Chappaqua, 11 Uhr – Ein Ex-Präsident unter Eid und der lange Schatten Epstein

VonRainer Hofmann

Februar 27, 2026

Chappaqua an diesem Freitag ist mehr als nur ein Vororttermin. Im Performing Arts Center der wohlhabenden Gemeinde nördlich von New York sitzt Bill Clinton hinter verschlossenen Türen und beantwortet Fragen zu seiner Beziehung zu Jeffrey Epstein. Zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte wird ein ehemaliger Präsident unter Zwang einer Vorladung vom Kongress vernommen. Das allein markiert eine Zäsur.

Der Auftritt vor dem House Oversight Committee könnte weit über Clinton hinausreichen. Denn die Frage steht im Raum, ob hier ein Maßstab gesetzt wird, der eines Tages auch Donald Trump treffen könnte. Trumps eigene Kontakte zu Epstein werden seit Jahren diskutiert. Auffällig ist seine Zurückhaltung in diesen Tagen. In einem Interview sagte er, es störe ihn, dass man Bill Clinton angreife. „Es stört mich, dass jemand Bill Clinton verfolgt. Eigentlich mag ich Bill Clinton“, erklärte Trump. Eine ungewöhnliche Tonlage nach Jahrzehnten politischer Feindschaft.

Die Republikaner im Ausschuss lassen sich davon nicht bremsen. Sie haben Vorladungen an mehrere Personen verschickt, überwiegend an Demokraten, deren Namen in der vom Justizministerium veröffentlichten Dokumentenflut zum Epstein-Komplex auftauchen. Am Donnerstag wurde Hillary Clinton stundenlang befragt. Videoaufnahmen sollen zeitnah veröffentlicht werden. Auch sie war in Chappaqua erschienen, im selben Saal wie nun ihr Mann. Sie sagte aus, die Beziehung ihres Mannes zu Epstein sei „mehrere Jahre beendet gewesen, bevor irgendetwas über Epsteins kriminelle Aktivitäten bekannt wurde“.

James Comer, Vorsitzender des Ausschusses aus Kentucky, betonte vor Journalisten, man werde weiterhin „einige der mächtigsten Menschen der Welt“ vorladen und befragen. Niemand werde derzeit eines Fehlverhaltens beschuldigt, sagte er, aber die amerikanische Öffentlichkeit habe viele Fragen. Der Ausschuss sehe sich verpflichtet, Antworten zu liefern.

Bill Clinton bestreitet jedes Fehlverhalten im Zusammenhang mit Epstein. Er habe keine Kenntnis von dessen Verbrechen gehabt. Unbestritten ist, dass er 2002 und 2003 etwa ein halbes Dutzend Mal mit Epsteins Privatjet reiste. Er taucht in von Kongress und Justizministerium veröffentlichten Fotos auf, darunter eines, das ihn in einem sprudelnden Pool mit einer Frau zeigt, deren Gesicht geschwärzt ist. In der freigegebenen Dokumentensammlung wird Clinton zehntausendfach erwähnt. Direkte Korrespondenz zwischen ihm und Epstein findet sich darin nicht. Seine Mitarbeiter betonen, er habe die Verbindung Jahre vor der bundesstaatlichen Anklage 2019 beendet.

Epstein selbst bekannte sich 2008 in Florida in zwei Fällen der Anbahnung von Prostitution schuldig, darunter in einem Fall mit einer Minderjährigen. 2019 wurde er wegen bundesstaatlicher Sexhandelsvorwürfe verhaftet und starb noch im selben Jahr in Haft. Sein Tod wurde als Suizid eingestuft. Richter und Abgeordnete halten fest, dass er über Jahrzehnte hinweg zahlreiche Mädchen missbraucht, gehandelt und ausgebeutet hat. Viele Betroffene haben vor Gericht und öffentlich ausgesagt.

