Wie eine rechtsgerichtete Partei in Albanien, ein Trump-Vertrauter und ein Netzwerk um Deripaska zusammenlaufen

VonRainer Hofmann

April 25, 2026

Am 16. Juli 2018 stehen Wladimir Putin und Donald Trump in Helsinki nebeneinander. Die Frage ist alt und unbequemer geworden. Hat Russland Einfluss genommen, hat Geld eine Rolle gespielt. Putin antwortet knapp. Selbst wenn einzelne Geschäftsleute gehandelt hätten, habe das nichts mit dem Staat zu tun. Ein Satz, der mehr trennt, als er erklärt.

Donald Trump und Wladimir Putin bei der gemeinsamen Pressekonferenz in Helsinki am 16. Juli 2018

Was danach folgt, sind Jahre von Spuren. Eine freigegebene Einschätzung amerikanischer Nachrichtendienste aus dem Jahr 2022 spricht von mehr als 300 Millionen Dollar, die weltweit an politische Akteure geflossen sein sollen. Ohne vollständige Liste, ohne abschließende Zuordnung. Albanien taucht darin auf, ohne dass es damals genauer erklärt wurde. Jetzt lässt sich ein Teil davon nachzeichnen.

Tabellarische Übersicht aus den geleakten Unterlagen: zeigt die Verknüpfung mehrerer Offshore-Firmen und deren Zuordnung zu einer gemeinsamen Struktur.

Die Unterlagen stammen aus einem großen Datenleck, bekannt geworden als Pandora Papers. Sie zeigen kein einzelnes Ereignis, sondern ein System. Firmen in Schottland, Konten in Liechtenstein, Verbindungen nach Hongkong, Zypern und Singapur. Dazwischen Namen, die in unterschiedlichen Kontexten auftauchen und sich erst im Gesamtbild verbinden.

Advisory Agreement zwischen zwei Offshore-Gesellschaften – Teil der finanziellen Struktur, über die Millionenbeträge innerhalb des Deripaska-Netzwerks bewegt wurden.

Oleg Deripaska, russischer Oligarch und Industrieller, Gründer des Konzerns EN+ und Mehrheitseigner von Rusal sowie maßgeblich hinter der GAZ Group – sein weit verzweigtes Unternehmensnetzwerk steht im Zentrum der ausgewerteten Finanzstrukturen.

Im Zentrum steht Oleg Deripaska, ein Oligarch, der sein Vermögen in den Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion aufgebaut hat und mit EN+ einen globalen Konzern geschaffen hat. Sein Name tauchte bereits in den Ermittlungen von Robert Mueller auf, der ab 2017 Verbindungen zwischen Russland und dem Umfeld von Trump untersuchte. Ein Schwerpunkt lag auf Paul Manafort, der über Jahre geschäftliche Beziehungen zu Deripaska unterhielt. Deripaska wurde nicht angeklagt, aber die Ermittlungen beschrieben ihn als Akteur mit Einfluss im Hintergrund.

Vertragsauszug zum Betrieb einer Gulfstream G550 (OE-IKH): Struktur über Firmen in Hongkong und auf der Isle of Man, operativ abgewickelt durch AVCON Jet in Wien.

Die Spur führt von dort nach Albanien, in das Jahr 2017. Die politische Lage ist angespannt. Edi Rama tritt für die Sozialisten an, die oppositionelle Demokratische Partei unter Lulzim Basha positioniert sich zunehmend rechtsgerichtet und orientiert sich offen an Donald Trump. Der Slogan wird angepasst, aus „Make America Great Again“ wird „Make Albania Great Again“. Es bleibt nicht bei Worten.

Lulzim Basha gemeinsam mit Donald Trump bei einer Veranstaltung in den USA 2017 – das Bild wurde von Basha veröffentlicht und im albanischen Wahlkampf gezielt eingesetzt, um politische Nähe zu demonstrieren.

