Es gibt einen Satz in unserem Chat mit Meta, über den man länger nachdenken sollte als über jede technische Erklärung, die dieser Konzern vielleicht irgendwann noch nachschiebt.
„In der beschriebenen Situation ist im Rahmen des Meta Verified Programms auf jeden Fall keine Stelle vorgesehen, an der diese spezifische Situation geprüft werden könnte.“
Das schreibt kein wütender Nutzer. Das schreibt Vincent vom Meta Pro Team. Ein menschlicher Mitarbeiter. Fallnummer 2218383815374XXX.

Bis zu diesem Satz hatte Facebook bereits eine Warnung vor unsere Artikel gesetzt, Leser vor dem Aufruf unseres Magazins mit möglichen gestohlenen Passwörtern, Geld und persönlichen Daten konfrontiert und damit unsere Website in einen Zusammenhang gestellt, den sich kein journalistisches Medium gefallen lassen kann. Gleichzeitig erklärt Facebook in unserem eigenen Konto: keine Einschränkungen. Empfehlungen aktiv. Monetarisierung aktiv. Für The Kaizen Blog: „Für die Seite liegen keine Probleme vor.“

Sucuri findet keine Malware. Google Safe Browsing meldet keine schädlichen Inhalte. VirusTotal prüft die Adresse gegen 92 Sicherheitsanbieter, keiner meldet sie als bösartig.



Und nun kommt das eigentlich Verstörende
Wir haben Meta nicht irgendwo auf X beschimpft und danach behauptet, niemand höre uns zu. Wir sind in das Supportsystem gegangen, das Meta selbst für zahlende, verifizierte Nutzer anbietet. Mein Konto ist mit amtlichem Ausweis verifiziert (a). Ich bin Journalist und Chefredakteur des Kaizen Blog, Mitglied in journalistischen Verbänden, verfüge unter anderem über einen deutschen Presseausweis (b) und arbeite als Partner im LOSI Network (c), das von UN DESA und der United Nations University für digitale Regierungsführung und öffentliche Verwaltung aufgebaut wurde.



Screenshot 1 zeigt den Anfang

Wir erklären dem Meta-AI-Support-Assistenten, dass wir eine formelle Beschwerde einreichen wollen. Nicht irgendeinen Satz in einen Chat werfen, sondern eine dokumentierte Beschwerde mit Screenshots, Sicherheitsprüfungen und Presseausweis. Der Assistent antwortet, er könne einen Fall eröffnen und an einen spezialisierten Mitarbeiter weiterleiten. Weil Anhänge übermittelt werden sollen, sei der E-Mail-Kanal dafür am besten geeignet.
Das ist wichtig. Denn später tut das System praktisch so, als habe dieser Weg nie existiert.
Screenshot 2 geht noch weiter

Vincent tritt dem Chat bei. Meta Pro Team. Fallnummer 2218383815374XXX. Er bittet zunächst darum, keine Dokumente hochzuladen, die persönlich identifizierbare Informationen enthalten. Das kann man nachvollziehen.
Das ist keine Interpretation von uns. Das steht dort.
Dann kommt Screenshot 3

Also erklären wir den Fall im Text. Wir schreiben, dass Facebook unsere journalistische Website teilweise mit einer Warnung versieht, während unser verifiziertes Konto keine Einschränkungen hat und die Seite selbst als unproblematisch geführt wird. Wir verlangen eine manuelle Prüfung. Keine Standardantwort. Eine Erklärung.
Bis dahin könnte man noch sagen: gut, Support ist umständlich, aber jetzt ist wenigstens ein Mensch da.
Dann kommt Screenshot 4

