Die Recherche über die unsichtbare Front – Wie ICE im Schatten ein eigenes Sicherheitsreich aufgebaut hat

VonRainer Hofmann

Januar 16, 2026

Was Recherchen jetzt zeigen, ist ein System, das sich über Jahre hinweg im Verborgenen ausgedehnt hat. Immigration and Customs Enforcement agiert längst nicht mehr nur als Abschiebebehörde. Interne Unterlagen, die uns vorliegen, zeichnen das Bild einer Organisation, die sich selbst zur Sicherheitsmacht erklärt hat – mit eigenen Programmen, eigenen Geheimhaltungsstufen und einem Einsatzradius, der weit über alles hinausgeht, was öffentlich diskutiert wird.

Minneapolis

Die Namen klingen harmlos, fast verspielt. Benchwarmer. Tidal Wave. Abracadabra. Dust Off. Fleur De Lis. Doch hinter diesen Codenamen verbirgt sich kein Verwaltungshandeln, sondern ein flächendeckender Zugriff. Mindestens 21 sogenannte Großoperationen sind in einem internen Dokument aufgeführt, als „Law Enforcement Sensitive“ eingestuft, 15 Seiten lang. Seit Juni sollen dabei fast siebentausend Menschen festgenommen worden sein. Das ist keine Momentaufnahme. Es ist ein Dauereinsatz.

Was dabei auffällt, ist nicht nur das Ausmaß, sondern der Zweck. Es geht nicht allein um Aufenthaltsstatus. Es geht um Informationen. Menschen in Haft werden systematisch angesprochen, befragt, ausgewertet. Eine der Operationen ist explizit darauf ausgelegt, Informanten in Abschiebehaft zu rekrutieren. Nicht punktuell, sondern strukturiert. Eine andere setzt landesweit rund zweitausend sogenannte Informationsressourcen ein – ein Begriff, der alles und nichts sagt, aber deutlich macht, dass hier Menschen zu Werkzeugen gemacht werden.

Besonders deutlich wird das bei Operation Abracadabra. Dort ist festgelegt, dass hundert Prozent aller festgenommenen Personen befragt werden müssen. Nicht, um ihren Fall zu klären, sondern um Anschlussziele zu identifizieren. Wohnungen. Netzwerke. Weitere Personen. Die interne Zielbeschreibung geht noch weiter. Jeder Grenzübertritt soll, wenn irgend möglich, mit Terrororganisationen oder grenzüberschreitender Kriminalität verknüpft werden. Nicht weil es Belege gibt, sondern weil es operativ nützlich ist.

Geleakte Einsatzunterlagen: Was hier sichtbar wird und warum das politisch hochgefährlich ist

Kennzeichnung: Nicht klassifiziert / Nur für den Dienstgebrauch / Polizeilich sensibel Überblick: 21 große Einsätze Gesamt: 6.852 Festnahmen seit Juni

Diese Unterlagen zeigen keine gewöhnliche Durchsetzung von Einwanderungsrecht, sondern eine bundesweit verzahnte Einsatzarchitektur, in der Zugriffe systematisch zur Informationsgewinnung genutzt werden. Die Dokumente benennen Codenamen, Orte, Zeitfenster, Personalstärken und Festnahmezahlen und machen sichtbar, wie weit diese Praxis von öffentlicher Darstellung und demokratischer Kontrolle entfernt ist.

1) Bundesweite Einsatzliste mit konkreten Zahlen

In den Auszügen werden zahlreiche Einsätze mit exakten Festnahme-Summen aufgeführt, darunter Operation At Large mit Einsätzen in 19 Städten und 210 Grenzschutzbeamten, Operation Tidal Wave mit laufenden Maßnahmen im Raum Miami, Operation Fleur De Lis im Raum New Orleans, Operation Los Angeles zur Unterstützung der Einwanderungsdurchsetzung, sowie Operation Abracadabra mit landesweiter Reichweite. Ergänzt werden diese durch Spezialeinheiten-Serien wie Zulu Shield mit Iterationen in mehreren Bundesstaaten sowie weitere sektorbezogene Einsätze von Kalifornien bis North Dakota.

2) Zivil eingesetzte Beamte in Transporten und Haftbereichen

Besonders brisant ist die Beschreibung von Operation Benchwarmer. Zivil gekleidete Beamte werden gezielt in Gefangenentransportern, Schleusenbereichen, Bearbeitungszonen und Haftzellen eingesetzt, um Informationen zu sammeln, die in regulären Befragungen nicht erlangt werden. Haft und Transport werden damit selbst zum Informationsraum erklärt.

3) Befragungspflicht für alle und systematische Zielverknüpfung

Operation Abracadabra wird als strukturierter Ansatz beschrieben, bei dem jede festgenommene Person befragt werden soll, um Folgezielorte wie konspirative Unterkünfte oder weitere beteiligte Personen zu identifizieren. Die Unterlagen formulieren explizit den Anspruch, Personen ohne Aufenthaltsstatus mit transnationalen kriminellen Strukturen oder ausländischen Terrororganisationen in Verbindung zu bringen oder die gewonnenen Informationen zur Entwicklung neuer Zielpersonen zu nutzen.

4) Benchwarmer als parallele Ermittlungsstruktur

Für Operation Benchwarmer werden mehr als zweitausend eingesetzte Informationsquellen, tausende direkte Kontaktaufnahmen, hunderte Ermittlungsansätze sowie die Identifikation zahlreicher konspirativer Unterkünfte genannt. Das beschreibt keine punktuelle Maßnahme, sondern eine flächige Struktur zur Informationsgewinnung und Weiterverwertung.

