Zwischen Fanfest und Festnahme – Wird ICE die Fußball-WM in New Jersey überschatten?

VonRainer Hofmann

Februar 22, 2026

In wenigen Monaten soll das MetLife Stadium in East Rutherford zum Zentrum eines globalen Sportereignisses werden. Acht Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft sind dort angesetzt, darunter das Finale am 19. Juli. Hunderttausende Fans aus aller Welt werden in der Region New York und New Jersey erwartet. Hotels, Restaurants, Cafés, kleine Geschäfte – viele bereiten sich auf einen Sommer vor, der wirtschaftlich neue Rekorde bringen soll. Doch über der Vorfreude liegt eine Frage, die vor wenigen Wochen noch als Gerücht galt und nun offiziell bestätigt wurde: Die US-Einwanderungsbehörde ICE wird bei der Weltmeisterschaft präsent sein.

Nellie Pou (Mitte), demokratische Abgeordnete aus New Jersey

Auslöser der Debatte war eine Anhörung in Washington. Nellie Pou, demokratische Abgeordnete aus New Jersey, deren Wahlkreis das Stadion umfasst, befragte den ICE-Direktor Todd Lyons zu den Plänen der Behörde. Seine Antwort ließ sie nicht beruhigt zurück. ICE, genauer gesagt die Ermittlungsabteilung Homeland Security Investigations, sei ein „wichtiger und großer Bestandteil“ der Sicherheitsstruktur rund um das Turnier. Lyons schloss den Einsatz taktischer Einheiten nicht aus – jener schwer ausgerüsteten Teams, deren Vorgehen in Minneapolis Proteste ausgelöst hatte, nachdem dort zwei US-Staatsbürger bei Einsätzen von Bundesbeamten erschossen wurden.

Die offizielle Linie aus dem Heimatschutzministerium lautet, wer legal in die Vereinigten Staaten einreise, habe nichts zu befürchten. Maßgeblich sei allein, ob sich jemand illegal im Land befinde. Spekulationen darüber hinaus seien fehlgeleitet. Zugleich wurde betont, internationale Besucher sollten ihre Reisevorbereitungen frühzeitig beginnen, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Für Pou bleibt die Sorge bestehen. Sie spricht von „drakonischen Methoden“ der Behörde und verweist auf Fälle, in denen selbst US-Bürger oder rechtmäßig Anwesende irrtümlich festgenommen wurden. In Paterson, einer Arbeiterstadt mit großer spanischsprachiger Bevölkerung, kennt sie die Stimmung. Viele ihrer Wähler verfolgen Fußball leidenschaftlich. Gleichzeitig fürchten manche, in ein undurchsichtiges System aus Kontrolle und Haft zu geraten, selbst wenn sie sich legal im Land aufhalten. „Das wird Chaos verursachen, das glaube ich“, sagt sie.

Die wirtschaftlichen Erwartungen sind hoch. Allein für die Region wird ein Effekt von 3,3 Milliarden Dollar prognostiziert. 82.500 Zuschauer fasst das MetLife Stadium, mehrere Hunderttausend Besucher könnten in den Großraum reisen. Caffè Roma, knapp fünf Kilometer vom Stadion entfernt, rechnet mit gutem Geschäft. Besitzer Michael LoBue hört bei offenem Fenster den Lärm großer Spiele und Konzerte. Sorgen wegen ICE hat er nicht. Er zeigt auf die Fernseher in seinem Café, auf denen regelmäßig Fußball läuft. Probleme erwarte er keine.

Ein Restaurantmitarbeiter aus Mexiko-Stadt, Daniel, seinen Nachnamen möchte er nicht nennen, sieht es anders. Er lebt legal in den USA, fürchtet aber dennoch Konsequenzen. Freunde von ihm überlegen, Spiele zu besuchen, falls sie Karten bekommen. Er selbst will nicht gehen.

Pou warnt zudem vor möglichen Einsätzen auch außerhalb des Stadions. Bei vergangenen Turnieren, darunter der Club World Cup und die Copa América 2024, wurden öffentliche Leinwände in der Umgebung aufgebaut. Fans trafen sich dort zum gemeinsamen Schauen. Auch solche Orte könnten in den Fokus geraten, das zeigen Recherchen und Informationen. Dabei verfügen staatliche und lokale Behörden über jahrzehntelange Erfahrung mit Großveranstaltungen im MetLife Stadium – von NFL-Spielen der New York Jets und New York Giants bis zu internationalen Konzerten. „Wir haben hier jede Woche ein Großereignis“, sagt Pou. „Das ist nicht unser erstes Rodeo.“

Ob die Präsenz von ICE am Ende reine Sicherheitsmaßnahme bleibt oder die Atmosphäre der Weltmeisterschaft verändert, wird sich zeigen. Zwischen globalem Fußballfest und innenpolitischer Härte steht nun ein Turnier, das eigentlich Menschen zusammenbringen sollte. Wir sehen die Veranstaltung nicht kritisch – wir sehen kritisch, wo sie stattfinden wird. ICE hat bereits Hotels gebucht, Monate vorher, in Fanzonennähe, in Stadiumsnähe – als ob die Nähe zu etwas Bedeutsamem auch etwas Bedeutsames macht.

