Zehn Jahre haben amerikanische Soldaten und irakische Milizionäre Schulter an Schulter gekämpft, in Mossul, in den Städten, die der sogenannte Islamische Staat sich genommen hatte, und jetzt bombardieren die Amerikaner dieselben Männer in der Provinz Anbar, töten mindestens 15 von ihnen, und Washington nennt sie Terroristen und Bagdad nennt sie Soldaten der nationalen Armee, und beide haben recht, was die Lage zu dem macht, was sie ist, nämlich unlösbar.

Aufnahmen aus dem Süden des Irak. Schiitische Milizen, bewaffnet, organisiert, ihre Fahnen und religiösen Zeichen offen getragen wie eine Antwort auf eine Frage die niemand gestellt hat. Die Bewaffnung ist schwer, die Präsenz ist nicht versteckt, sie sind da und sie wollen dass man es weiß.
Die Volksmobilisierungskräfte, auf Arabisch Haschd asch-Schaabi, sind seit 2016 offiziell Teil der irakischen Streitkräfte, sie bekommen Gehälter aus dem Staatshaushalt, Ränge, Renten, medizinische Versorgung in Militärkrankenhäusern, rund 3,5 Milliarden Dollar jährlich aus Bagdad, und gleichzeitig weitere geschätzte acht bis elf Milliarden durch Geschäftsaktivitäten, legale und illegale, Bau, Logistik, Landwirtschaft sowie Geldwäsche-Strukturen einzelner Fraktionen wie Kataib Hizballah oder Asaib Ahl al-Haq, denen enge Verbindungen zum iranischen Revolutionsgarden-Korps vorgeworfen werden, weshalb das von Kataib Hizballah gegründete Konglomerat Muhandis General Company längst unter amerikanischen Sanktionen steht, genauso wie der Kommandeur der Volksmobilisierungskräfte Falih al-Fayyad, dem die USA grobe Menschenrechtsverletzungen vorwerfen.

Am 2. April erreichte ein irakischer Konvoi den Iran, rund 500 Personen waren beteiligt. Vor Ort zeigte sich, dass mehr Lebensmittel und kleinere Hilfsgüter transportiert wurden als Waffen. Die Fahrzeuge fuhren sichtbar mit irakischen Flaggen, ein klares politisches Signal: Irak steht – zumindest in Teilen – an der Seite Irans. Gleichzeitig sind diese Bilder auch Inszenierung, gemacht für Öffentlichkeit und Wirkung. Gruppen wie Hashd al-Shaabi treten dabei bewusst als Teil staatlicher Strukturen auf.
Diese Geschichte hat eine lange Vorgeschichte, nach dem amerikanischen Einmarsch 2003 und dem folgenden Bürgerkrieg lösten die USA die irakische Armee auf, der Staat wurde schwach und zersplittert, jedes Dorf, jeder Stadtteil hatte seine eigene Miliz, die Amerikaner finanzierten sunnitische Gruppen unter dem Namen Söhne des Irak gegen al-Qaida, der Iran finanzierte schiitische Gruppen gegen den amerikanischen Einfluss, und als der sogenannte Islamische Staat 2014 über den Irak hereinbrach, rief Ayatollah Ali al-Sistani, der höchste schiitische Geistliche des Landes, seine Gläubigen zur Verteidigung auf, Zehntausende folgten, die Volksmobilisierungskräfte entstanden, und 2016 kämpften sie gemeinsam mit den Amerikanern in Mossul, praktisch als eine Einheit.

Premierminister Mohammed Schia al-Sudani kann diesen Kräften heute nicht befehlen, die Angriffe auf amerikanische Einrichtungen zu stoppen, nicht weil er es nicht will, sondern weil er weiß, dass sein Befehl ignoriert würde, von den größten und kampffähigsten Gruppen mit Sicherheit, der Iran gleicht jeden Verlust aus, finanziell und politisch, und die Gruppen genießen Rückhalt beim schiitischen Mehrheitsvolk, sitzen im Parlament, gelten als die Helden, die den sogenannten Islamischen Staat besiegt haben, jeder Versuch, sie aufzulösen, riskiert einen neuen Bürgerkrieg.
Also hat al-Sudani etwas anderes getan, der irakische Nationale Sicherheitsausschuss veröffentlichte am 25. März eine Anordnung, die es Armeeeinheiten erlaubt, ohne Rücksprache das Feuer zu erwidern, wenn sie angegriffen werden, ohne zu nennen, wer diese Einheiten angreifen könnte, aber die Erwähnung von Flugzeugen und Drohnen lässt keinen Zweifel, nur eine Seite setzt Kampfflugzeuge gegen irakisches Territorium ein, das ist eine demonstrative Geste gegenüber einer überwiegend antiamerikanisch gestimmten Bevölkerung, mehr nicht, denn die Volksmobilisierungskräfte haben keine Luftabwehr, die moderner amerikanischer Luftwaffe etwas entgegensetzen könnte.

