„AfD über alles“ – Wie aus einem Privatclub in New York politische Weltmacht konstruiert wird

VonRainer Hofmann

Dezember 12, 2025

In mehreren Berichten in Deutschland der vergangenen Tage wird auch ein Satz besonders hervorgehoben: „AfD über alles“. Er steht am Ende eines Papiers, verfasst von US-amerikanischen Akteuren, die eine „neue Gesellschaftsordnung in Deutschland“ fordern. Schon diese Setzung entfaltet maximale Wirkung – sie suggeriert internationale Bedeutung, transatlantische Einflussnahme und eine politische Achse bis ins Machtzentrum der Vereinigten Staaten. Doch genau an diesem Punkt beginnt die Überdehnung.

Das zugrunde liegende Dokument/Webseite existiert. Es stammt vom privaten New York Young Republican Club und trägt das Datum 13. August 2025. Der zitierte Satz findet sich darin tatsächlich. Doch damit endet die belastbare Faktenlage. Alles, was darüber hinaus behauptet oder angedeutet wird, verlangt präzise Einordnung – und genau diese bleibt in weiten Teilen der Berichterstattung aus.

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Das Papier ist kein Regierungsdokument, kein Beschluss der Republikanischen Partei, kein Strategiepapier staatlicher Stellen und kein Ausdruck offizieller US-Politik. Es handelt sich um ein Positionspapier eines privaten Vereins. Ideologisch zugespitzt, politisch radikal formuliert – aber ohne institutionelle Bindung. Wer daraus mehr macht, verlässt den Bereich der Beschreibung und betritt den der Konstruktion.

Innerhalb der Republikaner ist der NYYRC umstritten. Moderate Parteiflügel und etablierte Funktionäre sehen den Club eher als Belastung, weil er mit Provokationen, radikalen Gästen und öffentlicher Zuspitzung Schlagzeilen produziert, die der Partei schaden können. Entsprechend gibt es immer wieder informelle Distanzierungen, allerdings selten offene Konfrontationen – auch aus Angst, innerparteiliche Konflikte zu verschärfen. Ordnet man die Akteure der amerikanischen Rechten nach tatsächlichem Einfluss, ergibt sich ein deutliches Gefälle. An der Spitze stehen Netzwerke wie die Federalist Society sowie Denkfabriken wie die Heritage Foundation oder das America First Policy Institute. Sie liefern Personal, schreiben Programme und wirken direkt auf Gerichte, Ministerien und Gesetzgebung ein. Dahinter folgt ein oberes Mittelfeld aus landesweiten Nachwuchsorganisationen wie den College Republicans, größeren Thinktanks und formalen Parteigremien, die Agenda-Setting betreiben und Karrieren vorbereiten, ohne selbst Entscheidungen zu treffen. Darunter liegen Formate mit hoher Sichtbarkeit, aber begrenzter Kontrolle, etwa die CPAC oder einzelne große Spendernetzwerke, die Aufmerksamkeit erzeugen, jedoch kaum institutionelle Hebel besitzen. Am unteren Ende stehen private Stadtclubs wie der New York Young Republican Club, deren Bedeutung vor allem in Bühne, Symbolik und Selbstvergewisserung liegt, nicht in formaler politischer Macht.

Besonders problematisch ist die wiederkehrende Bezeichnung des New York Young Republican Club als „Vereinigung junger US-Republikaner“ oder als politisch relevante Struktur. Diese Formulierung erzeugt Assoziationen, die faktisch nicht gedeckt sind. Der Club ist keine Vereinigung im organisatorischen oder institutionellen Sinn. Er ist kein offizieller Jugendverband der Republikanischen Partei, kein politischer Arm, kein Teil der Parteistrukturen und kein Gremium mit Entscheidungsbefugnissen. Er besitzt kein Parteimandat, keine formale Einbindung und keinen Einfluss auf Regierung oder Gesetzgebung. Die Verbindung zum republikanischen Spektrum ist ideologisch, nicht institutionell. Gerade diese Unterscheidung wird in der öffentlichen Darstellung häufig verwischt. Wenn von einer „Vernetzung bis ins Weiße Haus“ die Rede ist, bleibt offen, was damit konkret gemeint sein soll. Es gibt keine Belege für offizielle Kontakte, keine Mandate, keine Funktionen, keine Beauftragungen. Einzelne Begegnungen, gemeinsame Fotos, Social-Media-Nähe oder private Auftritte ersetzen keine politische Einbindung. Aus Bekanntschaften wird Einfluss konstruiert – ohne belastbaren Nachweis.

