Die 1,5-Grad-Marke war nie eine symbolische Zahl. Sie war eine rote Linie. Festgeschrieben 2015 in Paris, auf Drängen jener Staaten, die schon damals wussten, dass sie zuerst zahlen würden – mit Land, mit Ernten, mit Menschenleben. Zehn Jahre später ist diese Linie faktisch überschritten. Erstmals hat ein Drei-Jahres-Zeitraum bis einschließlich 2025 die Schwelle von 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau gerissen. Und während sich die Daten verdichten, schwindet der politische Wille, die Emissionen wirklich zu senken. Robert Watson, früherer Vorsitzender des Weltklimarats, formuliert es ohne Beschönigung: „Die Klimapolitik ist gescheitert. Das wegweisende Pariser Abkommen von 2015 ist tot.“ Was nüchtern klingt, beschreibt einen Wendepunkt. Denn die 1,5 Grad waren als Schutzschild gedacht – gegen extreme Wetterlagen, gegen außer Kontrolle geratene Erwärmung, gegen unumkehrbare Kipppunkte des Erdsystems. Heute sprechen viele Forschende offen darüber, dass diese Kipppunkte näher rücken, als lange angenommen.
Bislang verlief der Klimawandel in Wellen, beschleunigt, aber im Großen und Ganzen schrittweise. Doch die Sorge wächst, dass die nächste Phase nicht mehr graduell verläuft, sondern abrupt. Tim Lenton von der Universität Exeter warnt, man nähere sich mehreren Kipppunkten des Erdsystems, die die Welt mit verheerenden Folgen für Mensch und Natur verändern könnten. Die Vorstellung, man könne nach einem zeitweiligen Überschreiten die Temperatur später einfach wieder „zurückdrehen“, wirkt unter diesen Bedingungen zunehmend wie Wunschdenken.

Der Jetstream gehört zu den entscheidenden Steuerungsgrößen unseres Wetters. In acht bis zwölf Kilometern Höhe zieht sich ein mehrere tausend Kilometer langes Starkwindband um die Nordhalbkugel. Es entsteht dort, wo eiskalte Polarluft auf deutlich wärmere Luftmassen aus den Subtropen trifft. Aus diesem Temperaturgefälle bildet sich ein schneller Westwind, der sich in großen Bögen um den Globus legt. Dieses Höhenband wirkt wie ein Leitsystem für Tiefdruckgebiete. Es bestimmt, wohin Stürme ziehen, wo Regen fällt und welche Regionen trocken bleiben. Der Westen der USA, Südeuropa, der Mittelmeerraum – sie alle sind darauf angewiesen, dass diese Hochwinde Sturmsysteme in ihre Richtung transportieren. Verändert sich dieser Transport, verschieben sich ganze Niederschlagsmuster.
Mit der globalen Erwärmung gerät genau dieser Mechanismus unter Druck. Besonders die Arktis erwärmt sich schneller als viele andere Regionen. Dadurch schrumpft der Temperaturunterschied zwischen Nordpol und mittleren Breiten – also jener Antrieb, der den Jetstream stark und stabil hält. Wird dieser Unterschied kleiner, kann das Windband schwächer werden, langsamer ziehen, stärker ausschlagen oder sich weiter nach Norden verlagern. Die Konsequenzen zeigen sich am Boden. Wenn die Wellen des Jetstreams stärker ausgeprägt sind, bleiben Hoch- oder Tiefdruckgebiete länger über einer Region. Hitzeperioden ziehen sich über Wochen. Dürre verschärft sich. Starkregen kann sich festsetzen. Regionen, die im Winter auf durchziehende Sturmsysteme angewiesen sind, bekommen weniger Niederschlag. Wetterlagen werden träger – und extremer.
