Geld für schlimmste Hetze gegen queere Menschen: Meta lässt rechte und rassistische Hass-Accounts auf Facebook mitverdienen

byTEAM KAIZEN BLOG

16. October 2026

Berlin (KB) – Mindestens 29 Facebook-Konten, die durch queerfeindliche Äußerungen aufgefallen sind, verdienen über ein Vergütungsprogramm des Meta-Konzerns Geld. Ein journalistisches Gemeinschaftsprojekt legt nun offen, wie ein Unternehmen, das öffentlich gegen Hass und Diskriminierung vorgehen will, ausgerechnet solchen Akteuren Zugang zu seinen Einnahmen verschafft. Das 2024 eingeführte Programm belohnt Veröffentlichungen nach ihrer Reichweite und den Reaktionen der Nutzer. Je mehr Menschen reagieren, desto attraktiver wird der Beitrag für das Geschäft. Ob die Aufmerksamkeit aus Zustimmung oder Empörung entsteht, ändert zunächst wenig an der wirtschaftlichen Rechnung.

Einzelne Teilnehmer berichten von monatlichen Einnahmen zwischen 20.000 und 30.000 Dollar, andere sogar von sechsstelligen Beträgen. Diese Summen sind allerdings keine nachgewiesenen Zahlungen an die 29 untersuchten Konten. Wie viel Geld die einzelnen Betreiber tatsächlich erhalten haben, bleibt unbekannt. Fest steht nach Auswertung der öffentlich zugänglichen Angaben, dass sie Zugang zum Vergütungssystem besitzen. Darunter befinden sich Personen, die gegen queere Menschen hetzen und unbelegte Behauptungen verbreiten. Die Aussicht auf Geld besteht also auch dort, wo Facebook nach seinen eigenen Regeln eigentlich einschreiten müsste.

Ausgerechnet die Regeln des Konzerns sehen Einschränkungen für Beiträge vor, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität in aufhetzender Weise behandeln. Auch Falschinformationen sollen von der Vergütung ausgeschlossen sein. Dennoch waren die untersuchten Konten nach dem letzten ausgewerteten Datenstand vom 15. September weiterhin in das Programm aufgenommen. Meta beantwortete die Anfragen zu diesen Widersprüchen nicht. Während der Konzern seine Einnahmen aus Werbung erzielt, können Betreiber solcher Seiten an der Aufmerksamkeit mitverdienen, die ihre Veröffentlichungen erzeugen. Die entscheidende Frage bleibt, weshalb die selbst gesetzten Grenzen offenbar so wenig Wirkung zeigen.

Von Libs of TikTok bis Candace Owens: Wer bei Meta mitverdienen darf

Chaya Raichik, Betreiberin von Libs of TikTok, hat wiederholt queere Lehrkräfte und Einrichtungen angegriffen. Am 14. September nahm sie eine Schule im US-Bundesstaat Washington ins Visier, weil diese auf ihrem Facebook-Profil eine Regenbogenflagge zeigte. In anderen Veröffentlichungen bezeichnete sie Menschen, die sich für die Rechte queerer Personen einsetzen, als gefährliche Einflussnehmer auf Kinder. Ihre Seite gehört zu den mindestens 29 Konten, denen Meta den Zugang zu seinem Vergütungsprogramm ermöglicht. Frühere Untersuchungen brachten Veröffentlichungen von Libs of TikTok mit zahlreichen anschließenden Gewaltandrohungen gegen Schulen und andere Einrichtungen in Verbindung.

„Libs of TikTok“ bezeichnet Menschen, die sich für die Rechte von trans Personen einsetzen, pauschal als „ekelhafte Kinderschänder“. Der Account gehört zu jenen, die trotz solcher Hetze über Metas Vergütungsprogramm auf Facebook Geld verdienen können.

Unter den Begünstigten findet sich auch Candace Owens, die seit längerer Zeit unbelegte Behauptungen über Brigitte Macron verbreitet und deren Geschlechtsidentität zum Gegenstand öffentlicher Angriffe macht. Ebenfalls vertreten ist die konservative Organisation Turning Point USA, die von Charlie Kirk gegründet wurde. Hinzu kommen der rechte Kommentator Benny Johnson und der Zeichner StoneToss, dessen Veröffentlichungen neonazistische Inhalte aufgreifen. StoneToss verspottete Ende August in einem Comic die Suizidrate unter trans Menschen.

