Der verhängnisvolle Irrtum – Wie Obamas Team Trump belächelte und die Wahl 2016 verlor

VonRainer Hofmann

Februar 18, 2026

Acht Jahre lang regierte Barack Obama mit dem Selbstverständnis einer rationalen, datengetriebenen Administration. Wirtschaftskrise bewältigt, Autoindustrie gerettet, eine nationale Krankenversicherung auf den Weg gebracht, Klimaregeln durchgesetzt. Viele seiner engsten Berater gehörten zu den erfahrensten Strategen und Politikprofis des Landes. Und doch zog sich durch ihre Rückblicke ein erstaunlicher roter Faden: das Unvermögen, Donald Trump ernst zu nehmen.

In internen Gesprächen, die nun im Rahmen eines umfangreichen Oral-History-Projekts zur Obama-Präsidentschaft öffentlich wurden, wird deutlich, wie hartnäckig man im Weißen Haus davon ausging, dass Spott, Skandale oder offenkundige Grenzüberschreitungen Trump politisch erledigen würden. „Er ist fertig“, soll David Simas, damals politischer Direktor im Weißen Haus, im Oktober 2016 zum Präsidenten gesagt haben, nachdem er ihm die Aufnahmen aus dem „Access Hollywood“-Mitschnitt gezeigt hatte. Fünf Wochen vor der Wahl wirkte es für viele wie das endgültige Aus. Selbst Stunden vor dem Urnengang hielt man einen knappen Vorsprung Hillary Clintons noch für ausreichend. Drei Prozentpunkte Vorsprung am Vorabend? „Sie ist in Ordnung“, lautete das Gefühl.

Es kam anders. Trump gewann im Electoral College mit 306 zu 232 Stimmen, obwohl er landesweit weniger Stimmen erhielt als Clinton. Der Schock bei den Demokraten war tief, doch die Interviews zeigen mehr als nur Enttäuschung. Sie offenbaren eine kollektive Fehleinschätzung. Viele Berater, Umfrageexperten und große Teile der politischen Öffentlichkeit hatten die Möglichkeit eines Trump-Sieges systematisch verdrängt, obwohl das Misstrauen gegenüber Regierung und etablierten Figuren längst wuchs. Josh Earnest, Obamas damaliger Pressesprecher, beschrieb rückblickend, wie persönlich sich die Niederlage anfühlte. Trump stand in ihren Augen für alles, was die Obama-Ära nicht sein wollte: seine Rhetorik, sein Auftreten, seine Kampagnenmethoden. Gerade deshalb erschien seine Kandidatur vielen als politisch unhaltbar. Das Problem war nicht nur, dass man ihn ablehnte. Man glaubte, das Land werde ihn ebenso ablehnen.

Dabei hatte sich der Wandel längst angekündigt. Über Jahre hinweg hielten sich Verschwörungserzählungen im Netz, darunter die Lüge, Obama sei nicht in den Vereinigten Staaten geboren. Für viele im Weißen Haus war das ein Randphänomen. Man verstand zwar, dass sich Medienkonsum veränderte, dass soziale Netzwerke politischen Einfluss gewannen und sich das Land in rote und blaue Lager sortierte. Doch das Ausmaß dieser Dynamik wurde unterschätzt. Trump verstand früh, dass sich politische Energie nicht nur aus Zustimmung, sondern auch aus Wut und Entfremdung speist.

Ein entscheidender Moment lag im Frühjahr 2011. Trump befeuerte die sogenannte „Birther“-Verschwörung, stellte Obamas Geburtsort infrage und griff damit indirekt auch dessen Legitimität als Präsident an. Für Obama war das persönlich belastend. Zunächst wollte er die Attacken ignorieren. Er empfand sie als absurd und unwürdig. Doch irgendwann entschied er sich, die lange Geburtsurkunde aus Hawaii zu veröffentlichen. Am 27. April 2011 legte er das Dokument vor.

Im Weißen Haus war diese Entscheidung umstritten. Manche hielten es für einen Fehler, überhaupt auf eine derart haltlose Behauptung zu reagieren. Man fürchtete, man adle die Lüge durch Aufmerksamkeit. Doch die Episode blieb nicht bei der Dokumentenfreigabe stehen. Wenige Tage später folgte das traditionelle Dinner der White House Correspondents. Man wusste, dass Trump im Saal sein würde.

