Im deutschen Telegram-Raum entsteht seit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine eine Parallelöffentlichkeit, die in Umfang und Struktur lange unterschätzt wurde. Rund 9.500 Kanäle lassen sich statistisch Deutschland zuordnen. Ihre tatsächliche Reichweite ist schwer exakt zu bestimmen, weil sich Zielgruppen überschneiden, doch der kombinierte Zugriff liegt bei zig Millionen Abrufen. Innerhalb dieses Geflechts verbreiten etwa 330 Kanäle systematisch prorussische Desinformation. Unter den als „Nachrichten und Politik“ kategorisierten Accounts entfällt nahezu die Hälfte der Reichweite auf diese Strukturen.

Was diese Grafik zeigt, ist kein bunter Themenmix, sondern eine klare Schwerpunktsetzung.
Mehr als die Hälfte der Beiträge – 55,6 Prozent – drehen sich direkt um Russland, die Ukraine und den Westen im Kontext des Krieges. An erster Stelle steht „Kritik am Westen, Unterstützung für Russland“ mit 11,11 Prozent. Dahinter folgen europäische Sicherheit im Ukraine-Krieg, deutsche Innenpolitik und Sanktionen. Das heißt: Der Fokus liegt nicht auf Kultur, Alltag oder sozialen Fragen, sondern auf geopolitischer Deutung. Auffällig ist auch, wie sich typische Anschlussfelder einfügen: „Medienlügen“, „Zensur“, „Waffenlieferungen“, „Aufrüstung Europas“, „Migranten“, „COVID“, „Kriminalität“. Das sind Themen, die emotional mobilisieren und sich leicht mit einer pro-russischen Argumentationslinie verbinden lassen. Selbst wenn einzelne Prozentzahlen niedrig wirken, entsteht in der Summe ein konstantes Grundrauschen.
Entscheidend ist: Diese Kanäle sind laut Definition klar mit Russland verbunden – über Sprache, Symbolik oder offene Selbstbeschreibung. Und sie bespielen systematisch politische Konfliktfelder in Deutschland und Europa. Nicht zufällig, nicht beiläufig, sondern strukturiert. Das Bild, das hier entsteht, ist kein chaotisches Telegram-Geraune. Es ist ein thematisch fokussiertes Dauerfeuer mit klarer Zielrichtung.

Die Liste der zehn größten Telegram-Kanäle der ersten Gruppe zeigt, wie breit dieses Netzwerk im deutschsprachigen Raum aufgestellt ist. An der Spitze stehen „Neues aus Russland“ mit über 170.000 Abonnenten und „Anti-Spiegel“ mit mehr als 126.000. Dahinter folgen weitere reichweitenstarke Accounts, darunter der russischsprachige Kanal von Alexander Sosnowski, „Russländer & Friends DE“ sowie „DeutschRussische Freundschaft“. Auffällig ist nicht nur die Größe einzelner Kanäle, sondern ihre Parallelität. Deutschsprachige Angebote stehen neben russischsprachigen Profilen, offen prorussische Formate neben vermeintlich allgemeinpolitischen Accounts. Gemeinsam erreichen sie ein Publikum im sechsstelligen Bereich – dauerhaft, nicht punktuell.
Die Struktur deutet auf ein abgestuftes System hin: wenige sehr große Kanäle mit klarer politischer Linie, flankiert von kleineren, die Inhalte weitertragen und verstärken. So entsteht kein kurzfristiger Hype, sondern eine kontinuierliche Präsenz bestimmter Positionen im deutschsprachigen Telegram-Raum.
Nur eine Handvoll dieser Kanäle richtet sich offen an die russischsprachige Diaspora. Der überwiegende Teil publiziert ausschließlich auf Deutsch und ist in den innenpolitischen Diskurs eingebettet. Auffällig ist die Geschwindigkeit, mit der viele dieser Accounts seit Februar 2022 gewachsen sind. Kanäle, die zuvor kaum wahrnehmbar waren, erreichten binnen Wochen sechsstellige Abonnentenzahlen. Dieser Anstieg fiel zeitlich mit der massiven medialen Mobilisierung russischer Staatspropaganda zusammen.

