Vor vier Jahren reisten amerikanische Regierungsvertreter mit Satellitenbildern und abgefangenen Funksprüchen nach München. Sie warnten vor einem unmittelbar bevorstehenden russischen Angriff auf die Ukraine. Viele europäische Spitzenpolitiker winkten ab. Wladimir Putin bluffe, hieß es damals. Wenige Tage später begann der Krieg, der nun in sein fünftes Jahr geht. In diesem Jahr hat sich die Rollenverteilung verschoben. Die kleine amerikanische Delegation um Außenminister Marco Rubio sprach vor allem über Verhandlungen, über ein mögliches Ende der Kämpfe. Die Europäer dagegen warnten. Selbst ein Waffenstillstand, so der Tenor in vielen Gesprächen, werde Putins Kurs nicht beenden. Sabotage, Cyberangriffe, Drohnenüberflüge, beschädigte Unterseekabel – für viele Regierungen ist das längst Teil eines verdeckten Konflikts auf NATO-Gebiet.
Rubio bemühte sich um einen versöhnlichen Ton. Europa und Amerika gehörten zusammen, sagte er. Man wolle ein starkes Europa. Die Geschichte beider Weltkriege zeige, dass das Schicksal miteinander verbunden sei. Der Applaus war spürbar freundlicher als im Vorjahr, als Vizepräsident JD Vance von derselben Bühne aus europäische Regierungen wegen ihres Umgangs mit rechten Parteien und Fragen der Meinungsfreiheit scharf angegangen hatte. Doch eines fiel auf: Russland spielte in Rubios Rede nur eine Nebenrolle. Keine deutliche Warnung an Putin, kein Wort zu den Vorwürfen mehrerer europäischer Staaten, Alexej Nawalny sei mit einem verbotenen Giftstoff getötet worden. In diplomatischen Kreisen blieb diese Leerstelle nicht unbemerkt.
Rubio zeichnete das Bild eines Westens, der 1945 am Boden lag – zerstört, ideologisch bedrängt, scheinbar im Rückzug. Doch wie in der Phase des Kalten Krieges, als Ronald Reagan und Michail Gorbatschow am Ende eine Konfrontation in ein Abrüstungs- und Dialogkapitel überführten, sei auch heute Niedergang keine Zwangsläufigkeit, sondern eine politische Entscheidung. Damals habe der Westen nicht kapituliert, sondern Stärke gezeigt und zugleich verhandelt. Er stellte die Trump-Regierung in diese Traditionslinie: keine Verwaltung des schleichenden Bedeutungsverlusts, sondern Erneuerung. Keine schwachen Verbündeten, sondern selbstbewusste Partner, die militärisch für sich selbst einstehen können. Europa solle sich nicht aus Angst – vor Migration, vor Klima, vor Krieg – lähmen lassen, sondern seine Verteidigungsfähigkeit und wirtschaftliche Unabhängigkeit ausbauen.
Der Bezug zu Reagan und Gorbatschow ist dabei zentral: Stärke als Voraussetzung für Verhandlungen, Abschreckung als Grundlage für Frieden. Nicht Rückzug, sondern Selbstbehauptung – und am Ende eine Allianz, die ihre Handlungsfreiheit bewahrt und nicht auf „verwalteten Niedergang“ setzt.
Gleichzeitig ist das Misstrauen gewachsen. In vertraulichen Runden wird inzwischen offen darüber gesprochen, sich von den Vereinigten Staaten „abzusichern“. Der Begriff war bislang für die Abhängigkeit von China oder von russischer Energie reserviert. Nun wird er auf Washington angewandt. Nicht wegen eines einzelnen Konflikts, sondern wegen einer Serie von Spannungen: Zölle, die Debatte um Grönland, Vorwürfe kulturellen Niedergangs, der harsche Ton aus dem Weißen Haus.