Jon Favreau, damals Redenschreiber des Präsidenten, überarbeitete die Witze. Er empfand Trumps Vorgehen als rassistisch und als schädlich für das Land. Dennoch entstand eine Rede, die scharf, ironisch und präzise war. Obama eröffnete mit einem freundlichen „Mahalo“ und zeigte ein fingiertes Geburtsvideo als Seitenhieb gegen konservative Medien. Dann nahm er Trump direkt ins Visier. Man wisse ja um dessen Erfahrung und Referenzen, sagte Obama spöttisch, etwa wenn es darum gehe, bei einer Kochshow zu entscheiden, wen man entlassen müsse. Solche Entscheidungen hielten ihn nachts wach.

Trump saß im Saal, sichtbar verärgert. Für viele im Obama-Team war der Abend befreiend. David Axelrod erinnerte sich später daran, wie er zuvor an Trumps Tisch vorbeigegangen sei und hörte, wie dieser mit dem Gedanken spielte, für das Präsidentenamt zu kandidieren. Er habe gelacht und sich gesetzt. „Offensichtlich haben wir das falsch gelesen“, sagte Axelrod rückblickend. Die Ironie der Geschichte ist bekannt: Am Tag nach diesem Auftritt verkündete Obama die Tötung Osama bin Ladens durch ein US-Spezialkommando in Pakistan. Der Präsident wusste von der Operation bereits während des Dinners, die meisten engen Berater nicht. Während er Trump öffentlich verspottete, trug er das Wissen um eine der folgenreichsten militärischen Entscheidungen seiner Amtszeit in sich.

Was damals wie ein Sieg über einen selbsternannten Provokateur wirkte, markierte im Rückblick einen Wendepunkt. Trump verstand es, sich aus Spott zu nähren. Wo andere Schaden nahmen, baute er Aufmerksamkeit auf. Für viele im Weißen Haus blieb er lange eine Randfigur, ein Mann, der sich selbst überschätzte. Sie sahen nicht, dass sich außerhalb ihres Blickfelds eine Wählerschaft sammelte, die sich von politischen Eliten nicht mehr repräsentiert fühlte und bereit war, einen Kandidaten zu wählen, den das Establishment als untragbar einstufte.

Die Interviews zeichnen kein Bild von Inkompetenz, sondern von Selbstgewissheit. Man war überzeugt, dass Fakten, Erfahrung und politische Erfolge letztlich ausschlaggebend sein würden. Man glaubte, dass moralische Empörung über Trumps Aussagen genüge, um ihn zu stoppen. Doch Trump setzte nicht auf Zustimmung im klassischen Sinn. Er setzte auf Loyalität und Identifikation in einem Teil der Bevölkerung, der sich abgehängt fühlte. Als der Wahlausgang feststand, war die Überraschung echt. Nicht nur wegen der Zahlen, sondern weil eine Grundannahme zerbrach: dass ein Kandidat mit so vielen Skandalen, so viel Provokation und so wenig klassischer Regierungserfahrung nicht gewinnen könne. Die Wahl 2016 zeigte, dass politische Resilienz nicht nach den Maßstäben bemessen wird, die in Washington üblich sind.

Der Blick zurück ist ernüchternd. Zwischen 2011 und 2016 lagen zahlreiche Signale. Doch sie wurden als Ausnahmen gedeutet, nicht als Trend. Das Lachen über einen möglichen Präsidentschaftskandidaten erwies sich als folgenschwer. Nicht, weil ein Witz allein eine Karriere befeuert hätte. Sondern weil dahinter eine Haltung stand: die Überzeugung, man habe es mit einem Phänomen zu tun, das sich von selbst erledigen werde. Heute, zehn Jahre nach dieser Wahl, wirkt die Fehleinschätzung wie eine Warnung. Politische Arroganz zeigt sich nicht immer in lauten Gesten. Manchmal liegt sie in der stillen Annahme, man kenne das Land besser, als es sich selbst kennt.

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Ela Gatto
Ela Gatto
1 Monat vor

Ehrlich gesagt, wer konnte ahnen, dass so viele US-Amerikaner so naiv waren eine Person als Präsident zu wählen, der sich mit Skandalen, sexuellen Anschuldigungen, umgab.

Für mich absurd.

Aber Trump hat nicht gewonnen, weil er die meisten Stimme hatte. Sondern aufgrund desungerechten Electorial College.

Beim zweiten Mal hat er auch nicht aufgrund der meisten Stimmen gewonnen. Sondern aufgrund der vielen Bichtwähler.

Im Nachhinein ist man immer klüger.

Den Spott hat Trump nicht vergessen.
Er behält jeden auf seiner Racheliste, der ihn jemals in irgendeiner Form gedemütigt hat.

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