Die Grafik zeigt die Reichweite deutschsprachiger Telegram-Kanäle im Bereich Nachrichten und Politik, aufgeschlüsselt nach durchschnittlichen Aufrufen pro Beitrag. Auffällig ist: Zwar gibt es insgesamt deutlich weniger pro-russische Kanäle als andere, doch in den reichweitenstarken Kategorien (über 20.000 Aufrufe pro Post) sind sie überproportional vertreten. Das deutet darauf hin, dass pro-russische Inhalte im oberen Sichtbarkeitssegment vergleichsweise stark präsent sind, obwohl sie zahlenmäßig klar in der Minderheit sind.
Die Struktur folgt einem klaren Muster. Eine erste Gruppe von rund fünfzig Kanälen agiert als offenes Sprachrohr. Hier werden russische Staatsnarrative ohne Tarnung verbreitet, häufig unter direktem Bezug auf bekannte Propagandisten. Prominente Akteure sind etwa Alina Lipp mit „Neues aus Russland“ oder Thomas Röper mit „Anti-Spiegel“. Beide stehen in Verbindung mit dem Sender RT und tauchten im Umfeld russischer Staatsmedien wiederholt auf. Röper wurde bei einer Pressekonferenz Putins über eine Agentur akkreditiert, die dem 72. Zentrum für militärische Informations- und Kommunikationsarbeit des russischen Militärgeheimdienstes zugerechnet wird – einer Einheit, die für Auslandsdesinformation bekannt ist. Die Inhalte reichen von offenen Falschmeldungen bis zu gezielt konstruierten Erzählungen über angebliche westliche Kriegsverbrechen oder „biologische Labore“.
Gerade bei „Neues aus Russland“ handelt es sich nicht um einen Randkanal, sondern um einen der reichweitenstärksten deutschsprachigen Telegram-Accounts mit personeller Nähe zu RT-Strukturen. Sein Wachstum setzte zeitlich nahezu deckungsgleich mit dem massiven Ausbau des RT-Telegram-Netzwerks ein und wurde von russischen Staatsmedien sichtbar verstärkt. Der Kanal entstand nicht als gewachsene journalistische Plattform, sondern wurde im Umfeld des Kriegsbeginns strategisch aufgebaut. Auch „Russländer & Friends“ gewann in derselben Phase stark an Reichweite und wurde von Lipp aktiv beworben – ein Muster, das eher auf koordinierte Vernetzung als auf zufälliges organisches Wachstum hinweist. Auffällig ist jedoch, dass viele dieser Kanäle ihre dynamischste Phase zwischen 2022 und 2024 hatten. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Beginn des Krieges wurden Inhalte repetitiver, zugespitzte Mobilisierung wich häufig routinierter Wiederholung. Nur einzelne Accounts bleiben heute sichtbar polemisch und taktisch beweglich, während andere vor allem als Verstärker fungieren.
Das schmälert die Wirkung nicht automatisch. Ein Kanal kann inhaltlich monoton erscheinen und dennoch konstant fünfstellige Abrufe erzielen. Zudem liegt die Stärke weniger im einzelnen Beitrag als im Repost-System: Inhalte zirkulieren zwischen verbundenen Accounts und werden in passenden Momenten erneut aktiviert. Entscheidend ist daher nicht, ob die Beiträge originell sind, sondern ob die Strukturen weiterhin vernetzt sind und relevante Zielgruppen erreichen. In diesem Punkt bleibt das Netzwerk – trotz inhaltlicher Abflachung – funktionsfähig.
Alina Lipp ist nicht einfach nur die Betreiberin eines Telegram-Kanals. Sie hat die „Internationale Bewegung der Russophilen“ mitgegründet – ein Projekt, das sich als kulturelle Brücke verkauft, politisch aber klar auf Kreml-Linie operiert. Das ist keine lose Sympathiebekundung, das ist strukturelle Nähe.


