Zwischen Behauptung und Schreien – Pam Bondi, die Epstein-Akten und ein Ministerium im Verteidigungsmodus

VonRainer Hofmann

Februar 11, 2026

Pam Bondi wusste, dass es kein freundlicher Termin werden würde. Als sie vor dem Justizausschuss des Repräsentantenhauses erschien, lag der Raum bereits unter Spannung. Im Mittelpunkt stand ihr Umgang mit den veröffentlichten Akten zu Jeffrey Epstein – Millionen Seiten, freigegeben unter politischem Druck, begleitet von dem Vorwurf, sensible Informationen von Opfern unzureichend geschwärzt zu haben.

Abgeordneter Jerry Nadler fragt: „Wie viele von Epsteins Mitverschwörern haben Sie angeklagt? Gegen wie viele Täter ermitteln Sie überhaupt?“

Schon zu Beginn wurde deutlich, wie hart der Ton werden würde. Jamie Raskin, ranghöchster Demokrat im Ausschuss, warf ihr vor, sie stelle sich auf die Seite der Täter und ignoriere die Opfer. Wenn sie ihren Kurs nicht ändere, werde das ihr Vermächtnis sein. Er sprach offen von einer massiven Vertuschung direkt aus dem Justizministerium.

Bondi konterte lautstark. Sie sprach von „Theater“ seitens der Demokraten. Doch sie selbst war die lauteste Stimme im Saal. Mehrfach musste der republikanische Ausschussvorsitzende Jim Jordan sie bremsen, damit sie Fragesteller nicht übertönte. Raskin warnte sie ausdrücklich davor, die Strategie aus einer Senatsanhörung im Oktober zu wiederholen – damals hatte sie Fragen abgeblockt, mit vorbereiteten Angriffen reagiert und persönliche Spitzen verteilt. „Wir haben Ihre Vorstellung im Senat gesehen, und wir akzeptieren das hier nicht. Das ist kein Spiel“, sagte er sinngemäß.

Thomas Massie, der republikanische Abgeordnete aus Kentucky, lieferte Bondi einen der härtesten Momente des Tages aus den eigenen Reihen. Massie hatte sich gegen Teile der Parteiführung gestellt und das Gesetz mit vorangetrieben, das die Veröffentlichung der Epstein-Akten erzwang. Er ging Bondi frontal an – nicht wegen politischer Symbolik, sondern wegen der Folgen für die Betroffenen. Die Freigabe habe persönliche Informationen von Überlebenden offengelegt, und er sagte sinngemäß: Ausgerechnet das Schlimmste, was man Überlebenden antun könne, sei passiert. Massie fragte zudem, warum offenbar weitere Männer mit Verbindungen zu Epstein nicht im Fokus neuer Ermittlungen stünden.

Massie: „Können Sie nachvollziehen, wer den Namen von Les Wexner als Mitverschwörer in einem FBI-Dokument unkenntlich gemacht hat?“ Bondi: „Wir haben das innerhalb von 40 Minuten korrigiert.“

Massie: „Innerhalb von 40 Minuten, nachdem ich Sie auf frischer Tat ertappt habe.“ Bondi: „Dieser Mann leidet an Trump-Besessenheit. Sie sind ein gescheiterter Politiker.“

Bondi reagierte nicht mit einer sachlichen Erklärung, sondern mit einer Attacke. Sie behauptete, Massie interessiere sich nur deshalb für die Akten, weil Donald Trump darin erwähnt werde. Dann legte sie nach, warf ihm eine krankhafte Fixierung auf Trump vor und nannte ihn einen Heuchler. Genau dieser Schlagabtausch machte sichtbar, wie sehr die Anhörung zwischen Aufarbeitung und Abwehr pendelte – und wie schnell selbst Kritik aus dem eigenen Lager als Feindkontakt behandelt wurde.

Abgeordnete Jayapal fordert Bondi auf, die im Saal anwesenden Epstein-Überlebenden direkt anzusprechen. Bondi tut es nicht. Jayapal: „Ich wünschte, Sie würden sich zu den Überlebenden umdrehen, die direkt hinter Ihnen stehen, und sich auf menschlicher Ebene bei ihnen entschuldigen.“ Bondi: „Theater.“

Unter Druck geriet sie besonders, als Pramila Jayapal sie direkt mit den Opfern konfrontierte, die im Saal saßen. Jayapal sprach von einem Redaktionschaos: Namen mächtiger mutmaßlicher Täter geschwärzt, intime Details der Opfer offengelegt, sogar Nacktfotos veröffentlicht. Sie las aus einer E-Mail vor, in der ein zurückgehaltener Name im Zusammenhang mit einem „Foltervideo“ erwähnt wurde. Dann bat sie die anwesenden Betroffenen, die Hand zu heben, wenn sie kein Gespräch mit dem Justizministerium erhalten hätten. Jede einzelne Hand ging nach oben. Jayapal forderte eine Entschuldigung. Bondi wich aus, griff stattdessen Jayapal an und fragte, warum diese ihrem Vorgänger Merrick Garland nicht dieselbe Frage gestellt habe. „Ich werde mich nicht auf dieses Niveau herablassen“, sagte sie. Die Stimmen waren erhoben, der Schlagabtausch offen.