Gianni Infantino, für Geld macht er scheinbar alles

Unter Trump sind Menschenrechte nicht in den Hintergrund gerückt. Sie sind abgeschafft. Teilweise. Faktisch. Auf der Straße verhalten sich Behörden so, dass westliche ethische Standards darin nicht mehr zu erkennen sind. Internationale Verbände schweigen. Der Deutsche Fußballbund bekam von uns drei Anfragen. Er antwortet nicht. Das ist auch eine Art von Antwort – die Antwort des Wegschauens, und wer wegschaut, der toleriert. Dazu die FIFA, geleitet von Gianni Infantino, jemandem, dessen Moral auf der untersten Ebene steht. Ein Boykott wäre die beste Antwort. Aber es gibt da keinerlei Zeichen für. Werder Bremen hat ein Zeichen gesetzt. Sie sind nicht gefahren. Ihr USA-Trip ist abgesagt. ICE wird dort sein. Weil die Hotels schon bezahlt sind. Und das ist vielleicht die ganze Geschichte über die Fußball-WM: dass man weiß und trotzdem fährt.

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Anna-Maria Wetzel
Anna-Maria Wetzel
14 Stunden zuvor

Ich denke, gerade wenn man wissentlich, ob der Schikanen durch ICE, zur WM in die USA fährt, möchte man davon nichts wissen. Alle Anderen meiden diese aus politischen Gründen. Wenn ICE schon die Hotels gebucht haben, die am Stadion und in der Fanmeile liegen, dann ist doch deren Absicht klar. Es wird keine individuellen, ausgelassenen Feiern geben.

Irene Monreal
Irene Monreal
11 Stunden zuvor

Ich denke, die USA werden „Zurückhaltung“ üben, wie einst Hitler bei der Olympiade 1936. Mir scheint sowieso, dass im Vorfeld der Weltmeisterschaften und der Wahlen die Gewalt von ICE herunter geschraubt wird, um keine spektakulären Bilder mehr zu liefern.
Es wird genug „unbekümmerte“ Menschen geben, die nach der WM in ihre Länder zurückkehren und erzählen „ist doch alles in Ordnung, was habt ihr denn?“
Wenn ICE dominant sichtbar ist, könnte es bei sensiblen Gemütern dennoch etwas auslösen. Ich erinnere mich an einen Irlandurlaub 1985, in dem wir auch Nordirland besuchten. Ich war so geschockt von der überall präsenten, schwerbewaffneten Polizei, den vielen Kontrollen und diverser sichtbaren Sicherheitsvorkehrungen, dass ich sofort wieder in die Republik Irland zurück wollte.
In dieser Stimmung ist es völlig egal, ob gegen tatsächlichen Terrorismus (Irland) gekämpft wird, oder gegen alles, was nicht in mein Weltbild passt (USA) – ich würde mich permanent bedroht fühlen und in so ein Land gehe ich nicht freiwillig. Ich hoffe, dass die Fans ein spürbares Zeichen setzen!

Ela Gatto
Ela Gatto
9 Stunden zuvor
Antwort auf  Irene Monreal

Leider schieben 90% der Fußballfans Moral und Menschenrechte für die 6 Wochen beiseite.
Es wird keinen Boykott geben, nicht einmal ansatzweise.
Leider

Ela Gatto
Ela Gatto
8 Stunden zuvor

ICE nur Teil der Sicherheitsstruktur?
Ganz sicher nicht.

Selbst wenn ICE nicht offensive agiert, sie werden filmed und dokumentieren.

Aufgrund der aufgeheizten Situation wird es bestimmt zu Protesten kommen.
Gegen ICE, gegen Trump und gegen Infantino (dessen Moral nicht auf der untersten Stufe ist, sondern gar nicht mehr vorhanden ist)

Trump himself wird das alles als SEINE große Showbühne inszenieren und nutzen.

So gemein es klingt, ich hoffe, dass sehr, sehr viele Fans vor Ort Probleme bekommen.
Und zwar so, dass es nicht als Einzelfälle abgetan werden kann.

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