Ein neu aufgetauchtes Video aus der südiranischen Stadt Minab verschiebt die Verantwortung für einen der tödlichsten Vorfälle dieses Krieges. Die Aufnahmen zeigen den Einschlag eines US-amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörpers in ein Gelände der Revolutionsgarden, unmittelbar neben der Shajarah-Tayyebeh-Grundschule. 175 Menschen sollen dort getötet worden sein, viele von ihnen Kinder. Zum ersten Mal ist visuell dokumentiert, dass die USA in genau diesem Gebiet zuschlugen.
Der Einschlag in der unmittelbaren Nähe der Schule
Das Video wurde von der halbstaatlichen Agentur Mehr News veröffentlicht und anschließend von der New York Times unabhängig überprüft. Die Zeitung verglich – wie auch wir und zwei weitere Kollektive, darunter Bellingcat – sichtbare Details: einen abgenutzten Trampelpfad, Schuttberge, die Lage der Gebäude. Abgeglichen mit Satellitenbildern, die wenige Tage nach den Angriffen aufgenommen wurden. Weitere verifizierte Videos aus der unmittelbaren Nachbarschaft stützen die Echtheit der Sequenz.

Zu sehen ist, wie der Marschflugkörper ein Gebäude innerhalb des von den Islamischen Revolutionsgarden betriebenen Marinestützpunkts trifft. Nach dem Einschlag schießen Rauch und Trümmer aus dem Bau. Im Hintergrund sind Schreie zu hören. Als die Kamera nach rechts schwenkt, steigen bereits dichte Staub- und Rauchwolken aus dem Bereich der Grundschule auf. Das deutet darauf hin, dass die Schule kurz zuvor getroffen worden war. Eine rekonstruierte Zeitleiste legt nahe, dass beide Einschläge nahezu zeitgleich erfolgten.
Wir gingen noch einen Schritt weiter: 116 Meter – und das Meer dahinter
Unsere Recherche ergibt eine präzise Zahl: 116 Meter.
Wir haben die Koordinaten selbst überprüft. Die Shajarah-Tayyebeh-Grundschule liegt bei 27.109778, 57.084670. Ein Gebäude im südlich angrenzenden Militärkomplex bei 27.109089, 57.085525. Die Luftlinie zwischen beiden Punkten beträgt 116 Meter. Zwischen Schule und Ziel liegt kein Stadtraum. Kein leerer Puffer. Die Gebäude stehen dicht beieinander. Ein Weg über ein Fußballfeld reicht aus, um vom einen Dach zum anderen zu gelangen.

116 Meter sind in einer Stadt keine Distanz, die man übersehen kann. Vor allem nicht bei einem militärischen Schlag mit einer programmierten Präzisionswaffe. Eine Tomahawk wird mit festen Koordinaten gestartet. Das Zielgebiet wird vorab bewertet. Gebäude im direkten Umfeld sind sichtbar – sie fließen in die Planung ein. Bei dieser Entfernung liegt die Schule im unmittelbaren Zielumfeld. Sie befindet sich nicht am Rand der Stadt, nicht mehrere Straßenzüge entfernt, sondern praktisch neben dem Komplex.

