Die stille Erfassung – Wie ICE geheime Listen gegen Demonstrierende und Journalisten aufbaut

VonRainer Hofmann

Februar 3, 2026

Es beginnt in diesem Fall nicht mit einem Gesetz und nicht mit einem öffentlichen Beschluss, sondern mit einem Satz, der auf der Straße fällt. Ein maskierter Bundesbeamter verspottet einen Demonstrierenden und erklärt ihm, er stehe nun in einer Datenbank, gelte als inländischer Terrorist. Offiziell weist das Heimatschutzministerium jede Existenz solcher Listen zurück. In der Praxis existiert jedoch ein Geflecht aus geheimen Anwendungen und Datenbanken, die genau dafür genutzt werden. Nach Aussagen mehrerer hochrangiger Sicherheitsbeamter arbeiten Behörden wie ICE, Grenzschutz und FBI mit einer Vielzahl interner Watchlists, die Protestierende, deren Umfeld und weitere Personen erfassen. Diese Systeme tragen harmlose oder martialische Codenamen wie Bluekey, Grapevine, Hummingbird, Reaper, Slipstream oder Sparta. Sie sind nicht öffentlich dokumentiert, kaum kontrolliert und selbst innerhalb der Behörden nur wenigen bekannt. Ihre Existenz widerspricht der öffentlichen Darstellung des Ministeriums, wonach es keine solche Infrastruktur gebe.

Ein Teil dieser Werkzeuge wurde ursprünglich zur Überprüfung von Migrantinnen und Migranten entwickelt, etwa für afghanische Schutzsuchende. Andere dienen der systematischen Auswertung sozialer Medien, der Verknüpfung von Personen über Telefonkontakte, E-Mail-Adressen oder bloße räumliche Nähe. Auch Freunde und Familienangehörige geraten so in den Fokus, ohne irgendeinen Bezug zu Straftaten zu haben. Die Daten stammen aus Hinweisen der Bevölkerung, aus Fotos und Videos von Einsatzkräften oder aus Material, das Demonstrierende selbst ins Netz stellen. Offiziell gibt es in den USA drei große Watchlists: eine internationale Terrorliste, eine vom FBI geführte Liste inländischer Extremisten und eine Liste transnationaler Krimineller. Daneben hat sich jedoch seit Jahren ein paralleles System aus zusätzlichen Datenbanken entwickelt, das weitgehend im Schatten operiert. Es dient dazu, riesige Informationsmengen zu sortieren und einsatzfähig zu machen, eine Aufgabe, an der selbst moderne Software an ihre Grenzen stößt.

Ein Jurist aus dem Heimatschutzapparat beschreibt diese Entwicklung als Ergebnis permanenter Übererfassung. Aus Angst, etwas zu übersehen, werde immer mehr gesammelt und anschließend in neue Listen gepresst. Am Ende entstehe ein System, das niemand mehr vollständig überblicke und das grundlegende Freiheitsrechte unterlaufe. Die Verfassung verbietet eigentlich das Sammeln von Informationen über Menschen, die ihr Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit ausüben. Ausnahmen sind möglich, müssen aber klar begründet werden. Genau daran fehlt es bislang. Politisch flankiert wird dieses Vorgehen durch eine neue Rhetorik. Der Grenzbeauftragte der Regierung, Tom Homan, kündigte öffentlich an, eine Datenbank über Menschen aufzubauen, die bei Protesten angeblich Beamte behindern. Man wolle sie bekannt machen, sagte er. Gleichzeitig hat das Justizministerium begonnen, eine neue Kategorie einzuführen: sogenannte aggressive Demonstrierende. Darunter fallen Menschen, die filmen, kritisieren oder sich Einsatzkräften nähern, ohne Gewalt anzuwenden.

Die tödlich verlaufenen Einsätze gegen Renee Good und Alex Pretti zeigen, wie weit diese Einstufung reichen kann. Beide galten intern als aggressiv, nicht weil sie bewaffnet oder gewalttätig waren, sondern weil sie Beamte filmten oder ansprachen. Der stellvertretende Justizminister Todd Blanche räumte in einem Interview ein, dass Pretti nicht gewalttätig gewesen sei, beharrte jedoch darauf, dass sein Verhalten nicht friedlich gewesen sei. Damit entsteht eine dritte Kategorie zwischen legalem Protest und Gewalt, deren rechtliche Grundlage unklar bleibt. Bürgerrechtsorganisationen warnen seit Jahren vor genau dieser Entwicklung. Schon in der Zeit des Kalten Krieges kritisierte der Verfassungsrichter Felix Frankfurter geheime Listen als mit rechtsstaatlichen Grundsätzen unvereinbar. Wahrheit, so seine Warnung, entstehe nicht im Verborgenen. Heute ist das System nicht einmal mehr einheitlich, sondern fragmentiert, vergleichbar mit einem Insektenauge, das aus tausenden Einzelteilen besteht und dennoch ein Gesamtbild erzeugt.

