Ein Sofa, zwei Frauen, ein Foto – und der Schatten, der bleibt

VonRainer Hofmann

Februar 1, 2026

Die jüngste Veröffentlichung aus dem Bestand der US-Justizbehörden bringt eine Konstellation ans Licht, die weniger durch neue Vorwürfe auffällt als durch ihre Schlichtheit. Ein Sofa, zwei junge Frauen, daneben Jeffrey Epstein – und am rechten Rand Brett Ratner, Regisseur des jüngst veröffentlichten Films über Melania Trump. Die Fotos stammen aus dem aktuellen Aktenpaket des Department of Justice. Die Gesichter der beiden Frauen sind geschwärzt, ihre Identitäten unklar. Ratner sitzt entspannt, die Arme um eine der Frauen gelegt, lächelt. Epstein sitzt daneben. Auch in einer weiteren Aufnahme lächeln beide in die Kamera.

Der Kontext dieser Bilder ist bekannt, aber nie neutral. Die Justiz veröffentlicht sie als Teil eines umfangreichen, aber unvollständigen, Aktenbestands, der das soziale Umfeld Epsteins dokumentiert. Es sind keine Anklagen, keine Urteile, keine Beweise für konkrete Taten. Dafür werden zu viele Informationen zurückgehalten, der Kontext ist gleich null. Es sind Momentaufnahmen. Genau darin liegt ihre Sprengkraft. Denn sie verankern Namen, Karrieren und Macht in einem Raum, der rückblickend nicht mehr unschuldig betrachtet werden kann. Für Ratner ist das Auftauchen der Fotos mehr als ein kleines Ereignis. Der Regisseur, der mit Blockbustern berühmt wurde, hat mit „Melania“ sein erstes großes Projekt seit den Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens aus dem Jahr 2017 vorgelegt. Mehrere Frauen hatten ihn damals beschuldigt. Ratner wies die Vorwürfe zurück, zog sich jedoch über Jahre aus der Branche zurück. Der Film über die First Lady markierte seine Rückkehr – finanziell erfolgreich, kritisch verrissen. Für die weltweiten Lizenzrechte zahlte Amazon einen hohen zweistelligen Millionenbetrag, hinzu kam ein massiver Marketingeinsatz.

Die neuen Fotos verbinden diese Rückkehr nun erneut mit Epsteins Milieu. Hinzu kommt ein weiteres Detail aus früheren Veröffentlichungen: Ratner wurde bereits zuvor in Epstein-Zusammenhängen gezeigt, unter anderem neben Jean-Luc Brunel, dem französischen Modelagenten, Schlüsselfigur, der später wegen Vergewaltigung eines Kindes angeklagt wurde und 2022 tot in seiner Gefängniszelle aufgefunden wurde. Auch hier gilt: Fotos sind keine Urteile. Aber sie sind Dokumente von mehr als nur sozialer Nähe.

Bemerkenswert ist, wie nüchtern die Akten sprechen. Keine Bewertung, keine Einordnung, nur Bilder, Zeitpunkte, Orte. Die Deutung überlassen sie der Öffentlichkeit. Ratner äußerte sich zu den jüngsten Aufnahmen nicht. Bei der Premiere seines Films hatte er noch über die porträtierte Frau gesagt, er habe sie nicht gekannt, sei aber sofort von ihr eingenommen gewesen. Der Satz klingt harmlos. Im Kontext der Bilder wirkt er mindestens unbedacht. Die Wahrheit dürfte eine andere sein.

Was bleibt, ist kein Beweis, sondern eine offene Rechnung der Öffentlichkeit mit einem System aus Zugang, Nähe und Abschirmung. Wer auf Epsteins Sofas saß, tat das in einer Zeit, in der vieles sichtbar war und doch folgenlos blieb. Die Akten zeigen keine neuen Verbrechen. Sie zeigen, wie normal die Nähe zu einem später überführten Sexualstraftäter für Teile der Elite war. Und sie zeigen, dass ein Comeback, selbst wenn es wirtschaftlich gelingt, den Schatten nicht abschüttelt. Die Veröffentlichung wirft nicht nur Fragen auf. Sie erzwingt auch etwas anderes: Erinnerung. Und die Einsicht, dass Bilder aus der Vergangenheit in der Gegenwart ihre Wirkung entfalten – auch dann, wenn niemand auf ihnen verurteilt wird. Noch nicht.

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