Russlands Wirtschaft geht geschwächt ins Jahr 2026. Das Wachstum lässt nach, die Ölpreise liegen deutlich unter dem, was der Haushalt einkalkuliert, und der starke Rubel verschärft das Problem gleich doppelt: Er drückt die Rubel-Einnahmen aus dem Export und macht die Planung des Staates noch unrealistischer. In dieser Mischung steckt die nächste Ausweitung des Budgetdefizits bereits drin. Und wenn die Ölpreise nicht spürbar anziehen, wovon kaum jemand ausgeht, könnte der Nationale Wohlstandsfonds noch in diesem Jahr weitgehend leer sein. Danach bleibt dem Staat zwar der Griff in die Taschen der eigenen Bevölkerung über den heimischen Schuldenmarkt, aber das wäre teuer und würde sehr wahrscheinlich die nächste Inflationswelle anstoßen.
Das offizielle Bild des vergangenen Jahres war schon geschönt. Viel von dem, was als Wachstum verkauft wurde, war in Wahrheit Kriegsproduktion: Fabriken liefen auf Hochtouren, während die zivile Wirtschaft stehen blieb. Ausstoß, der auf dem Schlachtfeld verbraucht wird, schafft keinen Wert für Konsumenten, er füllt keine Regale und erhöht keine Lebensqualität. Jetzt nähert sich selbst die offizielle Statistik dem Stillstand. Nach rund vier Prozent im Vorjahr rutschte das Tempo 2025 in Richtung ein Prozent. Die staatlichen Prognosen schwanken, die Spanne der Erwartungen ist breit, aber die Richtung ist eindeutig: weniger Dynamik, weniger Nachfrage, weniger Zuversicht.
In den Behörden und Banken werden die Erwartungen schon seit Monaten nach unten korrigiert, nicht nur beim Wachstum, auch bei Löhnen und Konsum. Die Warnung, man bewege sich gefährlich nah an einer Lage aus schwachem Wachstum und spürbarer Teuerung, fällt nicht zufällig. Die zivile Industrie stagniert, die Auslastung sinkt, Maschinen stehen häufiger still. Im Durchschnitt liegt sie nur noch bei etwa 78 Prozent, in der verarbeitenden Industrie ungefähr bei 70 Prozent. Selbst die Rüstungsindustrie, die weiterhin schneller wächst als der Rest, kann eine Rezession nicht sicher verhindern. Wenn das Bruttoinlandsprodukt kippt, droht eine längere Durststrecke.
Für die Menschen ist der spürbarste Hebel die Inflation. Der Staat hat die Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent erhöht, und der Preisschub zeigte sich sofort. In den ersten 19 Januartagen stiegen die Preise um 1,7 Prozent gegenüber Dezember. Die Jahresinflation lag Mitte Januar bei 6,47 Prozent und damit höher als im Vormonat. Die Zentralbankchefin Elwira Nabiullina warnte, dass viele Unternehmen bereits im Dezember begonnen hätten, Preise anzupassen, der Hauptdruck aber noch bevorstehe. Hinzu kommen höhere Wohn- und Nebenkosten sowie andere regulierte Gebühren, die das Preisniveau weiter nach oben schieben.
Die Zentralbank setzt auf hohe Zinsen, offiziell um die Teuerung zu bremsen. Doch diese Politik hat einen zweiten Effekt, den man in Moskau längst einkalkuliert: Sie teilt die Wirtschaft in Bereiche, die als wichtig gelten, und solche, die zurückstehen müssen. Kredite sind für viele zivile Unternehmen zu teuer geworden. Kleine und mittlere Betriebe, Bauwirtschaft, Konsumgüterhersteller fahren Investitionen herunter und streichen Pläne. Arbeitskräfte, Rohstoffe und Energie werden dadurch anders verteilt. Während zivile Firmen sparen müssen, arbeitet die Rüstungsindustrie außerhalb normaler Marktbedingungen: Sie erhält direkte Haushaltsmittel, staatliche Aufträge, Vorschüsse und Sonderkredite. Auch die Haushalte werden in dieses System eingebunden. Hohe Zinsen locken Ersparnisse in Banken, zugleich dämpfen sie den Konsum. Das ist am Ende eine Form indirekter Kreditaufnahme beim Bürger, mit der der Staat seine Ausgaben stützt.

