Amerika 2026: Willkommen im Dritten Reich, die Hinrichtung läuft jetzt im Livestream

VonRainer Hofmann

9. Oktober 2026

Die Vereinigten Staaten werden die Erschießung eines Mannes in Echtzeit übertragen. Nidal Hasan, der 2009 in einer Klinik des Stützpunkts Fort Hood mit einer Pistole mit Laservisier 13 Menschen erschoss, soll vor laufender Kamera von einem Erschießungskommando der Armee getötet werden, teilte das Verteidigungsministerium mit. Noch nie wurde eine Hinrichtung in den USA übertragen. Seit 1945 hat das amerikanische Militär niemanden mehr erschießen lassen. Donald Trump hat die Vollstreckung auf Empfehlung seines Ministers gebilligt. Der Tod wird zum Programm, und das Publikum ist eingeladen.

Der 3. Dezember ist gewählt, nicht gefunden. Pete Hegseth ließ die Erschießung auf einen Donnerstag um 13 Uhr nach Fort Hood legen, zur Stunde und an den Ort des Massakers von 2009. Das sei „überhaupt keine Frage“ gewesen, sagte er. Man werde dafür sorgen, dass die Leute zusehen könnten und dass es öffentlich sei, „weil die Menschen begreifen müssen, dass solche Taten ernste Folgen haben“. Hegseth hatte die Erschießung als Methode selbst durchgesetzt. Ein Beamter des Ministeriums, der seinen Namen nicht nennen wollte, sagte nur: „Es wird übertragen. Einzelheiten folgen.“ So kündigt die Regierung eine Tötung an wie ein Sendedatum. Die Wiederholung des Verbrechens als Zeremonie, die Kamera dort, wo früher die Menge stand. Ein Staat führt den Tod vor und nennt es Unterricht.

Nidal Hasan

Gefragt, ob Hasan einen letzten Wunsch geäußert habe, antwortete der Minister: „Interessiert mich nicht. Wir sehen ihn am 3. Dezember.“ Hasan, heute 56, früher Militärpsychiater, sitzt seit seiner Festnahme im Rollstuhl, von Polizeikugeln teilweise gelähmt. Das Blutbad lag wenige Wochen vor seiner Verlegung nach Afghanistan. Ein Militärgericht verurteilte ihn im August 2013 wegen 45-fachen vollendeten und versuchten Mordes zum Tode. Was er tat, war ungeheuerlich. Was der Staat daraus macht, ist eine eigene Sache.

Kein anderes Land überträgt nach Angaben von Fachleuten eine legale Hinrichtung. Öffentliche Exekutionen sind weltweit fast verschwunden, geblieben sind sie dort, wo der Iran und das Afghanistan der Taliban regieren. In diese Gesellschaft stellt sich Amerika. Die letzte staatlich genehmigte öffentliche Hinrichtung in den USA war 1936, als Tausende der Erhängung eines jungen schwarzen Mannes zusahen, den man der Vergewaltigung einer weißen Frau für schuldig befunden hatte. Bis weit ins 20. Jahrhundert waren die Lynchmorde weißer Mobs an Schwarzen ein Volksfest. Die Vorführung des Tötens war stets das Werkzeug der Angstherrschaft, vom Richtplatz des Mobs bis zu den Regimen, die den Galgen zur Lehre für das Volk erklärten. Der Faschismus hat diese Kunst zur Vollendung getrieben.

Auch den Juristen wird mulmig. Es wäre „extrem, extrem seltsam“, sagte Eugene Fidell, Militärrechtler an der Yale Law School. Eine übertragene Hinrichtung kenne er in Amerika nicht, Hasan müsste vor ein Bundesgericht ziehen, wollte er die Vorführung seines eigenen Todes verhindern. Frühere Versuche, amerikanische Hinrichtungen im Fernsehen zu zeigen, scheiterten an den Gerichten. Ob das heutige Oberste Gericht sich den originalistischen Hut aufsetze und befinde, 1790 sei es ja auch erlaubt gewesen, also warum nicht, das sei eine offene Frage. Jonathan Lurie, Historiker der Militärjustiz, fand keinen vernünftigen Grund für das Schauspiel. „Was soll das? Wer will so etwas sehen?“

Die Erschießung ist eine von mehreren Tötungsarten, die Trumps Regierung zuletzt für die schwersten Bundesverbrechen wieder zuließ, neben dem elektrischen Stuhl und der Vergasung. Erweitert wurde die Liste, weil die Gifte für die tödliche Spritze immer schwerer zu bekommen sind und die Spritze selbst oft versagt. Mindestens 5 Bundesstaaten haben das Erschießungskommando in ihren Gesetzen, South Carolina vollstreckte 2025 die erste solche Hinrichtung seit 15 Jahren. Die erste Exekution des Militärs seit 1961 wäre es, damals ein Erhängen, die letzte durch Erschießen liegt im Jahr 1945.

Kriegsminister kann es kaum noch erwarten

Wie gut der Staat das Töten beherrscht, zeigte vergangene Woche Tennessee. Dort sollte zum ersten Mal seit mehr als 200 Jahren eine Frau hingerichtet werden, doch das Personal brachte die tödliche Spritze nicht zustande. Christa Pike überlebte, schwer krank, ans Krankenbett gekettet. Sie sei „wütend und verwirrt“ aufgewacht, berichteten ihre Anwälte. Ein Apparat, der nicht einmal sauber töten kann, will seine Tötung nun filmen. Das Weiße Haus wollte nicht sagen, ob Trump die Übertragung befürworte, und verwies ans Ministerium. Der Präsident unterschreibt den Tod und drückt sich vor der Kamera, die er angeschaltet hat.

Eine Übertragung zielt über den Verurteilten hinaus. Sie macht Millionen zu Zuschauern einer staatlichen Tötung und gewöhnt das Auge an den Anblick. Ein Volk, das man vor den Schirm ruft, um ihm das Sterben vorzuführen, lernt dabei nicht das Recht. Es lernt die Furcht. Genau darin lag immer der Sinn der öffentlichen Exekution, von den Despoten der Antike bis in die Diktaturen des vorigen Jahrhunderts, die den Tod zur Schaustellung ihrer Macht machten.

Die öffentliche Erschießung gehört nicht in eine ferne, rohe Zeit. Diese Regierung hat sie zurückgeholt. Eine Demokratie, die das Töten wieder vor aller Augen vorführt, verlässt den Boden, auf dem sie steht. 2026, und der Staat baut die Kamera dort auf, wo einst das Galgenvolk stand. Der Unterschied zu 1936 ist nur, dass niemand mehr hinausgehen muss, das Sterben kommt jetzt in jedes Haus. Zusehen soll nicht der Verurteilte. Gemeint sind alle anderen.

 
 
 
 
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