Donald Trump steht in Kansas vor seinen Anhängern und spricht über Jesus. Genauer gesagt darüber, wer ihn angeblich verhöhnt. Sein Ziel ist Adam Hamilton, ein methodistischer Pastor, der für die Demokraten in den amerikanischen Senat einziehen will. Hamilton verspotte Jesus ganz offen, behauptet der Präsident. Kurz darauf fällt das Wort „Perverser“. Trump malt seinen Zuhörern aus, wie sie nach der Wahl feststellen könnten, einen solchen Mann gewählt zu haben. Eine ungeheuerliche Anschuldigung, vorgetragen von einem Präsidenten, der sich selbst gern als besonderen Beschützer des Christentums feiern lässt. Offenbar entscheidet inzwischen auch Donald Trump darüber, welcher Geistliche Jesus ausreichend respektiert.
Trump: „Mehr braucht es nicht, um herauszufinden, dass ihr einen Perversen gewählt habt.“
Der Anlass für diese religiöse Abrechnung ist eine Senatswahl, die den Republikanern unangenehm geworden ist. Kansas hat seit 1932 keinen Demokraten mehr in den Senat gewählt. Nun liegt der republikanische Amtsinhaber Roger Marshall in Umfragen nahezu gleichauf mit Hamilton. Marshall ist Arzt und absolviert seine erste Amtszeit. Hamilton leitet eine methodistische Kirchengemeinde im wohlhabenden Umland von Kansas City. Vor Trumps Auftritt veröffentlichte seine Wahlkampagne sogar eine freundliche Begrüßung des Präsidenten. Er sei jederzeit bereit, sich mit ihm zu einem zivilisierten Gespräch zusammenzusetzen. Trump antwortete vor Tausenden Anhängern mit persönlichen Beschuldigungen.

Marshall bezeichnete seinen Gegner als den radikalsten liberalen Demokraten, der jemals eine Vorwahl in Kansas überstanden habe. Dann griff er einen etwa 20 Jahre zurückliegenden Fall sexuellen Missbrauchs im Umfeld von Hamiltons Kirchengemeinde auf. Der Pastor habe einen Sexualstraftäter geschützt, behauptete Marshall. Hamilton widerspricht und wirft seinem Gegner vor, den damaligen Umgang der Gemeinde mit den Anschuldigungen falsch darzustellen. Trump übernahm den Angriff, verband ihn mit Hamiltons Haltung gegenüber transgeschlechtlichen Menschen und behauptete, der Pastor verhöhne Jesus. Schließlich erklärte er, nach der Wahl festzustellen, dass man einen Perversen gewählt habe, sei bereits schlimm genug. Ein Missbrauchsvorwurf gegen einen früheren Mitarbeiter wird so zur öffentlichen Herabsetzung des Mannes, der heute gegen einen republikanischen Senator kandidiert.
Hamiltons Wahlkampfsprecher Tyson Brody erklärte, Marshalls Wahlkampf gerate ins Wanken, während Washington in Panik verfalle. Keine Beschimpfung könne davon ablenken, dass die Menschen in Kansas unter steigenden Benzin- und Dieselpreisen litten. Bezahlbare Gesundheitsversorgung werde zunehmend unerreichbar, und die Korruption in Washington mache die Bürger müde. Darüber sprach Trump erheblich weniger leidenschaftlich als über angebliche religiöse Feinde.
Nachdem Trump behauptet hat, Frankreich werde „geplündert“, und zweimal von Protestierenden unterbrochen wurde, bezeichnet er Europa als ein Land.
Für seinen nächsten Angriff brauchte der Präsident lediglich einen Blick nach Frankreich. Während dort Menschen gegen steigende Lebenshaltungskosten und den Zustand öffentlicher Einrichtungen demonstrieren, erklärte Trump, das einst großartige Land werde von Migranten und Dschihadisten erobert. Kommunisten gehörten ebenfalls zu den Verantwortlichen. Diese Menschen hassten das Christentum und die westliche Zivilisation, behauptete er. Auf einer großen Leinwand lief ein Fernsehbericht über die Ausschreitungen. Brennende Gebäude wurden zur Warnung an amerikanische Wähler. Genau das wollten radikale Demokraten auch in Amerika anrichten, erklärte Trump. Die sozialen Ursachen der französischen Proteste verschwanden zwischen seinen Anschuldigungen vollständig.
Trump: „Frankreich wird von Migranten, Dschihadisten und Kommunisten, die das Christentum hassen, niedergebrannt.“
Auch der muslimische demokratische Senatskandidat Abdul El-Sayed aus Michigan musste herhalten. Trump nannte ihn „Mohammed“ und zog Barack Obama hinein, der El-Sayed im Wahlkampf unterstützt. Seine Botschaft an Kansas: Jede Stimme für einen Demokraten bedeute, einer kleinen Gruppe von Extremisten das Land auszuliefern. Den christlichen Wählern versicherte er wiederholt seine besondere Verbundenheit.

Immer wieder musste Trump seine Rede unterbrechen, da viele Protestierende in der Halle waren – Meinungsfreiheit wurde mit Rauswurf beantwortet
Am 3. November entscheidet Kansas über seinen Senator. Für eine demokratische Mehrheit im Senat müssten die Demokraten mindestens zwei Sitze in Bundesstaaten gewinnen, die Trump 2024 mit zweistelligem Vorsprung für sich entschied. Kansas gehört zu diesen schwierigen Wahlgebieten. Dass Trump persönlich anreist und einen Pastor öffentlich zum Verächter Jesu erklärt, zeigt jedenfalls, wie groß die Angst mittlerweile ist. Über steigende Lebenshaltungskosten lässt sich streiten. Einen politischen Gegner zum religiösen Feind zu erklären, erspart dem Präsidenten vorerst jede Antwort darauf. Und das genau ist seine Antwort.
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