Wir verweisen ausdrücklich auf den Digital Services Act. Auf Art. 14, auf Transparenz, auf Beschränkungen, auf die Frage, wie eine solche Entscheidung überhaupt zustande kommt.
Und Vincent schreibt, er könne sich dazu nicht sinnvoll äußern. Er könne nur die Faktenlage auf seiner Seite darstellen.
Dann dieser Satz:
„In der beschriebenen Situation ist im Rahmen des Meta Verified Programms auf jeden Fall keine Stelle vorgesehen, an der diese spezifische Situation geprüft werden könnte.“
Das ist der Moment, an dem aus einem nervigen Supportchat etwas anderes wird. Denn was bedeutet dieser Satz praktisch?
Meta kann eine Warnung vor ein journalistisches Angebot setzen. Diese Warnung kann Leser abschrecken und Vertrauen zerstören. Sie kann damit Reichweite und Einnahmen beschädigen. Aber im eigenen bezahlten Supportsystem soll es keine Stelle geben, die prüft, ob diese Warnung überhaupt richtig ist.
Das ist nicht irgendein schlecht erreichbarer Helpdesk. Das ist ein Machtproblem. Die Entscheidung wirkt nach außen. Die Verantwortung löst sich nach innen auf.
Screenshot 5 setzt noch einen drauf

Am Ende bekommen wir nur noch die Adresse von „Meta Legal“ in Dublin genannt:
Meta Legal
Merrion Road
Ballsbridge
Dublin D04 X2K5
Irland
Danach schreibt Vincent:
„Ich wünschte, ich hätte da irgendeine Handhabe.“
Mehr Ehrlichkeit bekommt man aus einem Konzern dieser Größe vermutlich selten. Er hat keine Handhabe. Wir sollen also mit der Warnung leben, bis irgendwo in Dublin vielleicht jemand einen Brief öffnet.
Das ist die Stelle, an der man über Zensur reden muss, ohne den Begriff billig zu machen.
Zensur ist nicht erst dann ein Problem, wenn jemand einen Artikel löscht. Wer entscheidet, was sichtbar bleibt, was mit Warnungen versehen wird und was Leser lieber nicht anklicken sollen, greift längst vorher ein. Facebook muss einige unseren Artikel nicht verbieten. Es reicht, vor dem Klick Zweifel zu säen. Ein Leser, der dort etwas über Passwörter und Geld liest, klickt nicht neutral weiter. Er ist schon beeinflusst. Manche gehen zurück. Manche glauben, die Seite sei unsicher. Manche merken sich nur noch: Da war doch etwas … Der Artikel liegt noch auf unserem Server. Aber zwischen ihm und dem Leser steht ein Warnschild. Genau deshalb ist das keine harmlose technische Macke.
Noch absurder wird es dadurch, wie wir unsere Artikel überhaupt veröffentlichen.
Wir schreiben bei Facebook bereits eine kleine Zusammenfassung. Wer dort genug gelesen hat, muss unser Magazin nicht öffnen. Der vollständige Artikel liegt dann im Kommentar.
Ausgerechnet diesen Weg hatte Facebook selbst Seitenbetreibern empfohlen.
Der Hinweis im Professional Dashboard lautete: „Links in your caption can be distracting and reduce your reach. Try adding a link in the comments instead.“
Social Media Today dokumentierte das am 15. Juni 2025 mit Screenshots.
Wir benutzen also nicht irgendeinen Trick. Wir folgen einer Veröffentlichungsweise, die Facebook selbst empfohlen hat. Und jetzt wird genau dieser Weg mit einer Warnung versehen.
Währenddessen sehen wir jeden Tag, was auf dieser Plattform problemlos läuft.
Rechte Bots. Accounts, die sichtbar „Made in Russia“ tragen. Desinformation, erfundene Geschichten, koordinierte Empörung. Vieles davon schießt durch Beitrags- und Kommentarspalten, bevor irgendjemand auch nur nach einer Quelle fragt. Wer davor schützen will, wird an die digitale Wand gestellt – Facebook 2026.
Wenn wir über Rechtspopulismus recherchieren, über die Trump-Regierung, ICE, Abschiebungen, staatliche Gewalt, Gerichte, Behörden oder Menschen- und Völkerrecht, stoßen wir regelmäßig auf Widerstand – den muss Journalismus aushalten. Auf Widerstand gegen die Arbeit selbst, in jeglichen Foren. Gut das kennen wir aus jahrelanger Erfahrung. Beim Klimawandel sehen wir dasselbe: Erst werden Tatsachen bestritten, dann diejenigen angegriffen, die sie dokumentieren.
Und bei uns bleibt es längst nicht bei Artikeln.

