Sturz des Oberhaupts – Iran bestätigt Tod von Ajatollah Chamenei und kündigt massive Vergeltung an

VonRainer Hofmann

März 1, 2026

Der Mann, der fast vier Jahrzehnte die Islamische Republik geprägt hat, ist tot. Ajatollah Ali Chamenei wurde nach Angaben der iranischen Staatsmedien bei den US-israelischen Luftangriffen am Samstag getötet. Stunden zuvor hatte Donald Trump seinen Tod bereits verkündet und erklärt, dies sei nicht nur Gerechtigkeit für das iranische Volk, sondern auch für Amerikaner und andere Menschen weltweit, die durch Chameneis Politik ums Leben gekommen seien. Zunächst wiesen iranische Stellen diese Meldung als Prahlerei oder psychologische Kriegsführung zurück. Am Sonntagmorgen bestätigte die staatliche Nachrichtenagentur den Tod. Tasnim berichtete, Chamenei sei in seinem Büro in Teheran gestorben.

Im iranischen Staatsfernsehen wurde der Tod von Ajatollah Ali Chamenei verkündet

Mit Chamenei fällt das Zentrum eines Systems, das seit 1989 auf seine Person zugeschnitten war. Der 86-Jährige hatte als oberster Führer das letzte Wort in allen staatlichen Fragen, kontrollierte Militär, Justiz und Außenpolitik und ließ Proteste wiederholt mit tödlicher Gewalt niederschlagen. Menschenrechtsgruppen sprechen von mindestens 7.000 Toten allein bei der Niederschlagung der Januar-Proteste. Nun hat Iran 40 Tage Staatstrauer und eine einwöchige nationale Auszeit ausgerufen. Das Staatsfernsehen sendete Koranverse, ein Sprecher sprach von der Erfüllung seines „Traums vom Märtyrertod“ und kündigte an, sein Tod werde einen großen Aufstand gegen Unterdrücker entfachen. Die Revolutionsgarden kündigen an, in „Momenten“ ihre größte Offensivoperation der Geschichte zu starten – gegen Israel und US-Stützpunkte im Nahen Osten. Das ist keine bloße Ankündigung mehr, sondern eine direkte Kampfansage. Sollte Teheran diesen Schritt umsetzen, würde der Konflikt in eine neue, offen geführte Phase eintreten.

Wer jetzt führt, ist offen. Die Islamischen Revolutionsgarden erklärten, der Tod ihres Anführers werde sie nur entschlossener machen, und versprachen Vergeltung. Mehrere hochrangige Sicherheitsvertreter kamen nach israelischen Angaben ebenfalls ums Leben, darunter General Mohammad Pakpour, Verteidigungsminister Amir Nasirzadeh und Ali Schamchani. Die Nachfolge liegt formal bei der Expertenversammlung. Chamenei hatte nach Berichten mehrere mögliche Kandidaten benannt: Gholam-Hossein Mohseni-Eje’i, Ali Asghar Hedjazi und Hassan Chomeini, Enkel des Revolutionsgründers. Auch sein Sohn Modschtaba gilt als einflussreich, obwohl Chamenei eine dynastische Lösung offiziell ablehnte.

Teheran

Auf den Straßen Teherans zeigte sich die Spaltung des Landes. In einigen Vierteln feierten Menschen mit Feuerwerk, Autokorsos und Rufen nach Freiheit. Andere trauerten. „Sind wir im Traum?“, rief ein Mann in einem verifizierten Video. Gleichzeitig begannen in der Nacht neue Luftangriffe. Das israelische Militär sprach von einer weiteren Angriffswelle gegen Raketenstellungen und Luftabwehrsysteme. Das US-Zentralkommando erklärte, es liefere „schnelle und entschlossene Maßnahmen“. Trump kündigte an, die Bombardierungen würden die ganze Woche fortgesetzt, solange es nötig sei, um Frieden im Nahen Osten zu erreichen. Zugleich rief er iranische Soldaten auf, die Waffen niederzulegen, und forderte die Bevölkerung auf, die Regierung zu übernehmen. Wie das praktisch geschehen soll, blieb offen.

