Am 5. Februar 2026 endete der letzte verbliebene Vertrag zur Begrenzung strategischer Atomwaffen zwischen Russland und den USA. Er lief aus, ohne Verlängerung, ohne Ersatz, ohne neues Kontrollregime. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten existiert kein verbindlicher Mechanismus mehr, der Transparenz über die jeweiligen Arsenale schafft. Während diese sicherheitspolitische Leerstelle entsteht, präsentiert der Kreml eine Reihe angeblich „beispielloser“ Waffensysteme, die Russlands strategische Position auf Jahrzehnte sichern sollen. Tatsächlich haben sie weder den Krieg in der Ukraine verändert noch die langfristige Sicherheit des Landes gestärkt. Im Gegenteil.
Das russische Atom-U-Boot BS-329 „Belgorod“ ist mit sechs nuklear bestückten Status-6-„Poseidon“-Torpedos ausgerüstet, die angeblich nukleare Tsunamis auslösen können. Die Sprengkraft eines „Poseidon“-Torpedos wird mit 100 Megatonnen angegeben, also 100.000 Kilotonnen. Die immer wieder genannten 100.000 Kilotonnen klingen gewaltig, doch gerade diese Zahl lässt Zweifel an der tatsächlichen Einsatzrealität aufkommen – denn eine derart extreme Sprengkraft wäre technisch denkbar, militärisch jedoch schwer integrierbar und bislang durch keine unabhängigen Belege bestätigt.
Seit 2018 führt Wladimir Putin regelmäßig eine Liste sogenannter „Wunderwaffen“ an: die atomgetriebene Marschflugkörperrakete „Burewestnik“, die unbemannte Nukleartorpedo „Poseidon“, die Interkontinentalrakete „Sarmat“, der Hyperschall-Gleitflugkörper „Awangard“, die Luft- und Seeraketen „Kinschal“ und „Zirkon“ sowie zuletzt die Mittelstreckenrakete „Oreschnik“. Ihnen allen wird zugeschrieben, „keine Analoga in der Welt“ zu besitzen. Die Versprechen sind gewaltig: unbegrenzte Reichweite, Unverwundbarkeit gegen Raketenabwehr, kinetische Einschläge „wie Meteoriten“, Geschwindigkeiten jenseits von 20 Mach, Zerstörungskraft, die ganze Landstriche verwüsten könne.
Burewestnik (NATO-Bezeichnung: SSC-X-9 „Skyfall“) ist eine russische landgestützte Marschflugkörperrakete mit nuklearem Antrieb. Sie soll über eine praktisch unbegrenzte Reichweite verfügen und über sehr lange Zeit in der Luft bleiben können. Möglich machen soll das ein Miniaturreaktor an Bord. Technisch wäre eine sehr große Reichweite denkbar, doch unabhängige Belege für ein serienreifes, dauerhaft einsatzfähiges System fehlen bislang.
Doch die Bilanz fällt nüchtern aus.
Die Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ wurde zweimal gegen Ziele in der Ukraine eingesetzt. Beim ersten Einsatz im November 2024 sprach Putin von Gefechtsköpfen, die sich auf 4000 Grad erhitzen und beim Aufschlag eine Wirkung entfalten, vergleichbar mit einem Meteoriteneinschlag. Ganze Seen könnten entstehen, so der Vergleich mit dem Tunguska-Ereignis. Tatsächlich traf die Rakete das Werk „Juschmasch“ in Dnipro, ohne nachweisbare massive Zerstörung. Auch beim zweiten Einsatz im Januar 2026 in Lwiw blieb ein strategischer Effekt aus. Militärisch gilt „Oreschnik“ in konventioneller Ausführung als teuer und unpräzise. Zudem erfolgten die Starts offenbar von stationären Testgeländen, nicht aus voll einsatzfähigen mobilen Systemen. Die angekündigte Stationierung in Belarus wirkt eher wie ein politisches Signal als wie eine belastbare militärische Disposition.
„Burewestnik“ wird als Marschflugkörper mit atomarem Antrieb beschrieben, praktisch unbegrenzter Reichweite und der Fähigkeit, Abwehrsysteme zu umgehen. 2025 wurde erneut von erfolgreichen Tests berichtet. Frühere Versuche waren von schweren Zwischenfällen begleitet, darunter eine Explosion 2019 in der Region Archangelsk mit mehreren Toten und erhöhten Strahlenwerten. Das Konzept erinnert an ein US-Projekt aus den 1960er-Jahren, das wegen technischer Risiken und radioaktiver Belastung aufgegeben wurde. Selbst wenn es gelingt, einen funktionierenden Miniaturreaktor in eine Rakete zu integrieren, stellt sich die Frage nach Betriebssicherheit, Infrastruktur und realer Einsatzfähigkeit. Ein System, das theoretisch jede Abwehr unterlaufen soll, ist nur so glaubwürdig wie seine praktische Verfügbarkeit.
