Die Nachricht kam unauffällig daher, fast wie eine normale Mitteilung eines Bundesligavereins. Der SV Werder Bremen sagt seine geplante Tournee in die USA ab. Zwei Freundschaftsspiele in Minnesota und Detroit fallen aus. Aber wer genauer hinschaut, erkennt, dass hier nicht nur ein Trainer eine Reise storniert hat. Ein deutscher Traditionsverein zieht öffentlich Konsequenzen aus einer Situation, die weit über Fußball hinausgeht. Die Absage ist eine Antwort auf zwei tödliche Schusswaffeneinsätze, die in weniger als drei Wochen in Minneapolis stattfanden. Zwei amerikanische Zivilisten, Renee Good und Alex Pretti, beide 37 Jahre alt, wurden von Bundesbeamten erschossen. Das ist nicht nur eine Sicherheitsfrage. Das ist eine politische Stellungnahme.
Präsident Donald Trump äußerte sich am 20. Januar zu Renee Goods Tod und nannte die Schießerei „einen Fehler“, den ICE „manchmal macht“. Am 27. Januar sagte Trump in einem Interview mit Fox News, dass beide Todesfälle „schrecklich“ seien, dass er sich aber bei Goods Tod „noch schlechter“ fühle, weil ihre Eltern „Trump-Fans“ seien. Ein Detail, das die Obsession des Moments zeigt: Der Fokus lag nicht auf rechtsstaatlichem Versagen oder der Verhältnismäßigkeit staatlicher Gewalt, sondern darauf, wie sich die Eltern des Opfers politisch positionieren.
Am 20. Februar veröffentlichte Werder Bremen eine knappe Erklärung. Sie werden nicht in die USA reisen. Ein Sprecher sagte: „Es ist richtig, dass wir eine geplante Reise nach Minnesota in den USA storniert haben. Es gab sportliche, wirtschaftliche und politische Gründe dafür.“ Das ist bemerkenswert. Ein Profiklub sagt nicht einfach ab. Er benennt „politische Gründe“ ausdrücklich.
Die Erklärung geht weiter: „In einer Stadt zu spielen, wo es Unruhen gibt und Menschen erschossen wurden, passt nicht zu unseren Werten. Darüber hinaus war uns unklar, welche Spieler überhaupt aufgrund verschärfter Einreiseanforderungen in die USA einreisen dürften.“ Das zweite Argument ist praktisch. Strenger werdende US-amerikanische Einreisebestimmungen, Überprüfungen von Social-Media-Profilen, verschärfte Kontrollen – das sind reale Hürden für einen europäischen Profiverein. Aber das erste Argument ist etwas anderes.
Werder Bremen ist nicht aus Sicherheitsgründen abgesprungen. Das hätte die Aussage sein können, und sie wäre legitim gewesen. Stattdessen formulierte der Verein es anders: Diese Umstände passen nicht zu unseren Werten. Das bedeutet: Ein deutscher Fußballklub mit Tradition schaut auf eine Situation in einem anderen Land und sagt, dass seine Werte mit dem, was dort geschieht, unvereinbar sind. Das ist eine bewusste Entscheidung, sich nicht zu einem Moment einzuspannen, an dem staatliche Gewalt ohne klare Rechtfertigung eingesetzt wird. Zwei Tote in wenigen Wochen unter fragwürdigen Umständen – das ist genug, um zu sagen: Wir spielen dort nicht.
Es gibt auch einen sportlichen Kontext. Werder Bremen befindet sich in einer angespannten Phase der Bundesliga-Saison. Eine möglicher Abstiegskampf kollidiert zeitlich mit dieser geplanten Reise. Eine transatlantische Tournee hätte zusätzliche Belastungen bedeutet. Also: Die Absage ist nicht nur politisches Statement, sondern auch Pragmatismus. Sie verbindet mehrere Gründe. Aber die politische Dimension ist nicht zu ignorieren. Der Klub hätte diese Entscheidung rein sportlich begründen können. Das hätte ausgereicht. Er hat sich stattdessen bewusst zu den Todesfällen geäußert.
Minnesota ist damit zu mehr geworden als der Ort eines Freundschaftsspiels. Die Situation rund um ICE-Einsätze und die innenpolitische Zuspitzung in den USA hat inzwischen überregionale Wirkung entfaltet. Es gibt jetzt Diskussionen über Sicherheitslagen, über das Vertrauen in rechtsstaatliche Verfahren, über die Glaubwürdigkeit von Beamten, die Selbstverteidigungsnarrationen verwenden, die von Augenzeugen nicht gestützt werden. Ein Krankenpfleger wird zum Verdächtigen, dann zum Toten. Eine Mutter, die ihre Tochter von der Schule abholt, wird zu einer tragischen Statistik.
Und jetzt sagt ein deutscher Fußballverein: Das beobachten wir. Das nehmen wir ernst. Wir treten dort nicht an. Das ist kein unbedeutendes Ereignis. Das ist ein Zeichen. Ein deutsches Unternehmen zieht konkrete Konsequenzen aus einer Situation, die es anderswo beobachtet – nicht aus wirtschaftlichen Gründen, nicht aus touristischen Problemen, sondern aus einer Bewertung von Werten und dem, was es bedeutet, an einem Ort sichtbar präsent zu sein, wo die Staatlichkeit fragwürdig geworden ist.
Trump wollte nur wissen, ob die Opfer seine politischen Anhänger waren. Werder Bremen fragte sich, welche Werte es mit seiner Anwesenheit unterstützen würde. Das ist ein Unterschied. Und er ist nicht klein.
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Sehr gut 👍🏻
…das stimmt und hoffentlich nehmen sich das viele als beispiel