Nach der Veröffentlichung von Millionen Dokumenten zum Fall Jeffrey Epstein Ende Januar 2026 tauchte ein altes Gerücht erneut in sozialen Netzwerken auf. Präsident Donald Trump habe 4.725 Überweisungen an Epstein getätigt, insgesamt 1,1 Milliarden Dollar. Die Behauptung verbreitete sich rasant, versehen mit wütenden Kommentaren und eindeutigen Unterstellungen. Sie ist falsch.

Ausgangspunkt war eine Rede von Senator Ron Wyden, Demokrat aus Oregon, im Juli 2025 im US-Senat. Wyden sprach über Akten des Finanzministeriums, die sein Team im Jahr 2024 einsehen durfte, nachdem die damalige Regierung unter Joe Biden dies genehmigt hatte. In diesen Unterlagen fanden sich 4.725 Überweisungen, die sich auf knapp 1,1 Milliarden Dollar summierten. Das Geld floss in ein und aus einem einzigen Epstein-Konto. Wyden sprach von „über 4.000 potenziellen Ermittlungsansätzen“ und forderte das Justizministerium auf, diesen Spuren nachzugehen. Trump erwähnte er in diesem Zusammenhang nicht. Er sagte weder, dass Trump an diesen Transaktionen beteiligt gewesen sei, noch deutete er an, dass alle oder auch nur ein Teil der Überweisungen von ihm stammten. Trotzdem wurde die Zahl in sozialen Medien direkt mit dem Präsidenten verknüpft. Aus einer allgemeinen Finanzermittlung wurde eine konkrete Anschuldigung.
Wyden hatte bereits gegenüber der New York Times erklärt, dass sein Team seit drei Jahren Epsteins Finanznetz untersuche. Ein Mitarbeiter des Finanzausschusses bestätigte später, dass die Ermittlungen mit dem Ziel begonnen wurden, Gesetzeslücken bei der Bekämpfung von Steuervermeidung zu schließen. Kongressuntersuchungen dürfen nur mit einem legislativen Zweck geführt werden. Im Fokus stand unter anderem Leon Black, Mitgründer von Apollo Global Management. Black zahlte Epstein laut Angaben des Teams 170 Millionen Dollar für Steuerberatung, eine Summe, die nach Ansicht der Ermittler in keinem Verhältnis zur Leistung stand. Black selbst verfügt über ein Vermögen in zweistelliger Milliardenhöhe und hätte Zugang zu führenden Steuerexperten gehabt. Die Akten zeigen zudem, dass Epstein über mehrere russische Banken Zahlungen abwickelte, die inzwischen unter Sanktionen stehen. Viele der Frauen und Mädchen, die er ausnutzte, stammten aus Russland, Belarus, der Türkei und anderen Ländern. Die Überweisungen seien mögliche Ermittlungsansätze, sagte Wyden. Mehr nicht.
Parallel dazu kursierten weitere Falschmeldungen im Umfeld der veröffentlichten Akten. Ein angebliches Foto, das Jeffrey Epstein gemeinsam mit der Sängerin Courtney Love zeigen sollte, stellte sich als digitale Fälschung heraus. Das Bild stammte aber von einem Satire-Account, der in seiner Profilbeschreibung ausdrücklich darauf hinweist, dass die Inhalte nicht echt sind. Technische Prüfungen zeigten zudem ein Wasserzeichen, das auf eine Bearbeitung mit KI-Werkzeugen hinweist. Ein reales Treffen zwischen Epstein und Love ist nicht belegt.

Ähnlich erfunden war die Geschichte, Melania Trump und ihr Sohn Barron Trump hätten ein kostenloses Krankenhaus für Obdachlose eröffnet. Facebook-Beiträge priesen ein „Hope Medical Center“ als neues soziales Projekt der Familie. Recherchen ergaben keine Berichte seriöser Medien über ein solches Krankenhaus. Die verlinkten Webseiten bestanden aus werbefinanzierten Blogs mit frei erfundenen Geschichten über Prominente. Auch die verwendeten Bilder wiesen deutliche Hinweise auf digitale Erzeugung auf.

Die Episode um die 4.725 Überweisungen zeigt, wie schnell komplexe Ermittlungsdetails in einfache Schlagzeilen gepresst werden. Eine Zahl, ein Betrag, ein Name – und daraus entsteht eine eindeutige Schuldzuweisung. Tatsächlich sprach Ron Wyden von möglichen Spuren, nicht von Beweisen gegen Donald Trump. Wer das Gegenteil behauptet, vermischt Fakten mit Unterstellungen. Der Fall Epstein bleibt ein internationales Verbrechen mit offenen Fragen. Aber nicht jede große Zahl ist ein Beleg für eine konkrete Person. Und nicht jedes Bild ist ein Dokument. In Zeiten massenhafter Dokumentenveröffentlichungen entscheidet Sorgfalt darüber, was Information ist – und was Gerücht.
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