Im Weißen Haus wird von laufenden Gesprächen gesprochen, von produktiven Kontakten, von Bewegung, von einem Prozess, der angeblich nicht an ein Ende gekommen sei. In Teheran klingt das zur gleichen Zeit wie blanker Spott. Ein iranischer Militärsprecher erklärt öffentlich, die Amerikaner würden nur noch mit sich selbst verhandeln. Genau darin liegt an diesem Mittwoch der ganze Zustand dieses Krieges. Washington behauptet, die Tür zur Diplomatie sei offen. Teheran sagt, auf der anderen Seite stehe niemand, mit dem man reden wolle. Dazwischen fallen Bomben, steigen Ölpreise, werden Soldaten verlegt, protestieren Staaten in der Region, und jeden weiteren Tag wächst der Eindruck, dass die politische Sprache mit der militärischen Wirklichkeit nicht mehr Schritt hält.
Hinweis unserer Redaktion: Viele Berichte über einen angeblichen Verzicht Irans auf Atomwaffen beruhen derzeit ausschließlich auf Aussagen aus Washington. Eine Bestätigung aus Teheran gibt es nicht – im Gegenteil: Iran weist zentrale Teile der Darstellung zurück und stellt eigene Bedingungen.
„Ihr habt einen Punkt erreicht, an dem ihr mit euch selbst verhandelt. Nennt eure Niederlage nicht ein Abkommen. Es wird keine Nachrichten mehr über eure Investitionen in der Region geben, und ihr werdet die früheren Preise für Energie und Öl nicht mehr sehen …“ (Anmerkung unserer Redaktion – Das entspricht nicht der Meinung unserer Redaktion, und wir lehnen das Regime im Iran vollständig ab. Aus journalistischer Sorgfaltspflicht geben wir diese Aussagen dennoch wieder, um die Abläufe einzuordnen.)
Karoline Leavitt hat im Weißen Haus mehrfach erklärt, die Gespräche mit Iran liefen weiter. Sie seien sensibel, im Fluss, und man werde nicht am Rednerpult anstelle des Präsidenten verhandeln. Gleichzeitig wollte sie nicht sagen, mit wem die Vereinigten Staaten überhaupt sprechen. Sie wollte auch nicht ausführen, welche iranische Seite angesprochen wird, welche Kanäle benutzt werden oder wer auf der Gegenseite autorisiert ist. Mehr noch: Sie wies Berichte über einen amerikanischen 15-Punkte-Plan nicht vollständig zurück, sondern sagte, darin steckten Elemente der Wahrheit, manches sei aber nicht ganz zutreffend. Damit bestätigte sie indirekt, dass es sehr wohl einen substanziellen Vorschlag gegeben haben muss, auch wenn das Weiße Haus dessen vollständige Fassung weiter nicht offenlegt.
Luftangriffe treffen die Industriestadt Alborz in Qazvin in den letzten Stunden
Aus den vorliegenden Berichten und Gesprächen ergibt sich, dass dieser amerikanische Vorschlag über Pakistan an Iran übermittelt wurde. Nach Angaben pakistanischer Offizieller umfasste er Fragen der Sanktionserleichterung, zivile nukleare Zusammenarbeit, einen Rückbau des iranischen Atomprogramms, Überwachung durch die Internationale Atomenergiebehörde, Grenzen für Raketenprogramme und Regelungen zur Passage durch die Straße von Hormus. Ein ägyptischer Vermittler beschrieb diese 15 Punkte als etwas, das eher einem umfassenden Abkommen als einem bloßen Waffenstillstand gleiche. Es ging also nicht um eine kleine Feuerpause, sondern um den Versuch, mitten im laufenden Krieg ein ganzes Paket aus militärischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Forderungen zu schnüren.
Teheran hat diesen Vorschlag jedoch zurückgewiesen. Zunächst lief die Ablehnung über Press TV, also den englischsprachigen Arm des iranischen Staatsfernsehens, das sich auf einen anonymen Funktionär berief. Später wurde die Botschaft noch schärfer. Der iranische Militärsprecher Ebrahim Zolfaghari erklärte in einer aufgezeichneten Stellungnahme, Amerika solle seine Niederlage nicht als Vereinbarung verkleiden. Wer sich als Supermacht ausgebe, hätte sich längst aus diesem Schlamassel befreit, wenn er es könnte. Besonders aufschlussreich war seine Formulierung, die Amerikaner verhandelten offenbar nur noch mit sich selbst. Er sagte außerdem unmissverständlich, jemand wie Iran werde sich mit jemandem wie den Vereinigten Staaten niemals verständigen – nicht jetzt, nicht irgendwann. Das war keine Nuance, keine vorsichtige Distanzierung, sondern eine demonstrative Abfuhr.