Später wandte sich Bondi direkt an die Opfer. Sie sei „zutiefst betroffen“ von dem, was sie durchlitten hätten. Eine ausdrückliche Entschuldigung für die Veröffentlichung unzureichend geschwärzter Dokumente blieb aus. Man habe Dateien entfernt, sobald man auf problematische Inhalte aufmerksam gemacht worden sei. Die Mitarbeiter hätten „ihr Bestes“ innerhalb der vom Gesetz gesetzten Frist getan, das die Freigabe von mehr als 3,5 Millionen Dokumenten vorgeschrieben habe. Jede Beschuldigung strafbaren Verhaltens werde ernst genommen und geprüft.

Abgeordnete Jayapal bittet die anwesenden Epstein-Überlebenden, die Hand zu heben, wenn sie bislang nicht zu einem Treffen mit Pam Bondi oder dem Justizministerium eingeladen wurden. Jede einzelne Person hebt die Hand. Manchmal sagen Gesten mehr als Worte.

Die Kritik ebbte nicht ab. Der Demokrat Lou Correa bat die Überlebenden, aufzustehen und anzuzeigen, ob sie Vertrauen hätten, dass das Justizministerium sie unterstütze. Niemand meldete sich. Bondi entgegnete, man wolle mit den Opfern zusammenarbeiten, sie sollten sich melden. Auch von republikanischer Seite kam Gegenwind. Der Abgeordnete Thomas Massie aus Kentucky, der sich gegen seine Parteiführung gestellt und das Gesetz zur Veröffentlichung der Akten mit vorangetrieben hatte, stellte Bondi scharf zur Rede. Die Veröffentlichung persönlicher Daten sei „buchstäblich das Schlimmste“, was man Überlebenden antun könne. Er fragte zudem, warum offenbar weitere Männer mit mutmaßlichen Verbindungen zu Epstein nicht ermittelt würden.

Bondi reagierte, wie sie es zuvor bei demokratischen Abgeordneten getan hatte: Sie warf Massie vor, sich nur deshalb auf die Akten zu konzentrieren, weil der Name Donald Trump darin auftauche. Sie sprach von „Trump-Besessenheit“ und nannte ihn einen Heuchler. Die politische Dimension des Falls war während der gesamten Anhörung spürbar. Was lange Zeit vor allem von rechts als Skandal vorangetrieben worden war, wird nun von Demokraten genutzt, um Druck auf Trump und seine Personalentscheidungen im Justizministerium und beim FBI auszuüben. Als der demokratische Abgeordnete Ted Lieu ein altes Video von Trump und Epstein auf einer Party thematisierte und fragte, ob sie Verbindungen untersuchen werde, nannte Bondi die Frage lächerlich. Man versuche nur, von den Erfolgen Trumps abzulenken.

In einer längeren Wortmeldung geriet sie in eine breite Verteidigung des Präsidenten. Sie stellte sich als seine wichtigste Schutzfigur dar, lobte sogar den gestiegenen Dow-Jones-Index und sprach von ungerechtfertigten Amtsenthebungsverfahren und Ermittlungen. Dabei behauptete sie fälschlich, der Sonderermittler Robert Mueller habe keine ausländische Einmischung in die Wahl 2016 festgestellt. Neben dem Epstein-Komplex kamen weitere Themen auf den Tisch. Der Demokrat Eric Swalwell beklagte, dass das Justizministerium keine Anklage wegen Todesdrohungen gegen ihn und andere Abgeordnete erhoben habe. Bondi versicherte, solche Drohungen würden ernst genommen und aktiv untersucht. Kein Mitglied des Ausschusses solle sich bedroht fühlen.

Der republikanische Abgeordnete Scott Fitzgerald spielte ihr ein Video mit früheren Aussagen führender Demokraten zur illegalen Einwanderung vor. Bondi nutzte die Gelegenheit, um Trump für seine Grenzpolitik zu loben. Der Präsident habe die Grenzen am ersten Tag geschlossen und damit Amerikaner vor Gewalt und Drogen geschützt.