Die Grafik macht das sichtbar. Über Nordamerika verläuft ein farbiges Band, das die Windgeschwindigkeit in der Höhe darstellt. Blau und Grün markieren langsamere Strömungen. Gelb, Orange und Rot kennzeichnen die stärksten Winde – dort liegt das eigentliche Zentrum des Jetstreams, mit Geschwindigkeiten von 150 bis 300 Kilometern pro Stunde. Die geschwungene Struktur zeigt die typischen Auslenkungen des Windbands. Je stärker diese Bögen, desto größer sind die Gegensätze am Boden: Auf der Südseite kann sich extreme Hitze festsetzen, auf der Nordseite dringt kalte Luft weit nach Süden vor. Verändert sich der Jetstream dauerhaft, verschiebt sich nicht nur ein Windband in großer Höhe. Es verändert sich das gesamte Wettermuster zwischen Nordamerika, dem Atlantik und Europa – bis in den Mittelmeerraum hinein. Regionen, die heute noch von regelmäßigen Winterstürmen profitieren, könnten künftig trockener werden. Andere erleben häufiger blockierende Hochdrucklagen oder intensive Niederschlagsereignisse. Der Jetstream ist das Steuerungssystem des Wetters auf der Nordhalbkugel. Wenn sich das globale Temperatursystem verschiebt, reagiert auch dieses System. Und mit ihm die Stabilität ganzer Klimaregionen.
Die Vorboten sind längst sichtbar. Hitzetote in Indien, Afrika und dem Nahen Osten steigen drastisch. In den Vereinigten Staaten und weltweit brennen Wälder in bislang ungekanntem Ausmaß. Tropische Stürme und Starkregen verursachen immer höhere Schäden. NASA-Forscherin Bailing Li legte interne Daten vor, die einen dramatischen Anstieg der Intensität extremer Wetterereignisse in den vergangenen fünf Jahren zeigen. Die Internationale Handelskammer beziffert die wirtschaftlichen Schäden extremer Wetterlagen im letzten Jahrzehnt auf mehr als zwei Billionen Dollar. Ein Fünftel der Weltbevölkerung war direkt betroffen.
Die letzten drei Jahre waren die heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen. 2023 und 2025 lagen knapp unter 1,5 Grad, 2024 bei 1,55 Grad. Formal gilt die Pariser Grenze als langfristiger Durchschnitt über etwa 20 Jahre, um natürliche Schwankungen wie El Niño auszugleichen. Doch zwei Studien kamen bereits im vergangenen Jahr zu dem Schluss, dass die Welt diese kritische Marke wahrscheinlich schon überschritten hat. Ohne radikale Kurskorrektur wird sich die Erwärmung weiter beschleunigen. James Hansen, der 1988 mit seiner Aussage vor dem US-Senat das Thema weltweit auf die Titelseiten brachte, hält zwei Grad bereits um 2045 für möglich, sofern die Emissionen hoch bleiben. Das Klimasystem steckt in einer Zange: Die Treibhausgasemissionen verharren auf hohem Niveau, gleichzeitig schwächeln natürliche Kohlenstoffsenken. 2024 verzeichnete den größten jemals gemessenen Anstieg der CO2-Konzentration.
Über Jahrzehnte hat die Natur rund die Hälfte der vom Menschen ausgestoßenen CO2-Mengen aufgenommen. Wälder wuchsen schneller, Ozeane speicherten Kohlendioxid in der Tiefe. Doch diese Puffer geraten an ihre Grenzen. Die Meere schichten sich stärker, ihre Fähigkeit zur Aufnahme von CO2 sinkt. Wälder leiden unter Hitze und Dürre. Mehrere Studien berichten von einer beispiellosen Schwächung der landbasierten Kohlenstoffsenken in den Jahren 2023 und 2024, befeuert durch eine weltweite Verdopplung extremer Waldbrände innerhalb von zwei Jahrzehnten. Afrikanische Regenwälder, einst bedeutende Kohlenstoffspeicher, wurden zeitweise selbst zur Quelle von Emissionen.