Hinzu kommt, dass iranische Stellen einen eigenen Gegenentwurf in Umlauf gebracht haben. Nach den Berichten verlangt Teheran nicht nur ein Ende der Angriffe, sondern Reparationen für den Krieg, Garantien, dass ein neuer Krieg gegen Iran nicht erneut begonnen wird, ein Ende der Tötung eigener Funktionäre und die Ausübung iranischer Souveränität über die Straße von Hormus. Gerade dieser Punkt dürfte für Washington kaum akzeptabel sein. Denn die Meerenge ist längst nicht nur eine regionale Wasserstraße, sondern der neuralgische Punkt der globalen Energieversorgung geworden. Genau dort entscheidet sich inzwischen, wie teuer Treibstoff, Transport und Produktion in großen Teilen der Welt werden.
„Wenn der Iran nicht akzeptiert, dass er besiegt wurde, wird Trump härter zuschlagen.“
Das Weiße Haus versucht diesen Widerspruch rhetorisch zu kontrollieren. Leavitt drohte offen mit weiteren Angriffen, falls Iran die Wirklichkeit des Augenblicks nicht akzeptiere. Sollte Teheran nicht begreifen, dass es militärisch besiegt worden sei, werde Donald Trump dafür sorgen, dass Iran härter getroffen werde als je zuvor. Das ist bemerkenswert, weil hier gleichzeitig von Diplomatie und von neuer Eskalation gesprochen wird. Auf der einen Seite soll es produktive Gespräche geben, auf der anderen Seite wird mit einer noch härteren nächsten Welle von Schlägen gedroht. Das ist keine stabile Verhandlungslage. Das ist ein Druckszenario, in dem Washington offenbar hofft, militärische Übermacht könne politische Zustimmung erzwingen.
Auch aus dem Umfeld der Republikaner kommen dazu widersprüchliche Signale. Mike Johnson behauptet, der Krieg gehe seinem Ende entgegen und die Ziele seien erreicht worden. Fast im gleichen Atemzug sagt er aber, Iran solle den Aufbau amerikanischer Truppen in der Region sehr genau beobachten. Es gehe nicht um Bodentruppen, aber Iran müsse diese Verlegung zur Kenntnis nehmen. Mit anderen Worten: Selbst dort, wo man vom Abschluss spricht, wird zugleich neue Abschreckung aufgebaut. Das passt zu den Berichten über zusätzliche Fallschirmjäger und Marines in der Region und zeigt, dass Washington selbst nicht so handelt, als sei dieser Krieg bereits politisch eingefangen.
Währenddessen geht der Krieg ganz real weiter. Viele Explosionen sind in Maschhad im Osten Irans zu hören. Die israelische Armee erklärte, sie habe mehrere Wellen von Luftangriffen auf Ziele in Teheran abgeschlossen und am Vortag auch ein Zentrum zur Entwicklung von U-Booten in Isfahan angegriffen. In Israel selbst heulten erneut die Sirenen. Iran feuerte weitere Raketen in Richtung zentraler und südlicher Landesteile, darunter auch Bereiche bei Dimona. Aus dem Libanon gingen parallel weiter Raketen und Drohnen auf den Norden Israels nieder. Von einer Phase echter Beruhigung kann also keine Rede sein.
Besonders wichtig ist, dass auch die zivile Perspektive klar bleibt. Bewohner in Teheran schildern, wie Trumps Drohungen gegen iranische Kraftwerke in der Bevölkerung Wut und Verwirrung ausgelöst haben. Fakt sind die schweren Schäden an Wohnhäusern und einer Apotheke in West-Teheran. Die Menschen schlafen oft nur noch mit Unterbrechungen, schreiben Freunden sofort nach jedem Einschlag und haben Angst, dass als Nächstes zivile Infrastruktur und unschuldige Menschen direkt ins Visier geraten. Gleichzeitig hat die Regierung die internationalen Internetverbindungen fast vollständig gekappt. Selbst das staatlich kontrollierte Inlandssystem funktioniert nur unzuverlässig. Das ist ein wichtiger Punkt, weil damit nicht nur Bomben fallen, sondern auch die Möglichkeiten wegbrechen, sich zu informieren, Kontakt zu halten und den Alltag zu organisieren. Not macht erfinderisch, und man hilft sich gegenseitig.
