Zwei Schüsse, viele Ausreden – und ein Staat außer Kontrolle

VonRainer Hofmann

Januar 28, 2026

Zwei Bundesbeamte haben geschossen. Nicht einer, zwei. Beide feuerten ihre Waffen in jener Begegnung, die den Intensivpfleger Alex Pretti in Minneapolis das Leben kostete. Das geht aus einer Mitteilung der Zoll- und Grenzschutzbehörde an den Kongress hervor. Pretti sollte festgenommen werden, es kam zu einem Gerangel, dann rief ein Beamter mehrfach, der Mann habe eine Waffe. Kurz darauf fielen die Schüsse. Zwei Pistolen, zwei Schützen, ein Toter. Die Auswertung stützt sich auf Aufnahmen von Körperkameras und interne Unterlagen. Es ist der zweite tödliche Einsatz von Einwanderungsbeamten innerhalb eines Monats.

Während diese Details nach und nach bekannt werden, versucht das Weiße Haus, die Kontrolle über ein Geschehen zurückzugewinnen, das längst außer Kontrolle geraten ist. Präsident Trump schickte seinen Grenzbeauftragten Tom Homan nach Minnesota und sprach davon, die Lage etwas beruhigen zu wollen. Gleichzeitig wurde öffentlich betont, es laufe eine große Untersuchung. In den Stunden nach dem Tod Prettis hatten Regierungsvertreter noch versucht, dem Getöteten die Schuld zuzuschieben. Videos vom Einsatz widersprachen dieser Darstellung früh.

Parallel eskalierte die Situation an anderer Stelle weiter. ICE-Beamte versuchten, ohne Genehmigung das ecuadorianische Konsulat in Minneapolis zu betreten. Ein Mitarbeiter stellte sich ihnen entgegen und erklärte, dass der Zutritt verboten sei. Ein Beamter drohte daraufhin, ihn zu ergreifen. Erst dann zogen sich die Einsatzkräfte zurück. Ecuador reagierte mit einer formellen Protestnote. Der Vorfall markiert eine neue Schwelle. Diplomatische Räume gelten als klar geschützt. Wer sie antastet, ignoriert Regeln, die weit über nationale Zuständigkeiten hinausgehen.

Auch juristisch spitzt sich die Lage zu. Ein Bundesrichter in Minnesota ordnete an, dass der amtierende Leiter von ICE persönlich vor Gericht erscheinen soll. Hintergrund sind zahlreiche Festnahmen, Missachtungen gerichtlicher Anordnungen und eine Welle von Eilanträgen, auf die die Behörden nicht vorbereitet waren. In einem ungewöhnlich scharfen Beschluss sprach der Richter von außergewöhnlichen Verstößen und davon, dass mildere Maßnahmen gescheitert seien. Erst nachdem ein festgehaltener Mann freigelassen wurde, wurde der Auftritt des Behördenleiters wieder infrage gestellt.

Gleichzeitig greifen Gerichte ein, um Abschiebungen zu stoppen. Ein fünfjähriger Junge aus Ecuador und sein Vater dürfen vorerst nicht außer Landes gebracht werden. Die Entscheidung folgte auf einen Einsatz in Minnesota, der die Spannungen weiter verschärft hatte. Auch hier zeigt sich ein Muster: massive Eingriffe, gefolgt von juristischen Notbremsungen. In Minneapolis selbst bleibt die Lage angespannt. Der Gouverneur des Bundesstaates und der Bürgermeister der Stadt führten Gespräche mit Homan. Beide forderten unabhängige Untersuchungen und machten klar, dass die Stadt keine bundesweiten Abschiebepraktiken durchsetzen werde. Die Einsätze auf den Straßen gingen dennoch weiter. Für viele Betroffene fühlt sich das Gerede von Deeskalation hohl an.

Was bleibt, ist ein Bild aus widersprüchlichen Signalen. Zwei Beamte schießen auf einen Mann. Behörden erklären, sie hätten korrekt gehandelt. Das Weiße Haus spricht von Aufklärung, während Zuständigkeiten verschoben werden. Gerichte greifen ein, weil Regeln missachtet werden. Konsulate werden wie gewöhnliche Ziele behandelt. Es ist ein System, das nicht mehr von Kontrolle geprägt ist, sondern von Reaktion, Rechtfertigung und Schadensbegrenzung. Und es ist ein Zustand, der mehr über den Zustand dieses Staates sagt als jede Presseerklärung.

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Anja
Anja
3 Tage zuvor

Im Netz kursieren die Gerüchte, Alex Petti hätte seinen Job gekündigt um sich ganz dem Protest widmen zu können (vorsichtig formuliert). Gibt es dazu irgendwelche Informationen zum Wahrheitsgehalt ?

Anja
Anja
3 Tage zuvor
Antwort auf  Rainer Hofmann

Dankeschön Rainer. Stimmt es, dass er krank geschrieben war, wegen seiner Rückenprellung ?

Ela Gatto
Ela Gatto
2 Tage zuvor

Das ist also die Deeskalation, die Trump in den „sehr guten Gesprächen“mit Walz und Frey angepreist hat?

So also sueht es aus, wenn Homan übernimmt?
ICE versucht Allen Ernstes in eine Botschaft einzudringen?
Was für ein Tiefpunkt.
Solch Angriffe auf Botschaften kenn man nur im Rahmen von Putschaktionen.
Selbst Russland hält sich an die Immunität von Botschaften.

Warum kommt da kein Protest aus der EU etc?
Es wird nicht einmal erwähnt.
Offensichtlich meint man, dass es sich nicht lohnt für Ecuador Donny zu verärgern.
Sehr beschämend.

Das nächste Mal ist es dann vielleicht die spanische Botschaft …

Warum wird die Vorladung des ICE Leiters vor Gericht wieder in Frage gestellt, nur weil eine Person aus der Haft entlassen wurde.
Es geht hier um alle (rechtswidrigen) Aktionen von ein seit knapp einem Monat.
Ich hoffe, dass die Vorladung bestand hat.

Liam (ich gehe davon aus, dass es um ihn geht) darf mit seinem Vater nicht außer Landes gebracht werden.
Das ist eine gute Entscheidung.
Aber dennoch verbleiben sie in einem der unmenschlichen Detention Center.

Irgendwie kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass alle gerade keine klare Aussage/Urteil treffen, bis bicht morgen die Abstimmung gelaufen ist.

Da schwingt viel Angst mit.
Bekommt ICE das höhere Budget, wird es heftiger und schlimmer werden.
Manch ein Richter traut sich scheinbar nicht JETZT klare Urteile zu sprechen.

Und was über Alex Pretti verbreitet wird, ist unsäglich.
Wie können Menschen nur derart abscheulich sein?

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