Wochenlange Aufenthalte im Iran verändern den Blick. Nicht auf die Einschläge, nicht auf die Schlagzeilen, sondern auf das, was bleibt, wenn Kameras weiterziehen. Was sich unter der Oberfläche verbirgt, passt nicht zu dem Bild, das in Washington gezeichnet wird. Dort ist von einem zerstörten Raketenprogramm die Rede. Vor Ort zeigt sich ein anderes Bild.

Wir konnten auch abgelegene Bergregionen im Iran erreichen
Pete Hegseth erklärte in dieser Woche, Irans Raketenfähigkeit sei praktisch ausgeschaltet, die Abschusssysteme dezimiert und kaum noch einsatzfähig. Gleichzeitig zeichnen interne Einschätzungen amerikanischer Dienste ein deutlich nüchterneres Bild. Iran hat einen erheblichen Teil seiner Infrastruktur verloren, aber nicht die Fähigkeit, sie wieder nutzbar zu machen. Mehr als die Hälfte der mobilen Abschussrampen wurde beschädigt oder blockiert, viele davon jedoch nicht zerstört, sondern verschüttet oder in unterirdischen Anlagen eingeschlossen. Genau dort liegt der entscheidende Unterschied.
Siehe unseren Artikel: Sie bombardieren – und Stunden später schießen die gleichen Systeme wieder

Diese Anlagen sind tief in Berge gebaut, geschützt durch massive Gesteinsschichten. Luftangriffe konnten Zugänge versperren, Tunnel verschließen, aber nicht das gesamte System beseitigen. Was blockiert ist, kann freigelegt werden. Was beschädigt ist, kann repariert werden. Amerikanische und israelische Stellen gehen davon aus, dass Iran einen Teil dieser Systeme wieder in Betrieb nehmen kann. Die Infrastruktur ist getroffen, aber nicht ausgelöscht.

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Auch bei den Beständen zeigt sich dieses Bild. Iran hat im Verlauf des Krieges etwa die Hälfte seines Raketenarsenals verloren, durch Abschüsse und Zerstörung. Dennoch bleiben tausende Kurz- und Mittelstreckenraketen übrig. Ein erheblicher Teil davon liegt in unterirdischen Depots. Sie sind nicht sichtbar, aber verfügbar. Das gilt auch für Marschflugkörper, die weiterhin eingesetzt werden könnten, etwa gegen Schiffe im Persischen Golf oder militärische Ziele in der Region.

Bei Drohnen ist der Verlust größer. Weniger als die Hälfte der ursprünglichen Kapazität ist noch vorhanden. Produktionsstätten wurden getroffen, Systeme verbraucht. Doch auch hier bleibt Spielraum. Amerikanische Stellen halten es für möglich, dass Iran neue Systeme aus Russland beschafft, um die Lücke zu schließen.
Die militärische Realität bewegt sich damit zwischen zwei Aussagen. Auf der einen Seite steht die politische Botschaft, dass die Ziele erreicht seien. Auf der anderen Seite stehen Einschätzungen, die davon ausgehen, dass Iran in der Lage ist, Teile seiner Fähigkeiten wiederherzustellen. Diese Differenz ist entscheidend. Denn sie bestimmt, wie stabil eine mögliche Waffenruhe tatsächlich ist.
In Washington wird parallel an genau diesem Punkt gearbeitet. Ziel ist ein Abkommen, das die Straße von Hormus vollständig öffnet und weitere Angriffe verhindert. Gleichzeitig wächst in Teilen der US-Regierung die Sorge, dass Iran die Zeit nutzt, um sich neu aufzustellen. Ein Waffenstillstand wäre dann kein Ende, sondern eine Phase der Vorbereitung.
Auch israelische Einschätzungen gehen in diese Richtung. Zwei Drittel der Abschusssysteme seien außer Gefecht gesetzt worden, heißt es dort. Gleichzeitig wird eingeräumt, dass ein Teil dieser Systeme unter der Erde erhalten geblieben ist und wieder freigelegt werden kann. Die Fähigkeit, Raketen abzufeuern, wurde reduziert, aber nicht beendet. Während der Kämpfe sank die Zahl der täglichen Abschüsse von mehreren Dutzend auf etwa zehn bis fünfzehn. Ein Rückgang, aber kein Stillstand.
Für Iran ist das Raketenprogramm seit Jahren der zentrale Bestandteil seiner militärischen Strategie. Die eigene Luftwaffe war bereits vor dem Krieg schwach. Abschreckung lief über Reichweite, nicht über Lufthoheit. Genau deshalb wurde dieses System so aufgebaut, verteilt, geschützt. Und genau deshalb lässt es sich nicht in wenigen Wochen vollständig ausschalten.

Die Menschen Teherans haben das Unmögliche, diese Anpassung, zur Gewohnheit gemacht: Zwischen den Einschlägen leben sie – nicht trotz der Härte, sondern durch sie hindurch, mit jener stillen Beharrlichkeit, die nur Jahrzehnte der Übung lehren. Es ist keine Tapferkeit im lauten Sinne, eher ein Atmen, das sich weigert aufzuhören – ein alltägliches Meisterwerk des Weitermachens, so selbstverständlich wie der Staub, der sich nach jeder Erschütterung wieder legt.
Der Iran kann sich schnell anpassen und verlorene Fähigkeiten wieder aufbauen. Diese Einschätzung kann gestützt werden, was vor Ort sichtbar wird. Improvisation, Verlagerung, Wiederherstellung. Kein statisches System, sondern eines, das auf Druck reagiert. Gleichzeitig bleibt die wirtschaftliche Seite entscheidend. Sanktionen, Exportkontrollen und mögliche Unterstützung aus Russland oder China bestimmen, wie schnell Iran verlorene Kapazitäten ersetzt. Ohne externe Hilfe wird der Wiederaufbau langsamer verlaufen. Mit Unterstützung kann er beschleunigt werden.
Die politische Führung in Washington verweist auf den militärischen Erfolg. Anna Kelly, Sprecherin des Weißen Hauses, erklärte, alle Ziele seien erreicht worden. Diese Darstellung ist Teil der Verhandlungsstrategie. Je stärker die eigene Position erscheint, desto größer der Druck auf die Gegenseite. Doch die eigentliche Lage ist komplexer. Jon Alterman, Direktor für den Nahen Osten beim Center for Strategic and International Studies in Washington, bringt es auf einen einfachen Punkt. Selbst mit deutlich reduzierter Fähigkeit bleibt Iran ein zentraler Faktor für Sicherheit und Stabilität im Golf. Jeder Tag ohne klare Entscheidung verschiebt das Gleichgewicht nicht auf null, sondern hält es in Bewegung.

Nach Wochen im Land bleibt genau dieser Eindruck. Der Krieg hat Strukturen getroffen, aber nicht ausgelöscht. Was zerstört wirkt, ist oft nur verborgen. Und was verborgen ist, kann wieder sichtbar werden.
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