Donald Trump verbrachte den 28. März in Florida. Währenddessen zogen in mehr als 3.300 Städten und Gemeinden seines Landes Millionen Menschen durch die Strassen. Von Alaska bis Florida, von New York bis zu einem Dorf in Idaho mit unter 2.000 Einwohnern, von San Diego bis zu einem Parkplatz in Oshkosh, Wisconsin, wo Menschen bei minus zehn Grad mit Handschuhen und Wollmützen standen und Schilder hochhielten, auf denen stand, was sie von ihrem Präsidenten halten.
Es war der dritte No-Kings-Protesttag. Und nach allem was man sehen konnte – der grösste.
Organisierende sprachen von mindestens 8 Millionen Teilnehmern, wahrscheinlich aber noch viel mehr. Im Juni waren es mehrere Millionen gewesen, im Oktober sieben Millionen. Die Zahlen wachsen, der Grund dafür auch. Man muss sich vorstellen, wie dieser Tag aussah, um zu verstehen, was er bedeutet.

In Reading, Pennsylvania, standen Jennifer und Jackie Arteaga an einer belebten Kreuzung. Cousinen, mexikanischer Herkunft, beide aufgewachsen in diesem Land. Jennifer war 25, hatte ihren dreijährigen Sohn mitgebracht. „Es fühlt sich an, als wäre unser Land ein Witz“, sagte sie. „Es ist seine Zukunft, über die wir reden.“ Jackie, 20, wohnt zwanzig Minuten von dem geplanten ICE-Lager entfernt, das in Reading in einem leerstehenden Lagerhaus entstehen soll – 1.500 Betten, mitten in ihrer Stadt. „Es macht mir Angst zu wissen, dass ich sie vielleicht beim Supermarkt um die Ecke sehen werde“, sagte sie. „Was soll ich dann tun?“

In Lander, Wyoming, stellte Phyllis Roseberry eine umgekehrte amerikanische Flagge auf. Ein Mann hielt an, rief ihr etwas Unanständiges entgegen und fuhr weiter. Sie liess es an sich abtropfen. „Ich bin hier, weil ich mein Land liebe“, sagte sie. In West Bloomfield, Michigan, protestierten Menschen bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. In Topeka, Kansas, stand jemand verkleidet als Froschkönig vor dem Staatskapitol. In Oxford, Mississippi – eine Autostunde von Elvis Presleys Geburtsort entfernt – kam Mitch Campbell, 72 Jahre alt, mit einem Schild: „Kein König ausser Elvis.“ Er sagte: „Wie können die Menschen das ignorieren? Sie trampeln auf der Verfassung herum. Ob es das Benzin ist, die Zölle, die Lebenshaltungskosten – wir schauen einfach nicht hin.“
In Washington zogen Hunderte am Lincoln Memorial vorbei auf die National Mall. Schilder: „Leg die Krone ab, Clown.“ „Regimewechsel beginnt zu Hause.“ Trommeln, Glocken, Sprechchöre. Bill Jarcho aus Seattle kam mit sechs Menschen, die als Insekten verkleidet Taktikwesten trugen mit der Aufschrift „LICE“ – eine direkte Anspielung auf ICE, Trumps Einwanderungsbehörde. „Wir bieten Spott für den König“, sagte Jarcho. „Autoritarismus lächerlich zu machen – das hassen sie.“

