Kein Ende in Sicht – Epsteins Akten und die offene Rechnung

VonRainer Hofmann

Januar 31, 2026

Drei Millionen Seiten mehr, dazu tausende Videos und Bilder – und dazu der Satz, das solle nun die letzte große Veröffentlichung gewesen sein. Genau dieser Widerspruch steht über allem. Das US-Justizministerium kippt eine Datenlawine ins Netz und versucht gleichzeitig, den Deckel zu schließen. Nicht weil die Wahrheit vollständig wäre, sondern weil die Debatte politisch toxisch geworden ist.

„Die Anweisung von (Trump) an das Justizministerium war, so transparent wie möglich zu sein, die Akten freizugeben und größtmögliche Transparenz herzustellen. Und genau das haben wir getan.“ (Fortsetzung folgt – Anmerkung der Redaktion)

Todd Blanche, der als stellvertretender Justizminister auftrat, verteidigte die Veröffentlichung fast schon im Dauerlauf gegen den Verdacht, dass hier sortiert, geglättet und strategisch geschwärzt wurde. Er betonte, das Weiße Haus habe mit der Sichtung der Unterlagen nichts zu tun gehabt, keine Aufsicht ausgeübt und dem Ministerium nicht gesagt, wonach zu suchen sei oder was zu schwärzen sei. Diese Versicherung ist nicht nebensächlich, sie ist die Antwort auf eine Angst: dass die Akten zwar „veröffentlicht“ werden, aber in einer Form, die politisch nützt. Die Zahlen selbst sind brutal. Drei Millionen zusätzliche Seiten, rund 2.000 Videos, etwa 180.000 Bilder. Gleichzeitig räumt das Ministerium ein, dass ursprünglich etwa sechs Millionen Seiten als „möglicherweise relevant“ galten. Dann habe man zu viel gesammelt, heißt es, und am Ende nur die Hälfte veröffentlicht. Genau an dieser Stelle setzt der Konflikt an: Demokraten werfen der Regierung vor, das Gesetz zu verletzen, weil der Umfang halbiert wurde. Es ist der Hauptpunkt eines Misstrauens, das nicht durch Masse verschwindet, sondern durch klare Kriterien – und genau die fehlen.

Der Kongress hatte eine Frist gesetzt, den 19. Dezember. Die Unterlagen kommen Wochen später. Dazu kündigt Blanche an, man werde dem Kongress erklären, warum geschwärzt wurde. Und er zählt Gründe auf: personenbezogene Daten und medizinische Informationen der Opfer, Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern, Material mit Tod oder Gewalt. Das ist plausibel. Aber es beantwortet nicht die Frage, warum ausgerechnet bei so einem Komplex die Öffentlichkeit den Eindruck gewinnt, dass nicht nur geschützt, sondern auch gesteuert wird.

In den freigegebenen Dokumenten steckt außerdem ein zweites Problem: ein erheblicher Teil sind unbestätigte Hinweise an Ermittler, also Tippgeber-Material, teils haltlos, weil Daten und Abläufe nicht zusammenpassen, Gerüchte, Behauptungen ohne belegte Grundlage. Das Ministerium weiß, dass genau daraus neuer Dreck entstehen kann – und sagt zugleich, in den Akten könne sich auch Falsches befinden. Damit wird etwas in den Raum gestellt, das man nicht sauber auflösen kann: Namen tauchen auf, aber die Einordnung bleibt oft schwebend.

Redaktioneller Hinweis
Epstein-Akten: Wir arbeiten nur mit belegtem Material
Wir sind Profis in der Epstein-Recherche, kennen diesen Fall von Anfang an und wissen selbst, welches Material als relevant zu bewerten ist und welches lediglich dazu dient, dass die Republikaner unter Trump mögliche Prozesse gewinnen können. Deshalb halten wir uns an belegtes oder selbst recherchiertes Material und springen nicht auf den gelb-weißen Zug von Dokumenten auf, die inzwischen bereits wieder vom Justizministerium entfernt wurden. Natürlich stürzen sich viele Medien und Menschen auf diese drei bis vier Unterlagen. Doch sie sind mehr als unschlüssig, vereinen auf einzelnen Seiten Zeiträume von bis zu zehn Jahren, und schon kurze Recherchechecks zeigen, dass vieles darin nicht zusammenpasst. Unsere Arbeit ist Recherche, belegte Fakten und gerichtsfeste Einordnung, Umsetzung. Daher spielen wir Medien Unterlagen auch zu, würden aber niemals unter einem Redaktionshaus arbeiten, weil das unsere eigentliche Arbeit im Bereich der Menschenrechte einengen würde, auch wenn dadurch das Leben für uns natürlich einfacher wäre.
Fokus: Menschenrechte • Belege • Gerichtsfest
Kaizen Redaktion

Beim Präsidenten wird das besonders heikel. In den Unterlagen finden sich tausende Dokumente, in denen Donald Trump erwähnt wird. Es gibt eine Zusammenfassung, die die Bundespolizei im vergangenen Sommer erstellt hat, mit mehr als einem Dutzend Hinweisen, die bei der Behörde zu Epstein und Trump eingingen, darunter auch schwere Vorwürfe. Der entscheidende Punkt ist: Diese Hinweise enthalten keine bestätigenden Belege. Genau deshalb darf man daraus keine Tatsachen machen. Aber ebenso wichtig ist: Der Staat hat es gesammelt, strukturiert, in einem eigenen Papier gebündelt. Das ist kein Internet-Gerücht, das ist staatliche Aktenarbeit – nur eben ohne nach außen sichtbare Konsequenz.

