OpenAI hat ein Netzwerk von Accounts gesperrt, das mit dem russischen Pro-Kriegs-Telegramkanal „Rybar“ in Verbindung steht. Der Eingriff ist Teil eines Berichts, in dem das Unternehmen offenlegt, wie seine Systeme für koordinierte Einflusskampagnen missbraucht wurden. Interne Bezeichnung der Maßnahme: „Fish Food“ – eine Anspielung auf den Namen des Kanals, denn „Rybar“ bedeutet auf Russisch „Fischer“. „Rybar“ gehört mit mehr als 1,5 Millionen Abonnenten zu den größten pro-militärischen Projekten im russischsprachigen Raum. Gegründet wurde der Kanal von Michail Swinschuk, einem ehemaligen Mitarbeiter des Pressedienstes des russischen Verteidigungsministeriums. Die Plattform verbreitet seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine militärnahe Analysen, Frontberichte und politische Botschaften im Sinne des Kreml.
Nach Angaben von OpenAI nutzten mit „Rybar“ verbundene Akteure ChatGPT systematisch zur Erstellung von Texten für verschiedene pro-kremlnahe Social-Media-Kanäle. Teile dieser Inhalte tauchten später auf den offiziellen „Rybar“-Accounts sowie auf der Projektwebsite auf. Mindestens ein Beteiligter setzte zusätzlich das Videomodell Sora ein, um Werbevideos zu produzieren. Die meisten Eingaben an das System erfolgten auf Russisch. Produziert wurden jedoch auch Texte auf Englisch und Spanisch. Besonders brisant: Mehrere Aufforderungen zielten darauf ab, englischsprachige Kommentare zu formulieren, die anschließend über unterschiedliche Telegram- und Twitter-Accounts veröffentlicht wurden – Profile ohne erkennbare direkte Verbindung zu „Rybar“.
In dem Bericht beschreibt OpenAI detailliert, wie das eigene System als eine Art Textfabrik eingesetzt wurde. Beteiligte hätten das Modell unter anderem gebeten, einen Vorschlag für ein offenbar bereits entsandtes Wahlbeeinflussungsteam zu überarbeiten – mutmaßlich in Afrika. Dieser Vorschlag habe sowohl Aktivitäten vor Ort als auch Online-Maßnahmen umfasst, darunter den Aufbau eines Netzes lokaler Akteure und die Organisation größerer Veranstaltungen. Ein weiterer Auftrag habe sich mit einer Informationskampagne zur Demokratischen Republik Kongo befasst. Weitere Eingaben betrafen den Wahlprozess in Burundi und Kamerun sowie mögliche Strategien für Madagaskar, darunter die gezielte Anheizung von Protesten. Für das ambitionierteste Vorhaben sei ein Jahresbudget von bis zu 600.000 US-Dollar veranschlagt worden.
Darüber hinaus wurde ChatGPT aufgefordert, eine Liste möglicher Dienstleistungen ins Englische zu übersetzen. Darin enthalten: der Betrieb von X- und Telegram-Konten, eine zweisprachige Website mit dem Anspruch auf investigative Berichterstattung zu Afrika, bezahlte Veröffentlichungen in französischsprachigen Medien sowie ein Netzwerk zur Verstärkung von Inhalten. Der zentrale, mit „Rybar“ verknüpfte Account nutzte das System laut Bericht auch zur Erstellung von Werbematerial für eine Publikation namens „REST Media“, die von Open-Source-Rechercheuren ebenfalls mit „Rybar“ in Verbindung gebracht wird.
Inhaltlich folgten die erzeugten Texte bekannten Mustern russischer Einflusskampagnen der vergangenen Jahre. Russland und verbündete Staaten wie Belarus wurden positiv dargestellt, die Ukraine scharf angegriffen, westlichen Regierungen wurde Einmischung in innere Angelegenheiten anderer Länder vorgeworfen. Die Dimension des Projekts unterstreicht die politische Bedeutung. Im Oktober 2024 setzte die US-Regierung eine Belohnung von bis zu zehn Millionen Dollar für Hinweise zum Aufenthaltsort von Mitarbeitern des „Rybar“-Projekts aus. Dass nun auch ein globaler Technologiekonzern ein solches Netzwerk offenlegt und kappt, zeigt, wie sehr digitale Einflussoperationen in den Fokus geraten sind – und wie eng militärnahe Informationskanäle, Social Media und automatisierte Textproduktion inzwischen zusammenwirken.
Die Sperrung der „Fish Food“-Accounts ist damit mehr als ein technischer Vorgang. Sie ist ein Eingriff in eine Infrastruktur, die gezielt internationale Öffentlichkeit formen sollte – in mehreren Sprachen, auf mehreren Plattformen, mit klarer politischer Stoßrichtung.
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