Wegen des US-Militäreinsatzes in Venezuela haben wir eine Amicus-Curiae-Eingabe an den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte gerichtet. Eine weitere Eingabe wurde beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag eingereicht; der Eingang wurde bestätigt.
Die Dokumentation dazu steht hier: Warum wir den militärischen Einsatz der USA vor internationalen Instanzen prüfen lassen
Parallel prüfen wir Todesfälle im Zusammenhang mit ICE, unterstützen Inhaftierte in ICE-Einrichtungen und Vorgänge aus dem Iran-Krieg. Auch dazu arbeiten wir aktuelle Überprufungen aus. Das ist keine Folklore für irgendeine „Über uns“-Seite. Das kostet Zeit, Reisen, Dokumente, Übersetzungen und nicht selten eigenes Geld. Keiner von uns bekommt dafür ein Gehalt.
Wir sind tatsächlich verrückt genug, diese Arbeit ohne Gehalt zu machen und noch Geld hineinzustecken.
Vielleicht versteht man dann besser, warum wir Unterstützung benötigen. Wir finanzieren Recherche, während eine Plattform, von der ein erheblicher Teil der Reichweite kommt, gleichzeitig ein Warnschild vor diese Recherche stellt. Und genau dort wird aus einem technischen Vorgang ein journalistisches Problem.
Meta hat von uns konkrete Fragen bekommen. Welche URL ist angeblich gefährlich? Welche Regel soll verletzt worden sein? Wurde die Warnung von einem automatisierten System ausgelöst, von Nutzerbeschwerden (Wer mir da so alles in den Sinn kommt … ) oder durch eine externe Sicherheitsliste, die überhaupt nicht existieren? Warum wurden wir nicht informiert?
Nur der Satz, dass keine Stelle vorgesehen sei.
Der DSA sagt etwas anderes. Art. 14 verlangt Transparenz und ein verhältnismäßiges Vorgehen. Art. 17 sieht für die dort erfassten Beschränkungsentscheidungen eine konkrete Begründung vor. Art. 20 verlangt ein internes Beschwerdesystem und verbietet, dass die Beschwerdeentscheidung ausschließlich automatisiert fällt. Wir werden deshalb nicht warten, bis Meta vielleicht irgendwann Lust bekommt, selbst nachzusehen. Die Screenshots und Kommentare sind gesichert. Der komplette Supportverlauf ebenfalls. Die Sicherheitsprüfungen liegen vor, die Fallnummer auch. Das Schreiben geht nach Dublin.
Und wenn Meta weiterhin keine Stelle findet, die sich zuständig fühlt, gibt es außerhalb von Meta Stellen, die dafür zuständig sind. Art. 53 DSA eröffnet den Weg zum zuständigen Digital Services Coordinator. In Deutschland liegt diese Aufgabe bei der Bundesnetzagentur.
Bis dahin führen wir unsere Leser teilweise via Facebook über Bluesky in das Magazin. Nicht elegant. Aber besser, als vor einem Warnschild stehenzubleiben. Wir werden die Tage unser Schreiben an Meta veröffentlichen. Das macht Arbeit, kostet wertvolle Zeit.
Und noch etwas gehört hierher.
Unterstützt unsere Arbeit, unsere Recherchen und unsere Aufklärung
Wer will, dass Rechtspopulismus nicht einfach durchgereicht wird, dass Verstöße gegen Menschen- und Völkerrecht dokumentiert werden, stellen uns gegen das Trump-Regime, dass ICE-Todesfälle nicht in einer Aktennummer verschwinden, Unschuldige inhaftiert in ICE-Einrichtungen sitzen, der Rechtspopulismuss auch in Europa aufgehalten werden muss, dass der Iran-Krieg überprüft wird und dass beim Klimawandel Tatsachen mehr zählen als die Lautstärke derjenigen, die sie leugnen, hilft uns damit unmittelbar. Jeden Tag weht uns ein eisiger Wind entgegen und wir machen trotzdem weiter.
Weil jemand diese Arbeit machen muss. Jetzt erst recht.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
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Herzlichen Dank an alle die trotz der ewigen Schikanen unermüdlich weitermachen.
… jetzt erst recht, auch wenn es sehr mühselig ist
Was sind es nur für Zeiten. Ich finde das toll, wie ihr das alles macht und Euch einsetzt. Das machen nicht mehr viele. Die Anerkennung dürfte niedrig sein, doch macht weiter. Ihr gebt auch Hoffnung.