Parallel tauchen weitere Namen auf, die die Akten nicht als Nebenschauplatz behandeln. Howard Lutnick steht in den Unterlagen als jemand, der 2012 eine Reise zu Epsteins Insel geplant habe, obwohl er zuvor erklärte, er habe spätestens um 2005 die Beziehungen zu Epstein gekappt. Die Dokumente legen nahe, dass die Reise stattgefunden haben könnte. Lutnick sagt, er könne dazu nichts sagen, bevor er die Unterlagen gesehen habe. Das ist genau das Muster, das jetzt überall entsteht: Die Akten geben neue Details, aber niemand kann oder will sie sofort erklären – und die Öffentlichkeit bleibt mit dem Zwischenraum zurück.

Howard Lutnick, aktueller US-Handelsminister

Bei Bill Gates zeigen Dokumente Notizen und Entwürfe von Epstein aus 2013, in denen es um außerehelichen Sex geht. Es bleibt unklar, ob Epstein diese Mails je verschickt hat. Die Gates Foundation weist die Vorwürfe als völlig absurd und falsch zurück. Auch hier gilt: Die Akten zeigen, wie Epstein arbeitete – als jemand, der Einfluss über Wissen, Andeutung und mögliche Erpressbarkeit organisierte. Ob er es eingesetzt hat, ist nicht immer belegbar, aber das System wird sichtbar.

Ein weiteres Element sind E-Mails, die eine vertraute Beziehung zwischen Epstein und Richard Branson nahelegen, ebenfalls stark über das Thema Frauen gerahmt. Dazu kommt ein Diagramm des „inneren Kreises“ von Epstein: Mitarbeiter, Assistenten, mehrere Freundinnen. Auffällig ist der Befund, der seit Jahren wie ein Stachel sitzt: Von all diesen Personen wurde am Ende nur Ghislaine Maxwell wegen Beihilfe zur Sex-Trafficking-Struktur verurteilt. In der Grafik tauchen auch Epsteins Anwalt Darren Indyke und sein Buchhalter Richard Kahn auf – also Leute, die ein System nicht mit Worten, sondern mit Strukturen stabilisieren.

Richard Branson, Jeffrey Epstein

Dann ist da der Fall Steve Tisch. Die Dokumente zeichnen einen Austausch, in dem Epstein offenbar Frauen „vermittelte“, inklusive Beschreibungen in vulgärer Sprache. In Mails fragt Tisch mit Slang nach, ob eine Frau eine Sexarbeiterin sei. In einer Stelle bittet Epstein um eine Telefonnummer, weil er keine Spur in den Nachrichten wolle. Frauen schreiben wiederum an Epstein, dass sie Tisch treffen oder getroffen haben. Und Tisch lädt Epstein als Gast zu einem Spiel der New York Giants ein. Das ist kein Nebensatz, das zeigt Mechanik: Kontakte, Auswahl, Zugang, ein Mensch als Schnittstelle zwischen Macht und Verfügbarkeit.

Steve Tisch ist Miteigentümer (Co-Owner) der New York Giants. Sein Vater hatte 1991 einen Anteil von 50 % am Franchise gekauft, und nach dessen Tod 2005 übernahm Steve Tisch diese Position und ist seitdem Chairman, Executive Vice President und Co-Owner des Teams. Er teilt das Eigentum mit der Familie Mara, die ebenfalls einen signifikanten Anteil hält.

Besonders schwach ist das 21-seitige F.B.I.-Folienset, das die Behörden selbst erstellt haben. Es listet schwere Vorwürfe gegen mächtige Männer, darunter Trump, den Finanzmann Leon Black und Andrew Mountbatten-Windsor. Es sagt nicht, ob irgendetwas verifiziert wurde. Es macht aber unmissverständlich, dass die Behörden diese Vorwürfe kannten und strukturiert zusammengetragen haben. Und dann kommt ein Satz, der fast zynisch wirkt: Es gebe keinen Hinweis, dass diese Männer als Verdächtige galten. Wissen, das nicht in Verantwortung mündet, ist genau das, was Menschen an diesem Komplex wahnsinnig macht.

Die Realität im Akten-Dschungel Epstein – der einzige Weg zur vollständigen Aufklärung besteht darin, weiter selbst zu recherchieren.