Comer kündigte an, man wolle die Clintons unter anderem fragen, wie Epstein zu seinem Vermögen kam, wie er sich mit einigen der mächtigsten Männer der Welt umgeben konnte und ob er womöglich für die amerikanische Regierung oder eine andere Regierung tätig war. Hillary Clinton kritisierte diese Linie scharf. Unter Eid seien ihr Fragen zu UFOs gestellt worden und zu der haltlosen Theorie eines Kinderhändlerrings hochrangiger Demokraten in einer Pizzeria in Washington. Sie bezeichnete ihren Auftritt als politisches Theater und fragte öffentlich, warum das republikanisch geführte Gremium auf ihrer Befragung bestanden habe. „Ich weiß nicht, wie oft ich sagen musste, dass ich Jeffrey Epstein nicht kannte“, erklärte sie nach ihrer Aussage. „Ich war nie auf seiner Insel. Ich war nie in seinen Häusern. Ich war nie in seinen Büros.“ Ghislaine Maxwell, langjährige Vertraute Epsteins, hatte für sich reklamiert, eine zentrale Rolle bei der Gründung der Clinton Global Initiative gespielt zu haben, jenem jährlichen Treffen der Clinton Foundation, das 2005 startete. Die Clinton Foundation erklärte, sie habe lediglich eine Spende in Höhe von 25.000 Dollar von einer mit Epstein verbundenen Stiftung im Jahr 2006 erhalten.

Die Wellen reichen auch in frühere Regierungszeiten. Larry Summers, einst Finanzminister unter Clinton, kündigte an, seine akademischen Funktionen an der Harvard University zum Ende des Studienjahres niederzulegen. Hintergrund sind umfangreiche Korrespondenzen zwischen ihm und Epstein, die in den Akten auftauchten. Summers sagte bereits im vergangenen Herbst, er schäme sich zutiefst für sein Verhalten und den dadurch verursachten Schmerz.

Die Clintons hatten sich zunächst geweigert, den Vorladungen nachzukommen. Sie nannten sie rechtlich nicht durchsetzbar. Erst kurz bevor das Repräsentantenhaus ein Verfahren wegen strafrechtlicher Missachtung des Kongresses einleiten wollte, lenkten sie ein. Anschließend baten sie darum, öffentlich aussagen zu dürfen. Der Ausschuss lehnte ab und entschied sich für geschlossene Befragungen.

Nun legte Bill Clinton seine vorbereitete Erklärung vor und wählt klare Worte. Seine kurze Bekanntschaft mit Jeffrey Epstein, so sagt er dem House Oversight Committee, habe Jahre geendet, bevor dessen Verbrechen ans Licht kamen. Er habe nichts gesehen, nichts Falsches getan und nichts wahrgenommen, das ihn hätte stutzig machen müssen. Dieser Satz steht im Zentrum seiner Einlassung: „Ich habe nichts gesehen, und ich habe nichts Falsches getan. Ich habe nichts gesehen, das mich je hätte stutzig machen müssen.“ Weiter heißt es, er sei heute hier, um „das Wenige, das ich weiß, beizutragen, damit so etwas niemals wieder geschieht“. Und er fügt hinzu, die Mädchen und Frauen, deren Leben Jeffrey Epstein zerstört habe, verdienten nicht nur Gerechtigkeit, sondern auch Heilung.

Clinton betont, er habe keine Kenntnis von den Verbrechen Epsteins gehabt. Selbst im Rückblick sehe er nichts, das ihm Anlass zum Zweifel hätte geben müssen. Seine Beziehung zu Epstein sei begrenzt gewesen und lange beendet, bevor 2008 das Schuldbekenntnis in Florida öffentlich wurde. Als Epsteins Straftaten bekannt wurden, so Clinton, habe er längst keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt.

Zugleich stellt er seine Aussage unter den Anspruch persönlicher Verantwortung. Er stehe unter Eid, werde nicht spekulieren und keine Vermutungen äußern. Er wolle Fragen beantworten, soweit sein Wissen reiche. Er sei nicht hier, um Vermutungen zu bedienen, sondern um bei den Fakten zu bleiben, so wie er sie kenne. Diese Erklärung markiert die Linie, auf der sich Clinton bewegt: Distanz zu Epstein, keine Kenntnis von dessen Taten, kein eigenes Fehlverhalten. Ob diese Darstellung den Ausschuss überzeugt, wird sich erst nach Veröffentlichung von Video und Transkript zeigen. Klar ist: Mit seiner Einlassung versucht Clinton, einen Schlussstrich unter seine Verbindung zu Epstein zu ziehen – und die Verantwortung für das, was geschehen ist, klar von sich zu weisen.