Besonders bemerkenswert ist die Behandlung solcher Veröffentlichungen durch Facebook selbst. Die Plattform verbietet nach ihren Vergütungsrichtlinien herabwürdigende Äußerungen und bestimmte Formen von Hass. Wiederholte Verstöße können zum Ausschluss von finanziellen Leistungen führen. Raichik wiederum hat öffentlich von einem Kult gesprochen, der Kinder sexuell missbrauche, und damit Menschen aus der queeren Gemeinschaft gemeint. Welche ihrer einzelnen Veröffentlichungen tatsächlich vergütet wurden, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht feststellen. Dass solche Konten weiterhin am Programm teilnehmen konnten, ist jedoch dokumentiert. Meta muss sich damit an seinen eigenen Regeln messen lassen.

Vor den US-Kongresswahlen verdient Facebook auch an zweifelhaften Wahlbehauptungen

Im Oktober veröffentlichte der rechte Kommentator Benny Johnson innerhalb einer einzigen Woche 14 Facebook-Beiträge, in denen er die Demokratische Partei mit angeblichem Wahlbetrug in Verbindung brachte. Nachweise für die verbreiteten Behauptungen lieferte er nicht. Auch Libs of TikTok beschuldigte die Demokraten öffentlich, Wahlen manipulieren zu wollen. Beide Konten gehören zum Vergütungsprogramm von Meta. Wenige Wochen vor den amerikanischen Kongresswahlen stellt sich damit die Frage, weshalb ein Unternehmen die Betreiber solcher Seiten finanziell beteiligt, während ihre Veröffentlichungen das Misstrauen gegenüber demokratischen Wahlen verstärken können.

„Benny Johnson verbreitet auf Facebook unbelegte Anschuldigungen gegen amerikanische Politiker mit Einwanderungsgeschichte oder muslimischem Hintergrund. Mehrere seiner Veröffentlichungen bedienen rassistische und antimuslimische Vorurteile. Besonders problematisch ist, dass Johnson zu den Konten gehört, die an Metas Vergütungsprogramm teilnehmen. Damit besteht sogar die Möglichkeit, dass solche Veröffentlichungen Einnahmen erzeugen.

Die Untersuchung brachte noch einen weiteren bemerkenswerten Befund hervor. Obwohl Facebook politische Parteien und staatliche Einrichtungen grundsätzlich von bestimmten Vergütungen ausschließt, wurden mindestens acht offizielle Seiten der Republikanischen Partei als Teilnehmer bestätigt. Darunter befand sich die Parteiorganisation im Bundesstaat Georgia. Die niederländische Organisation What To Fix hatte bei ihrer Untersuchung sogar Hunderte politische oder staatliche Konten innerhalb des Programms gefunden.

Der politische Zusammenhang reicht bis in die Unternehmensführung. Meta verpflichtete den konservativen Aktivisten Robby Starbuck als Berater gegen angebliche politische Voreingenommenheit seiner Systeme. Starbuck hatte zuvor unter anderem die Verschwörungsbehauptung verbreitet, Pestizide könnten Kinder homosexuell machen. Im April unterstützte Meta zudem eine Feier für die rechte Kommentatorin Isabel Brown, die Menschen öffentlich dazu aufgefordert hatte, ihre queere Lebensweise aufzugeben. Beide nehmen ebenfalls am Vergütungsprogramm teil. Wissenschaftler wie Courtney Radsch warnen davor, dass die finanzielle Förderung solcher Akteure Desinformation und gezielte Belästigung verstärken könne. Die Entscheidung darüber, wer Geld erhält, liegt beim Konzern. Eine nachvollziehbare Erklärung, nach welchen Maßstäben er dabei tatsächlich verfährt, fehlt.

