Heute haben wir auf Facebook zunächst kommentarlos ein schwarzes Rechteck veröffentlicht und es später durch ein graues ersetzt. Wir wollten damit etwas sichtbar machen, das hinter den Mauern amerikanischer Abschiebegefängnisse kaum jemand wahrnimmt: die Verzweiflung unschuldiger Menschen, für die jeder weitere Tag in Haft zwischen Schwarz und Grau verschwimmt. Ohne Hilfe haben viele von ihnen kaum eine Chance. Deshalb ist die Zusammenarbeit zwischen investigativem Journalismus, Anwälten und Menschenrechtsorganisationen so entscheidend. Doch diese Arbeit braucht auch eine Gesellschaft, die hinsieht und sie unterstützt. Menschenrechte kennen keine Grenzen. Was heute in den USA geschieht, kann Europa schneller erreichen, als viele glauben. Deshalb wird auch für die Zukunft europäischer Freiheitsrechte bereits in Amerika gekämpft. Wenn man diesen Kampf dort verliert, werden die Stunden auch in anderen Regionen irgendwann zu einem bedrückenden Gemisch aus Schwarz und Grau verschwimmen.

Am 21. Oktober 2026 verließ Michelle einen Zahnarzttermin in Portland, Oregon. Wenig später wurde sie vor einer Filiale der Billigmarktkette Dollar Tree von Beamten der amerikanischen Einwanderungspolizei ICE festgenommen. Eine junge Frau, die nach Angaben ihrer Angehörigen ganztags arbeitet und gleichzeitig ein Vollzeitstudium absolviert, wurde aus ihrem Alltag gerissen und in ein System gebracht, in dem selbst ihr Aufenthaltsort für Stunden zur unbekannten Größe werden kann. Freunde beschreiben sie als hilfsbereit und freundlich, ihre Familie als geliebte Tochter. In ihrer Kirchengemeinde ist sie aktiv. Zurück blieb eine Familie, die Geld für anwaltlichen Beistand sammeln muss, um überhaupt um ihre Rückkehr kämpfen zu können.
Inzwischen befindet sich Michelle im Bundesstaat Washington. Ihre Angehörigen schildern eine Verlegung, die ihnen abermals vor Augen führte, wie wenig Gewissheit ihnen die Behörden zugestehen. Gegen 8 Uhr morgens wurde sie aus der Haftanstalt in Tacoma zu einer weiteren Einrichtung gebracht, ungefähr 30 Minuten entfernt. Erst gegen 20:30 Uhr kehrte sie zurück. Rund 12 Stunden lang konnten Angehörige und Freunde sie nicht besuchen. Weder der Einwanderungsanwalt noch einer von uns konnte sie sprechen, weil die Behörden argumentierten, man wüsste nicht, wo sie sich befindet und wann sie zurückkommen werde. Die Vorstellung, ein Rechtsbeistand müsse erst herausfinden, wohin seine Mandantin gebracht wurde, wirft eine schlichte Frage auf: Wie soll ein Mensch seine Rechte wahrnehmen, während diejenigen, die ihn festhalten, selbst seinem Anwalt den Zugang praktisch unmöglich machen? Schließlich gelang es uns, Michelle im Northwest ICE Processing Center in Tacoma, Washington, ausfindig zu machen und diese Informationen an die Familie weiterzuleiten.
Michelle wusste zeitweise selbst nicht genau, wo sie hingebracht worden war. Etwa 12 Stunden musste sie sich einer Befragung stellen. Danach gelang immerhin telefonischer Kontakt. Ein Familienmitglied konnte am Abend mit ihr sprechen und am folgenden Morgen erneut. Michelle bemühe sich, stark zu bleiben und ihren Mut zu bewahren, heißt es in der Mitteilung. Die Angst verschwindet deshalb nicht. Zum Zeitpunkt dieser Schilderung lagen noch 10 Tage bis zum Gerichtstermin vor ihr, fern von den Menschen, die sie kennen. Die Uhr läuft für eine Inhaftierte anders als für die Behörde. Für Michelle verschwimmen die Stunden zu einem bedrückenden Gemisch aus Schwarz und Grau, beherrscht von der Ungewissheit, was als Nächstes mit ihr geschieht. Für die Verantwortlichen scheint selbst die verlässliche Auskunft über ihren Aufenthaltsort zu viel verlangt.
Die Anhörung ist für den 3. November angesetzt. Wenigstens soll Michelle bis dahin in Washington bleiben, in erreichbarer Nähe ihrer Familie und ihres rechtlichen Beistands. Die Angehörigen wollen erreichen, dass sich am Montag entweder der Einwanderungsanwalt oder ihr Zivilrechtsanwalt mit ihr treffen könne. Möglichst schnell soll eine Anhörung über ihre Freilassung gegen Kaution beantragt werden, damit sie während des laufenden Verfahrens nach Hause zurückkehren kann. Daneben bereitet die anwaltliche Vertretung einen Antrag auf gerichtliche Überprüfung der Haft vor. Ob eines dieser Mittel Erfolg hat, ist offen. Der juristische Weg kostet erheblich Geld. Wie lange er dauert, weiß niemand.
Während andere nach einem Zahnarzttermin wieder nach Hause gehen, wartet Michelle auf eine gerichtliche Entscheidung über ihre Freiheit. Die Behörden verfügen über die Schlüssel. Ihre Angehörigen müssen darum kämpfen, dass der Anwalt wenigstens erfährt, hinter welcher Tür sie sitzt.
ICE verhaftet den falschen Mann und behält ihn trotzdem: Seit Monaten wartet der „Bürgermeister von Conway“ auf seine Freiheit