Die Partei sucht Zugang nach Washington. Dafür wird Nick Muzin engagiert, ein Republikaner, der im Umfeld von Trumps erster Kampagne gearbeitet hat. Muzin organisiert Auftritte, vermittelt Kontakte, bringt Basha in konservative Medien und zu politischen Treffen. Ein Foto mit Trump entsteht, verbreitet sich in Albanien und erfüllt genau den Zweck, für den es gemacht wurde.

Beratungsvertrag vom 20. März 2017 zwischen Biniatta Trade LP und Stonington Strategies, einer Firma aus dem Umfeld des republikanischen Lobbyisten Nick Muzin – dokumentiert die Beauftragung politischer Einflussarbeit in Washington.

Offiziell erklärt die Partei später, sie habe Muzin selbst bezahlt. Doch Recherchen und die nun vorliegenden Unterlagen zeigen ein anderes Bild. Ein erheblicher Teil des Geldes kam von einer schottischen Firma mit einem unauffälligen Namen: Biniatta Trade LP. Eine Konstruktion, wie sie in solchen Fällen immer wieder auftaucht. Kaum Transparenz, kaum Berichtspflichten, kaum erkennbare wirtschaftliche Tätigkeit.

Lange war unklar, wer hinter dieser Firma stand. Die neuen Dokumente zeigen, dass Biniatta Teil eines größeren Netzwerks war, das über mehrere Ebenen mit Deripaska und seinem Konzern verbunden ist. Damit verschiebt sich die Frage. Es geht nicht mehr nur um eine Zahlung, sondern um die Herkunft dieses Geldes.

Muzin selbst meldete zunächst Einnahmen von 75.000 Dollar für seine Tätigkeit. Später korrigierte er diese Angabe auf 675.000 Dollar. Die Änderung erfolgte zu einem Zeitpunkt, als der Druck auf Lobbyisten wuchs, ihre Tätigkeiten offenzulegen. Kurz zuvor war Paul Manafort angeklagt worden. Der Zusammenhang ist nicht bewiesen, aber der Zeitpunkt ist auffällig.

Parallel dazu erweitert sich das Netzwerk. Ein russischer Anwalt, Eduard Blokhin, verwaltet über seine Kanzlei eine Vielzahl solcher Firmen. Biniatta Trade LP wird in ein Geflecht aus weiteren Gesellschaften eingebunden. Sechs neue Firmen entstehen, Konten werden eröffnet, fast alle bei einer Privatbank in Liechtenstein, der Bendura Bank. Offiziell sollen die Unternehmen mit Warenhandel arbeiten. Tatsächlich beginnen kurz nach der Kontoeröffnung umfangreiche Geldbewegungen.

Die Zahlen sind konkret. Rund 55 Millionen Euro an Krediten und Verträgen lassen sich zwischen Ende 2017 und August 2018 nachverfolgen. Etwa zwei Drittel davon stehen in Verbindung zu Deripaska oder seinem Umfeld. Der Rest kommt aus anonymen Firmen in mehreren Ländern. Geld wird hin und her bewegt, teilweise innerhalb desselben Netzwerks. Kredite werden vergeben, abgesichert, weitergereicht.

Loan Agreement zwischen Offshore-Gesellschaften: dokumentiert die Weiterleitung von Geldern innerhalb eines international verschachtelten Firmennetzwerks.

Kreditvertrag über bis zu 9 Millionen Euro zwischen Offshore-Firmen aus den British Virgin Islands und den Marshallinseln – Teil eines Netzwerks, über das Finanzströme zwischen verbundenen Gesellschaften organisiert wurden.

Ein Beispiel zeigt die Struktur. Eine Firma verleiht Millionen, eine zweite garantiert den Kredit, eine dritte ist wiederum mit der ersten verbunden. Ein ehemaliger Ermittler bezeichnet solche Konstruktionen als künstlich. Der wirtschaftliche Zweck sei nicht erkennbar, die Wege unnötig kompliziert. Genau solche Muster gelten als Hinweis darauf, dass Geld verschleiert werden soll.