Das „Internationale Russophile Bewegung“ (International Movement of Russophiles, MIR) wurde am 14. März 2023 in Moskau von Vertretern aus über 40 Ländern gegründet. In dem vorliegenden Manifest und Begleitschreiben an UN-Generalsekretär António Guterres beschreibt sich die Organisation als weltweites Netzwerk von Personen, die Russland aus „historischen, kulturellen und zivilisatorischen Gründen“ verbunden seien.
Dort werden Unterzeichner aus über 30 Staaten aufgeführt – von Österreich, Argentinien und Armenien über Bulgarien, Venezuela und Israel bis hin zu Serbien, Frankreich und Syrien. Für Deutschland sind ausdrücklich genannt: Waldemar Herdt, Alina Lipp, Tobias Pfennig und Thomas Röper. Damit sind zentrale Figuren aus dem deutschsprachigen pro-kremlnahen Telegram-Umfeld formell als Unterstützer dieser in Moskau gegründeten Bewegung dokumentiert.
Das Schreiben an den UN-Generalsekretär dient dabei als politischer Rahmen: Es stellt die Bewegung als internationale Reaktion auf angebliche „Russophobie“ dar, greift die ukrainische Regierung wegen der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche an und beruft sich auf UN-Berichte, um den eigenen Vorwürfen Legitimität zu verleihen. Die Kombination aus Manifest, offizieller UN-Adressierung und namentlicher, internationaler Unterstützerliste zeigt: Das ist keine lose Sympathiebekundung, sondern ein formal organisiertes, grenzüberschreitendes Netzwerk mit klarer politischer Positionierung – dokumentiert, unterschrieben und öffentlich eingereicht.
Dazu kommt ihre Beteiligung an Maria Butinas Projekt „Welcome Home“. Butina wurde 2018 in den USA festgenommen und später verurteilt, weil sie im Interesse russischer Netzwerke ohne Registrierung als ausländische Lobbyistin agierte. Es ging um gezielte Kontaktanbahnung, Einfluss, Zugang zu politischen Kreisen. Nach ihrer Rückkehr nach Russland tauchte sie im staatlichen Medienumfeld wieder auf – auch bei RT. Wer also „Neues aus Russland“ als privaten Blog einer engagierten Aktivistin beschreibt, blendet aus, dass hier personelle Linien in ein größeres Geflecht führen: Staatsmedien, internationale Vernetzungsinitiativen, politische Einflussarbeit. Das ist kein Zufall, das ist Struktur.

Auf dem Bild sind Alina Lipp und Thomas Röper gemeinsam mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow im August 2025 zu sehen, ein öffentlich dokumentierter Schulterschluss mit der politischen Führung in Moskau. Seit Mitte 2025 ist Lipp auf X wieder deutlich aktiver und verbreitet dort offen Kreml-Propaganda zum Krieg, zu Sanktionen und zur deutschen Politik. Röper tut dies seit Jahren über „Anti-Spiegel“ – beide treten hier sichtbar nicht als unabhängige Blogger auf, sondern als Akteure mit direkter Nähe zu russischen Staatsstrukturen.
Anti-Spiegel“ zählt rund 126.000 Abonnenten, im Schnitt 34.000 Aufrufe pro Beitrag. Betreiber ist Thomas Röper. Er kam 2003 nach Russland, zunächst als Versicherungsmanager. Heute tritt er als angeblich unabhängiger deutscher Journalist auf, spricht regelmäßig bei RT und verbreitet Inhalte, in denen er behauptet, Deutschland werde von „Nazis“ regiert. Seine Rolle begann nicht erst 2022. Bereits 2020 nahm er an einer Pressekonferenz Putins teil – akkreditiert über die Agentur Inforos. Diese wurde von Denis Tyurin aufgebaut, stellvertretender Leiter der GRU-Einheit 54777, zuständig für Informationsoperationen im Ausland. Nach Beginn des Großangriffs wurde sein Telegram-Kanal sichtbar durch RT-Strukturen verstärkt. Das zeigt: Hier schreibt kein Einzelgänger aus dem Wohnzimmer. Hier greifen Medien, Personen und staatliche Strukturen ineinander, aber die personellen Linien enden nicht nur bei Telegram.

