„Es wird in Deutschland niemand obdachlos.“ – Wie ein Satz die Toten unsichtbar macht

VonRainer Hofmann

Januar 20, 2026

Deutschland zählt viel. Einkommen, Beschäftigung, Inflation, Neubauten. Es zählt aber nicht, wie viele obdachlose Menschen sterben. Nicht bundesweit, nicht verbindlich, nicht kontinuierlich. Wer stirbt, wird Teil der allgemeinen Todesstatistik. Ob jemand auf der Straße lebte, taucht darin nicht auf. Damit gibt es offiziell kein Problem, das man politisch lösen müsste. Unsere Dokumentation prüft, was sich für den Zeitraum Oktober 2025 bis 20. Januar 2026 dazu belegen lässt – und was nicht. Nicht, weil niemand gestorben wäre, sondern weil niemand verpflichtet ist, es zusammenzuführen.

Deutschland verfügt über keine bundesweite amtliche Statistik, die Todesfälle obdachloser Menschen gesondert erfasst. Weder fortlaufend noch rückwirkend, weder nach Monaten noch nach Jahren. Das gilt für 2025 ebenso wie für den Jahresbeginn 2026. Die Todesursachenstatistik von Statistisches Bundesamt unterscheidet nicht nach Wohnstatus. Stirbt ein Mensch auf der Straße, in einer Notübernachtung oder nach einer Einlieferung ins Krankenhaus, verschwindet die Tatsache der Obdachlosigkeit vollständig in der allgemeinen Kategorie. Es existiert keine eigene Erhebungsvariable, keine Zusatzkennzeichnung, keine Pflicht zur Meldung. Damit existiert auch keine bundeseinheitliche Zahl.

Gleichzeitig ist die Größenordnung der betroffenen Gruppe bekannt. Nach der letzten umfassenden Hochrechnung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe lebten Ende 2024 rund 1.029.000 Menschen in Deutschland ohne eigene Wohnung. Diese Zahl umfasst Menschen in Notunterkünften, Gemeinschaftsunterkünften, Übergangslösungen und verdeckter Wohnungslosigkeit. Innerhalb dieser Gruppe lebten etwa 56.000 Menschen ohne jede Unterkunft, also dauerhaft oder überwiegend auf der Straße oder ausschließlich in Notübernachtungen. Diese Zahl ist keine Randgröße, sondern beschreibt eine Bevölkerung in der Größenordnung einer Großstadt. Aktuelle Recherchen von uns kommen auf über rund 1.350.000, einer Zahl, der wir weiterhin nachgehen werden und zu der wir auch eine filmische Dokumentation planen. (Stand 18. Januar 2026)

Amtlich bestätigt ist zumindest ein Teil davon. Zum Stichtag 31. Januar 2025 meldete das Statistische Bundesamt 474.700 untergebrachte wohnungslose Personen. Diese Zahl erfasst ausdrücklich nicht diejenigen, die auf der Straße leben oder nur sporadisch Notübernachtungen nutzen. Sie ist zudem stichtagsbezogen und wird nicht monatlich oder saisonal fortgeschrieben. Für Ende 2025 oder den Winter 2025/26 existiert keine aktualisierte amtliche Veröffentlichung. Damit lässt sich festhalten, dass der Winter 2025/26 mit einer bekannten, hohen Zahl wohnungsloser und obdachloser Menschen begann. Es gibt keine Hinweise auf einen strukturellen Einbruch dieser Zahlen im Herbst 2025. Weder wurden zehntausende neue Wohnungen geschaffen noch wurde Obdachlosigkeit administrativ aufgelöst. Die Ausgangslage blieb bestehen.

Die regionale Verteilung dieser Situation ist seit Jahren stabil. Rund 75 bis 80 Prozent der wohnungslosen Menschen leben in Westdeutschland, etwa 20 bis 25 Prozent in Ostdeutschland, Berlin eingeschlossen. Pro Kopf liegen westdeutsche Länder ebenfalls vorn. Stadtstaaten weisen die höchsten Quoten auf. Bremen erreicht Größenordnungen von über 120 wohnungslosen Menschen pro 10.000 Einwohner, Berlin liegt im Bereich von etwa 90 bis 100, Hamburg zwischen 85 und 95. Nordrhein-Westfalen bewegt sich bei etwa 55 bis 65, Bayern und Hessen im Bereich von 50 bis 60, Baden-Württemberg knapp darunter. Ostdeutsche Flächenländer liegen deutlich niedriger, teils unter 20 pro 10.000. Diese Unterschiede folgen dem Mietniveau und der Verfügbarkeit von bezahlbarem Wohnraum, nicht klimatischen oder kulturellen Faktoren.

Besonders relevant für Todesrisiken ist die Gruppe der Menschen ohne Unterkunft. Bundesweit handelt es sich hier um rund 56.000 Personen. In absoluten Zahlen konzentrieren sie sich stark auf westdeutsche Ballungsräume. Nordrhein-Westfalen kommt auf Bandbreiten von etwa 18.000 bis über 23.000 Menschen ohne Unterkunft, Bayern auf rund 12.000 bis 16.000, Baden-Württemberg auf etwa 9.000 bis 11.000, Hessen auf rund 5.600 bis 6.900. Berlin liegt bei über 8.000, Hamburg bei über 3.000, Bremen bei gut 1.200. Ostdeutsche Länder bewegen sich teils im niedrigen vierstelligen, teils im dreistelligen Bereich. Diese Zahlen sind Hochrechnungen, aber sie sind konsistent über verschiedene Erhebungen hinweg.