5) Enge Verzahnung mehrerer Bundesbehörden

Die Dokumente zeigen eine enge Zusammenarbeit zwischen Grenzschutz, Einwanderungsbehörden, Bundespolizei, zentralen Zielstellen und spezialisierten Einheiten zur Bekämpfung organisierter Kriminalität. Zuständigkeiten verschwimmen, Übergänge sind fließend. Wer in diesen Mechanismus gerät, landet nicht nur in einer Verwaltungsmaßnahme, sondern in einem umfassenden Netz aus Erfassung, Auswertung und Weiterleitung.

Warum diese Unterlagen so brisant sind

Die Brisanz liegt nicht in einzelnen Festnahmen, sondern in der offengelegten Struktur dahinter. Codenamen, landesweite Koordination, verdeckte Präsenz in Haftbereichen, standardisierte Befragungen und systematische Zielentwicklung zeigen eine staatliche Praxis, die sich zunehmend der öffentlichen Kontrolle entzieht. Es geht um die Frage, wie weit ein Staat im Innern eine Infrastruktur aufbaut, die kaum noch überprüfbar ist.

Hinweis: Diese Zusammenfassung basiert ausschließlich auf den sichtbaren Auszügen der als dienstlich sensibel gekennzeichneten Unterlagen. Begriffe, Zahlen und Beschreibungen folgen dem Wortlaut der Dokumente.

Parallel dazu läuft Operation Benchwarmer. Sie zeigt, wie weit die Tarnung geht. Einsatzkräfte treten in Zivil auf, mischen sich unter andere, sitzen in Transportfahrzeugen, in Schleusen, in Haftbereichen. Sie hören zu, beobachten, sammeln Informationen, die in formellen Vernehmungen nicht erhoben würden. Das ist kein Randphänomen. Es ist ein landesweites Programm. All das geschieht nicht isoliert. ICE greift auf ein ganzes Geflecht zurück. Grenzschutz, Ermittlungsdienste, Schutzpolizei, sogar der Secret Service sind eingebunden. Das Heimatschutzministerium ist inzwischen die größte Strafverfolgungsbehörde des Landes. Größer als das FBI. Und das noch bevor das Budget von ICE im vergangenen Jahr nahezu verdreifacht wurde.

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Was diese Entwicklung so brisant macht, ist die fehlende Kontrolle. Viele dieser Programme waren bislang nicht bekannt. Nicht, weil niemand hingeschaut hätte, sondern weil systematisch abgeschottet wird. Selbst grundlegende Einsatzregeln, etwa zur Anwendung tödlicher Gewalt, sind in internen Richtlinien fast vollständig geschwärzt. Öffentlichkeit ist hier nicht vorgesehen. Innerhalb der Behörden wächst der Widerstand. Der Informationsfluss stammt nicht von Aktivisten, sondern von Beamten, die selbst nicht mehr mittragen wollen, was sie sehen. Die Wut richtet sich gegen die Geheimhaltung, aber auch gegen den politischen Auftrag. Immer häufiger wird offen von einem Krieg gesprochen. Nicht nur gegen Kartelle, sondern gegen alles, was als links, kritisch oder unamerikanisch gilt. Wenn dann selbst Menschen wie Renee Good öffentlich als Terroristen bezeichnet werden, überrascht es nicht, dass sich die Behörde im Ausnahmezustand wähnt.

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Die Folgen reichen inzwischen bis ins Justizministerium. In Minnesota sind mehrere hochrangige Bundesstaatsanwälte zurückgetreten, nachdem Druck aufgebaut wurde, nicht den Schützen zu prüfen, sondern das Umfeld der Getöteten. Auch beim FBI gibt es Risse. Während ein Teil der Behörde politischen Vorgaben folgt und Verbindungen zu Aktivistengruppen untersucht, warnen andere intern davor, dass ICE mit seinem Auftreten das Vertrauen in Strafverfolgung insgesamt zerstört. Ein erfahrener FBI-Beamter brachte es so auf den Punkt: Wer das Gesetz durchsetzt, muss sich selbst daran halten. Maskierung, Abschottung, offene Feindseligkeit gegenüber der Öffentlichkeit – all das vermittelt den Eindruck, dass man sich über das Recht stellt. Und genau dieser Eindruck bleibt hängen.

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Was hier sichtbar wird, ist keine einzelne Eskalation, sondern eine schleichende Machtverschiebung. Eine Behörde, die sich Aufgaben zuschreibt, die früher klar getrennt waren. Abschiebung, Nachrichtendienst, Polizeiarbeit, politische Beobachtung. Alles in einer Hand. Ohne Mandat. Ohne öffentliche Debatte. Das ist der größere Zusammenhang, der oft fehlt. Die Bilder von Razzien, von Schüssen, von Tränengas erzählen nur einen Teil der Geschichte. Dahinter steht ein Apparat, der sich selbst als Sicherheitsstaat im Staat begreift. Und der gelernt hat, im Schatten zu arbeiten.

Dass diese Dokumente jetzt auftauchen, ist kein Zufall. Es ist ein Zeichen dafür, dass selbst innerhalb der Strukturen das Vertrauen bröckelt. Nicht nach außen, sondern nach innen. Und genau das macht die Lage so gefährlich. Denn ein System, das sich nicht mehr erklären will und nicht mehr erklären kann, beginnt, sich gegen alles abzuschotten – auch gegen die eigene Gesellschaft.

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