Beim Haushalt wird 2026 offiziell ein Defizit eingeplant: 3,8 Billionen Rubel, rund 1,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die entscheidende Frage ist, ob die Einnahmen überhaupt so fließen, wie der Plan es behauptet. Rund ein Fünftel der Bundesmittel hängt an Öl und Gas. Der Staat rechnet damit, mehr einzunehmen als 2025, und baut diese Hoffnung auf ein Ölpreisbild, das ausgesprochen freundlich wirkt. Im Budget steht für Urals-Öl ein Preis von 59 Dollar pro Barrel, während für die Steuerberechnungen im Dezember noch 39 Dollar herangezogen wurden. Das ist nicht nur Optimismus, es ist eine Wette auf eine deutliche Preiserholung, obwohl viele Beobachter eher das Gegenteil erwarten.
Ein Blick auf die Entwicklung der Öl- und Gaseinnahmen seit 2018 zeigt, wie stark der Haushalt inzwischen von Ausreißern abhängt. 2018 lagen die Einnahmen bei rund 9 Billionen Rubel (100 Rubel ungefähr 1,09 Euro), 2019 fielen sie unter 8 Billionen, 2020 brachen sie pandemiebedingt auf gut 5,2 Billionen ein. 2021 kehrte man wieder auf etwa 9 Billionen zurück. 2022 folgte der Ausnahmezustand: Über 11,5 Billionen Rubel spülte die Energiekrise in die Kassen. 2023 sank der Wert wieder auf rund 8,8 Billionen. 2024 gab es noch einmal ein Hoch bei gut 11,1 Billionen. 2025 rutschten die Einnahmen erneut auf etwa 8,5 Billionen ab. Für 2026 kalkuliert der Staat mit knapp 8,9 Billionen Rubel.
Was diese Zahlen zeigen, ist keine stabile Kurve, sondern ein Zickzack, getrieben von Weltmarktpreisen und geopolitischen Sondersituationen. Die Jahre 2022 und 2024 waren keine neue Normalität, sondern Sonderphasen. 2025 liegt wieder unter dem Niveau von 2018. Und die Planung für 2026 setzt auf eine Preisentwicklung, die mit den aktuellen Prognosen für Brent kaum übereinstimmt. Der Haushalt steht damit auf einer Annahme, die mehr Hoffnung als Trend ist.

Die Fakten aus 2025 sprechen gegen diese Wette. Die globalen Ölpreise fielen um 19 Prozent, Brent sank im Jahresdurchschnitt von 82 auf 69 Dollar pro Barrel. Treiber waren schwächeres Nachfragewachstum und zusätzliche Förderung durch OPEC+. Für 2026 kommen weitere Bremsfaktoren dazu: Chinas Wirtschaft kühlt ab, der Bedarf an Treibstoff wächst langsamer. In den USA wirken protektionistische Maßnahmen von Präsident Donald Trump dämpfend auf die Weltkonjunktur. Auf der Angebotsseite wird zusätzliche Ware erwartet, unter anderem aus Venezuela nach einer US-Vereinbarung über Importe von 50 Millionen Barrel. OPEC+ plant außerdem weitere Produktionsausweitungen. Die US-Energiebehörde rechnet damit, dass Brent im ersten Quartal 2026 im Schnitt bei etwa 55 Dollar liegt und über das Jahr in dieser Größenordnung bleibt. Für Russlands Haushalt ist das ein Loch in Tankergröße.
Fallen die Öl- und Gaseinnahmen deutlich unter die Annahmen, greift der Staat gesetzlich vorgesehen auf den Nationalen Wohlstandsfonds zurück. Genau das passiert bereits. Für Januar meldete das Finanzministerium ein Minus bei den Öl-Einnahmen von 231 Milliarden Rubel gegenüber dem Plan. Daraufhin begann der Staat, Yuan und Gold aus dem Fonds in einem Rekordtempo zu verkaufen: 12,8 Milliarden Rubel pro Tag, schneller als in der Pandemie. Wenn dieses Tempo anhält, könnten die liquid verfügbaren Mittel, derzeit etwa vier Billionen Rubel, bis Jahresende weitgehend aufgebraucht sein. Dann steht die Finanzierung der Lücke 2027 vor einer neuen Realität.