Für diese Menschen existiert kein Schutz durch Statistik. Wenn sie sterben, werden sie nicht als obdachlos gezählt. Genau hier beginnt die Nicht-Überprüfbarkeit des Merz-Satzes. Denn ohne Zählung der Todesfälle lässt sich weder bestätigen noch widerlegen, ob tatsächlich „niemand obdachlos wird“ oder ob Menschen schlicht außerhalb der Wahrnehmung sterben. Was es stattdessen gibt, sind lokale Fragmente. Hamburg dokumentierte für Teile des Jahres 2025 mindestens 44 Todesfälle obdachloser Menschen. Diese Zahl umfasst Todesfälle auf der Straße und im Krankenhaus. Sie ist eine der wenigen öffentlich genannten Größenordnungen überhaupt. Eine bundesweite Hochrechnung existiert daraus nicht. Für den Winter 2025/26 liegen aus einzelnen Städten Hinweise auf Kältetote vor, teils bestätigt, teils nur berichtet. Eine Zusammenführung dieser Informationen findet nicht statt.

Berlin bietet ein besonders klares Beispiel. Für den Zeitraum Oktober 2025 bis 20. Januar 2026 existiert keine zentrale Zahl obdachloser Todesfälle. Einzelne Todesfälle wurden öffentlich bekannt. Ende November 2025 wurden Gedenktafeln für verstorbene obdachlose Menschen eingeweiht. Diese Tafeln setzen voraus, dass es Tote gab. Sie nennen keine Zahl. Sie ersetzen die Statistik durch Erinnerung. Die zuständigen Stellen verfügen jeweils über Teilwissen. Polizei kennt Todesorte, Krankenhäuser kennen Einlieferungen, Kältehilfen kennen Kontakte, Bezirke kennen einzelne Fälle. Diese Informationen werden nicht zusammengeführt. Es gibt keine bundesweite Meldepflicht, keine gesetzliche Vorgabe, keine politische Zielgröße. Die Nicht-Erfassung ist strukturell.

Damit ist der entscheidende Punkt erreicht. Der Satz „Es wird in Deutschland niemand obdachlos“ ist nicht falsifizierbar, weil der Staat die dafür nötigen Daten nicht erhebt. Die Aussage bewegt sich in einem Raum, der bewusst leer gelassen wird. Es gibt hohe, belegte Zahlen zu Wohnungslosigkeit. Es gibt belegte Bandbreiten zu Obdachlosigkeit. Es gibt belegte lokale Todeszahlen. Was fehlt, ist die Verbindung dieser Daten zu einer bundesweiten Bilanz. Nicht weil sie technisch unmöglich wäre, sondern weil sie politisch nicht vorgesehen ist. Solange obdachlose Todesfälle nicht als eigene Kategorie existieren, bleiben sie folgenlos. Solange sie folgenlos bleiben, kann der Satz vom garantierten Dach ausgesprochen werden, ohne überprüft zu werden.

Diese Dokumentation zeigt keinen Einzelfall und keine Stimmung. Sie zeigt eine Lücke. Eine Lücke, die nicht zufällig entstanden ist. Obdachlose Menschen sterben in Deutschland. Nicht selten, nicht überraschend, sondern regelmäßig. Ihr Tod gilt administrativ nicht als eigenes gesellschaftliches Problem. Und genau deshalb wird er politisch verdrängt. Ende der Dokumentation.

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Lea
Lea
2 Tage zuvor

Und so verschwinden sie im Niemandsland der deutschen Bürokratie

Irene Monreal
Irene Monreal
2 Tage zuvor

„Es wird in Deutschland niemand obdachlos“
Schon wieder so typisch Merz. Die Negierung einer Tatsache, nur weil er meint, die „Aufbewahrung“ von Menschen in teils unhaltbaren Zuständen, die noch dazu oft von den von ihm geschmähten NGOs organisiert wird, garantiere eine Vermeidung von Obdachlosigkeit. Eine Unterbringung nach Art des schlechtesten Niveaus von Hühnerfarmen hat der verdient, der nicht fähig ist (ich übersetze das mit „der krank ist“), den Anforderungen des Lebens nachzukommen.
Arroganz bis in die Haarspitzen.

Ela Gatto
Ela Gatto
2 Tage zuvor

Wer die Obdachlosencamps sieht, weiß, dass es in Deutschland nicht wenige Obdachlose gibt.

Es gibt nicht genug Unterkünfte.
Einige entscheiden sich aufgrund von Gewalt und/oder strengen Regeln gegen Notunterkünfte.

Deutschland hat eine Wohnungsnot.
Selbst Menschen, die einen Job haben, sind davon betroffen.

Ohne Job, ohne Adresse, wahrscheinlich sogar ohne Ausweis ist man Deutschland (und allen anderen Ländern) unsichtbar.

Traurigerweise könnte man sie erst wieder erfassen, wenn sie sterben.
Und das sollte man auch tun.

Es gibt über jeden Mist Statistiken.
Warum bicht einmal zu diesem wichtigen Thema.

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