Die leise Abkehr – Warum Amerikas junge Generation den Parteien entgleitet und was das über Deutschland sagt

VonRainer Hofmann

Januar 14, 2026

In den Vereinigten Staaten vollzieht sich ein politischer Wandel, der kaum mit Parolen oder großen Gesten einhergeht, aber tief greift. Immer mehr Menschen wollen sich weder den Demokraten noch den Republikanern zurechnen. Inzwischen bezeichnet sich fast die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung als parteiunabhängig. Vor zwanzig Jahren war es deutlich weniger. Diese Entwicklung ist kein momentaner Ausschlag, sondern Ausdruck einer wachsenden Distanz zu einem Parteiensystem, das für viele seine Bindekraft verloren hat. Diese Abkehr entsteht nicht aus politischer Müdigkeit. Sie baut sich aus Unzufriedenheit auf, vor allem mit der jeweils regierenden Partei. Parteiunabhängige reagieren sensibel auf Machtverhältnisse und wechseln ihre Nähe, ohne sich festzulegen. In den vergangenen Monaten hat sich ihre Tendenz leicht zugunsten der Demokraten verschoben. Doch das ist kein Ausdruck neuer Nähe. Die Haltung gegenüber der Partei bleibt reserviert. Was sich deutlich verändert hat, ist vor allem die Bewertung von Präsident Donald Trump, die unter Unabhängigen spürbar gefallen ist. Der aktuelle Vorteil der Demokraten wirkt damit weniger wie Vertrauen, sondern eher wie eine Abgrenzung von der Regierung.

Besonders ausgeprägt ist diese Entwicklung bei jungen Erwachsenen. Mehr als die Hälfte der Generation Z und der Millennials versteht sich heute als unabhängig. Ältere Generationen binden sich weit häufiger an eine Partei. Das markiert einen klaren Bruch mit früheren Mustern, in denen junge Menschen meist ihren politischen Platz innerhalb der großen Lager fanden. Jede nachrückende Generation identifiziert sich stärker außerhalb der Parteien als die vorherige. Ohne grundlegende Veränderungen dürfte diese Distanz bleiben. Das verändert politische Dynamiken. Wenn feste Bindungen schwinden, werden Machtwechsel häufiger und abrupter. Wahlentscheidungen orientieren sich stärker an der Gegenwart als an langfristiger Zugehörigkeit. Mehrheiten werden instabiler, Zustimmung muss immer wieder neu gewonnen werden.

Auffällig ist zugleich eine ideologische Verschiebung. Unter den parteiunabhängigen Amerikanerinnen und Amerikanern wächst der Anteil jener, die sich selbst als moderat einordnen. Gleichzeitig entfernen sich Demokraten und Republikaner weiter von dieser Mitte. Bei den Demokraten bezeichnet sich inzwischen eine klare Mehrheit als liberal, bei den Republikanern sieht sich ein großer Teil als konservativ. Die politische Mitte schrumpft innerhalb der Parteien, wächst aber außerhalb von ihnen.

Am 10. Januar 2026 gründete sich in Glowe auf Rügen die sogenannte „Generation Deutschland“. Nach Fortschritt sieht das wahrlich nicht aus. In Mecklenburg-Vorpommern ist der politische Zug aus unserer Sicht längst abgefahren. Viele laufen sehenden Auges in ihr eigenes Unglück, und so hart das klingt: Irgendwann werden sie die Konsequenzen selbst erfahren müssen.

Bedauerlich ist das vor allem für jene Menschen, die sich dieser Entwicklung nicht anschließen, die nicht AfD wählen und dennoch in Mithaftung genommen werden. Für sie bleibt der Schaden real. Und selbstverständlich gilt: Wir helfen auch Menschen in Deutschland, sollte sich in Deutschland jemals so ein Zustand einstellen, der an das erinnert, was wir derzeit aus den USA kennen.

Ein Blick nach Deutschland zeigt, wie unterschiedlich ähnliche Frustration politisch wirksam werden kann. Auch dort verlieren traditionelle Parteien an Bindungskraft, vor allem bei Jüngeren. Doch anders als in den USA führt das nicht primär zur Abkehr vom System, sondern zu Verschiebungen innerhalb desselben. Ein Teil der jungen Wählerinnen und Wähler entscheidet sich bewusst für die AfD, besonders junge Männer außerhalb der großen Städte. Das ist kein parteiloses Ausweichen, sondern eine klare ideologische Entscheidung.

Gleichzeitig bleibt das Bild gespalten. In urbanen Räumen, bei Studierenden und jungen Frauen gewinnt, mal verliert, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke leicht an Unterstützung, während SPD und CDU vor allem bei Jüngeren an Bindung verlieren oder altern. Die Unzufriedenheit mündet hier nicht in Distanz, sondern in Polarisierung.

Der Unterschied ist grundlegend. In den USA richtet sich das Misstrauen gegen Parteien als solche. Es fehlt eine glaubwürdige dritte Kraft, die diese Distanz auffangen könnte. In Deutschland hingegen wird das Parteiensystem nicht verlassen, sondern neu sortiert – mit teils erheblichen problematischen Verschiebungen nach rechts, weniger starken Gegenbewegungen.

Dabei verzerren soziale Medien die Wahrnehmung erheblich. Rechte Jugendmilieus sind dort lauter und aggressiver sichtbar, als sie zahlenmäßig tatsächlich sind. Diesen Punkt gleichen sie mit Engagement und Unterstützung aus, eine fatale Situationen. Große Teile der jungen Generation bleiben politisch zurückhaltend, demokratisch orientiert und sozial eingestellt, ohne permanent öffentlich aufzutreten. Was beide Länder verbindet, ist nicht die Richtung, sondern der Ursprung: Frustration über politische Angebote, die als unzureichend empfunden werden. In den USA schlägt diese Frustration in eine schleichende Loslösung vom Parteiensystem um. In Deutschland hingegen verdichtet sie sich zu einer politischen Zuspitzung, deren gesellschaftlicher Schaden – insbesondere in Ostdeutschland – bislang nicht absehbar ist. Für die Parteien beider Länder bleibt dieselbe, unbequeme Aufgabe: verlorene Wähler zurückzugewinnen, nicht durch Lautstärke, sondern durch belastbare Resultate, Kompetenz und Glaubwürdigkeit.

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