Europäische Regeln gegen Meta: Millionen Konten, fragwürdige Zahlungen und eine Beschwerde

Mehr als 18 Millionen Konten hat die niederländische Organisation What To Fix im Vergütungsprogramm von Meta erfasst. Das Unternehmen entscheidet selbst, wer teilnehmen darf und welche Veröffentlichungen Geld einbringen. Wie diese Entscheidungen im Einzelnen zustande kommen, bleibt weitgehend verborgen. Nach Einschätzung der Organisation sind die Kontrollen unzureichend. Teilweise fehle schon eine verlässliche Überprüfung der Identität der Teilnehmer. Gleichzeitig könne Meta Konten finanziell fördern, deren Betreiber durch Desinformation oder menschenfeindliche Veröffentlichungen auffallen.

Im September reichte What To Fix deshalb eine Beschwerde gegen Meta vor europäischen Gerichten ein. Gegenstand sind elf Konten, die im Zusammenhang mit prorussischer Propaganda von der Europäischen Union sanktioniert wurden und dennoch finanzielle Unterstützung über Metas System erhalten haben sollen. Die Organisation sieht darin einen möglichen Verstoß gegen die Pflichten zur Risikominderung aus dem europäischen Gesetz über digitale Dienste. Dieses verpflichtet große Plattformen, systemische Risiken zu untersuchen und geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Eine automatische Strafbarkeit jeder problematischen Veröffentlichung ergibt sich daraus allerdings nicht.

Der Konflikt berührt auch Metas Umgang mit Falschinformationen. Anfang 2025 beendete der Konzern in den Vereinigten Staaten seine bisherige Zusammenarbeit mit unabhängigen Faktenprüfern. Gleichzeitig sehen seine Vergütungsregeln weiterhin Einschränkungen für Inhalte vor, die von solchen Prüfern als falsch eingestuft wurden. Wie dieser Widerspruch in der Praxis aufgelöst werden soll, bleibt offen. What To Fix fordert deshalb unter anderem eine deutliche Kennzeichnung bezahlter Konten und bessere Möglichkeiten, Verstöße gegen die Vergütungsregeln zu melden. Für die europäischen Behörden stellt sich eine konkrete Aufgabe: zu prüfen, ob Meta seine gesetzlichen Pflichten erfüllt, wenn selbst sanktionierte Akteure über die Plattform wirtschaftlich profitieren können.

Unsere weiteren Recherchen zeigen, wie weit Metas Entscheidungen reichen

Am 7. Januar 2025 änderte Meta seine Regeln für menschenfeindliche Äußerungen. Seitdem enthalten die Bestimmungen eine ausdrückliche Ausnahme für Behauptungen, Menschen seien wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Geschlechts psychisch krank oder unnormal. Zur Begründung verwies das Unternehmen auf politische und religiöse Debatten über Homosexualität und trans Menschen. Damit öffnete Meta einer Behauptung die Tür, die medizinisch längst widerlegt ist. Die amerikanische Psychiatrievereinigung strich Homosexualität bereits 1973 aus ihrer Liste psychischer Erkrankungen. Auch eine trans Identität gilt für sich genommen nicht als psychische Störung. Zuckerberg ließ dennoch Regeln ändern, die solche Zuschreibungen ausdrücklich gestatten. Eine über Jahrzehnte medizinisch widerlegte Behauptung erhielt damit einen ausdrücklich vorgesehenen Platz in den Veröffentlichungsregeln einer der größten Kommunikationsplattformen der Welt.

Im Januar 2025 entfernte Meta außerdem aus seinem Nachrichtendienst Messenger die zuvor angebotenen Gestaltungen für trans und nichtbinäre Menschen. Die farblichen Entwürfe orientierten sich an den jeweiligen Gemeinschaftsflaggen und waren über Jahre Bestandteil der Anwendung gewesen. Ihre Entfernung fiel zeitlich mit der Lockerung der Regeln gegen queerfeindliche Äußerungen zusammen. Eine gemeinsame politische Anweisung für beide Entscheidungen ist bislang nicht nachgewiesen. Auffällig bleibt, dass Meta zuvor ausdrücklich mit solchen Angeboten um Anerkennung queerer Menschen geworben hatte. Nun verschwanden diese Gestaltungen aus der Auswahl, während das Unternehmen zugleich bestimmte herabwürdigende Aussagen über homosexuelle und trans Menschen erlaubte. Selbst in privaten Unterhaltungen wurde damit eine bisher angebotene Möglichkeit der persönlichen Gestaltung gestrichen.