Die Lage strahlt längst in die ganze Region aus. Kuwait hat nach einem iranischen Drohnenangriff auf einen Treibstofftank am internationalen Flughafen erneut den iranischen Botschafter einbestellt. Es war bereits das dritte Mal seit Kriegsbeginn. Pakistan bekräftigt parallel seine unverbrüchliche Zusage zur Sicherheit Saudi-Arabiens, während es zugleich als möglicher Vermittler für Gespräche zwischen Washington und Teheran genannt wird. Katar lockert nach einer ruhigeren Phase zwar wieder Regeln für Versammlungen im Freien, doch die Schäden an seinen Gasanlagen bleiben massiv. Frankreich spricht von 17 Prozent zerstörter Gaskapazität in Katar und von 11 Millionen Barrel Öl pro Tag, die dem Markt derzeit fehlen. Südkorea versucht, Ausfälle über alternative Lieferungen abzufangen. Japan spricht mit der Internationalen Energieagentur bereits über mögliche zusätzliche Freigaben aus strategischen Reserven. Die wirtschaftliche Stoßwelle dieses Krieges ist also längst global.
Auch Ägypten versucht weiter, eine diplomatische Öffnung zu retten. Außenminister Badr Abdelatty sagte, die Differenzen zwischen Iran und den USA seien überbrückbar. Kairo halte Kontakt zu den Kriegsparteien aufrecht und hoffe, Verhandlungen könnten bald wieder anlaufen. Er nannte das womöglich die letzte Gelegenheit, um eine völlige Ausweitung des Konflikts zu verhindern. Auch China fordert, jedes Zeitfenster für Frieden zu nutzen. Die Türkei telefoniert mit mehreren Staaten der Region, um eine Deeskalation anzuschieben. Hinter all diesen Vorstößen steht dieselbe Erkenntnis: Wenn dieses Fenster jetzt wieder zufällt, könnte der nächste Schritt kaum noch kontrollierbar sein.
Doch selbst die potenziellen Vermittlungsorte zeigen, wie unsicher alles ist. IAEA-Chef Rafael Grossi sagte, Gespräche könnten am Wochenende in Islamabad stattfinden. Ein Sicherheitsanalyst in Pakistan sprach sogar von schnellen Fortschritten in indirekten Kontakten, die von Premierminister Shehbaz Sharif, Armeechef Asim Munir und weiteren Offiziellen begleitet würden. Gleichzeitig heißt es aber, iranische Funktionäre seien wegen der gezielten Tötung politischer, militärischer und nachrichtendienstlicher Köpfe extrem misstrauisch und würden direkten Gesprächen nur zustimmen, wenn Washington feste Garantien für ein Ende der Angriffe gebe. Genau diese Garantien sind bisher nicht sichtbar.
Die Huthi im Jemen zeigen ebenfalls, wie kompliziert das Kräftefeld geworden ist. Drei Funktionäre der Gruppe sagten, man unterstütze Iran historisch und religiös, aber eine Beteiligung am Krieg werde allein in Jemen entschieden und nicht von Teheran diktiert. Das ist wichtig, weil hier einerseits Verbundenheit betont, andererseits operative Eigenständigkeit behauptet wird. Bislang bleiben die Huthi am Rand, obwohl sie in der Vergangenheit mit ihren Angriffen auf Schiffe im Roten Meer den Welthandel massiv getroffen haben. Allein dieser Randstatus zeigt, dass weitere Fronten zwar möglich bleiben, aber nicht automatisch nach einem festen Befehlsmuster aufgehen.
