Vormarschs hochzutreiben, zeigt sich in lokalen Gegenangriffen, etwa entlang natürlicher Barrieren wie Flussläufen im Osten, wo ukrainische Einheiten zuletzt wieder Positionen zurückgewonnen haben sollen. Das sind taktische Erfolge. Sie ersetzen keine strategische Absicherung.
Am Ende steht eine Wahrheit, die in Genf niemand laut aussprechen muss, weil sie in jeder Zeile mitschwingt: Der größte Abstand liegt nicht zwischen Gesprächsformaten, sondern zwischen Zielen. Russland will Territorium und Einfluss. Die Ukraine will Schutz und Wiederaufbau ohne erneute Unterwerfung. Die Vereinigten Staaten wollen einen Deal, der innenpolitisch als Erfolg verkauft werden kann. Europa will Stabilität, wird aber nicht als gleichwertiger Akteur behandelt. Solange diese Interessen nicht offen miteinander kollidieren und in konkrete, belastbare Vereinbarungen gegossen werden, bleiben Gespräche Gespräche.
Und solange in derselben Nacht Raketen und Drohnen das Stromnetz treffen, bleibt die Skepsis der Ukrainer nicht Zynismus, sondern Erfahrung. Genf ist ein Ort für Papier. In der Ukraine entscheidet weiterhin der Winter, der Strom, das Wasser, die Luftabwehr, die Erschöpfung. Wer Frieden will, muss an den Punkten arbeiten, an denen es weh tut: Territorium, Garantien, Durchsetzbarkeit, Kontrolle. Alles andere ist Aufschub.
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Die Ukraine werden von wirklich Allen im Stich gelassen.
Russland bombt und tötet Zivilisten
Die USA wollen Deals, vor allem für Trumps Tasche.
Wieso hakt Niemand in den USA nach, wieso Kushner, nicht gewählt, ohne Regierungsaufttrag diese „Verhandlungen“ führt?
Europa lässt sich an den Rand drängen.
Die Empörung dazu hält sich in Grenzen 😞
Und das Die Gespräche für die USA kein solch Gewicht haben, sieht man daran, dass im Akkord auch mit dem Iran verhandelt wird.
Trump bekommt seine Deals… entweder mit der Ukraine oder eben mit Russland.
Ich habe keine Lösung für die Ukraine.
Und diese Hoffnungslosigkeit für die Ukrainer ist furchtbar 😞
…bei der politischen lage wird es kaum eine lösung geben, weil keiner ein zulassen möchte …und daher ist der weg russland zu sanktionieren, das es kracht