„Dann müsst ihr ganz Long Beach mitnehmen.“ Patricia Velazquez sagte diesen Satz, als sich Nachbarn im Norden der kalifornischen Stadt Bundesbeamten entgegenstellten. Mülltonnen blockierten Fahrzeuge, Menschen traten auf die Fahrbahn. Auf dem Asphalt lag Ricardo Gonzalez, 40 Jahre alt, mit einem gebrochenen Arm. Er schrie nach medizinischer Hilfe. Die Beamten der Einwanderungsbehörde ICE legten ihm Handschellen an. Gonzalez ist in Hanford, Kalifornien, geboren, amerikanischer Staatsbürger und ehemaliger Angestellter der Stadt Long Beach. Für die Männer, die ihn am Samstag auf der Straße festhielten, schien zunächst etwas anderes wichtiger zu sein.
Die vollständigen Aufnahmen zeigen den gesamten Vorfall: vom Beginn der Festnahme über die brutale Gewalt der ICE-Beamten, bei der Ricardo Gonzalez einen Armbruch erlitt, bis zum Eingreifen der Nachbarn, die sich den Einsatzkräften entschlossen entgegenstellten
Der Einsatz begann nahe der Elm Avenue und der 56. Straße, als Gonzalez mit seinem Elektrofahrrad unterwegs war. Seine Tochter Leslie berichtete, ein unmarkiertes Bundesfahrzeug habe ihn angefahren; anschließend hätten Beamte ihn zweimal mit einem Elektroschockgerät getroffen. Ein Nachbar beschrieb einen ähnlichen Ablauf: Ein Einsatzbeamter sei aus dem Wagen gesprungen und habe den Radfahrer zu Boden gerissen. Ein weiterer Anwohner berichtete, ein Beamter habe Gonzalez beschuldigt, etwas gegen das Fahrzeug geworfen zu haben. Auf den Videos ist davon nichts zu sehen. Warum ICE den Mann überhaupt stoppte, ist weiterhin ungeklärt. Die Aufnahmen dokumentieren auch den Zustand danach: Gonzalez liegt bäuchlings am Straßenrand, fleht um Hilfe und schreit, sein Arm sei gebrochen. Bundesbeamte fesseln ihn.
Schon am frühen Morgen hatten Bewohner ungewöhnlich viele Fahrzeuge ohne Polizeikennzeichnung bemerkt. Als sich herumsprach, was Gonzalez widerfuhr, kamen sie heraus, ebenso freiwillige Gruppen, die vor Einsätzen der Einwanderungsbehörde warnen. Sie verlangten einen Haftbefehl. Einige schoben Mülltonnen vor die Fahrzeuge, andere stellten sich selbst davor. Ein Anwohner berichtete später, Beamte hätten den Protestierenden zugerufen, sie sähen nicht aus, als seien sie legal im Land. Wenn schon das Gesicht als Verdachtsgrund genügt, kann jeder Bürger mit der falschen Hautfarbe zum Fremden erklärt werden. Selbst vor seiner eigenen Haustür.

Die Auseinandersetzung dauerte ungefähr zwei Stunde. Währenddessen packten Bundesbeamte 2 amerikanische Staatsbürgerinnen und drängten sie in getrennte Fahrzeuge. Doch die Nachbarn ließen das nicht geschehen. Einige lenkten die Einsatzkräfte ab, während andere die Fahrzeugtüren öffneten und die Frauen befreiten. Die Menschen von Long Beach sahen nicht länger schweigend zu, wie bewaffnete Bundesbeamte ihre Nachbarn verschleppten. Sie griffen ein und holten die Frauen aus den Fahrzeugen.
Der Kongressabgeordnete Robert Garcia dankte den Menschen, die filmten und Gonzalez‘ Familie beistanden. Trumps Abschiebungsapparat sei unmenschlich und rechtswidrig, erklärte er und verlangte die Abschaffung von ICE. Bürgermeister Rex Richardson sagte, ICE habe in Long Beach nichts verloren; die Einsätze beschädigten das Vertrauen und gefährdeten das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Einwanderer gehörten zur Stadt und hätten das Recht, dort ohne Angst zu leben. Stadträtin Tunua Thrash-Ntuk rief den Beamten zu: „Finger weg von unseren Leuten!“ Sie verurteilte, dass Menschen wegen ihrer Hautfarbe angehalten oder bedrängt würden. Ein freies Land, erklärte sie, dürfe seine Bewohner beim Radfahren durch ihr eigenes Viertel keinem grundlosen Übergriff aussetzen.

Der demokratische Kongressabgeordnete Robert Garcia verurteilte den brutalen Angriff der ICE-Beamten auf einen amerikanischen Staatsbürger, dem sie den Arm gebrochen hätten, und bezeichnete die Videoaufnahmen als entsetzlich und alarmierend für das ganze Land. Zugleich lobte er die Nachbarn, die den Übergriff dokumentierten und sich schützend vor die von ICE terrorisierte Familie stellten.
Auch die örtliche Polizei muss Fragen beantworten. Auf einigen Aufnahmen sind Streifenwagen zu sehen, die Straßen absperren. Bewohner wollten wissen, weshalb ihre Polizisten einen Bundeseinsatz unterstützten, obwohl Kalifornien die Zusammenarbeit bei der Durchsetzung des Einwanderungsrechts begrenzt. Die Polizei erklärte, ICE habe Nothilfe angefordert. Sie selbst beteilige sich nicht an der Durchsetzung ziviler Einwanderungsvorschriften, könne Bundesbeamte jedoch rechtlich nicht an ihrer Arbeit hindern. Eine Erklärung der Zuständigkeiten. Für die Familie von Gonzalez erklärt sie den gebrochenen Arm nicht.

Am Sonntag erschien Gonzalez mit einer Armschlinge beim Fußballspiel seines Sohnes. Seine Tochter berichtete, er habe starke Schmerzen, könne kaum sitzen und nur unter Schmerzen aufstehen. Er habe trotzdem das Haus verlassen wollen. Leslie bat um Spenden und beschrieb einen Vater, dessen Arbeit der Familie ein Dach über dem Kopf ermöglicht habe. Sie hätte niemals geglaubt, dass so etwas ihrer Familie passieren könne, sagte sie. Nun wisse sie, dass es jeden treffen könne. Ein amerikanischer Pass schützt auf dem Papier. Auf der Straße muss ihn erst einmal jemand gelten lassen.
Mehr als 500 Fälle festgehaltener amerikanischer Staatsbürger wurden seit Beginn von Trumps 2. Amtszeit dokumentiert. In über 100 Fällen stellten Beamte deren Staatsbürgerschaft infrage, mindestens 70 Betroffene waren Kinder oder Jugendliche. Mindestens 4 US-Bürger wurden durch Beamte des Heimatschutzministeriums getötet: Ruben Ray Martinez, Keith Porter Jr., Renee Good und Alex Pretti. Mehr als 50 Einwanderer starben seit Januar 2025 in ICE-Gewahrsam. Darius Reeves, früherer Leiter des ICE-Büros in Baltimore, sagte, eine solche Häufung von Einsätzen gegen US-Bürger habe er in seiner gesamten Dienstzeit nie erlebt. Er nannte es eine Schande. In Long Beach wartet eine Familie unterdessen auf eine nachvollziehbare Erklärung dafür, weshalb ein Mann mit amerikanischem Pass nach einer Fahrradfahrt mit gebrochenem Arm im Rinnstein lag.
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