Diese Mechanik zeigt sich auch bei der Darstellung einzelner Akteure aus dem MAGA-Umfeld. Personen wie Alex Bruesewitz werden als Trump-nahe Figuren präsentiert. Tatsächlich handelt es sich um private politische Unterstützer und Social-Media-Strategen, die eigenständig agieren. Bruesewitz war weder Campaign Manager noch Regierungsmitarbeiter, weder Parteifunktionär noch offizieller Vertreter der Trump-Regierung. Seine Aktivitäten erfolgten ohne Auftrag, ohne Mandat, ohne institutionelle Rolle. Unterstützung ist keine Beauftragung – und Nähe ist kein Amt.

Ähnlich verhält es sich mit der Gala des New York Young Republican Club. Sie wird als glamouröser Höhepunkt nationalistischer Vernetzung beschrieben, mit Ticketpreisen von bis zu 30.000 Dollar. Diese Zahlen stimmen. Sie sagen jedoch nichts über politische Bedeutung aus. Es handelt sich um ein internes Fundraising-Event eines privaten Vereins. Die Gala ist kein offizielles Parteievent der Republikaner, keine staatliche Veranstaltung und kein Ort politischer Entscheidungsfindung. Wer diese Trennung nicht klar benennt, verstärkt künstlich den Eindruck von Relevanz.

Besonders deutlich wird diese Überdosierung beim sogenannten Allen-W.-Dulles-Preis, der einem AfD-Politiker verliehen werden soll. Der in der Einladung genannte „Preis“ stammt von einem kleinen privaten Verein, der sich des Namens Allen W. Dulles bedient, um Seriosität zu suggerieren. Er besitzt zwar eine eigene, politisch fragwürdige geprägte Tradition, jedoch keine institutionelle Bedeutung, sondern fungiert als PR-Instrument, das darauf abzielt, Personen wie Frohnmaier symbolisch aufzuwerten. Genau darauf zielt er ab. Ausschließlich existiert dieser Preis als Eigenkonstruktion des Clubs. Einen staatlichen oder offiziellen Preis mit dem Namen „Allen W. Dulles Award“ gibt es nicht. Die Auszeichnung steht in keinerlei Verbindung zu staatlichen Ehrungen der USA oder zu Auszeichnungen des US-Sicherheitsapparats, die traditionell ausschließlich an US-Amerikaner vergeben werden.

Auch die behaupteten Bezüge zur US-Sicherheitsstrategie werden häufig überdehnt. Dass rhetorische Überschneidungen existieren, ist unbestritten. Doch ähnliche Wortwahl ersetzt keine Abstimmung, keine Kooperation und keine Einflussnahme. Politische Sprache wird übernommen, kopiert und instrumentalisiert – gerade in ideologischen Milieus. Daraus eine strategische Allianz zu konstruieren, geht über das hinaus, was belegbar ist. Was sich durch die Berichterstattung zieht, ist ein wiederkehrendes Muster: Reale Einzelereignisse – Reisen, Treffen, Papiere, Zitate – werden so gerahmt, dass sie größer wirken, als sie sind. Aus Randkontakten wird Nähe zur Macht, aus einem privaten Club eine internationale Achse, aus ideologischer Übereinstimmung eine politische Allianz. Genau hier liegt der journalistische Bruch.

