Unser aller Kampf um Alma – wie eine Navy-Tochter zur Whistleblowerin wurde und der Staat sie abschieben will

VonRainer Hofmann

Januar 3, 2026

Alma Bowman lebt seit 49 Jahren in den USA. Sie wurde auf den Philippinen geboren, während ihr Vater im aktiven Dienst der US Navy stand. Nach geltendem Recht hätte sie bei Geburt die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten müssen. Doch die Regierung erkennt sie ihr bis heute nicht an. Stattdessen wurde sie im März 2025 erneut festgenommen, acht Monate lang inhaftiert, mit einer Fußfessel entlassen – und ist weiterhin von Abschiebung bedroht. Das Verfahren läuft in Macon, Georgia.

Die Festnahme war gezielt. Am 26. März erschien sie pflichtgemäß zum jährlichen Check-in bei ICE in Atlanta – eine Auflage aus einem früheren Verfahren. Noch bevor sie das Gebäude betrat, hatte sie ein ungutes Gefühl. Ihre Anwältin begleitete sie, doch drinnen hieß es plötzlich, man müsse Alma allein nach unten bringen – zum Fingerabdruck. Tatsächlich wurde sie vom Gebäude direkt in ein Fahrzeug geschoben, ohne Information, ohne Erklärung. Alma sitzt im Rollstuhl – ein Beamter rammte sie mit voller Wucht gegen eine Wand. Kein Haftbefehl, keine Rechtfertigung.„Sie haben mich rausgerollt, ohne Halt, ohne Stopp, direkt ins Auto“, sagt sie. Über eine halbe Stunde lang wusste ihre Familie nicht, wo sie war.

Im Stewart Detention Center in Lumpkin, Georgia, verschärfte sich die Lage. Kaum Zugang zu Medikamenten. Kein Zugang zu CPAP. Überfüllte Zellen, Menschen auf dem Boden, kein Recht auf Ruhe, kaum Hilfe. Sprachbarrieren machten es noch schlimmer. Viele Frauen wussten nicht einmal, dass sie ein Recht auf Verteidigung haben. „Sie haben noch nie von Organisationen gehört, die helfen“, sagte Alma später. „Wenn ich helfen kann, helfe ich.“

Dabei wusste Alma Bowman, wie sich diese Systeme anfühlen – sie hatte es bereits erlebt. Von 2017 bis 2020 saß sie im Irwin County Detention Center. Damals wurde sie zur Whistleblowerin. Sie sprach offen über medizinische Gewalt an inhaftierten Frauen – darunter nicht einvernehmliche gynäkologische Eingriffe. Ihre Aussagen lösten eine Kettenreaktion aus: nationale Schlagzeilen, internationale Kritik, Ermittlungen. Irwin wurde später geschlossen. Was blieb, war ein System, das sich nicht verändern will – und eine Frau, die es überlebt hat.

Nach der erneuten Inhaftierung reichte ein freiwilliges juristisches Team, unterstützt u. a. von Asian Americans Advancing Justice–Atlanta, Journalistinnen und Journalisten, NGOs, dem Center for Constitutional Rights, eine Habeas-Corpus-Klage ein. Die Argumentation ist klar: Nach dem Immigration and Nationality Act von 1952 hätte sie als Kind eines im aktiven Dienst stehenden US-Bürgers automatisch als Staatsbürgerin gelten müssen. Doch ICE unter Trump ignoriert seit Jahren alle Beweise. Das zeigen unsere fast täglichen Recherchen auf, Alma Bowman ein Dorn im Auge.

Am 25. November 2025, zwei Tage vor Thanksgiving, stand plötzlich eine Beamtin vor ihr: „Sind Sie bereit, nach Hause zu gehen?“ Alma verstand nicht. Sie fragte nur: „Darf ich Sie umarmen?“ – erst als das erlaubt wurde, wusste sie, dass es kein Trick war. Nach acht Monaten Kampf kam sie frei.

Doch frei ist nicht gleich frei. Sie trägt eine elektronische Fußfessel, muss sich regelmäßig melden, steht weiter unter ICE-Aufsicht. Und Alma? Sie denkt an die Frauen, die noch immer drinnen sind. „Ich denke jeden Tag an die, die zurückbleiben mussten. Ich will, dass sie auch nach Hause können. So wie ich. Ich werde weiterkämpfen. Ich will, dass die Leute wissen, was dort passiert. Nicht nur für mich. Nicht nur für Filipinas. Für alle.“

Der Abschiebeschutz gilt nur bis August 2026, dass konnte man am 1. Januar 2026 erreichen – solange prüft die Einwanderungsbehörde ihren Antrag auf ein offizielles Staatsbürgerzertifikat. Ihr Sohn sagt: „Jedes Mal, wenn wir zu einem Termin müssen, haben wir Angst, dass sie sie wieder mitnehmen. “Wir werden auch in diesem Fall weiterkämpfen, und auch der Fall Bowman wird nicht der letzte sein, aber wir arbeiten am Limit.

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