Unterlagen der Bendura Bank (Liechtenstein): listen zentrale Offshore-Firmen wie Biniatta Trade LP und Caligula Holding Ltd als Geschäftspartner und zeigen ein geplantes Transaktionsvolumen in Millionenhöhe.

Auch konkrete Verwendungen tauchen auf. Millionen fließen an eine Firma, die mit einem früheren EN+-Manager verbunden ist. Andere Beträge gehen an ein Unternehmen, das ein Privatflugzeug betreibt, das im Umfeld von Deripaskas Familie genutzt wird. Einzelne Verträge sehen Beratungsgebühren in Millionenhöhe vor. Die Struktur bleibt gleich. Geld bewegt sich, ohne dass klar wird, warum.

Flugunterlagen eines Gulfstream G550 (OE-IKH), die eine Verbindung zwischen Moskau und London dokumentieren – genutzt von Tatiana und Valentin Yumashev, Personen aus dem Umfeld russischer Machtstrukturen.

Im April 2018 verhängen die USA Sanktionen gegen russische Eliten, darunter Deripaska und EN+. In der Begründung ist von globalen Aktivitäten und Versuchen die Rede, westliche Demokratien zu beeinflussen. Kurz danach verändert sich das Netzwerk. Firmen werden umbenannt, Verantwortliche ausgetauscht, Strukturen angepasst.

Eine interne Nachricht zeigt, wie ernst die Situation eingeschätzt wird. Es wird empfohlen, Namen zu ändern und neue Direktoren einzusetzen, damit keine Spur zurückführt. Wenige Wochen später wird Biniatta Trade LP umbenannt. 2019 wird die Firma aufgelöst. In Albanien bleibt der Fall offen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, stellt das Verfahren später ein. Die Demokratische Partei erklärt, sie habe nur einen kleinen Teil der Summe selbst gezahlt. Warum der Großteil über eine externe Firma lief, bleibt unbeantwortet.

Die Geschichte endet nicht dort. Vor der Wahl 2025 taucht ein ähnliches Muster wieder auf. Erneut arbeiten Personen aus dem Umfeld von Trump für die Partei. Erneut geht es um Millionenbeträge. Eine Stiftung, die den Lobbyeinsatz finanziert, wird erst kurz vor Vertragsabschluss gegründet. Angaben zu Geldgebern fehlen, obwohl sie gesetzlich vorgeschrieben sind.

Bereits damals schon mehr als nur eine diplomatische Beziehung

Am Ende bleibt kein einzelner Beweis, sondern eine Struktur. Geld, das über Firmen fließt, die kaum greifbar sind. Kontakte, die gezielt aufgebaut werden. Bilder, die politische Nähe erzeugen. Und eine Verbindung, die nicht in einem Dokument steht, sondern sich aus vielen ergibt.

Die Frage von Helsinki bleibt bestehen. Wer handelt. Und für wen.

Fortsetzung folgt …

Unabhängiger Journalismus · Kaizen Blog

Wir sind dort,
wo es wehtut.

Wir sitzen nicht im Warmen und schreiben über die Welt – und wir hören auch nicht beim Schreiben auf. Unsere Hilfe ist dort, wo sie gebraucht wird. Wir sind ein kleines Team. Keine Investoren, keine Millionäre, keine große Redaktion im Hintergrund. Was wir haben, sind Herz, Wille und der Anspruch, Dinge aufzudecken, über die andere oft hinwegsehen. Wenn Sie möchten, dass diese Arbeit weiter möglich bleibt, unterstützen Sie den Kaizen Blog.

Unsere Arbeit lebt von denen, die hinschauen — und dafür einstehen, dass das möglich bleibt.

Updates – Kaizen Kurznachrichten

Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.

Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
1 Kommentar
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Wuschitz
Wuschitz
5 Stunden vor

Ein fast undurchdringlicher Sumpf, der das Elend vieler verursacht, durch Korruption und Steuerhinterziehung und vermutlich durch Betrug. Es schnürt den Hals zu

1
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x