Tausende versammelten sich auf dem Tahrir-Platz in Bagdad und protestieren gegen die US-israelische Angriffe auf Iran, Irak und Libanon
Was al-Sudani wirklich will, ist, dass die Amerikaner gehen, Bagdad und Washington hatten sich bereits auf einen Abzugsplan geeinigt, der letzte amerikanische Soldat sollte im Herbst 2026 abreisen, jetzt drängt der Premier auf Beschleunigung, und er betont, dass die verbleibenden amerikanischen Truppen ohnehin nur noch im irakischen Kurdistan stationiert sind, einem Gebiet, über das Bagdad kaum Kontrolle hat, während die Nato-Kräfte bereits abgezogen wurden, nach Italien, was die Lage noch klarer macht.

Aufnahmen aus dem Süden des Irak. Schiitische Milizen, bewaffnet, organisiert, ihre Fahnen und religiösen Zeichen offen getragen wie eine Antwort auf eine Frage die niemand gestellt hat. Die Bewaffnung ist schwer, die Präsenz ist nicht versteckt, sie sind da und sie wollen dass man es weiß.
Die Gruppen, die dem Iran nahestehen, wollen etwas anderes, sie wollen die Amerikaner nicht durch Verhandlungen loswerden, sondern durch Eskalation, Raketen- und Drohnenangriffe auf amerikanische Einrichtungen, in der Hoffnung, dass massive Gegenschläge andere Teile der Streitkräfte in den Konflikt ziehen und aus einem lokalen Schlagabtausch einen nationalen Krieg machen, was für den Iran günstig wäre, weil es amerikanische Aufmerksamkeit und Ressourcen auf einen weiteren Schauplatz lenkt.

Kämpfer der Hashd al-Shaabi – irakische schiitische Milizen – sind in großer Zahl in den Iran gekommen, um das Regime zu unterstützen. Die weiße Fahne zeigt das offizielle Emblem der Hashd al-Shaabi, der Dachorganisation der schiitischen Milizen im Irak. Der Umfang und die genaue Rolle sind umstritten. Recherchen vor Ort ergaben, dass die Zahlen deutlich geringer sind, als verbreitet wird. Die von Geheimdiensten und Medien genannten Zahlen von nahezu 5.000 Kämpfern sind fern der Realität. Sie dienen vor allem der politischen Aufladung. Nach unseren Recherchen liegt die tatsächliche Zahl deutlich niedriger, wir gehen derzeit von höchstens etwa 1.500 aus. Auch die oft erwähnten „60 Busse“ konnten wir bislang nicht bestätigen – eine Bewegung dieser Größenordnung wäre kaum zu übersehen.
Das wird wahrscheinlich nicht passieren, die USA setzen auf gezielte Schläge gegen Führungsstrukturen der radikalsten Gruppen, ohne die Lage so weit zu treiben, dass eine vollständige Eskalation unausweichlich wird, und diese dritte amerikanisch-irakische Auseinandersetzung wird vermutlich das bleiben, was sie ist, ein Konflikt niedriger Intensität, Drohnen gegen Drohnen, Erklärungen gegen Erklärungen, bis die Amerikaner wieder abziehen, wie beide Male zuvor, und der Irak zurückbleibt mit einer Armee, in der Männer dienen, die gleichzeitig für einen anderen Staat kämpfen, und mit einer Regierung, die das weiß und nichts dagegen tun kann.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Das ist höchst interessant.
Ehrlich gesagt waren mir diese Zusammenhänge nicht bewusst.
Danke für den Bericht.
gerne und vielen dank