25 Jahre seines Lebens passen in einen Karton. Steuerbelege, Sozialversicherungsunterlagen und sorgfältig abgeheftete Schreiben amerikanischer Behörden. Juan Gerardo Alatorre Martinez hat sie aufbewahrt, weil er seit mehr als 20 Jahren auf seine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung wartet. Der gebürtige Mexikaner kam mit 19 Jahren in die Vereinigten Staaten. Heute ist er 46, arbeitet an einer Tankstelle in Conway im Bundesstaat Washington und sitzt seit Juli 2026 im Abschiebegefängnis von Tacoma. Die amerikanische Einwanderungspolizei ICE nahm ihn fest. Nur hat ICE den falschen Mann eingesperrt. Ein Beamter der Einwanderungsbehörde hat das sogar eingeräumt. Man suche eigentlich jemand anderen, hat der Beamte gesagt. Da Martinez nun aber schon vor ihnen stehe, würden sie ihn trotzdem mitnehmen. Eine Verwechslung, die offenbar ausreichte, um einem Menschen monatelang seine Freiheit zu nehmen.

„Hanna Youssef, Besitzer der Red Barn Tankstelle, erklärte, dass Juan Martinez seinen Arbeitsplatz zurückbekomme, sobald er aus der ICE-Haft entlassen werde.“
Conway zählt rund 50 Einwohner. Martinez nennen sie dort den „inoffiziellen Bürgermeister“. Er kennt die Menschen, hilft, wo jemand Unterstützung braucht, und begleitet Mitarbeiterinnen eines Kaffeeverkaufs abends zu ihren Autos. Als die Bankkarte des 37-jährigen Brett Baugh an der Tankstelle nicht funktionierte, lieh Martinez ihm 25 Dollar. Gute Dinge geschehen, wenn Menschen einander Gutes täten, habe er Baugh erklärt. Dieser erinnert sich an jemanden, der nach diesem Grundsatz tatsächlich lebe. Jetzt sitzt ausgerechnet dieser Mann hinter Gittern. Seine Bekannten sammeln Geld für die Verteidigung, die Tankstellenbesitzerin Hanna Youssef hält seinen Arbeitsplatz frei. Die anhaltende Anwesenheit von ICE in ihrem Ort, 50 Einwohner, inzwischen sogar dem Geschäft. Die Beamten sollten sich um Kriminelle kümmern, findet sie, anstatt hart arbeitende Menschen festzunehmen.
Martinez hatte seine Papiere über Jahre geordnet, Steuern gezahlt und auf einen legalen Aufenthaltsstatus hingearbeitet. Sein Bruder, amerikanischer Staatsbürger, stellte den entsprechenden Antrag. Für Geschwister amerikanischer Staatsbürger gelten lange Wartezeiten. Sein Leben in Amerika ging währenddessen weiter. Im Juli wurde er vor seiner Arbeit festgenommen, als er in einem geliehenen Auto saß. Martinez vermutet, die Beamten hätten eigentlich dessen Besitzer gesucht. Das Heimatschutzministerium verweist dagegen auf zwei frühere Festnahmen und rechtliche Verstöße. Nur finden kann man diese neuen Vorwürfe nicht. Das ergaben unsere Recherchen. Über eine Abschiebung oder weitere Inhaftierung entscheiden die zuständigen Behörden und Gerichte. Bis dahin verbringt Martinez seine Tage im Northwest ICE Processing Center in Tacoma.
Die unhygienischen Zustände und die unzureichende medizinische Versorgung dort, sind uns bekannt. Seine erste Hoffnung richtete sich auf den 8. Oktober. An diesem Tag fand eine Anhörung statt, doch die Freilassung blieb aus. Zunächst müsse eine weitere Überprüfung seiner Vergangenheit abgeschlossen werden. Wie bereits erwähnt, in seiner Vergangenheit nicht die kleinste Verfehlung. Wie lange diese dauere, konnte niemand verbindlich mitteilen. Als nach dem Stand gefragt wurde, verwies ICE an eine Stelle des Justizministeriums, die ihrerseits keine Antwort gab. Ein Mann bleibt eingesperrt, während Behörden Zuständigkeiten weiterreichen. Die nächste Anhörung ist für den 5. November angesetzt. Selbst der demokratische Kongressabgeordnete Rick Larsen hat sich nun eingeschaltet, nachdem man ihm den Fall vorgelegt hat. Er verlangt, dass ICE denselben rechtlichen Regeln folge wie andere Strafverfolgungsbehörden.
Nachbarn und Unterstützer sammeln für seine rechtliche Verteidigung. Sein langjähriger Freund Tim Ferrell, für den Martinez früher Gartenarbeiten erledigte, übernahm einen erheblichen Teil der Anwaltskosten, und bewahrt dessen Unterlagen aus mehr als 20 Jahren auf.“ Martinez selbst klingt inzwischen erschöpft. Er wolle endlich herauskommen, wisse langsam nicht mehr weiter und spüre, wie seine Verbitterung wachse. Menschen in Conway erinnern sich an seine Hilfsbereitschaft. Die amerikanische Regierung hält ihn weiterhin fest. Selbst wenn die Behörden rechtliche Gründe für die Haft geltend machen, bleibt eine Frage unerträglich: Wie kann ein Beamter nach Darstellung des Betroffenen eingestehen, den falschen Menschen vor sich zu haben, und ihn trotzdem abführen? Martinez wartet seit 25 Jahren darauf, in Amerika dauerhaft bleiben zu dürfen. Seit Juli wartet er darauf, wenigstens wieder an seiner Tankstelle arbeiten zu können.
To be continued ...
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