Der deutsche Kanzler Friedrich Merz hat diese Unsicherheit in eine strategische Frage übersetzt. Er spricht seit Monaten mit Emmanuel Macron über einen möglichen französischen nuklearen Schutzschirm für Europa. Offiziell soll alles mit NATO und den Vereinigten Staaten abgestimmt bleiben. Doch unausgesprochen steht eine andere Überlegung im Raum: Kann man sich darauf verlassen, dass Washington im Ernstfall New York riskieren würde, um Berlin zu schützen? Frankreichs Abschreckung ist begrenzt, und ob Paris bereit wäre, das eigene Risiko für andere zu erhöhen, ist offen. Dass diese Gespräche überhaupt geführt werden, wäre vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen.
Währenddessen wächst in vielen Hauptstädten die Sorge, Donald Trump könne einen schnellen Deal mit Moskau anstreben, der ihm als politischer Erfolg dient, der aber Russland Zeit verschafft. Der tschechische Präsident Petr Pavel warnte, ein übereilter Frieden bringe keinen Friedensnobelpreis, sondern eine neue Aggression. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sagte, ein schlechter Deal könne weitere Angriffe nach sich ziehen – in der Ukraine oder anderswo in Europa.
Präsident Wolodymyr Selenskyj erhielt in München erneut stehende Ovationen. Er machte deutlich, dass Wahlen in der Ukraine erst nach einem Waffenstillstand stattfinden würden, nicht davor. Vor allem brauche sein Land belastbare Sicherheitsgarantien. Diskutiert wird eine gemeinsame europäisch-amerikanische Truppe von etwa 7.000 bis 10.000 Soldaten. Ob sie innerhalb oder außerhalb der Ukraine stationiert würde, ist ungeklärt. Moskau lehnt europäische Truppen auf ukrainischem Boden bisher strikt ab.
Parallel zu diesen Debatten lief ein zweites Thema durch die Konferenz: die Zukunft Irans. Zehntausende demonstrierten in München für einen Regimewechsel in Teheran. Reza Pahlavi, Sohn des gestürzten Schahs, trat auf und forderte ein Ende der Islamischen Republik. In London, Athen, Melbourne und Tokio gingen ebenfalls Menschen auf die Straße. Viele trugen Fahnen mit dem alten Löwen-und-Sonne-Symbol, andere Schilder mit „Regimewechsel im Iran“. Einige setzten auf Unterstützung aus Washington, nachdem Trump bei einem Truppenbesuch gesagt hatte, ein Führungswechsel wäre „das Beste, was passieren könnte“. Gleichzeitig sollen neue Gespräche über das iranische Atomprogramm in Genf bevorstehen. Kriegsschiffe im Persischen Golf senden ein eigenes Signal.
Auch die Debatte um Grönland zeigte, wie tief der Riss inzwischen geht. Die Regierungschefs von Dänemark und Grönland widersprachen offen der Idee einer amerikanischen Übernahme. Die Souveränität sei nicht verhandelbar. Selbst republikanische Stimmen aus den USA nannten entsprechende Forderungen „offensiv“. Verteidigungsminister Boris Pistorius betonte, Fragen der Arktis-Sicherheit seien Sache der NATO, nicht einer einzelnen Nation.

In den Fluren der Konferenz war häufig ein Vergleich zu hören: In europäischen Hauptstädten werde gesprochen, als stünde man kurz vor 1939. In Washington teile man diese Einschätzung nicht. Genau darin liegt die Differenz. Für viele Europäer ist die russische Bedrohung unmittelbar und konkret. Für Teile der amerikanischen Politik steht sie hinter innenpolitischen Themen zurück.
Die Münchner Sicherheitskonferenz war lange ein Ort transatlantischer Selbstvergewisserung. In diesem Jahr war sie ein Forum vorsichtiger Distanz. Niemand sprach von einem Bruch. Aber immer öfter von Alternativen. Europa rüstet militärisch auf, diskutiert nukleare Optionen, investiert in eigene Rüstungsprojekte und plant langfristig ohne die Gewissheit, dass Washington im Zweifel an erster Stelle steht. Vor vier Jahren glaubten viele in Europa nicht an den Krieg. Heute glauben viele nicht mehr an automatische amerikanische Garantien. Diese Verschiebung ist leise, aber folgenreich. Und sie verändert die Architektur des Westens grundlegend.
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