Donna Lieberman, Geschäftsführerin der New York Civil Liberties Union, sagte bei einer Pressekonferenz in New York: „Sie wollen, dass wir Angst haben. Sie wollen, dass wir glauben, es gibt nichts, was wir tun können, um sie aufzuhalten. Aber sie liegen falsch.“
In San Diego zählte die Polizei 40.000 Menschen allein im Stadtzentrum. Strassen wurden gesperrt – der Pacific Highway, der North Harbor Drive, die Ash Street, der Broadway – alle zeitweise geschlossen, alle wieder geöffnet, während die Menge durch die Stadt zog. Organisierende hatten mehr als ein Dutzend Veranstaltungen im ganzen Bezirk geplant, von der South Bay bis nach North County.
In Los Angeles war der Tag der einzige der grossen Städte, der eskalierte. Vor dem Metropolitan Detention Center im Stadtzentrum setzten Bundesbehörden Tränengas ein, nachdem Demonstranten Betonblöcke und Flaschen warfen. Die Polizei verhaftete mehrere Personen. Es blieb der einzige Moment an einem ansonsten friedlichen Tag.
In Atlanta sagte der 36-jährige Veteran Marc McCaughey, der dem Veteranenverband Common Defense angehört: „Kein Land kann ohne die Zustimmung des Volkes regieren. Wir sind hier, weil wir glauben, dass die Verfassung auf vielen Ebenen bedroht ist.“ Naveed Shah von Common Defense sagte: „Seit dem letzten Mal, als wir marschiert sind, hat diese Regierung uns tiefer in den Krieg hineingezogen. Zu Hause haben wir gesehen, wie Bürger auf den Strassen von militarisierten Kräften getötet wurden. Familien wurden auseinandergerissen.“

Der Mittelpunkt des Tages lag in Minnesota – und das war kein Zufall.
In Minneapolis hatte Trump im Januar eine Welle von ICE-Einsätzen angeordnet. Zwei amerikanische Staatsbürger wurden dabei von Bundesbeamten erschossen. Renee Good, Mutter von drei Kindern. Alex Pretti, Krankenpfleger beim Veteranenamt, in den Rücken geschossen und auf der Strasse liegen gelassen, ohne dass die Regierung je eine Untersuchung einleitete. Minnesota hatte dagegen gekämpft, laut und anhaltend, bis der Grenzzar erklärte, die Razzia sei beendet.

Deshalb designierten die Organisatoren St. Paul, die Hauptstadt Minnesotas, als nationales Flaggschiff der dritten No-Kings-Proteste. Und deshalb stand Bruce Springsteen auf der Bühne vor dem Kapitol.
Er sang „Streets of Minneapolis“ – einen Song, den er in 24 Stunden geschrieben hatte, nachdem er von Renee Good und Alex Pretti gehört hatte. Es war sein dritter Auftritt mit diesem Lied, nach einem Benefizkonzert in Minneapolis im Januar und einer Veranstaltung in New York wenige Tage zuvor. Springsteens Land of Hope and Dreams Tour beginnt am Dienstag – in Minneapolis. Enden soll sie in Washington.
„Diese reaktionäre Herrschaft und diese Invasionen amerikanischer Städte werden keinen Bestand haben“, sagte er. „Eure Stärke hat dem ganzen Land Mut gemacht. Ihr habt uns Hoffnung gegeben.“
Bevor Springsteen die Bühne betrat, spielten die Organisatoren ein Video von Robert De Niro, der sagte, er wache jeden Morgen deprimiert auf wegen Trump – an diesem Samstag jedoch nicht. Er gratulierte den Menschen in Minnesota.
Bernie Sanders sprach. Joan Baez war da. Jane Fonda. Randi Weingarten, Präsidentin der American Federation of Teachers, rief in die Menge: „Donald Trump mag so tun als ob er nicht zuhört – aber er kann die Millionen auf den Strassen nicht ignorieren.“ Am Kapitol hielten Demonstranten ein riesiges Transparent hoch: „Wir hatten Pfeifen, sie hatten Waffen. Die Revolution beginnt in Minneapolis.“
Die Proteste griffen über die Grenzen der USA hinaus. In Rom marschierten Tausende, auch gegen die israelischen und amerikanischen Angriffe auf Iran. In London hielten Demonstranten Banner mit der Aufschrift „Stoppt die extreme Rechte.“ In Paris versammelten sich Hunderte an der Bastille – vor allem Amerikaner, die in Frankreich leben, gemeinsam mit französischen Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen. Ada Shen, eine der Organisatorinnen, sagte: „Ich protestiere gegen alle illegalen, unverantwortlichen und endlosen Kriege Trumps.“
Trumps Zustimmungswert liegt laut einer Reuters/Ipsos-Umfrage vom 20. bis 23. März bei 36 Prozent – der niedrigste Stand seit seiner Rückkehr ins Amt. Nur 35 Prozent der Amerikaner befürworten die Angriffe auf Iran, nach 37 Prozent in der Vorwoche. 25 Prozent sind zufrieden mit Trumps Umgang mit den Lebenshaltungskosten. Das Weisse Haus liess Sprecherin Abigail Jackson ausrichten, die Proteste seien das Produkt „linker Finanzierungsnetzwerke“ ohne echten Rückhalt in der Bevölkerung. Die einzigen Menschen, die sich für diese „Trump-Derangement-Therapiesitzungen“ interessierten, seien die Journalisten, die dafür bezahlt würden, darüber zu berichten. Der republikanische Kongressausschuss NRCC nannte die Veranstaltungen „Hass-Amerika-Kundgebungen.“