Clinton räumt ein, dass seine Antworten für manche unbefriedigend klingen mögen, wenn er auf Fragen mit „daran erinnere ich mich nicht“ reagiert. Doch er werde nichts sagen, dessen er sich nicht sicher sei. Es helfe niemandem, wenn er 24 Jahre später den Detektiv spiele. Zugleich wird er deutlich persönlicher: Als jemand, der in einem von häuslicher Gewalt geprägten Umfeld aufgewachsen sei, hätte er Epstein niemals unterstützt, wenn er auch nur eine Ahnung von dessen Taten gehabt hätte. Er wäre nicht in dessen Flugzeug gestiegen, sondern hätte ihn selbst angezeigt und Gerechtigkeit gefordert, keine milden Absprachen. Dass man heute hier sitze, liege allein daran, dass Epstein seine Verbrechen über Jahre hinweg vor allen verborgen habe. Schließlich verteidigt Clinton seine Frau mit scharfen Worten: Hillary Clinton habe nichts mit Epstein zu tun gehabt, sei ihm nie begegnet, nie mit ihm gereist, habe keines seiner Anwesen besucht. Ihre Vorladung sei schlicht falsch gewesen. Und so wie er unter Eid stehe, schulde auch jeder Abgeordnete der amerikanischen Öffentlichkeit nichts weniger als Wahrheit und Genauigkeit.

Nun sitzt Bill Clinton im Saal seiner Heimatgemeinde und beantwortete Fragen, die längst über seine Person hinausgehen. Es geht um Macht, Nähe, Verantwortung und um die Frage, wie ein verurteilter Sexualstraftäter über Jahre Zugang zu politischen und gesellschaftlichen Spitzenkreisen hatte. Was aus dieser Befragung folgt, wird sich zeigen. Klar ist schon jetzt: Der Kongress hat eine Grenze verschoben, und das Echo wird noch lange zu hören sein.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir sitzen nicht im Warmen und schreiben über die Welt. Wir sind dort, wo es wehtut. Aber wir hören nicht beim Schreiben auf. Wir helfen konkret. Wir setzen uns für Menschenrechte und Völkerrecht ein — als Haltung. Gegen Machtmissbrauch. Gegen eine Politik, die mit Angst regiert und Schwächere opfert, um Stärkere zu bedienen. Wegsehen war noch nie neutral. Es hat immer denen genutzt, die darauf zählen, dass niemand hinschaut.
Wir haben keinen Verlag im Rücken, keine institutionelle Hand, die uns trägt, kein Abo-Modell, das uns absichert. Unsere Unabhängigkeit hängt ausschließlich von regelmäßiger Unterstützung ab – nur so können wir diejenigen zur Verantwortung ziehen, die längst glauben, unangreifbar zu sein.
Kaizen unterstützen

Updates – Kaizen Kurznachrichten

Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.

Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
2 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Ela Gatto
5 Stunden zuvor

Und die politische Hetzjagd geht weiter ….

Öffentliche Anhörung abgelent.
Quasi nur Demokraten vorgeladen.

Dazu absurde Fragen gestellt (Ufo, etc), die mit der Causa Epstein in keinem Verhältnis stehen.

Trump wird nie zur Verantwortung gezogen werden. Da bin ich mir relativ sicher.
Er wird sich auf das Urteil des Supreme Court berufen.
Angreifen wo es nur geht.
Bauernopfer bringen.
Und entweder stirbt er vor der Beendigung der Aufklärung oder er entzieht sich den Behörden und geht in ein Land aus seinem „Board of Peace“.

Aber es gibt noch andere Beteiligte, wie Lutnick.
Stattdessen wird der Focus auf die Clinton’s gelegt.
Vielleicht in der Hoffnung, dass Lutnick in Vergessenheit gerät.

Denn mit Clinton’s Lüge „I had never a sexual affair with Monica Lewinsky“, werden MAGA jede seiner Aussagen in Zweifel ziehen.

Danke für die tolle Berichterstattung.

2
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x