Der unsichtbare Krieg – Recherchen zeigen: Wenn Amerika aufhört, von Krieg zu sprechen

VonRainer Hofmann

März 4, 2026

Das Weiße Haus nennt es „major combat operations“. Der Kongress nickt. Niemand sagt „Krieg“, obwohl Bomben fallen und ein Staatschef tot ist. Das ist nicht nur eine Frage der Wortwahl. Das ist die Auflösung einer Verfassung im Nebenraum.

Lindsey Graham sagte es bei Meet the Press: „Ich weiß nicht, ob das technisch ein Krieg ist.“ Was Lindsey Graham sagte, hatte er vorher schon von irgendwo gelesen. Das Weiße Haus hatte Gesprächspunkte an die Republikaner verteilt. Push back. „Major combat operations against Iran.“ Nicht Krieg. Markwayne Mullen steigerte das ins Absurde: „Wir haben keinen Krieg erklärt“, sagte er, zwei Sätze nachdem er sagte: „Das ist Krieg.“ Ein Reporter wies ihn darauf hin. „Ich habe mich geirrt“, sagte Mullen.

NBC News’ Kristen Welker: „Befinden sich die Vereinigten Staaten im Krieg mit dem Iran?“

Senator Lindsey Graham (Republikaner, South Carolina): „Ich denke, der Ayatollah würde sagen: ja. Ich weiß nicht, ob das technisch ein Krieg ist, aber – das ist die Schlagzeile für mich an diesem Sonntag: Das Mutterschiff des Terrorismus sinkt. Der Kapitän ist tot. Der größte staatliche Unterstützer des Terrorismus, Iran, steht kurz vor dem Zusammenbruch. Der Anführer des größten staatlichen Unterstützers des Terrorismus und sein engstes Team sind tot. Das Mutterschiff, das die Stellvertreterkräfte antreibt, ist – es ist im Sinkmodus.“

Aber es sind nicht nur die Trump-Leute, die mit Worten spielen. Die Demokraten auch. Chuck Schumer spricht von Angriffsoperationen, die einen „in breitere Konflikte hineinziehen“. Hakeem Jeffries sagt, die Operation habe uns „an den Rand eines möglichen Krieges“ gebracht. Mark Kelly, ehemaliger Navy Captain, sagt: „eine großangelegte Militäroperation“. Alle drei Formeln suggerieren das Gleiche: Wir sind noch nicht im Krieg. Das wirft eine Frage auf, die vielleicht wichtiger ist als die Iran-Frage selbst. Was ist Krieg 2026?

„Operation Epic Fury“ – Washington nennt Ziele des Iran-Angriffs

Der Einsatz trägt den Namen „Operation Epic Fury“ und wird offiziell als „major combat operations“ beschrieben – also als großangelegte Kampfhandlungen, ohne das Wort Krieg zu verwenden. Das Dokument nennt vier zentrale Ziele. Erstens sollen Irans Raketenarsenal und die gesamte Raketenindustrie zerstört werden. Zweitens wird ausdrücklich die vollständige Vernichtung der iranischen Marine genannt. Drittens soll verhindert werden, dass iranische Stellvertretergruppen weiterhin Anschläge verüben oder regionale Konflikte anheizen. Viertens erklärt Washington, dass der Iran dauerhaft daran gehindert werden soll, jemals eine Atomwaffe zu entwickeln.

Nach Darstellung des Weißen Hauses sind bereits dutzende führende Vertreter der iranischen Staatsführung bei den ersten Angriffen getötet worden, darunter auch der Oberste Führer Ali Khamenei. Die Operation habe außerdem zentrale iranische Nuklearanlagen zerstört. In der politischen Botschaft des Papiers wird Präsident Donald Trump ausdrücklich gelobt. Jahrzehntelang hätten amerikanische Präsidenten versucht, das iranische Regime zu stoppen, heißt es dort. Trump habe nun erstmals die nötige Entschlossenheit gezeigt, diese Politik militärisch umzusetzen.

Gleichzeitig beantwortet das Dokument eine zentrale Frage nur indirekt. Auf die Frage, ob sich die Vereinigten Staaten im Krieg mit dem Iran befinden, heißt es lediglich, der Präsident habe „großangelegte Kampfoperationen mit klaren Zielen“ angeordnet. Das Wort Krieg taucht in der offiziellen Formulierung nicht auf.

Die Antwort liegt nicht in juristischen Definitionen. Sie liegt darin, wie ein Land seine Gewalt beschreiben darf, ohne danach fragen zu müssen. Zwanzig Jahre lang haben amerikanische Präsidenten die gleiche Strategie gefahren: Luftkampagnen, „kinetic military actions“, „operations other than war“, „discrete strikes“. Immer das gleiche Spiel. Jedes Mal ein anderes Wort für das gleiche Ding. Clinton hat es so gemacht. Bush hat es so gemacht. Obama hat es perfektioniert. Trump nutzt es.

Der Grund funktioniert. Die Öffentlichkeit wurde dressiert, Krieg nur dann als Krieg zu erkennen, wenn Panzer rollen und Soldaten marschieren. Ground troops. Das alte Bild. Solange das nicht passiert, passiert nichts. Syrien, Jemen, Somalia. Jahrelang Bomben. Die Leute bemerken es nicht. Der Zustand bleibt. Die ständige Präsenz bleibt. Das Normale bleibt normal.

Der andere Grund ist älter. Die War Powers Resolution von 1973 wurde für einen anderen Krieg geschrieben. Für einen Krieg mit Anfang und Ende. Mit Truppen, die man sehen konnte. Mit Soldaten, deren Namen in der Zeitung standen. Der Kongress sollte kontrollieren, ob Amerika Krieg führt. Das war die Idee. Nur: Das funktioniert nicht mehr, wenn Krieg nicht mehr so aussieht wie Krieg.

Die Vereinigten Staaten können jetzt etwas, das sie vorher nicht konnten. Einen Staatschef töten. Mit Luftkampagnen. Mit minimalem Risiko für amerikanische Soldaten. Mit minimaler Aufmerksamkeit von außen. Diese Fähigkeit geht nicht weg. Sie wird zur Normalität. Das ist das eigentliche Problem. Nicht, dass Amerika einen Krieg führt und ihn nicht so nennt. Das Problem ist größer. Es ist das Problem einer Maschine, die immer läuft und die niemand mehr ausschalten kann, weil niemand mehr sieht, dass sie läuft. Bernie Sanders hat recht, dass die Menschen dieses Land nicht wollen. Sie wollen gutes Geld verdienen können. Sie wollen Krankenversicherung. Sie wollen, dass ihre Kinder zur Schule gehen können. Sie wollen keinen Krieg. Aber der Krieg läuft trotzdem.

Solange der Kongress nicht einmal zugeben kann, dass es Krieg ist, kann der Kongress auch nicht kontrollieren, ob es Krieg gibt oder nicht. Das ist das Ende der Gewaltenteilung. Nicht mit einem Knall. Mit der Auflösung der Worte.

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Anja
Anja
2 Stunden zuvor

Das erinnert jetzt doch sehr an Putins Militäroperation, Krieg durfte die ja auch nicht genannt werden.

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