Auf dem Foto, noch Bart und Kurzhaarschnitt, ist der Presseausweis von Thomas Röper zu sehen – ausgestellt für die jährliche Pressekonferenz von Wladimir Putin im Dezember 2020 in Moskau. Als Medium ist „ИА Инфорос“ angegeben, also die Nachrichtenagentur Inforos. Genau über dieses Umfeld wurde später bekannt, dass es Verbindungen zu Strukturen des russischen Militärgeheimdienstes GRU gibt. Dieses Zentrum arbeitet eng mit GRU-Hackergruppen wie „Fancy Bear“ und „Sandworm“ zusammen, die 2015 den Bundestag angriffen und rund 16 Gigabyte Daten abzogen, darunter Mails aus dem Umfeld von Angela Merkel. Das eine offizielle Akkreditierung als Pressevertreter bei einer der zentralen politischen Inszenierungen des Kreml. Wer sich dort akkreditieren lässt, macht das nicht als außenstehender Kritiker, sondern als Teil des zugelassenen Informationskreises.
Eine zweite Gruppe präsentiert sich als analytisch und unabhängig. Die Kanäle vermeiden sichtbare russische Symbolik, greifen jedoch inhaltlich regelmäßig auf die erste Ebene zurück. Etwa sechzig Prozent ihres Materials beziehen sich auf Russland, die Ukraine oder den Westen im Kontext des Krieges. Figuren wie Juri Podoljaka oder der ehemalige ukrainische Geheimdienstmitarbeiter Wassili Prozorow fungieren als Stichwortgeber. Diese Ebene übersetzt propagandistische Inhalte in eine scheinbar sachliche Form, die für ein skeptisches, aber nicht offen prorussisches Publikum anschlussfähig ist.

Die dritte und größte Ebene umfasst mindestens 240 Kanäle mit vielfach höherer Reichweite. Hier geht es nicht primär um Außenpolitik, sondern um Migration, Wirtschaft, Gesundheit, Wahlen. Russland steht selten im Mittelpunkt. Doch vorbereitete Deutungen werden in diesen Kontext eingespeist und weiterverbreitet. In den vergangenen zwölf Monaten wurden prorussische Inhalte zehntausendfach aufgegriffen, im Schnitt mehr als hundertmal täglich. In dieser Sphäre bewegen sich rechtsextreme Publizisten, QAnon-Gruppen, Impfgegner und alternative Blogger. Namen wie Tim Kellner, Eva Herman oder Oliver Janich stehen für eine Szene, die seit Jahren mit antisemitischen und verschwörungsideologischen Positionen arbeitet und nun als Verstärker dient.

Parallel existieren Querverbindungen zu weiteren Desinformationsnetzwerken, etwa der internationalen „Pravda“-Struktur, deren massenhafte, oft automatisierte Veröffentlichungen auch Suchergebnisse und Trainingsdaten von KI-Systemen beeinflussen. Selbst die Werbepartner überschneiden sich, was auf eine koordinierte Infrastruktur hindeutet. In klassischen deutschen Leitmedien bleiben diese Telegram-Strukturen randständig. Der offizielle Kanal eines großen Nachrichtenmagazins zählt dort nur einen Bruchteil der Abonnenten, die einzelne prorussische Accounts erreichen. Telegram fungiert damit als abgeschotteter Raum, in dem Inhalte zirkulieren, ohne dass sie im traditionellen Mediensystem umfassend eingeordnet werden.
Die politische Relevanz zeigt sich indirekt. Wenn rechtspopulistische Kräfte bundesweit ein Viertel der Stimmen erreichen, lässt sich der Einfluss digitaler Parallelräume nicht ignorieren. Dort werden Deutungen vorbereitet, zugespitzt und millionenfach weitergereicht. Dass diese Dynamik nicht spontan entstanden ist, sondern auf einem Geflecht aus RT-Strukturen, nachrichtendienstlichen Akteuren und lokalen Multiplikatoren basiert, legt eine systematische Einflussstrategie nahe.
Der deutsche Telegram-Raum ist kein Randphänomen mehr. Er ist ein eigenständiger Informationsmarkt – und ein Einfallstor für staatlich organisierte Desinformation.
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