Gleichzeitig verschärft sich der Krieg an anderen Stellen der Region weiter. Benjamin Netanyahu sagte, Israel erweitere den von ihm kontrollierten Bereich im Süden des Libanon. Die israelische Armee rückt dort weiter vor. Das libanesische Gesundheitsministerium meldet bereits 1.094 Tote seit Beginn dieser Kriegsphase, darunter 121 Kinder und 81 Frauen. Innerhalb von 24 Stunden seien weitere 22 Menschen getötet und 153 verletzt worden. In Tyros wurde ein getöteter Sanitäter beerdigt, der für eine Zivilschutzeinheit der Amal-Bewegung arbeitete. Das Gesundheitsministerium erklärte außerdem, seit der erneuten Eskalation seien bereits 42 Rettungskräfte durch israelische Angriffe getötet worden. Solche Zahlen gehen im Gerede über Pläne und Gegenvorschläge schnell unter, sagen aber mehr über den realen Stand des Krieges als jede Pressekonferenz.
An den Finanzmärkten wird jeder Satz aus Washington und Teheran sofort eingepreist. Die Hoffnung auf einen Waffenstillstand ließ die Ölpreise zwischenzeitlich sinken und Aktien steigen. Später folgten wieder neue Zweifel. An der Wall Street kletterten die Kurse zunächst deutlich, weil ein Ende des Krieges denkbar schien. Brent fiel zeitweise wieder unter 95 Dollar. Doch die politische Unsicherheit bleibt. Christine Lagarde warnte, europäische Unternehmen könnten diesmal schneller auf steigende Energiepreise reagieren als nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Die Erinnerung an die Inflation sitzt tief. In den Vereinigten Staaten genehmigte die Umweltbehörde unterdessen eine Notfallregelung für E15-Benzin, also eine ethanolareichere Kraftstoffmischung, um die Preise an den Zapfsäulen etwas zu dämpfen. Doch selbst dort sagen Fachleute, das werde womöglich nur wenige Cent ausmachen und könne andere Kosten nach oben treiben.
Innenpolitisch wächst der Druck auf Trump ebenfalls. Eine neue AP-NORC-Umfrage zeigt, dass 59 Prozent der Amerikaner das militärische Vorgehen gegen Iran für überzogen halten. 45 Prozent sorgen sich stark darum, in den nächsten Monaten überhaupt noch Benzin bezahlen zu können. Gleichzeitig gibt es weiter Unterstützung für das Ziel, Iran vom Besitz einer Atomwaffe abzuhalten. Genau darin liegt das Problem für das Weiße Haus. Der strategische Anspruch findet Zustimmung, die konkrete Kriegsführung immer weniger.
Dass Trump nun trotzdem am 14. und 15. Mai nach Peking reisen soll, verstärkt den Eindruck eines Präsidenten, der gleichzeitig Krieg steuert, Friedensgespräche ankündigt und geopolitische Großtermine fortsetzt, als ließe sich all das sauber parallel verwalten. Genau das wirkt inzwischen zweifelhaft. Denn wenn Verhandlungen wirklich kurz vor einem Durchbruch stünden, müsste klarer sein, wer redet, worüber geredet wird und was auf dem Tisch liegt. Wenn sie dagegen nur als politische Kulisse dienen, dann erklärt das auch, warum Teheran so offen höhnt.
Am Ende dieses Tages steht deshalb kein diplomischer Fortschritt, sondern eine seltsame Zwischenlage. Washington spricht von produktiven Gesprächen, will aber nicht sagen, mit wem. Teheran weist den amerikanischen Plan zurück, legt eigene Bedingungen vor und verspottet die Idee laufender Verhandlungen. Israel bombardiert weiter Ziele in Iran und dehnt zugleich seine Einsätze im Libanon aus. Staaten wie Ägypten, Pakistan, China und die Türkei versuchen, einen Kanal offen zu halten, doch Vertrauen ist kaum vorhanden. Die Huthi halten sich noch zurück, die Golfstaaten bleiben nervös, die Energiemärkte reagieren wie unter Strom, und für die Zivilbevölkerung in Iran, Libanon und Gaza ist all das keine strategische Debatte, sondern ein Alltag aus Angst, Feuer und Ausfall.
Das eigentliche Signal dieses Mittwochs ist deshalb nicht, dass Gespräche laufen. Das eigentliche Signal ist, dass die Regierungen inzwischen so reden, als könnten Diplomatie und weitere Eskalation mühelos nebeneinander bestehen. Genau das ist die gefährlichste Illusion an diesem Krieg.
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