Der Sicherheitsbericht der amerikanischen Organisation GLAAD vom Mai 2026 beschreibt zudem, wie rechtmäßige Veröffentlichungen queerer Menschen auf sozialen Plattformen entfernt oder in ihrer Sichtbarkeit eingeschränkt werden. Beiträge werden teilweise fälschlich als sexuell anstößig eingestuft. Die Organisation kritisiert eine übermäßige Abhängigkeit von automatisierten Entscheidungen ohne ausreichende menschliche Überprüfung. Hinzu komme eine unzureichende Schulung der zuständigen Mitarbeiter. GLAAD fordert deshalb, automatische Systeme sollten verdächtige Inhalte zur menschlichen Prüfung weiterleiten, anstatt Veröffentlichungen eigenständig zu löschen. Besonders schwer wiegt der gleichzeitige Vorwurf, dass Plattformen zu wenig gegen tatsächlich queerfeindliche Angriffe unternehmen. Bei Meta treffen diese Widersprüche auf Unternehmensregeln, die ausgerechnet bestimmte herabwürdigende Aussagen ausdrücklich erlauben.

Ein schwuler Schuhplattlerverein aus Berlin wird gedrosselt, während Hetz-Konten Geld verdienen

Der Berliner Schuhplattlerverein Querplattler veröffentlicht auf Facebook und Instagram regelmäßig Informationen über seine Veranstaltungen. Vor rund vier Wochen erhielt der Verein nach eigenen Angaben die Mitteilung, seine Reichweite werde eingeschränkt. Begründung: Verstöße gegen die Richtlinien des Unternehmens. Welche konkreten Veröffentlichungen beanstandet wurden, wollte Meta dem Verein jedoch nicht mitteilen. Selbst nach einem Widerspruch blieb die Beschränkung bestehen. Die Betroffenen vermuten, dass bereits Begriffe wie „schwul“, „gay“ oder „queer“ zur Einschränkung geführt haben könnten. Belegt ist diese Vermutung bislang nicht.

Besonders bitter erscheint der Vorgang angesichts der gleichzeitig bekannt gewordenen Zahlungen an Konten mit queerfeindlicher Vergangenheit. Während deren Betreiber am Vergütungsprogramm teilnehmen, berichten queere Organisationen immer wieder von gelöschten Veröffentlichungen und eingeschränkten Konten. Die amerikanische Organisation GLAAD kritisiert seit längerem den Umgang des Konzerns mit Inhalten über sexuelle Gesundheit, HIV-Prävention oder geschlechtliche Transition. Solche Veröffentlichungen würden teilweise fälschlich als Pornografie oder Werbung für sexuelle Dienstleistungen eingeordnet.

Selbst Beiträge über Beziehungen und den gewöhnlichen Alltag trans oder nichtbinärer Menschen seien betroffen. Automatische Altersbeschränkungen und Löschungen erschweren die Arbeit der Betroffenen zusätzlich. Ein queerer Aktivist berichtete, dass fast sämtliche Reaktionen auf seine Facebook-Veröffentlichungen feindselig gewesen seien. Er habe sich deshalb trotz finanzieller Anreize wieder zurückgezogen.

Die Berliner Querplattler wandten sich inzwischen unter Berufung auf das europäische Gesetz über digitale Dienste an die Bundesnetzagentur. Dort wurde ihnen mitgeteilt, die Bearbeitung könne wegen der hohen Zahl eingehender Beschwerden bis zu zehn Monate dauern. Ein Verein möchte seine Veranstaltungen bekannt machen und bekommt keine verständliche Begründung für seine eingeschränkte Reichweite. Gleichzeitig dürfen Konten mit dokumentierter queerfeindlicher Vergangenheit an Metas Vergütungsprogramm teilnehmen. Ein bemerkenswerter Unterschied im Umgang mit den eigenen Regeln.

Subscribe
Notify of
guest
0 Comments
Oldest
Newest Most Voted
0
Would love your thoughts, please comment.x
()
x