„Poseidon“, eine autonome Unterwasserdrohne mit nuklearem Gefechtskopf, wird als Waffe beschrieben, die Küsten durch gigantische Flutwellen verwüsten könne. In staatlichen Sendungen wurde sogar von 500 Meter hohen Tsunamis gesprochen. Physikalische Modelle geben das nicht her. Unklar ist zudem, in welchem Reifegrad das System tatsächlich existiert. Zwar wurde die Spezial-U-Boot-Plattform „Belgorod“ in Dienst gestellt, doch ein vollständiger Nachweis der Funktionsfähigkeit des Gesamtsystems steht aus. Das Projekt läuft seit den 1980er-Jahren, verschlang enorme Ressourcen und schuf einen neuen, schwer kontrollierbaren Waffentyp. Auch hier zeigen Recherchen: Strategisch erweitert es die Kategorie nuklearer Trägersysteme, ohne zwingend einen klaren militärischen Mehrwert zu liefern.
„Awangard“, ein Hyperschall-Gleitflugkörper, soll mit über 20 Mach durch dichte Atmosphärenschichten manövrieren können. Offiziell befindet er sich seit 2019 im Dienst. Technisch bleiben Fragen offen: Steuerung bei extremer Hitzeentwicklung, Signalübertragung durch Plasma, reale Manövrierfähigkeit bei hohen Geschwindigkeiten. Selbst wenn die Leistungsdaten zutreffen, ändert ein einzelnes neues Trägersystem wenig an der grundlegenden Logik nuklearer Abschreckung, die ohnehin auf der Fähigkeit zur gegenseitigen Vernichtung beruht.
Avangard ist ein Hyperschall-Gleitflugkörper, der seit Dezember 2019 im Dienst stehen soll.
Er kann von verschiedenen Interkontinentalraketen abgefeuert werden, einschließlich der neuesten und als besonders fortschrittlich gehandelten RS-28 Sarmat.
Besonders problematisch ist „Sarmat“, die als Nachfolgerin der sowjetischen „Wojewoda“ vorgesehene Interkontinentalrakete. Nach einem einzigen offiziell bestätigten Test wurde sie 2022 als einsatzbereit angekündigt. Seither häufen sich Hinweise auf technische Schwierigkeiten. Mehrere geplante oder vermutete Starts endeten offenbar erfolglos. Gleichzeitig erreichen die alten „Wojewoda“-Raketen das Ende ihrer Lebensdauer. Sollte „Sarmat“ nicht zuverlässig funktionieren, entsteht eine Lücke im strategischen Arsenal.
Auch die im Ukraine-Krieg eingesetzten Systeme „Kinschal“ und „Zirkon“ relativierten die anfänglichen Versprechen. „Kinschal“ erwies sich als weniger präzise als behauptet und wurde mehrfach von moderner Luftverteidigung abgefangen. „Zirkon“ fliegt nach vorliegenden Einschätzungen nicht dauerhaft mit den angekündigten Höchstgeschwindigkeiten und leidet unter eingeschränkter Zielzuweisung. Beide Waffen erzeugen mediale Wirkung, aber keinen militärischen Durchbruch. Entscheidend ist der größere Zusammenhang. Mit dem Auslaufen des letzten Abrüstungsvertrags entfällt ein Rahmen, in dem neue Waffentypen überprüft, gezählt und begrenzt werden könnten. Systeme wie „Burewestnik“ oder „Poseidon“ passen in keine bestehende Kategorie. Ihre Entwicklung erschwert zukünftige Rüstungskontrollverhandlungen erheblich. Gleichzeitig schaffen sie Anreize für andere Staaten, vergleichbare Konzepte zu prüfen oder Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Das Ergebnis ist kein Zugewinn an Sicherheit, sondern eine Ausweitung von Unsicherheit.
Im Krieg gegen die Ukraine haben die „Wunderwaffen“ keinen strategischen Wendepunkt herbeigeführt. In der langfristigen Perspektive erhöhen sie die Komplexität, verschieben die Grenzen des Machbaren und untergraben die Reste einer ohnehin brüchigen Rüstungskontrollarchitektur. Anstelle stabiler Abschreckung entsteht ein Umfeld, in dem technische Versprechen, politische Demonstration und tatsächliche Einsatzfähigkeit auseinanderfallen. Russlands Sicherheit hängt nicht von spektakulären Ankündigungen ab, sondern von belastbaren Strukturen, verlässlichen Systemen und überprüfbaren Vereinbarungen. Mit jeder neuen „einzigartigen“ Waffe, die außerhalb bestehender Verträge entwickelt wird, wird es schwieriger, zu solchen Strukturen zurückzukehren. Das eigentliche Risiko liegt nicht in der behaupteten Unverwundbarkeit dieser Systeme, sondern in der Erosion der Regeln, die bisher einen unkontrollierten Rüstungswettlauf verhindert haben.
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