77 Millionen Menschen haben für diesen befremdlichen Präsidenten gestimmt. Eine Zahl, die einen kurz innehalten lässt. Nicht aus Respekt. Sondern aus Sorge. Das sind ungefähr so viele Menschen, wie ganz Deutschland Einwohner hat. Stell dir vor, ein komplettes Deutschland würde an einem Tag aufstehen und entscheiden, dass von jetzt an der Mann mit dem orangefarbenen Gesicht und der Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches die wichtigsten Entscheidungen für sie alle treffen soll. So fühlt es sich an, wenn man die Zahl in den Mund nimmt.
Da muss man sich wirklich fragen, was in diesem Land schiefgelaufen ist. Und vor allem, was in den Frühstücksflocken so drinsteckt. Es kann ja nicht nur Mais sein. Es muss etwas anderes dabei sein. Etwas Schweres. Etwas, das das Denken in Zeitlupe versetzt und dann ganz aufhören lässt. Eine Substanz, die zwischen Marshmallow und Diktatorenliebe ihren Platz sucht. Vielleicht hat Kellogg’s da etwas im Angebot, von dem die FDA noch nichts weiß. Cap’n Crunch der Demokratie. Schmeckt süß, hinterlässt aber 77 Millionen Menschen, die einen Mann zum Präsidenten machen, der nicht weiß, ob er gerade die Ukraine oder den Iran versenkt hat.
Es muss auch etwas mit dem Wasser zu tun haben. Oder mit dem Fernsehen. Oder mit beidem. Vier Stunden Fox News täglich, dazu eine Schale Lucky Charms, und am Ende sitzt man auf der Couch und hält einen 79-jährigen Mann mit Make-up auf den Augenlidern für den Erlöser. Der Mann sagt, er sei körperlich tauglich für eine Mondmission. Der Wähler sagt, jawohl, schickt ihn rauf. Der Mann sagt, er habe 159 ukrainische Schiffe versenkt. Der Wähler sagt, super gemacht, immer feste drauf. Der Mann verwechselt die Länder, in denen er Kriege führt. Der Wähler sagt, das macht ihn zum starken Anführer.
Vielleicht liegt es auch an den Schulen. Geographie wird nicht mehr unterrichtet, sonst wüsste der Wähler, dass die Ukraine kein Meer hat, in dem 159 Schiffe untergehen können. Geschichte wird nicht mehr unterrichtet, sonst wüsste er, was passiert, wenn man einem einzelnen Mann zu viel Macht gibt und das Parlament dabei zusieht. Logik wird nicht mehr unterrichtet, sonst würde er beim Satz „Ich bin der gesündeste Präsident aller Zeiten und gleichzeitig habe ich noch nie Sport gemacht“ zumindest kurz die Augenbraue heben.
Aber die Augenbraue bleibt unten. Die Hand bleibt am Kreuzchen. Das Kreuzchen wandert zu Trump. Und 77 Millionen Mal hintereinander passiert das, in einem Land, das einmal stolz war auf die Idee, dass jeder Bürger sein eigener kleiner Philosoph sein dürfe. Heute ist jeder Bürger sein eigener kleiner Algorithmus. Eingespeist mit Frühstücksflocken, Fox-News und Truth-Social-Posts. Output: ein Wahlzettel mit Trump drauf.
Was sich daraus über Amerika sagen lässt, ist nicht nett. Es ist auch nicht originell. Es ist die alte Geschichte von einem Land, das so groß ist, dass es sich seine eigenen Probleme leisten kann. Ein Land mit den besten Universitäten der Welt und gleichzeitig einer Wählerschaft, die einen Mann anhimmelt, der „Aluminium“ nicht aussprechen kann ohne dass Schulkinder lachen. Ein Land mit der ehemalig besten Forschung der Welt und gleichzeitig einem Präsidenten, der Bleichmittel als Corona-Heilmittel vorgeschlagen hat und trotzdem wiedergewählt wurde, als hätte man das alles vergessen.
77 Millionen. Eine Zahl, die zu groß ist, um sie zu verstehen, und zu klein, um sie zu rechtfertigen. Vielleicht waren es wirklich die Frühstücksflocken. Vielleicht war es der Zucker. Vielleicht war es das jahrzehntelange Versprechen, dass jeder Amerikaner Millionär werden kann, wenn er nur fest genug daran glaubt, kombiniert mit der bitteren Erkenntnis, dass es dann doch nur fürs Pickup-Auto und den Whirlpool hinterm Haus reicht. Aus dieser Mischung entsteht Wut. Aus Wut entsteht Trump.
Und am Ende steht eine Welt, die einem Land beim Frühstücken zuschaut und sich fragt, ob man das gemeinsame Mittagessen lieber absagen sollte. Bevor das Frühstück die Suppe versalzt.
Die Moral aus der Geschichte
Es haben nicht nur diese 77 Millionen das Land verloren. Es haben 89,3 Millionen geschwiegen. Das ist die wahre Zahl, an der Geschichte sich später festhalten wird. Eine Demokratie stirbt eben nicht an denen, die das Falsche wählen. Sie stirbt an denen, die gar nicht hingehen, weil ihnen das Frühstück wichtiger war als das Land. Wer nicht wählt, hat trotzdem gewählt. Nur eben den, der gewinnt, ohne ihn gefragt zu haben. Und dann wäre noch die Wut – Wut ist kein guter Wahlhelfer. Wer aus Wut wählt, schreibt nicht seinen Willen auf den Zettel, sondern seinen Schmerz. Und Schmerz hat noch nie ein Land regiert, er hat es immer nur kaputtgemacht.
Wie es weitergeht
Wir werden ihn weiter bekämpfen. Mit journalistischen Mitteln, mit juristischen Mitteln, mit jedem Wort, das nicht gekauft ist und jedem Satz, der nicht klein beigibt. Nicht nur weil es Amerika betrifft, sondern weil das, was dort passiert, ein Signal an Europa ist. Und Europa beginnt langsam zu verstehen. Das Umdenken hat eingesetzt, vorsichtig noch, zögerlich, aber es ist da.
Jetzt muss diese Erkenntnis nur noch dort ankommen, wo sie am dringendsten gebraucht wird. Bei den AfD-Wählern. Bei den Männern und Frauen, die sich aktuell verrannt haben in einer Wut, die ihnen niemand zurückzahlt. Sie schauen auf Trump und sehen Stärke. Sie sollten genauer hinschauen. Was sie sehen ist ein Land, in dem die Lebenskosten explodieren, die Mieten unbezahlbar werden, die Inflation zurückkehrt, der Arbeitsmarkt schrumpft und ein Präsident vor Astronauten erklärt, er sei körperlich fit für den Mond. Das ist kein Vorbild. Das ist eine Warnung. Wer das nicht erkennt, wird es spätestens an der eigenen Tankstelle, am eigenen Mietvertrag, am eigenen Lohnzettel erkennen. Dann ist es zu spät zum Wählen, aber nicht zu spät zum Bedauern.
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