Siehe auch unsere Dokumentation zu einem anderen Artikel: „Dokumentation: Wie die WELT aus einer Randshow der AfD eine weltpolitische Erzählung bastelt“ – unter dem Link: https://kaizen-blog.org/dokumentation-wie-die-welt-aus-einer-randshow-der-afd-eine-weltpolitische-erzaehlung-bastelt/ und unseren Artikel: „Die erfundene Nähe – Wie die AfD mit einem „Trump-Berater“ wirbt, den es so gar nicht gibt“ – unter dem Link: https://kaizen-blog.org/die-erfundene-naehe-wie-die-afd-mit-einem-trump-berater-wirbt-den-es-so-gar-nicht-gibt/

Aufklärung bedeutet nicht, alles maximal zur Panik zu erklären, was existiert. Aufklärung heißt, Unterschiede sichtbar zu machen: zwischen privat und offiziell, zwischen Ideologie und Mandat, zwischen Bühne und politischer Wirkung. Diese Trennlinien werden in der aktuellen Berichterstattung zu oft verwischt – und genau davon profitieren jene, die von Bedeutung leben, wo in Wahrheit nur Kulisse steht.

Am Ende bleibt festzuhalten: Ja, es gibt Kontakte. Ja, es gibt ideologische Überschneidungen. Ja, der New York Young Republican Club vertritt radikale Positionen und sucht Öffentlichkeit. Aber nein: Es gibt keine belegte institutionelle Allianz, keine offizielle Einbindung, keine politische Steuerung bis ins Weiße Haus. Wer das behauptet, ersetzt Prüfung durch Zuspitzung. Die AfD reist nicht ins Zentrum der Macht. Sie bewegt sich auf einer Nebenbühne – laut, grell, aber ohne Einfluss. Der Club verleiht keinen Preis von Bedeutung, sondern Aufmerksamkeit gegen Eintritt. Und eine Berichterstattung, die daraus eine weltpolitische Erzählung formt, verfehlt ihren eigenen Anspruch.

In redaktionellen Medien bedeutet ein interner Faktencheck nicht automatisch, dass alle Aussagen eines Textes zutreffend sind. Auch sachlich falsche oder zumindest unbelegte Behauptungen können dabei durchrutschen – etwa dann, wenn Begriffe unscharf verwendet werden, institutionelle Rollen falsch zugeordnet werden oder Reichweiten suggeriert werden, für die es keine belastbaren Belege gibt. Solche Fehler entstehen weniger durch erfundene Fakten als durch unpräzise Zuschreibungen und Überhöhungen, die im redaktionellen Faktencheck häufig nicht korrigiert werden, weil sie als Einordnung oder Kontext gelten.

Zum Unterschied: Unabhängige Faktenchecker wie zum Beispiel Mimikama prüfen ausschließlich den Wahrheitsgehalt konkreter Behauptungen. Redaktionelle Faktenchecks hingegen dienen vor allem der formalen Absicherung eines Artikels – sie verhindern Rechtschreibfehler oder falsche Zitate, garantieren aber nicht, dass alle dargestellten Zusammenhänge sachlich korrekt oder angemessen eingeordnet sind.

Das ist keine Verharmlosung. Das ist Einordnung. Und genau daran mangelt es viel zu oft. Die AfD wird sich über diese kostenlose Aufmerksamkeit freuen. Dabei sollte man endlich damit aufhören, diese rechte Zirkustruppe größer zu machen, als sie ist. Ja, sie ist gefährlich. Ja, sie wäre ein massiver Schaden für Deutschland. Aber warum inszeniert man sie medial über ihre reale Bedeutung hinaus? Warum übernimmt man ihre Selbstdarstellung, statt sie nüchtern zu prüfen und einzuordnen?

Wenn Steuergelder missbraucht werden oder auch nur der Verdacht besteht, dann ist der Weg klar: Recherchieren, aufdecken, Gericht, basta. Unabhängig von angeblich „offiziellen“ Anlässen – sofern sie überhaupt stattgefunden haben. Und gibt es einen echten Fehltritt, dann ohne Zögern: recherchieren, offenlegen, juristisch verfolgen. Was aufhören muss: Fakten ungeprüft weitertragen, bis sie bei genauer Betrachtung wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Das hilft niemandem – außer der AfD selbst, oder geht es doch nur ums Geld?

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