Die neue Zensur – Wie Trumps Regime die Bücher verbrennt, ohne Feuer zu machen

VonRainer Hofmann

April 21, 2025

Es beginnt wie immer in autoritären Systemen: mit Listen. Listen von Büchern, Listen von Verdächtigen, Listen von Themen, die verschwinden sollen. Nur braucht es in Amerika des Jahres 2025 kein Feuer mehr, um Bücher zu verbrennen. Es reicht ein Federstrich. Ein Memo. Ein Befehl aus dem Oval Office. Und die Lücke in der Schulbibliothek erklärt sich von selbst. Die neue Zensur in den Vereinigten Staaten ist kein heimlicher Akt, kein Irrtum. Sie ist Regierungshandeln. Offen, stolz, aggressiv. Seit Donald Trump seine zweite Amtszeit angetreten hat, hat sich die Zahl der aus dem Schulunterricht verbannten Bücher mehr als vervierfacht. Waren es 2022 noch 1145 Titel, sind es laut PEN America mittlerweile 4231. Die Hälfte davon bereits gesperrt, der Rest steht kurz davor. Die Begründungen: „Gender-Ideologie-Propaganda“, „transsexuelles Material“, „polizeifeindlich“, „obszön“. Alles, was nicht in Trumps Weltbild passt, wird aussortiert.

Doch was diese neue Zensur so perfide macht, ist ihre Breite. Nicht nur einzelne Schuldistrikte streichen Inhalte, sondern mittlerweile auch Bundesbehörden. Das Verteidigungsministerium hat begonnen, Bücher aus Schulen zu verbannen, die ihm unterstehen – auch außerhalb der USA, etwa an den 35 Schulen in Deutschland. Betroffen ist unter anderem Julianne Moores harmloses Kinderbuch „Freckleface Strawberry“, das von einem Mädchen mit Sommersprossen handelt. Der Grund? Es könnte „Gender-Ideologie“ enthalten. Zu den verbannten Büchern gehören Werke von Nobelpreisträger:innen wie Toni Morrison, William Faulkner, John Steinbeck, Nadine Gordimer, Ernest Hemingway. Klassiker wie Tolstois „Krieg und Frieden“, Joyces „Ulysses“, Orwells „1984“, Atwoods „Report der Magd“ oder Camus’ „Der Fremde“. Selbst das Tagebuch der Anne Frank wurde auf Verbotslisten gesetzt. Die Begründung? Unklar, aber eindeutig politisch.

Die absurdeste Liste stammt aus dem Escambia County in Florida. Dort wurden gleich alle fünf Bände von Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“ beantragt, ebenso „Das Geisterhaus“ von Isabel Allende, Crichton-Romane, Dickens, Agatha Christie, Paul-McCartney-Biografien, Merriam-Webster-Wörterbücher und das Guinnessbuch der Rekorde. Auch Hesses „Siddhartha“ und Ovids „Metamorphosen“ sollen aus den Regalen verschwinden. Der Schriftsteller Isaac Bailey berichtete, dass sein Buch „Why Didn’t We Riot?“ aus der Bibliothek der US Naval Academy verbannt wurde, weil es als „DEI-Inhalt“ (Diversity, Equity, Inclusion) gelte. Bailey schreibt: „Trump bezeichnet es als DEI, weil ich ein Schwarzer bin, der sich weigert, vor ihm zu knien.“ Das ist das neue Prinzip: Wer nicht loyal ist, wird gelöscht. Philosoph Ryan Holiday sollte an der Naval Academy über Mut sprechen. Als er sich weigerte, seine kritischen Folien zur Bücherverbannung zu streichen, wurde sein Vortrag abgesagt. Sein Zitat aus Seneca: „Lies wie ein Spion im Lager des Feindes“ wurde zur Bedrohung für ein Militär, das einst für kritisches Denken stand. Holiday sagt: „Wenn du Maya Angelou nicht ertragen kannst, solltest du kein Sturmgewehr tragen.“

Die neuen Direktiven stammen aus Trumps Executive Orders Nr. 14151, 14168, 14173 zur Entfernung aller DEI-Inhalte aus dem Bildungssystem. Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte, dies gelte auch für Militärakademien. Tausende Artikel zu Holocaust, Suizidprävention, 9/11, sexueller Gewalt, Krebsvorsorge wurden von Webseiten des Pentagons entfernt oder zur Löschung markiert. Fotos jüdischer Frauen wurden aus Ausstellungen entfernt. Niemand wusste, was noch „DEI“ war, also entfernte man alles. Ein internes Memo des Verteidigungsministeriums ordnete an, alle Inhalte, die DEI fördern – einschließlich solcher zur kritischen Rassentheorie oder zur Geschichte afroamerikanischer Soldaten wie den Tuskegee Airmen oder den Navajo Code Talkers – von allen offiziellen Plattformen zu entfernen. So wird aus Erinnerung ein Risiko, aus Aufklärung ein Störfaktor. Die systematische Entfernung dieser Inhalte wurde von Historikern und Menschenrechtsorganisationen als rassistisch und revisionistisch kritisiert.

Der Datenjournalist Arman Madani zeigte, dass 45 Prozent der verbannten Bücher sich mit sozialer Gerechtigkeit befassen, weitere mit LGBTQ+, Rassismus, bedeutenden Frauen. Es ist die gezielte Löschung progressiver Ideen. „Sie müssen die Bücher nicht verbrennen“, steht an Ryan Holidays Buchladen. „Sie entfernen sie einfach.“ Nicht das lodernde Feuer, sondern das kalte System. Nicht die offene Gewalt, sondern die stille Entfernung. Nicht das Verbot, sondern die Liste. Und am Ende steht ein Befehl, der alles zusammenfasst: Sie dürfen lesen, was der Präsident erlaubt. Alles andere ist Verrat.

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