Ein Kollaps des Amazonas würde Milliarden Tonnen CO2 freisetzen. Das Auftauen des arktischen Permafrosts setzt Methan frei, ein hochwirksames Treibhausgas. Forschende sehen darin einen entscheidenden Verstärker in Szenarien, in denen die 1,5-Grad-Grenze überschritten wird. Johan Rockström vom Potsdam-Institut spricht von „Rissen in der Widerstandskraft der Erdsysteme“. Die Natur habe bisher einen Teil unseres Missbrauchs abgefedert. Das gehe nun zu Ende.
Auch die Ozeane senden deutliche Signale. Noch nie waren sie so warm wie in den vergangenen drei Jahren. Vor Nordwesteuropa lagen die Temperaturen im Frühjahr bis zu vier Grad über dem Normalwert. Tropische Gewässer heizen sich auf, Zyklone nehmen zu, Korallenriffe sterben. Forschende gehen davon aus, dass tropische Riffe einen Kipppunkt bereits überschritten haben könnten. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten sie weitgehend verschwunden sein – mit massiven Folgen für marine Ökosysteme und Fischbestände.

Diese Grafik zeigt die Temperaturveränderungen seit 1870. Rot steht für starke Erwärmung, Blau für Abkühlung. Der Nordatlantik fällt dabei auf. Während sich große Teile der Welt deutlich erwärmen, zeigt sich südlich von Grönland ein auffälliger Kältefleck. Das ist kein Widerspruch zur globalen Erwärmung. Es ist ein Warnsignal. Das rote Band markiert den warmen Oberflächenstrom, der Wärme aus den Tropen nach Norden transportiert. Das blaue Band steht für das kalte Tiefenwasser, das zurück in den Süden sinkt. Zusammen bilden sie die Atlantische Umwälzzirkulation. Sie wirkt wie eine gigantische Wärmepumpe für Europa und Teile Nordamerikas.
Der blaue Bereich im Nordatlantik deutet darauf hin, dass sich dieses System abschwächen könnte. Wenn durch schmelzendes Grönlandeis große Mengen Süßwasser in den Atlantik gelangen, wird das Oberflächenwasser leichter. Es sinkt schlechter ab. Genau dieser Absinkprozess ist aber der Motor der Zirkulation. Während sich also die Welt insgesamt stark erwärmt, könnte ein Teil des Nordatlantiks paradox kälter werden – ein mögliches Zeichen für eine gestörte Meereszirkulation.
Sollte sich diese Abschwächung verstärken, hätte das erhebliche Folgen: veränderte Niederschlagsmuster, härtere Winter in Europa, Verschiebung tropischer Regenzonen, zusätzliche Belastung für ohnehin fragile Klimasysteme. Wichtig ist: Diese Grafik beweist keinen unmittelbaren Kollaps. Aber sie zeigt ein fortlaufendes Muster, das viele Forschende seit Jahren beobachten.
An den Polen beschleunigt sich die Entwicklung weiter. Grönland verliert derzeit rund 30 Millionen Tonnen Eis pro Stunde. Die beste Einschätzung lautet, dass das Abschmelzen bei etwa 1,5 Grad unumkehrbar werden könnte. Würden die rund 2.800 Billionen Tonnen Eis vollständig ins Meer gelangen, stiege der globale Meeresspiegel langfristig um etwa sieben Meter. Auch das westantarktische Eisschild gilt als gefährdet.

In jeder Schmelzsaison entstehen auf dem unteren Teil des grönländischen Eisschildes zahllose sogenannte Moulins – senkrechte Schächte im Eis. Durch sie strömt Schmelzwasser tief ins Innere des Eisschildes, erwärmt das Eis von innen und wirkt wie ein Schmierfilm, der das Abgleiten der gewaltigen Eismassen in Richtung Ozean beschleunigt.