Diese Zersplitterung ist kein Zufall. Sie erschwert Kontrolle, verhindert Transparenz und verlagert Verantwortung. Viele Einsatzkräfte wissen selbst nicht, was mit den von ihnen eingegebenen Daten geschieht. Mit Softwarelösungen privater Anbieter wie Palantir rückt jedoch die Zusammenführung all dieser Informationen näher. Was bislang mosaikartig bleibt, könnte bald zu einem vollständigen Profil anwachsen. Die Konsequenzen sind absehbar. Wer einmal erfasst ist, gilt schnell als Risiko. Listen erzeugen ihre eigene Wirklichkeit, sie machen aus Beobachtung Verdacht und aus Verdacht Schuld. Ohne öffentliche Debatte, ohne klare gesetzliche Grenzen und ohne wirksame Kontrolle entsteht so ein System, das Protest nicht mehr schützt, sondern verwaltet und bestraft. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr.

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Anja
Anja
13 Stunden zuvor

Dass Palantir eine Datenkrake ist, die ihre Macht jederzeit missbrauchen kann, muss jedem klar sein. Und es sollte genau geschaut werden, wo dieses Programm in Deutschland eingesetzt wird. Wir sind nicht mehr weit vom absolut gläsernen Menschen entfernt.

Carolina
Carolina
13 Stunden zuvor
Antwort auf  Anja

Jetzt kam raus, dass auch Peter Thiel mit Epstein verknüpft war. Epstein baute ein riesiges Netz für Rechtsextremen auf, obwohl er selbst Jude war.
Einige Verschwörungen scheinen wahr zu sein. Eine Elite aus Politikern, Industriellen, Medien foltern, vergewaltigen und töten Kinder(Pizzagate) und jüdische Menschen kontrollieren alles(Epstein)
Nur eben nicht ganz so, wie es von rechts immer erzählt wird, sondern die sind die Hauptakteure

Anja
Anja
10 Stunden zuvor
Antwort auf  Rainer Hofmann

Es wird aber in Deutschland schon eingesetzt. Hessen, Bayern evtl. Hamburg habe ich gelesen

Ela Gatto
Ela Gatto
9 Stunden zuvor
Antwort auf  Rainer Hofmann

Sollte….
Aber in einigen Bundeslåndern wird es eingesetzt.
Unkritisch und naiv „die USA haben keinen Zugriff auf unsere Daten“ 🙈🙈🙈
Dazu der hohe Missbrauchsfaktor bei der Sammlung, Speicherung und Verknüpfung 😞

Ela Gatto
Ela Gatto
9 Stunden zuvor

Das perfekt Tool im Kritiker, Andersdenkende, bestimmte Gruppen etc zu listen.

Daten zu speichern. In Datenbanken die kaum einer kennt, deren Zugriffsrechte komplett verschleiert sind.

Ihr hattet ja mal einen tollen Bericht über Palantir und Co geschrieben.

Das setzt noch einen drauf.
Jeder der je in Kontakt, und sei es nur im Vorbeilaufen, mit einem Beamten kommt, ist erfasst.
Man wird gespeichert. Daten werden verknüpft. Die Eigenen und Daten von Menschen, mit denen man in Kontakt steht.
Und so wächst diese „Big brother is watching you“ Tool rasant.

Vermutlich liegt da auch der Grund für die Anordnung von Noem.
Das künftig alle Bundesbeamten Bodycams tragen sollen.
Mit Blick auf die Demokraten, denen man das als Brotkrumen wegen der Zustimmung zur weiteren ICE Finanzierung hinschmeißt.
Bodycams waren ja eine Forderung der Demokraten….

Wahrscheinlich fallen die Demokraten darauf rein und werden zustimmen….
Genug Druck wird ja ohnehin seit Tagen hinter verschlossenen Türen aufgebaut.

Das was hier passiert ist ein totaled Überwachungsstaat.
1984 ist real geworden 😞

Ela Gatto
Ela Gatto
8 Stunden zuvor

Dazu schreibt auch ACLU etwas bei FB
https://www.facebook.com/reel/1409838564176844/?app=fbl

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