Halbzeit mit Heiligenschein – Wenn der Kulturkampf am Lizenzrecht scheitert

VonRainer Hofmann

Februar 9, 2026

Zwei Stunden vor Anpfiff der großen kulturellen Gegenoffensive: Funkstille. Das als patriotische Alternative zur Super-Bowl-Halbzeitshow angekündigte „All-American Halftime Show“-Spektakel musste in letzter Minute kapitulieren – nicht vor linken Demonstranten, nicht vor Zensur, nicht vor „woken“ Aktivisten. Sondern vor Lizenzrechten. Turning Point USA, jene Organisation, die sich seit Jahren als Bollwerk gegen alles versteht, was nicht in Rot, Weiß und Blau blinkt, verkündete trocken: Man könne die Show auf Elon Musks Plattform X leider nicht streamen. Lizenzbeschränkungen. Ausgerechnet das Urheberrecht setzt der Revolution Grenzen.

LOL
Bedarf keiner Worte

Stattdessen lief das Ganze nun exklusiv auf dem eigenen YouTube-Kanal – also auf einer Plattform, die in MAGA-Erzählungen sonst gern als Hort der Meinungsunterdrückung gilt. Die Gegenkultur rettet sich ins Silicon-Valley-Exil. Angeführt wurde die Parallelveranstaltung von Kid Rock, der verlässlichen Dauerfigur jeder Trump-Inszenierung. RNC-Bühne, Tourplakat, patriotische Nebenfront – wo eine Gitarre schrammelt und ein Sternenbanner weht, ist er nicht weit. Unterstützt von Lee Brice, Brantley Gilbert und Gabby Barrett soll er nun den kulturellen Notstand ausrufen, während im Stadion Bad Bunny auftritt.

Der Anlass für diese patriotische Ersatz-Halbzeit: Puerto Ricos Superstar Benito Antonio Martínez Ocasio, besser bekannt als Bad Bunny, spricht Spanisch. Trägt gelegentlich Kleider. Und sagte bei den Grammys den Satz: „Bevor ich Gott danke, sage ich: ICE raus. Wir sind keine Wilden. Wir sind keine Tiere. Wir sind keine Außerirdischen. Wir sind Menschen. Und wir sind Amerikaner.“ Das reichte, um eine Gegenveranstaltung zu rechtfertigen, die nun selbst am technischen Kleingedruckten scheitert. Die ironische Pointe: Während Bad Bunny im Stadion vor einem Millionenpublikum spielte – vergangenes Jahr sahen 133,5 Millionen Menschen die Halbzeit in Amerika – ringt die Gegenbühne erst einmal mit Streamingrechten. Aus dem Büro des kalifornischen Gouverneurs kam die passende Antwort: „Nicht einmal Elon will Kid Rock hören.“ Ein Satz, der mehr Wirkung entfaltet als jede Programmanalyse.

So sieht sie aus, die große kulturelle Rückeroberung: angekündigt als patriotischer Aufstand, halbiert kurz vor dem Start, verlegt ins eigene Wohnzimmer-Streaming. Die Boykott-Show boykottiert sich fast selbst. Der Super Bowl fand statt. Bad Bunny ist auftreten, zusammen auch mit Lady Gaga. Und irgendwo parallel dazu wird Kid Rock gegen die moderne Welt ansingen – nun eben exklusiv auf YouTube. Manchmal ist der härteste Gegner nicht die Gegenseite, sondern die Realität.

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