Iran reagierte mit Raketen und Drohnen auf Israel sowie mit Angriffen auf US-Stützpunkte in Katar, Kuwait, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten. In Israel wurde mindestens eine Frau getötet, über hundert Menschen wurden verletzt. Die Emirate meldeten abgefangene Geschosse und Verletzte. Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus brach laut Auswertungen um etwa siebzig Prozent ein. Fünfundfünfzig Öltanker liegen in iranischen Gewässern fest. Die Unterbrechung trifft rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels.

Zivilopfer in Iran sind bislang nicht unabhängig verifizierbar. Die Organisation HRANA spricht von mindestens 133 getöteten Zivilisten und hunderten Verletzten. Berichte über getötete Kinder bei einem Angriff auf eine Mädchenschule im Süden des Landes stehen im Raum. Das Pentagon erklärte, man prüfe Hinweise auf zivile Schäden.

Los Angeles

Auch außerhalb Irans schlagen die Wellen hoch. In Los Angeles, wo die größte iranische Diaspora außerhalb Irans lebt, feierten viele den Tod Chameneis als mögliches Ende einer 47-jährigen Herrschaft. Andere warnten vor den menschlichen Kosten und einem Machtvakuum. In Weltweit und in New York, Chicago, Washington und über siebzig weiteren Städten demonstrierten Menschen gegen einen neuen Krieg. In London versammelten sich Hunderte gegen die Angriffe, während in Teheran Anhänger des Regimes protestierten. In Pakistan gingen schiitische Gruppen zur Unterstützung Irans auf die Straße.

London

Russlands UN-Botschafter Wassili Nebensja nannte die Angriffe verantwortungslos und völkerrechtswidrig. Ausgerechnet Russland, dessen eigene Bilanz beim Bruch des Völkerrechts seit Jahren verheerend ist und das mit dem Angriff auf die Ukraine selbst fundamentale Grundsätze der internationalen Ordnung verletzt hat, spielt nun den Hüter des Rechts. UN-Generalsekretär António Guterres warnte vor einer Kettenreaktion, die niemand kontrollieren könne. Marco Rubio sagte eine geplante Reise nach Israel ab. Die Welt steht vor einer offenen Frage: Führt der Tod Chameneis zu einem Umbruch oder in ein noch tieferes Chaos? Die Machtstrukturen, die er aufgebaut hat, sind intakt. Doch das Gesicht an der Spitze ist verschwunden.

Vielleicht ist die wichtigste Frage nicht, wer heute militärisch gewinnt, sondern ob wir noch bereit sind, an das zu glauben, was wir Völkerrecht und Menschenrechte nennen, oder ob wir sie schrittweise preisgeben, sobald sie unbequem werden. Wo beginnen diese Rechte, und wo enden sie? Wenn ein Staat – selbst mit guten Gründen, selbst angesichts eines brutalen Regimes – militärisch eingreift, um eine politische Veränderung zu erzwingen, was bleibt dann vom Grundsatz der staatlichen Souveränität? Völkerrechtlich betrachtet ist ein solcher Angriff ein klarer Bruch, so wie andere Interventionen zuvor ebenfalls Brüche waren. Viele Menschen im Iran, besonders Frauen, haben unter diesem Regime gelitten, Hinrichtungen, Folter, Verfolgungen, Menschen wuden geschlagen, eingesperrt, gedemütigt. Aber verleiht dieses Leid der Weltgemeinschaft oder einzelnen Staaten das Recht, mit Bomben eine neue Ordnung zu schaffen? Und wenn wir dieses Prinzip akzeptieren, was hindert einen mächtigen Präsidenten morgen daran zu entscheiden, ein anderes Land passe ihm nicht mehr? Sanktionen zeigen, wie begrenzt ihre Wirkung ist, wie leicht sie umgangen werden können. Bleibt am Ende nur noch die Macht des Stärkeren, die rohe Gewalt als Mittel der Politik? Vielleicht muss jeder diese Frage für sich beantworten. Aber wer sie nicht stellt, hat sie bereits entschieden.

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