Bleibt nur die Kreditaufnahme im Inland, wird es teuer. Bei ohnehin niedriger Arbeitslosigkeit kann zusätzliche Nachfrage den Preisdruck verschärfen. Dazu kommt das Währungsrisiko. Der Rubel war 2025 eine Überraschung: Er legte gegenüber dem Dollar um 45 Prozent zu, stärker als fast alles außer Edelmetallen. Doch ein ungewöhnlich starker Rubel ist kein Geschenk für den Haushalt und keine stabile Lagegarantie. Viele rechnen im Schnitt mit etwa 90 Rubel pro Dollar, der Haushalt kalkuliert mit 92,5. Das klingt nah beieinander, aber die Gefahr liegt im Umschlagpunkt. Wenn die Zentralbank die Zinsen senkt, könnten Importeure in großem Stil Devisen kaufen, der Kurs könnte schnell kippen, und die Preisschübe wären zurück. Devaluation bleibt das größte Damoklesschwert, weil sie sofort auf Importpreise durchschlägt.
Besonders hart trifft das Jahr 2026 die Regionen. Sie spüren Änderungen im Steuersystem stärker als das Zentrum, sie kämpfen mit Abflüssen, steigenden Preisen, abwandernden Betrieben, sinkender Profitabilität und Jobverlusten. Viele Regionalhaushalte stellen sich auf strikte Sparprogramme ein, auch bei Bildung und Gesundheit. In den Regionen ist die Stimmung deutlich düsterer als in Moskau. Dort wird enger geschnallt, Beschäftigung schrumpft, und man rechnet mit weniger Nachfrage. Firmen mit hohen Schulden geraten unter Druck, vorsichtige Unternehmen, die Geld lieber auf Konten liegen hatten als Kredite aufzunehmen, stehen vergleichsweise besser da. Insgesamt wächst der Druck durch Steuerbehörden und straffere Verwaltung nach den Erhöhungen.
In Moskau dagegen wirkt die Lage wie aus einem anderen Land. Dort gibt es spürbares Interesse an Zukunftsseminaren, und manche rechnen ernsthaft damit, dass Sanktionen fallen und ausländische Firmen zurückkehren. Es gibt Hoffnung auf einen Börsenboom im Fall eines Ukraine-Abkommens, auf Kurse, die sich verdoppeln oder verdreifachen. Diese Erwartung speist sich aus der Konzentration der Geldströme in der Hauptstadt, inklusive Kriegsgewinnen, die dort landen und die Wahrnehmung verzerren.

In dieser Lage steht Putin vor einem System, das nach außen Stabilität demonstriert, im Inneren aber zunehmend von Reserven, Sondergewinnen und administrativem Druck lebt. Er regiert keinen kollabierenden Staat – sondern eine Wirtschaft im Modus dauerhafter Umverteilung, in der militärische Prioritäten Wachstum ersetzen und politische Kontrolle wirtschaftliche Dynamik.
Die zentrale Diagnose der meisten Ökonomen ist nüchtern: Das Hauptproblem ist nicht der plötzliche Zusammenbruch, den wenige für 2026 erwarten, sondern das Fehlen echter Wachstumsquellen. Man rutscht nicht in die Katastrophe, man gleitet in eine langsam schlechtere Normalität. Stagnation, leiser Verfall, Werte um null, während die Menschen Schritt für Schritt ärmer werden. Selbst ein möglicher Waffenstillstand würde daran wenig ändern, er würde höchstens Unsicherheit reduzieren. Eine breite Entspannung mit dem Westen, neue Investitionen, ein frischer Kapitalstrom, all das erscheint unter der aktuellen Führung unwahrscheinlich. Nationalisierungen haben Vertrauen zerstört, China beschränkt sich weitgehend auf Handel und zeigt wenig Appetit auf große Investitionen in russische Vermögenswerte.
So kann ein Land lange funktionieren, sagen Experten, aber es zahlt den Preis jedes Jahr neu: zusätzliche Maßnahmen, mehr Gebühren, mehr Steuern, weitere Kürzungen in Bereichen, die nicht militärisch sind. Alle passen sich an. Es ist kein Absturz, aber auch kein Aufbruch. 2026 wird unter dem Strich ein Jahr, in dem Staat, Unternehmen und Haushalte nicht wachsen, sondern sortieren müssen, was noch finanzierbar ist. Und was nicht.
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