Das Folienset nennt auch Bill Clinton und Leslie Wexner als Namen, die in Aussagen oder Kontexten auftauchen, nicht zwingend mit Missbrauchsvorwürfen. Zugleich wird festgehalten: Keine der bekannten Epstein-Opfer habe öffentlich Clinton Fehlverhalten vorgeworfen; Clintons Sprecher habe gesagt, er wisse nichts über Epsteins Verbrechen. Bei Wexner wird es komplizierter: Ein Dokument aus 2019 führt ihn als möglichen Mitverschwörer, gleichzeitig wird „begrenzte Evidenz“ notiert. Wexners Anwälte erklären, man sei nicht eng mit Epstein gewesen und habe keine Kenntnis sexuellen Fehlverhaltens gehabt; Wexners Seite betont, er sei kein Ziel der Ermittlungen. Genau so sieht das Muster aus: Akten geben Hinweise, Gegendarstellungen kommen, und dazwischen steht die Frage, warum so lange so viel in der Dunkelheit bleiben konnte.

Sergey Brin, Jeffrey Epstein

Hinzu kommt ein weiterer, bislang nicht unbekannter, aber kaum beleuchteter Part in der Epstein-Geschichte: Sergey Brin ist nicht irgendein Milliardär, sondern der Mitgründer von Google, eines der einflussreichsten Technologieunternehmen der Welt. Die Akten zeigen damit nicht nur private Nähe, sondern eine Verbindung zwischen Epsteins Netzwerk und einem Konzern, der globale Informationsflüsse prägt. Kontakte zu Führungskräften, Treffen auf der Insel, Kommunikation mit Ghislaine Maxwell – all das fand nicht im luftleeren Raum statt, sondern vor dem Hintergrund wirtschaftlicher und politischer Macht. Dass Epstein zugleich Banker, Investoren und Tech-Eliten miteinander vernetzte, ist seit Jahren bekannt, wird hier aber erstmals mit konkreten Dokumenten unterfüttert. Die Frage ist daher nicht, ob Google als Unternehmen beteiligt war, sondern wie selbstverständlich sich zentrale Figuren der Tech-Industrie in einem Umfeld bewegten, das längst von Missbrauchsvorwürfen geprägt war. Genau diese Normalisierung von Nähe ist es, die den Akten ihre eigentliche Brisanz verleiht.

Selbst die Schwärzungen werden zum Skandal, weil sie nicht sauber funktionieren. Das Justizministerium hat in der Vergangenheit Verzögerungen mit dem Schutz der Opfer begründet – und nun tauchen in einem Behördenpapier trotzdem nicht vollständig geschwärzte Opfernamen auf. Wenn der Staat behauptet, er schwärze zum Schutz, dann muss dieser Schutz sitzen. Tut er es nicht, wirkt jede Begründung wie eine Ausrede. Und dann ist da die Passage, die man als politisches Beruhigungsmittel lesen kann: Eine Folie mit „Fehlannahmen“ erklärt, Ermittler hätten keine Orgien oder Dreier mit zwei Männern gefunden, Opfer seien nicht gefangen gehalten worden, Epstein habe sie nicht regelmäßig gegen Geld prostituiert. Das soll Verschwörungsmythen entkräften. Es wirkt aber auch wie eine Sprachregelung, die die Realität kleiner machen will. Wer die Gewalt in diesem System versteht, weiß: Es braucht keine Kellerketten, um Menschen zu brechen. Es reicht Macht, Abhängigkeit, Druck, Auswahl, Angst, Schweigen.

Die Regierung will mit diesem Paket „abschließen“. Aber sie kann es nicht, solange die zentrale Spannung bleibt: Der Staat veröffentlicht Material in riesigem Umfang, liefert aber keine nachvollziehbare, überprüfbare, vollständige Erklärung, warum bestimmte Dinge geschwärzt, zurückgehalten, halbiert, verspätet, fehlerhaft anonymisiert wurden. Und er kann nicht erwarten, dass die Öffentlichkeit still wird, solange Akten zeigen, wie eng Epstein an Machtmilieus heranreichte, wie oft Namen aufblitzen, wie oft Hinweise gesammelt wurden, und wie selten daraus sichtbare Konsequenzen folgten.

Wenn das die letzte große Veröffentlichung sein soll, dann ist das nicht das Ende. Es ist nur der Moment, in dem man offiziell sagt: Wir haben geliefert, nun reicht es. Die Dokumente selbst erzählen etwas anderes. Sie erzählen von einem System, das nicht an einer Person hängt, sondern an der Bereitschaft einflussreicher Kreise, Nähe zu akzeptieren, solange sie bequem ist – und Distanz zu behaupten, sobald sie teuer wird.

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Anja
Anja
4 Stunden zuvor

Jeder der privaten Kontakt mit Epstein gehabt hat und auf der Insel war, sollte doch mitbekommen, was dort läuft. So fest kann man doch gar nicht die Augen verschließen. Das bedeutet, es war für diese Menschen normal und wurde akzeptiert.

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