Die Zahl ist eindeutig. Und sie führt zu einer klaren Frage: Wie wurde bei 116 Metern Abstand das Risiko für das benachbarte Schulgebäude eingeschätzt? Im Video taucht der Marschflugkörper aus der rechten oberen Bildseite ins Ziel ein. Er kommt steil, nicht flach. Das ist die sichtbare Endphase. Mehr zeigt das Material nicht. Wenn die Kamera so ausgerichtet ist, wie es der Abgleich mit Straße und Gelände nahelegt, deutet diese Endannäherung auf eine Richtung aus östlicher bis südöstlicher Achse relativ zur Einschlagstelle hin. Das beschreibt die letzte Flugsekunde – nicht die gesamte Route, nicht den Abschussort.
Südöstlich von Minab liegt das Oman-Meer. Offenes Wasser, Übergang zur Straße von Hormuz. In diesem Seegebiet operierten zum genauen Zeitpunkt der Angriffe US-Marineverbände, darunter die USS Abraham Lincoln. Tomahawk-Marschflugkörper werden von Schiffen oder U-Booten der US-Navy gestartet. Es gibt keine Hinweise auf andere Staaten mit Tomahawk-fähigen Schiffen in diesem Raum. Nach Angaben des US-Militärs waren iranische Marineeinheiten dort weitgehend neutralisiert. Das bedeutet nicht, dass sich aus dem Video ein konkretes Schiff bestimmen lässt. Es bedeutet nur, dass die sichtbare Endrichtung mit der geografischen Lage des Meeres und der bekannten US-Präsenz vereinbar ist. Entscheidend bleibt die Distanz am Boden.
US-Präsident Donald Trump hatte auf Nachfrage eines Journalisten erklärt, die Vereinigten Staaten hätten die Schule nicht bombardiert. „Nein. Meiner Meinung nach und nach dem, was ich gesehen habe, wurde das von Iran getan“, sagte er. Iran sei mit seinen Waffen sehr ungenau. Verteidigungsminister Pete Hegseth, der neben ihm stand, erklärte, das Pentagon untersuche den Vorfall – die einzige Seite jedoch, die gezielt Zivilisten angreife, sei Iran. Das Problem dieser Darstellung liegt im Waffentyp. Der im Video sichtbare Flugkörper wurde eindeutig als Tomahawk identifiziert. Weder das israelische noch das iranische Militär verfügt nach öffentlich bekannten Angaben über dieses System. Die Tomahawk ist ein ausschließlich von den US-Streitkräften eingesetzter Lenkflugkörper. Seit dem 28. Februar, dem Beginn der gemeinsamen US-israelischen Operation gegen Iran, wurden Dutzende dieser Raketen von Kriegsschiffen der US-Navy abgefeuert.
Das US-Zentralkommando veröffentlichte selbst Aufnahmen mehrerer Tomahawk-Starts von Marineschiffen und erklärte, diese seien am 28. Februar gefilmt worden – genau an dem Tag, an dem der Stützpunkt in Minab und die benachbarte Schule getroffen wurden. General Dan Caine, Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff, bestätigte auf einer Pressekonferenz, dass US-Streitkräfte zu diesem Zeitpunkt Angriffe im Süden Irans ausführten. Eine von ihm präsentierte Karte zeigte, dass ein Gebiet einschließlich Minab in den ersten hundert Stunden der Operation Ziel von Schlägen war.
„Den ersten Beschuss auf See führten Tomahawks entfesselt von der US-Navy aus“, sagte Caine am 2. März im Pentagon. Die Marine habe entlang der südlichen Flanke Irans Ziele angegriffen. Minab liegt nahe der Straße von Hormuz, einem strategischen Nadelöhr, an dem die USS Abraham Lincoln und ihre Kampfgruppe nach Angaben des Generals Druck auf die iranische Marinekapazität ausübten. Der Tomahawk gilt als präzisionsgelenkte Langstreckenwaffe. Das US-Verteidigungsministerium beschreibt ihn als „langreichweitig und hochpräzise“. Vor dem Start wird ein exakter Flugplan programmiert, der Flugkörper steuert sich anschließend selbst ins Ziel. Er ist rund sechs Meter lang, hat eine Spannweite von etwa zweieinhalb Metern und trägt in der gängigen Variante einen Gefechtskopf mit einer Sprengkraft von rund 300 Pfund TNT. Die Reichweite liegt bei etwa 1.000 Meilen.

Externe Fachleute kommen zum selben Schluss. Trevor Ball, früherer Spezialist für Kampfmittelbeseitigung der US-Armee, identifizierte die Rakete im Video als Tomahawk. Ebenso Chris Cobb-Smith, Leiter der Sicherheits- und Logistikfirma Chiron Resources. Beide sehen in den Proportionen und im Flugprofil klare Merkmale dieses Systems. Satellitenanalysen zeigen zudem, dass mehrere Gebäude innerhalb des Marinestützpunkts durch präzise Einschläge beschädigt wurden. Das im Video getroffene Objekt wird als medizinische Klinik auf dem Stützpunkt beschrieben. Sichtbare Waffenfragmente fehlen bislang – unabhängige Journaliste konnten den Ort nicht erreichen. Genau das erschwert eine vollständige Rekonstruktion. Wir werden es aber morgen wieder probieren. Doch das Muster aus Bildmaterial, Satellitendaten, Berechnungen und offiziellen US-Angaben ergibt ein konsistentes Bild: Am 28. Februar schlugen US-Tomahawks im Raum Minab ein.
Bereits im Juni hatte ein US-U-Boot im Rahmen des sogenannten Zwölf-Tage-Krieges mehr als zwei Dutzend Tomahawks auf eine Nuklearanlage in Isfahan abgefeuert. Auch dort galt die Waffe als Instrument präziser, vorab geplanter Schläge. In Minab liegen der Marinestützpunkt der Revolutionsgarden und die Shajarah-Tayyebeh-Grundschule dicht beieinander. Das neue Video zeigt keinen Einschlag direkt in das Schulgebäude. Es zeigt aber eine US-Waffe, die exakt in jenem Areal einschlägt, aus dem zur gleichen Zeit Rauch über der Schule aufsteigt. Damit widerlegt es die Behauptung, es habe sich um einen iranischen Fehlbeschuss gehandelt. Die Frage ist nun nicht mehr, ob die Vereinigten Staaten in Minab zuschlugen. Das ist dokumentiert. Offen bleibt, was genau in diesen Minuten geschah – und ob die Programmierung einer als hochpräzise beschriebenen Waffe die Nähe einer Schule berücksichtigte, in der 175 Menschen starben.
Es spielt keine Rolle, was man vom Regime in Teheran hält. Es war und ist menschenverachtend. Es spielt keine Rolle, was man über sein Atomprogramm weiß oder vermutet. Beides ändert nichts an einer schlichten Tatsache: Ein späterer Abschuss hätte diese Kinder am Leben gelassen.
Wir gehen davon aus, dass ein Geheimdienst vom Format der CIA auch im Jahr 2026 in der Lage ist, den Stundenplan einer Grundschule in seine Zielplanung einzubeziehen. Das ist eine Mindesterwartung an eine Organisation, die für sich in Anspruch nimmt, präzise zu operieren. Wenn Kinder auf diese Weise sterben, besteht Aufklärungspflicht. Als Bedingung jeder weiteren Berichterstattung über diesen Krieg. Deshalb werden wir morgen erneut versuchen, das Gelände in Minab zu erreichen.
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