Dana R. Fisher, Professorin an der American University, die Bürgerengagement erforscht, sagt, kollektive Erschütterung und das Erreichen einer bestimmten Teilnehmerzahl reichten allein nicht aus. In ihren Umfragen fand sie heraus, dass die Teilnehmenden der No-Kings-Proteste überwiegend weiblich, akademisch gebildet, mittleren Alters und zu fast 90 Prozent weiss sind. Mehr als zwei Drittel gaben an, im vergangenen Jahr an einem politischen Boykott teilgenommen zu haben. „Was wir wirklich brauchen, ist die Arbeit der Demokratieverteidigung in unseren Gemeinden“, sagte Fisher. „Es geht nicht um aufblasbare Kostüme.“

Donna Bailey aus Reading, Pennsylvania, war zum dritten Mal bei einem No-Kings-Protest dabei. Sie sagte, sie komme wegen ihrer Enkelkinder. „Und aus Angst, die Demokratie zu verlieren, rückwärts zu gehen. Aus Angst, dass meine Enkelkinder sich das Leben nicht mehr leisten können. Es wird einfach schlimmer. Irgendwann muss es aufhören oder einen Wendepunkt erreichen. Aber jedes Mal, wenn man denkt, wir haben den Tiefpunkt erreicht, stimmt das nicht.“

In Chicago, Minneapolis, Boston und Philadelphia waren die Strassen an diesem Samstag überflutet. Allein diese vier Städte brachten es zusammen auf 400.000 bis 500.000 Menschen. Die Proteste werden grösser – langsam, aber stetig, Runde für Runde.

In den USA gibt es viele Formen des Widerstandes. Dieser hier ist eine davon – laut, sichtbar, und in ihrer Beharrlichkeit vielleicht die ehrlichste. Der Weg ist noch weit, und man weiss nicht, ob er reicht. Aber man weiss, dass er entscheidend ist. Denn was hier kippt oder hält, kippt oder hält nicht nur für Amerika. Ein rechtspopulistisches Regime, das in Washington ungebremst bleibt, überträgt sich – das ist keine Theorie mehr, das ist Geschichte, die sich gerade schreibt. Europa spürt davon erst einen Bruchteil. Was kommt, wenn dieser Widerstand hier versagt, wird Europa mit einer Wucht treffen, auf die es sich nicht vorbereitet hat.

Im November sind Zwischenwahlen. Die Republikaner riskieren, beide Kammern des Kongresses zu verlieren. Ob mehr als 8 Millionen Menschen an einem Samstag im März dazu etwas beitragen – das weiss niemand mit Sicherheit.

Aber dass mehr als 8 Millionen Menschen aufgestanden sind, das lässt sich nicht wegdiskutieren.
Auch nicht aus Florida.
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