Hinzu kommt die mögliche Destabilisierung großer Meeresströmungen. Besonders im Fokus steht die Atlantische Umwälzzirkulation, die Europa und die Ostküste Nordamerikas mit Wärme versorgt. Hansen warnt, ein Zusammenbruch innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahrzehnte sei möglich, wenn die Erwärmung nicht gebremst werde. Ein Bericht zu globalen Kipppunkten von 2025 kommt zu dem Schluss, dass ein Versagen dieser Zirkulation Nordwesteuropa in langanhaltende strenge Winter stürzen würde. Modellrechnungen aus Potsdam zeigen: Bleibt die Temperatur bis Ende des Jahrhunderts über 1,5 Grad, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 25 Prozent, dass mindestens ein globaler Kipppunkt überschritten wird – sei es die Umwälzzirkulation, der Amazonas, Grönland oder die Westantarktis. Bei über zwei Grad steigen die Risiken weiter. Zudem drohen Dominoeffekte: Schmilzt Grönland, schwächt das die Ozeanzirkulation; kollabiert diese, gerät der Amazonas zusätzlich unter Druck.

Die Welt ist wieder einen Schritt weiter in Richtung gefährliche Erwärmung – aber nicht im Kampf dagegen. In Belém, mitten im Herzen des Amazonas, endete die letztjährige UN-Klimakonferenz mit einem Ergebnis, das viele Delegationen fassungslos zurückließ. Die Staaten einigten sich darauf, mehr Geld für jene Länder bereitzustellen, die bereits heute massiv unter Stürmen, Fluten und Dürren leiden. Doch das zentrale Thema, das eigentlich im Mittelpunkt stehen müsste – der Ausstieg aus fossilen Energien –, fehlt im Abschlussdokument vollständig. Keine klare Formulierung, kein verbindlicher Plan, nicht einmal das Wort selbst wurde erwähnt.
Trotz dieser Warnungen spielen Kipppunkte in der politischen Praxis kaum eine Rolle. Sie sind schwer zu modellieren, schwer zu quantifizieren, schwer in Verhandlungen zu übersetzen. Auf der Klimakonferenz 2025 in Belém räumten UN-Unterhändler erstmals ein, dass Ausmaß und Dauer eines Überschreitens begrenzt werden müssten. Konkrete Maßnahmen blieben aus. Dänemark ist bislang das einzige Land mit einem offiziellen Ziel für negative Emissionen und verspricht eine Reduktion um 110 Prozent gegenüber 1990 bis 2050. Die Diskussion über negative Emissionen ist bislang kein politisches Projekt. Aufforstung und Wiederbewaldung könnten helfen, doch die Größenordnung ist gewaltig. Um die globale Temperatur um nur 0,1 Grad zu senken, wären laut Weltklimarat Mengen erforderlich, die ein Vielfaches der heutigen natürlichen Senkenleistung ausmachen. Manche Studien sprechen von 400 Milliarden Tonnen CO2, die bis 2100 entfernt werden müssten, um wieder unter 1,5 Grad zu gelangen.
Technische Lösungen wie direkte Luftabscheidung von CO2 sind teuer. Geoengineering-Ansätze, etwa das Einbringen von Schwefelaerosolen in die Stratosphäre zur Abschirmung von Sonnenlicht, werden erforscht. Großbritannien investierte zuletzt 80 Millionen Dollar in entsprechende Studien. Kritiker warnen jedoch, eine solche Maßnahme würde die Grundprobleme nicht lösen. Selbst wenn die Temperatur sinkt, bleiben hohe Treibhausgaskonzentrationen und veränderte Wettersysteme bestehen. Watson vergleicht es mit dem Einschalten einer Klimaanlage, während das Haus brennt.

Trumps Umwelt- und Klimaverständnis endet dort, wo wissenschaftliche Realität beginnt
Derzeit verfehlen selbst moderate Ziele zur Klimaneutralität ihre Wirkung. Und mit dem Ausstieg der Vereinigten Staaten als zweitgrößtem Emittenten aus dem gemeinsamen Projekt hat sich die internationale Lage weiter verschärft. Die Warnungen der Wissenschaft sind eindeutig. Ohne drastische Reduktion von Emissionen und aktive Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre droht eine Phase beschleunigter Erwärmung, die kaum noch aufzuhalten ist. Ein einmaliges Überschreiten könnte dauerhaft werden. Dann gäbe es kein Zurück mehr.
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