Auf Nachfrage von Jim Jordan wollte sie weder bestätigen noch dementieren, ob gegen den früheren CIA-Direktor John Brennan im Zusammenhang mit den Russland-Ermittlungen ermittelt werde. „Niemand steht über dem Gesetz“, sagte sie lediglich. Brennans Anwälte hatten im Dezember öffentlich gemacht, er sei Ziel einer Untersuchung in Florida; er bestreitet jedes Fehlverhalten. Zoe Lofgren verwies auf E-Mails aus den freigegebenen Akten, die nahelegen könnten, dass weitere Personen an der Ausbeutung Minderjähriger beteiligt waren, und fragte nach neuen Ermittlungen. Bondi antwortete, man werde jeden Fall prüfen, der ein Opfer betreffe. Gleichzeitig beschwerte sie sich lautstark, Lofgren vergeude ihre Redezeit.

Hinzu kommt, dass das FBI im vergangenen Jahr in einem internen Memo erklärt hatte, es würden keine weiteren Personen angeklagt. Eine Auswertung interner Unterlagen hatte zudem ergeben, dass Ermittler nur begrenzte Hinweise auf ein weitreichendes Netzwerk fanden, das mächtige Männer systematisch versorgt habe.

Gerade kam es zu einem hitzigen Moment, als Bondi sich weigerte, einer Aufforderung von Jayapal nachzukommen, sich umzudrehen und die anwesenden Epstein-Opfer anzusprechen, die alle erklärt hatten, bislang kein Treffen mit ihr gehabt zu haben. Die Situation eskalierte zu einem lautstarken Schlagabtausch, wobei Bondi sagte, sie werde sich nicht an „Theater“ beteiligen.

Abseits der Wortgefechte bleibt die nüchterne Bilanz: Mehr als drei Millionen Dokumente wurden in einem Leseraum mit vier Computern zugänglich gemacht. Abgeordnete durften handschriftliche Notizen anfertigen. Gleichzeitig wurden intime Details von Opfern öffentlich, während Namen mutmaßlich einflussreicher Beteiligter geschwärzt blieben. Für die Betroffenen im Saal war das keine abstrakte Debatte. Als sie aufgefordert wurden, Vertrauen in das Justizministerium zu bekunden, blieb der Raum stumm. Genau dort liegt die eigentliche Bruchlinie dieses Tages – nicht im Schlagabtausch zwischen Parteien, sondern in der Frage, ob ein Staat, der Transparenz verspricht, seine Pflicht gegenüber den Schwächsten erfüllt hat.

Fast fünf Stunden dauerte die Anhörung, und noch immer drehte sich alles um dieselbe Frage: Wie geht das Justizministerium mit den Epstein-Akten um – und mit den Menschen, die darin verletzt wurden? Pam Bondi stand unter Dauerbeschuss, wich Vorwürfen einer Vertuschung aus und ging stattdessen in den Angriff über. Immer wieder verteidigte sie Donald Trump leidenschaftlich, verspottete demokratische Abgeordnete und vermied direkte Antworten auf die Frage, warum Opfer bis heute keinen Zugang zu ihr fanden.

Der Moment, der im Saal hängen blieb, kam auf Initiative von Dan Goldman. Mehrere anwesende Überlebende sollten die Hand heben, wenn ihre Gesprächsanfragen beim Justizministerium unbeantwortet geblieben waren. Jede einzelne Hand ging nach oben. Goldman verwies zudem auf eine veröffentlichte E-Mail mit einer Liste von Betroffenen, bei der nur ein Name geschwärzt worden war, und sprach von gezielter Einschüchterung. Bondi wies den Vorwurf zurück.

Auch Jared Moskowitz griff sie an und verspottete ihre vorbereiteten Notizen, bewertete ihre politischen Spitzen demonstrativ mit einer Null. Bondi konterte mit dem Vorwurf, er habe zuvor die Bibel lächerlich gemacht. Die Debatte geriet immer wieder ins Persönliche.

Der Demokrat Jesús Garcia brachte schließlich sogar eine mögliche Amtsenthebung und einen Rücktritt ins Spiel und verwies auf einen Bericht, wonach Trump intern Zweifel an Bondis Effektivität geäußert habe. Bondi schlug zurück, indem sie Garcias eigenes politisches Vorgehen in Illinois angriff. Der Konflikt verlagerte sich vom Akteninhalt auf persönliche Abrechnungen.

Zurück bleibt das Bild einer Justizministerin, die Kritik nicht entkräftet, sondern ignoriert – während die Betroffenen im Rücken stehen und schweigen.

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Sonja Gang
Sonja Gang
4 Stunden zuvor

Ich meine: Auch diese Frau, Bondi, müsste mal genauer durchleuchtet werden.

Normal ist ihr Verhalten nicht!

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